Inhaltsverzeichnis
Tabellenverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Gründungsgeschichte des VfL Bochum 1848 3
2.1 Der Ursprungsverein
2.1.1 Gründung des TV Bochum 3
2.1.2 Erneutes Turnverbot 5
2.1.3 Neugründung des TV Bochum 6
2.1.4 Bochums Turner und die Revolution von 1848 7
2.2 Spielbewegung erobert Deutschland
2.2.1 Siegeszug des Fußballs 8
2.2.2 Gründung des SuS Bochum 10
2.2.3 Gründung einer Fußballabteilung im TV Bochum 12
2.2.4 Erste Fusion der großen Bochumer Vereine 13
2.2.5 Erneute Trennung 14
2.3 Gründung des dritten Bochumer Großvereins
2.3.1 Germania 06 Bochum ein reiner Fußballklub 17
2.3.2 Fußball wird zum Arbeitersport 18
2.4 Fusion der drei Bochumer Vereine
2.4.1 Gleichschaltung des Sports im Dritten Reich 19
2.4.2 Bochum wird gleichgeschaltet 22
2.4.3 Fußball unterm Hakenkreuz 23
2.4.4 Entstehung des VfL Bochum 24
3. Aufstieg des VfL Bochum 1848 27
3.1 Neuanfang nach dem Nationalsozialismus
3.1.1 Fußball dient der Ablenkung 27
3.1.2 VfL Bochum wird neu strukturiert 29
3.1.3 Erstes Westfalenfinale nach dem Krieg 31
3.1.4 Einführung des Fußballverbandes Nordrhein-Westfalen 32
3.1.5 VfL Bochum startet in der Landesliga 33
3.2 Aus der Landesliga in die Bundesliga
3.2.1 Erste professionelle Strukturen im Fußball 34
3.2.2 Professionelle Entwicklung erreicht Bochum 37
3.2.3 Münzwurf entscheidet über Aufstieg 38
3.2.4 Regionalliga-Jahre und DFB-Pokalfinale 41
3.2.5 Aufstieg in die Bundesliga 42
3.3 Bundesliga-Jahre zwischen Abstieg und Insolvenz
3.3.1 Sportlich guter Start 42
3.3.2 Zwei bemerkenswerte Premieren 43
3.3.3 Finanzielle Misere schafft neue Methode 44
3.3.4 Zwischen Hoffen und Bangen 45
3.3.5 Verkäufe sichern Lizenz 47
3.3.6 Mittelmaß und Abstiegskampf 48
4. Experteninterviews 51
4.1 Zur Person der Befragten
4.1.1 Ottokar Wüst 51
4.1.2 Heinz Formann 51
4.2 Methodik eines Experteninterviews
4.2.1 Einführung 52
4.2.2 Fragebogen 53
4.2.3 Durchführung 55
4.2.4 Auswertung 56
4.3 Expertenbefragung
4.3.1 Heinz Formann 56
4.3.2 Ottokar Wüst 61
4.4 Interviewanalyse Interviewanalyse
4.4.1 Vergleich der Interviews 65
4.4.2 Transfer auf den deskriptiven Teil 68
5. Zusammenfassung 71
6. Literaturverzeichnis 73
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: NA
Fiesseler Markus (1997): 100 Jahre Fußball in Nordrhein-Westfalen Eine Chronik
in Tabellen Kassel: Agon Sportverlag S 61
Tabelle 2: NA
Fiesseler Markus (1997): 100 Jahre Fußball in Nordrhein-Westfalen Eine Chronik
in Tabellen Kassel: Agon Sportverlag S 125
Tabelle 3: NA
Fiesseler Markus (1997): 100 Jahre Fußball in Nordrhein-Westfalen Eine Chronik
in Tabellen Kassel: Agon Sportverlag S 227
Tabelle 4: NA
Fiesseler Markus (1997): 100 Jahre Fußball in Nordrhein-Westfalen Eine Chronik
in Tabellen Kassel: Agon Sportverlag S 227
Tabelle 5: NA
Pohl Günther (1998): 150 Jahre VfL Bochum Essen: Klartext-Verlag S 83
Tabelle 6: NA
Pohl Günther (1998): 150 Jahre VfL Bochum Essen: Klartext-Verlag S 88
Tabelle 7: NA
Formann Heinz Pohl Günther (1994): Tief im Westen Das Phänomen VfL
Bochum Essen: Klartext-Verlag S 170
Besonderer Dank gilt Ottokar Wüst und Heinz Formann
für ihre freundliche Mitarbeit.
1. Einleitung
Obwohl der VfL Bochum erst 1938 seinen endgültigen Vereinsnamen erhielt, gibt der Klub sein Gründungsjahr mit 1848 an. Der Verein bezieht sich mit dieser Jahreszahl auf die Gründung des TV Bochum, der als Ursprung des VfL Bochum gilt. Der TV Bochum ist einer von drei Vereinen, die 1938 zusammengeschlossen und zum VfL Bochum umgewandelt wurden.
Die Vereinsgründung des TV Bochum im Jahr 1848, die Entwicklung der beiden anderen Bochumer Klubs und der letztendliche Zusammenschluss zum VfL Bochum unter Berücksichtigung des gesamthistorischen Kontextes der jeweiligen Epoche sind Thema des ersten Teils der Arbeit und werden anhand einer Literaturrecherche dargestellt.
Die Gründung des TV Bochum 1848 war das Ergebnis einer Neugründungswelle von Turnvereinen im gesamten deutschen Staatenbund. Die Neugründungen standen im engen Zusammenhang mit der ersten demokratischen Bewegung im deutschen Volk. Auch Anfang des 20. Jahrhunderts war die Entwicklung der Vorgängervereine des VfL Bochum durch die politische Situation in Deutschland geprägt. Der Erste Weltkrieg und seine Folgen hemmte die Entwicklung der Vereine. Erst der „Siegeszug“ des Fußballs in der Arbeiterklasse bewirkte einen Entwicklungsschub. Nicht nur in Bochum gab es einen massiven Anstieg von Vereinsgründungen. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten und deren „Gleichschaltungswelle“ wurde die Entwicklung der Bochumer Vereine erheblich gehemmt. Trotzdem führte die NS-Politik der Konzentration von mehreren kleinen Vereinen zu einem großen Klub zur Gründung des VfL Bochum.
Der zweite Teil der Arbeit erfasst die Entwicklung des VfL Bochum nach dem Zweiten Weltkrieg und beschreibt den sportlichen Aufstieg von einem drittklassigen Verein zu einem langjährigen Mitglied der Fußball-Bundesliga.
Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen die Vereine einen festen Platz in der Gesellschaft ein. Vor allem die Sportart Fußball entwickelte sich zur Volkssportart und zu einem Massenereignis. Diese Entwicklung führte vom Amateur- zum Profifußball und beeinflusste auch die Geschichte des VfL Bochum. 1963 wurde mit der Gründung des Profifußballs die Bundesliga eingeführt. Acht Jahre später stieg der VfL Bochum in die Bundesliga auf.
Trotz der mangelnden Perspektive, die dem Verein in der höchsten nationalen Spielklasse von vielen Experten prophezeit wurde, blieb der VfL Bochum 22 Jahre
1
lang Mitglied der Bundesliga. Bis zum ersten Abstieg aus der Bundesliga war diese Phase durch erhebliche finanzielle Nachteile gegenüber der Konkurrenz geprägt. Die fehlenden Einnahmen führten zu einer starken Förderung der Jugendarbeit. Allerdings beeinträchtigten die ständigen Spielertransfers zur Aufrechterhaltung der Liquidität des Klubs die sportliche Entwicklung.
Anknüpfend an die Dokumentation der ersten Phase des VfL Bochum in der Bundesliga vertiefen zwei Experteninterviews den Werdegang des Klubs in diesen Jahren. Mit Ottokar Wüst als Präsident und Heinz Formann als begleitender Journalist werden Zeitzeugen befragt. In einer Schlussbetrachtung kommt es zum Vergleich der gewonnenen Erkenntnisse aus beiden Interviews und zum Transfer auf den deskriptiven Teil.
2
2. Gründungsgeschichte des VfL Bochum 1848
2.1 Der Ursprungsverein
2.1.1 Gründung des TV Bochum
Nach dem Ende der Turnsperre 1842 in Deutschland erreichte die Neugründungswelle von Turnvereinen sieben Jahre später mit der Gründung des TV Bochum die Ruhrstadt. 1 1849 wurde der TV Bochum als Ursprungsverein des heutigen VfL Bochum gegründet. Die Gründung des TV Bochum kam durch eine Zeitungsanzeige zustande. Heutzutage wird die Anzeige unter Sportjournalisten als erster Sportteil einer westdeutschen Zeitung bezeichnet. 2 Der „Märkische Sprecher“ rief am 26. Juni 1848 zur Gründung eines Turnvereins auf. Erst am 17. Februar des folgenden Jahres verwirklichten die Bochumer Bürger Theodor Cramer, Wilhelm Mummenhoff und Julius Crone die Aufforderung. Die drei Bürger riefen zur Gründung eines Turnvereins für junge Leute und erwachsene Schüler auf. 3 Schon am folgenden Tag nahm die Gründung des TV Bochum konkrete Formen an. Auf der Gründungsversammlung trugen sich 23 Interessenten in die Mitgliederliste ein. 4 Die Gründungsmitglieder waren aus der oberen Klassenschicht und kamen aus gutbürgerlichen Kreisen. Bergleute aus der Arbeiterschicht waren hingegen nicht unter ihnen zu finden. 5 Der Verein entsprach damit dem Trend der Neugründungsphase von Turnvereinen im Ruhrgebiet:
„Alle führenden Klubs der Vorkriegszeit waren aber bürgerlich geprägt und galten teilweise – wie beispielsweise der Essener Turnerbund – sogar als ‚elitär’“ 6
Die fehlende Mitgliedschaft aus der Arbeiterklasse im neuen TV Bochum war mit der Entwicklung der Stadt verbunden. Für Bochum mit seinen 5 000 bis 6 000
1 Neumann, Hannes (1968): Die deutsche Turnbewegung in der Revolution 1848/49 und in der amerikanischen Emigration. Schorndorf bei Stuttgart: Hofmann, S.11
2 Pohl, Günther (1998): 150 Jahre VfL Bochum. Essen: Klartext-Verlag, S.67
3 (ebd.)
4 Formann, Heinz/Pohl, Günther (1994): Tief im Westen. Das Phänomen VfL Bochum. Essen: Klartext-Verlag, S.108
5 (ebd.)
6 Grüne, Hardy (2003): 100 Jahre Deutsche Meisterschaft. Göttingen: Verlag Die Werkstatt GmbH, S.37
3
Einwohnern begann in diesen Jahren durch die Eröffnung der ersten Zechen das Industriezeitalter. 7 Trotz steigender Beschäftigung herrschte immer noch große Armut und Hungersnot. Die Bergleute waren damit beschäftigt, ihre Familien zu ernähren. Daher bestand in der Arbeiterklasse kein Interesse an dem neugegründeten Turnverein.
Bereits 1842, nachdem der preußische König Friedrich Wilhelm IV das von seinem Vater 1820 erlassene Turnverbot aufgehoben hatte, kam es zu den ersten Neugründungen von Turnvereinen. 8 Da auch andere deutsche Staaten Preußen folgten, stiegen die Vereinsgründungen in den Jahren 1842 bis 1845 im gesamten Deutschen Staatenbund stark an. 9 Hauptsächlicher Grund für den Erlass des Turnverbotes war die Furcht der lokalen Fürsten im „Deutschen Bund“ vor der von der Turnbewegung geforderten Einheit Deutschlands. Deutschland bestand in diesen Jahren aus einem losen Staatenbund von 35 Ländern und Städten, dem bereits erwähnten „Deutschen Bund“. Die regionalen Machthaber im „Deutschen Bund“ waren gegen die Ideale der Turner. Sie befürchteten den Verlust ihrer Hegemonie aufgrund der immer größer und einflussreicher werdenden Turngemeinde. Ein Jahr vor dem Turnverbot zählte man im Jahr 1819 in Deutschland 150 Turnanstalten und etwa 12 000 Turner. 10 Der Politiker und Pädagoge Friedrich Ludwig Jahn hatte die Turnbewegung 1811 gegründet. 11 Neben der Deutschen Einheit verfolgten die Turner weitere politische Ziele:
„Befreiung Deutschlands von der napoleonischen Fremdherrschaft, (…) sowie die Einführung einer Verfassung zur Sicherung von staatsbürgerlichen Rechten für das ganze Volk.“ 12
Die Befreiung von der „napoleonischen Fremdherrschaft“ gelang den Deutschen im Oktober 1813 bei der „Völkerschlacht von Leipzig“. In einem dreitägigen Kampf in Sachsen brachten russische und preußische Verbände den Truppen von Napoleon eine verheerende Niederlage bei.
Anschließend wurde 1814 auf dem „Wiener Kongreß“ der „Deutsche Bund“ ausgerufen. Zur Einheit kam es erst 57 Jahre später mit der Gründung des Deutschen Reiches. Die von den Turnern geforderte Demokratisierung blieb jedoch lange ein
7 Formann/Pohl (1994, S.108)
8 Neumann (1968, S.10)
9 (ebd., S.11)
10 http://www.informatik.hu-berlin.de/~goebel/ha/ha_turn.htm (01.10.2004)
11 (ebd.)
12 Neumann (1968, S.7)
4
Traum. Erst über 100 Jahre später hat sich 1949 mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland auch das letzte Ziel der frühen Turnbewegung realisiert.
Die Ideologie der frühen Turnbewegung sollte nach ihrer Gründung ganze Generationen von Sportlern prägen. Diese Tatsache betraf auch die Entwicklung der Vorgängervereine des VfL Bochum und wird im weiteren Verlauf der Arbeit noch genauer dargestellt.
2.1.2 Erneutes Turnverbot
In den Jahren der Neugründungswelle von Turnvereinen nach dem Ende der Turnsperre 1842 prägte vor allem der Wunsch nach einer Dachorganisation die Bewegung:
„Mit dem raschen Aufblühen der Turnvereine wuchs auch der Wunsch nach einer einheitlichen Organisation der Turnvereine.“ 13
Die Vereine richteten Turnfeste aus und hatten dort die Gelegenheit, sich untereinander auszutauschen. Auch der TV Bochum strebte nach dem Austausch mit anderen Vereinen. Im Jahr 1850 richteten die Mitglieder den ersten Turntag für den Rheinisch-Westfälischen Bezirk der Deutschen Turnerschaft aus. 14 Auf den Versammlungen, die im gesamten deutschen Staatenbund abgehalten wurden, kamen die Vereine zu der gemeinsamen Ansicht, dass die Ziele der frühen Turnbewegung weiterhin verfolgt werden sollten. Turnvater Friedrich Ludwig Jahn hatte als Begründer der frühen Turnbewegung die Einführung demokratischer Attribute wie freie Regierungsprinzipien, Öffentlichkeit, Mündlichkeit und Pressefreiheit für das gesamte Volk gefordert. 15 Die Turnbewegung der Neugründungswelle nahm die Demokratisierung Deutschlands nach dem Turnverbot wieder in ihr Programm auf. In den Turnvereinen wurde nicht nur Sport betrieben, sondern auch Politik. Die Turnfeste wurden zu politischen Veranstaltungen, was der preußischen Regierung schnell missfiel:
13 (ebd., S.13)
14 Formann/Pohl (1994, S.108)
15 Deutsches Zentralarchiv Merseburg, Rep. 77. Tit. 925, Nr. 1, Bd. 2, fol. 144, § 2. in: Neumann (1968, S.13)
5
„Das Jahr 1847 war reich an Turnfesten. Dabei ging es nicht ohne eine von den Behörden mit Bedenken aufgenommene Politisierung ab.“ 16
Die Preußische Hegemonialmacht ließ aufgrund der unerwünschten Politisierung der Turnvereine die Gemeinschaften wieder verbieten. 17 Bochum war seit 1816 Kreisstadt der Preußischen Provinz Westfalen und zählte als eigener Landkreis. 18 Im Jahr 1852 erreichte das preußische Verbot der Turnvereine die Ruhrstadt. Der Landrat im Kreis Bochum ‚von der Recke-Volmarstein’ verfügte die Schließung der Turnhalle des TV Bochum. ,Von der Recke-Volmarstein’ bezeichnete den Verein als „eine gemeingefährliche Gesellschaft zur planmäßigen Verwirklichung vaterlandsfeindlicher Absichten“ 19 . In der Folgezeit ergingen weitere politische Schikanen über den TV Bochum. Der Mitglieder des TV kamen dem endgültigen Verbot zuvor und lösten den Verein im Jahr 1852 auf.
2.1.3 Neugründung des TV Bochum
Im Jahr 1860 kam es zur Neubelebung des TV Bochum. Acht Jahre nach der Auflösung des Bochumer Turnvereins hatten sich die politischen Voraussetzungen in Deutschland verändert. Die Preußische Hegemonialmacht verfolgte jetzt auch das Ziel der Deutschen Einheit. Wenigstens in diesem Punkt kam die Ideologie der Turner den Herrschern entgegen. Die demokratischen Ziele der Turner fanden dagegen weiterhin keine Berücksichtigung.
Die Preußische Militärregierung sah die Turnvereine als optimale Institution zur „Wehrertüchtigung“, die auch der TV Bochum in seinem Programm hatte. 20 Die „Wehrertüchtigung“ war schon in der frühen Turnbewegung fester Bestandteil der Ideologie. Friedrich Ludwig Jahn wollte so das Volk für den Kampf gegen Napoleon in der Zeit der Unterdrückung vorbereiten. Turnübungen sollten dem Zweck der „Wehrertüchtigung“ 21 und der Erziehung zum „deutschen Volksbewusstsein“ 22 dienen.
Preußen führte die Turnvereine wieder ein, da die militärische Grunderziehung im Programm der Turner der Regierung nützlich erschien.
16 Neumann (1968, S.15)
17 (ebd., S.16)
18 http://www.bochum.de/stadtarchiv/kurzgeschichte (28.09.2004)
19 Formann/Pohl (1994, S.109)
20 (ebd., S.109)
21 Neumann (1968, S.7)
22 (ebd.)
6
Inzwischen bekam die Turnbewegung sportliche Konkurrenz. Die Spielbewegung aus England erhielt auch in Deutschland immer mehr Anhänger. Mit der Spielbewegung kam auch der Fußball nach Deutschland. Von Anfang an war die Sportart nicht gut angesehen. In Bochum, wie in ganz Deutschland, bezeichnete man Fußball als die„englische Krankheit“ 23 . Die konservativen Turner standen der Spielbewegung feindlich gegenüber und betrachteten sie als Gefahr.
2.1.4 Bochums Turner und die Revolution von 1848
Im Jahr 1904 wurde der TV Bochum umbenannt in „Turnverein zu Bochum, gegründet 1848“. Deutschland war inzwischen vereint. 1871 wurde im Spiegelsaal des Versailler Schlosses Wilhelm I von Preußen zum Kaiser des Deutschen Reiches gekrönt. Auch Bochum hatte sich weiterentwickelt und wurde 1876 kreisfreie Stadt. 1905 zählte die Stadt durch die Eingemeindung kleiner umliegender Ortschaften fast 117 000 Bewohner. 24 Die Industrialisierung hatte Bochum zur Großstadt wachsen lassen.
Mit der Umbenennung des TV Bochum verfolgten die Mitglieder eine ideologische Absicht. Das eigentliche Gründungsjahr des Vereins war 1849. Im Jahr 1899 hatte man sogar noch richtigerweise das 50-jährige Bestehen gefeiert. 25 Durch die Änderung des Gründungsdatums wollten die Mitglieder ihre Sympathie zur gescheiterten März-Revolution von 1848 zum Ausdruck bringen. Mit der Rückdatierung begingen die Mitglieder bewusst einen historischen Fehler. Selbst heute noch wird das Gründungsdatum des VfL Bochum mit 1848 angegeben. Die Werte Einheit und Demokratie waren Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland nicht mehr verpönt. Der erste demokratisch geprägte Revolution im deutschen Volk galt im vereinten Deutschland nicht mehr als Aufstand sondern als Symbol des nationalen Neuanfangs. 26 Im März 1848 hatte sich erstmals eine ernstzunehmende demokratische Opposition aus dem Volk herausgebildet. Nach dem Vorbild der Französischen Revolution kam es auch in vielen deutschen Städten zu spontanen Volksversammlungen, auf denen man Presse-, Gedanken- und Vereinsfreiheit sowie ein freies Parlament forderte. Die demokratische Bewegung erreichte beachtliche Erfolge:
23 Formann/Pohl (1994, S109)
24 http://www.bochum.de/kurzgeschichte (28.09.2004)
25 Formann/Pohl (1994, S.109)
26 (ebd.)
7
Im Mai 1848 wurde in der Frankfurter Paulskirche erstmals eine Nationalversammlung abgehalten. Im März 1849 verabschiedete die Nationalversammlung eine demokratische Verfassung mit den bereits erwähnten demokratischen Werten. Deutschland sollte demnach eine konstitutionelle Monarchie mit einer Gewaltenteilung werden.
Nachdem der preußische König Friedrich Wilhelm IV die Krone unter diesen Voraussetzungen ablehnte, drohte die Verfassung zu scheitern. In mehreren deutschen Staaten erhoben sich anschließend radikaldemokratische Kräfte, die von den lokalen Machthabern blutig niedergeschlagen wurden. Im Mai 1849 war die erste demokratische Bewegung in Deutschland endgültig gescheitert.
2.2 Spielbewegung erobert Deutschland
2.2.1 Siegeszug des Fußballs
Die Spielbewegung und mit ihr der Fußball konnten sich in Deutschland nur unter großem Widerstand der Turner durchsetzten. Die national geprägte Turnerschaft betrachtete das aus England importierte Fußballspiel als „undeutsche Modetorheit“ 27 . Stellvertretend für die ablehnende Haltung der Turner ist die Kampfschrift von Professor Karl Planck aus dem Jahr 1898 zu erwähnen. Planck war ein prominenter Turnführer, der mit seiner radikalen Ablehnung die Meinung der Turnerschaft zur aufkommenden Sportart Fußball reflektierte:
„Er (Anm. d. Verf.: der Fußball) ist ein Zeichen der Wegwerfung, der Geringschätzung, der Verachtung, des Ekels, der Abscheu (…)“ 28
In Deutschland wurde trotz allen Widerstandes im Vergleich zu anderen Nationen auf dem europäischen Festland sehr früh Fußball gespielt. Bereits im Jahr 1796 erhielt das Spiel eine Erwähnung durch den Turnführer Guts Muths. Muths äußerte sich schon damals negativ über Fußball. 29
27 Schulze–Marmeling, Dietrich (2000): Fußball. Zur Geschichte eines globalen Sports. Göttingen: Verlag Die Werkstatt GmbH, S.65
28 (ebd.)
29 (ebd.)
8
Erst 78 Jahre später wurde Fußball erstmals in Deutschland an einer Schule gespielt. Der Gymnasialprofessor Konrad Koch führte den Sport im Jahr 1874 am Braunschweiger Martino-Katharineum-Gymnasium ein. Der Professor gilt heute als der deutsche „Pionier“ des Fußballs. 30 Von da an etablierte sich das Spiel an weiteren höheren Schulen und wurde vorwiegend in gutbürgerlichen Kreisen gespielt. 31 Der Widerstand der Turner gegen den Fußball ließ die Sportart in Deutschland sehr langsam wachsen. Erst Ende der 1880er Jahre etablierte sich das Spiel in großen Teilen des Reiches. 32 Das Zentrum des Fußballs war mit zwölf Vereinen Berlin. Mit dem BFC Germania 1888 wurde der heute älteste noch bestehende Fußballverein in dieser Zeit gegründet. 33 Im Gegensatz zum Turnen, bei dem die Körperertüchtigung erste Prämisse war, stand und steht natürlich auch heute noch beim Fußball die Suche nach einem Sieger im Mittelpunkt. Dieser elementare Spielcharakter schaffte um 1895 erste Wettkampfstrukturen. 34 Allerdings beschränkte sich das Kräftemessen auf den lokalen Stadtspielbetrieb. Die Vereine waren mit der Einführung eines Spielbetriebes über die Stadtgrenzen hinaus logistisch und finanziell überfordert. 35 Die folgenden Jahre waren durch Verbandsgründungen und deren nur unwesentlich spätere Abschaffung geprägt.
Am 28. Januar 1900 konnten sich Vertreter der Fußballvereine in einer historischen Versammlung auf einen einheitlichen Dachverband einigen. Die 33 Vertreter der 86 Vereine gründeten den Deutschen Fußball Bund (DFB). 36 Der westdeutsche Raum war bei der Gründung des DFB nicht vertreten und gilt auch mit der Schaffung eines Regionalverbandes als Spätstarter. Erst im Jahr 1907 wurde der Westfälische Fußballverband ins Leben gerufen. 37 Die Fußballhochburgen lagen in Süddeutschland und Berlin. Auch bei der ersten Deutschen Meisterschaft im Jahr 1903 nahm kein Verein aus Westdeutschland teil. 38 In den Jahren bis zur Gründung des Westfälischen Fußballverbandes war das Ruhrgebiet der Motor des Fußballs im Westen. Das Ruhrgebiet hob sich im Vergleich zum restlichen Deutschland schon früh durch die Mischung sozialer Schichten unter den Fußballanhängern hervor.
30 (ebd., S.66)
31 (ebd.)
32 Grüne (2003, S.19)
33 (ebd.)
34 (ebd.)
35 (ebd., S.27)
36 Schulze–Marmeling (2000, S.72)
37 Grüne (2003, S.36)
38 (ebd.)
9
Fast ausschließlich im Ruhrgebiet kam es bereits vor dem Ersten Weltkrieg zu intensiven Kontakten zwischen bürgerlichen und proletarischen Anhängern. 39
2.2.2 Gründung des SuS Bochum
Im Gegensatz zu den Fußballhochburgen Berlin und Süddeutschland entstanden im Ruhrgebiet die Spielvereine und damit auch die Fußballvereine später. Das Gründungsdatum des Spiel-und Sportvereins Bochum ist nicht genau überliefert. Im Protokoll der späteren Vereinigung aller drei Bochumer Großvereine zum VfL Bochum wurde das Gründungsdatum des SuS Bochum mit 1898 angegeben. 1905 erwähnte ein Zeitungsbericht das Gründungsjahr mit der Jahresangabe 1904. Ein anderer Zeitungsbericht nannte 1908 als das Entstehungsjahr. 40 Fest steht die Aufnahme des Fußballteams vom SuS in den Westdeutschen Spielbetrieb im Jahr 1909. 41 In der gleichen Zeit kam es zum ersten internationalen Vergleich der Fußballer vom SuS Bochum. Gegen eine studentische Auswahl des Twenteschen TourKlubs Hengelo aus Holland bestritt der Klub sein erstes Spiel gegen ein ausländisches Team. 42 In Europa hatten sich mittlerweile harte Fronten zwischen den führenden Nationen gebildet. Vor allem England stand in militärischer Konkurrenz mit dem Deutschen Kaiserreich. Die englische Sportart Fußball wurde daher in Deutschland nicht gerne gesehen. Internationale Vergleiche im Sport fanden nicht oder nur selten statt. Das Spiel vom SuS Bochum gegen den holländischen Verein war aus damaliger Sicht eine Sensation und zeigt einen weiteren Unterschied zur Ideologie der Turnbewegung. Die Spielbewegung suchte bereits vor dem Ersten Weltkrieg den internationalen Vergleich und hatte wenig mit den ausschließlich nationalen Absichten der Turner gemein.
Der SuS Bochum entwickelte sich in den folgenden Jahren zum führenden Klub im Bochumer Fußball. Im Jahr 1913 stellte der SuS beim 4:1-Sieg in einem Städtevergleich mit einer Auswahl der Nachbarstadt Dortmund sieben der elf Spieler. 43 Das Spiel wurde auf einem Sportplatz an der Castroper Straße ausgetragen. Eine bemerkenswerte Tatsache, da der VfL Bochum auch heute noch sein heimisches Ruhrstadion an der gleichen Straße hat. Im Ligafußball stieg der SuS
39 (ebd., S.37)
40 Formann/Pohl (1994, S.110)
41 (ebd.)
42 (ebd.)
43 (ebd.)
10
Arbeit zitieren:
Björn Zywicki, 2004, Geschichte und Entwicklung des VfL Bochum in der Bundesliga, München, GRIN Verlag GmbH
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