Universität Leipzig, Afrikanistik-Institut
Seminars: Kulturgeschichte Afrikas, SS 2006
Afrikanische Kultur und Identität in der amerikanischen Diaspora
Das Bild Afrikas und seine Instrumentalisierung in der
Nation of Islam, der Black Power Ära und dem Afrozentrismus
von
Sybille Barbara Biermann
INHALTSVERZEICHNIS
1. Einleitung 3
2. Nation of Islam 4
2.1. Rassenverständnis und Identität der Nation of Islam 4
2.2. Ursprungstheorie und Sicht auf Afrika 5
3. Black Power Ära 8
3.1. Rassenverständnis und Identität in der Black Power Ära 8
3.2. Black Power und das Verhältnis zu Afrika 9
3.3. Maulana Karengas Kawaida Philosophie: Bindeglied zwischen Black Power und Afrozentrismus 10
4. Afrozentrismus 11
4.1. Von Black zu African American 11
4.2. Die Wiegen der Menschheit- Theorien eines Kulturellen Unterschieds 12
4.3. Afrozentrische Theorie und ihr Anliegen 14
4.4. Afrozentrismus und Religion 16
4.5. Afrozentrismus als Herausforderung des kulturellen Kapitals weißer Eliten 17
5. Europe upside down- Kritik am Afrozentrismus 21
6. Schluss 24
Bibliographie 26
1. EINLEITUNG
Afrika! Kein Herz, das unter einer dunkel getönten Hülle schlägt nicht voller Gefühl beim Klang dieses Wortes. Für den von diesen Ufern Verbannten […] bringt er Beruhigung, Trost und Hoffnung.1
Aus der Marginalisierung der schwarzen Diaspora entstand vom späten 19. Jahrhundert an eine Vielzahl Bewegungen und Theorien um einen Widerstand gegen den kolonialen, rassistischen Geist zu bilden, der die schwarze Bevölkerung weltweit in Ausbeutung, Sklaverei und an den Rand der Gesellschaft trieb. Von Du Bois und Marcus Garvey über die Bürgerrechtsbewegung Martin Luther Kings vs. Black Power, hin zu Paul Gilroys Black Atlantic und dem Afrozentrismus divergieren diese enorm in ihren Inhalten und Zielsetzungen. Auch die Rolle Afrikas darin wird unterschiedlich definiert. Während Garvey eine Rückkehr der Diaspora nach Afrika predigte, wählt Gilroy Afrika als einen von vielen Bezugspunkten für ein „Netzwerk schwarzer Beziehungen kreuz und quer über den Atlantik“2 und kontrastiert damit das Weltbild des Afrozentrismus, das von einer gemeinsamen afrikanischen Kultur als Essenz aller schwarzen Kulturen weltweit ausgeht. In der folgenden Hausarbeit soll ein Ausschnitt aus diesen Bewegungen, die Nation of Islam, Black Power und schließlich der Afrozentrismus, hinsichtlich ihres Identitätsentwurfs, ihrer Idee des Ursprungs aller Afroamerikaner sowie ihrer Strategie zum Empowerment gegenübergestellt werden. Die zeitliche Dichte, in der die drei Bewegungen, teilweise parallel, auftreten und sich gegeneinander ablösen, lässt eine starke gegenseitige Beeinflussung vermuten. Ziel dieser Gegenüberstellung ist es, den verstärkten Fokus auf eine African personality als Ausgangspunkt und Streben des Afrozentrismus als jüngste der drei Bewegungen darzustellen und das von ihm propagierte Bild Afrikas zu betrachten. Die folgende Argumentation nimmt einen konservativen Konsens in der afrozentrischen Gedankenbasis und Zielsetzung an und will diese ihrem anscheinend „revolutionären“ Element, der „Neuschreibung“ der Geschichte, wie ihn Diop und Bernal propagieren, gegenüberstellen. Die häufig am Afrozentrismus geäußerte Kritik, dass er sich derselben Methoden und gedanklichen Ansätze bediene wie sein vermeintlicher Gegner3, sowie der Vorwurf des Essentialismus soll als Korrektiv einem durchaus nachvollziehbaren Aufbäumen der durch jahrzehntelange Marginalisierung geeinten Afrikanischen Diaspora entgegengesetzt werden.
2. NATION OF ISLAM
2.1. RASSENVERSTÄNDNIS UND IDENTITÄT DER NATION OF ISLAM
You are not a Negro. You are members from the tribe of shabazz. There is no such thing as a race of Negroes.4
Von 1930 bis 1975 traten Tausende schwarzer Amerikaner der Nation of Islam bei, einer oftmals als panafrikanisch missverstandene Organisation, deren Ziel es war, der weißen Vorherrschaft in den USA mit einem Empowerment der Afroamerikaner entgegenzutreten. Empowerment meint hier eine Machtgleichstellung, die einen Zustand der Autonomie und Selbstbestimmung wiederherstellen soll, welcher der Diaspora in den USA durch Sklaverei und Rassendiskriminierung genommen wurde. Trotz ihrer beinahe ausschließlich afroamerikanischen Mitgliedschaft stellt die Identität, welche die Nation of Islam ihren Anhängern anbietet, nicht Afrika, sondern Asien in ihr Zentrum. Die Rassenideologie der Nation of Islam unterteilt in zwei Gruppen: Asiaten und Weiße. Während sich der Begriff Whites ausschließlich auf Menschen westeuropäischer Abstammung beschränkt, umfasst Asiatics praktisch alle anderen: “Black, brown, yellow or red“.5 Dabei bezieht sich black nicht auf Hautfarbe, sondern lediglich auf eine nicht-westeuropäische Herkunft und steht als Synonym für Asiatic. Dies wird schon daran deutlich, dass der Begründer der Bewegung Fard Muhammad keinerlei afrikanische Vorfahren hatte und nach konventioneller Auffassung als weiß gelten würde.
Die Nation of Islam bedient sich in ihrer Rassenideologie einer essentialistischen Idee von Religion. Essentialistisch meint eine Notwendigkeit bestimmter Eigenschaften und Charakteristika, um zu einer bestimmten Gruppe zu gehören, dass also in jedem Sein ein Wesen (von lat.: essentia) sei, welches seine Zugehörigkeit bestimmt. Was Schwarze und Weiße voneinander unterscheidet ist nicht primär durch Hautfarbe bestimmt, sondern dadurch, ob sie Nachkommen der Original People und somit in ihrem Wesen Muslime sind. Dieser Ideologie zufolge sind alle Nicht-Weißen Muslime, unbeachtet welche Religion sie wirklich praktizieren, wohingegen Weiße auch durch Konvertierung niemals Moslems sein können.
2.2. URSPRUNGSTHEORIE UND SICHT AUF AFRIKA
[...]
1 Blyden(1856) zit. nach Mayer: Diaspora – eine kritische Begriffsbestimmung,77.
2 Vgl.: Mayer: Diaspora – eine kritische Begriffsbestimmung, 76.
3 Vgl.: Appiah: Europe upside down.
4 Muhammad(1963) zit. nach Austin: Achieving Blackness, 27.
5 Ebd.(1965) .
Arbeit zitieren:
Sybille Barbara Biermann, 2006, Afrikanische Kultur und Identität in der amerikanischen Diaspora, München, GRIN Verlag GmbH
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