Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 George Eliot (1819-1880) 4
3 Viktorianismus. 6
3.1 Liebe und die Rolle der Frau. 7
4 Middlemarch. 10
4.1 Die unglückliche Ehe. 11
4.1.1 Dorothea Casaubon (geb. Brooke, spätere Ladislaw) 12
4.1.1.1 Mr. Casaubon. 12
4.1.1.2 Ideologie, Illusion und Desillusionierung. 13
4.1.1.3 Will Ladislaw der respektable Dilettant 16
4.1.1.4 "Will" als Mittel zur Flucht 17
4.1.2 Tertius Lydgate. 19
4.1.3 Rosamond "Forsaking without forsaking" 20
4.1.3.1 Die Mimikry 21
4.1.3.2 Rosamonds Falle 26
4.1.4 Gegenüberstellung: Dorothea Rosamond 27
4.1.4.1 Altruismus Egoismus. 30
4.2 Der Omniscient Narrator als einzig mögliche Realitätsannäherung 32
4.3 Resumé 35
Literatur. 37
2
1 Einleitung
Die nachfolgende Betrachtung wird sich in gewisser Weise psychoanalytisch und vor allem auch erzähltheoretisch mit ausgewählten Aspekten von George Eliot`s "Middlemarch" (1871/72) auseinandersetzen.
Psychoanalytisch, weil ein Schwerpunkt der Arbeit auf die Beziehung zwischen den Geschlechtern und deren Position innerhalb der Gesellschaft anhand bestimmter Figuren und Figuren-Konstellationen des Romans gelegt werden soll (somit werden auch soziologische Überlegungen mit einspielen).
Erzähltheoretisch deshalb, weil offensichtlich werden wird, dass die von George Eliot in diesem Roman gewählte Erzählperspektive diejenige ist, welche sich als am geeignetsten erweist, um eben diese psychologischen und soziologischen Zusammenhänge zwischen Mensch und Mensch, und Mensch und Gesellschaft (repräsentiert durch die Figuren des Romans und deren Beziehungen zueinander) sowie die Beweggründe menschlichen Handelns darzustellen. Insbesondere wird auf die beiden zentralen Figuren-Paare Dorothea/ Casaubon und Lydgate/ Rosamond eingegangen werden. 2 Von dieser Grundlage ausgehend werden dann zusätzlich einige Überlegungen zum Egoismus und zum Altruismus der Figuren angestellt werden, wodurch auch das weite Feld der Philosophie berührt werden wird. Die nachfolgende Betrachtung wird also rundum literaturwissenschaftlich. Doch zunächst werden allgemeine − und wenige speziellere − Informationen zur viktorianischen Gesellschaft und zu George Eliot selbst gegeben, um mehr Verständnis und eine bessere Einfühlung in die Welt und die Figuren von "Middlemarch" 3 zu ermöglichen.
1 siehe Houghton, Walter E.: The Victorian Frame of Mind 1830-1870, S. 22.
2 Hierbei wiederum wird mein besonderes Interesse der Konstellation Lydgate/Rosamond gelten, speziell der Figur Rosamond und ihrer psychologischen Disposition.
3 Denn es handelt sich schließlich um "A Study of Provincial Life" − so der Untertitel des Romans − im viktorianischen Zeitalter.
3
2 George Eliot (1819-1880)
George Eliot ist das selbst gewählte männliche Pseudonym der viktorianischen Schriftstellerin Mary Ann Evans. Sie wurde 1819 in der Nähe von Nuneaton, Warwickshire, geboren und genoss eine streng religiöse Erziehung, wobei sie sich jedoch neben theologischen Schriften auch mit deutschen und französischen Schrifstellern befasste. Sie übersetzte "Das Leben Jesu" von D. F. Strauss ins Englische und wurde zudem 1850 Redaktionsassistentin der "Westminster Review".
Drei Jahre später begegnete sie George Henry Lewes. Dieser hatte den Ruf, Liebhaber der Promiskuität zu sein, was daraus hervorging, dass er im Alter von 25 Jahren mit seiner ersten Frau, Agnes Jervis, in einer kommunenähnlichen Hausgemeinschaft mit fünf weiteren verheirateten Paaren und zwei unverheirateten Schwestern lebte. 4 Weiterhin hatte Lewes` Frau zwei Kinder von seinem besten Freund, Thornton Hunt.
Dieser promiskuöse 5 George Henry Lewes ging nun aber − soweit bekannt − eine monogame Beziehung mit George Eliot ein, war aber, da er seiner Ehefrau ihre Verbindung zu Hunt verziehen hatte und weil eine Scheidung, die zur damaligen Zeit nur vom Parlament gestattet werden konnte, sehr kostspielig war, niemals gesetzlich frei, um George Eliot zu heiraten. 6 Dennoch lebten beide vierundzwanzig Jahre zusammen. 7 Lewes war es auch, der Eliot dazu ermunterte, fiktionale Texte zu schreiben und wurde zu ihrem Literaturagenten. Er starb 1878. Nach seinem Tod fand George Eliot Trost bei einem Freund der Familie, J. W. Cross, den sie zwei Jahre später (sie im Alter von 61 Jahren, er im Alter von 40 Jahren) heiratete. 8 Durch ihre unkonventionelle Lebensführung galt George Eliot der öffentlichen Meinung ihrer Zeit als die hervorstechende Verfechterin der freien Liebe. 9
In ihren Erzählungen ("Adam Bede", 1859; "The Mill on the Floss", 1860; "Silas Marner", 1861; "Romola", 1863; "Felix Holt", 1866; "Middlemarch", 1871-1872; "Daniel Deronda", 1876) behandelt George Eliot oftmals die Frage der Stellung der Frau, aber auch die freie, beziehungsweise eingeschränkte Entfaltungsmöglichkeit des (viktorianischen) Menschen im Allgemeinen. Insbesondere in "Middlemarch" wird, wie im Folgenden noch gezeigt werden soll, die Möglichkeit einer fatalen Heirat thematisiert. In ihrer Beziehung zu George Henry
4 Vgl. Goldfarb, Russell M.: Sexual Repression and Victorian Literature, S. 54.
5 Natürlich sind die aufgezählten Fakten noch kein handfestes Indiz für Lewes` eigene Vielweiberei, scheinen jedoch den Verdacht nahe zu legen.
6 Vgl. Goldfarb, Russell M.: Sexual Repression and Victorian Literature, S. 54.
7 Ebd.
8 Ebd.
9 Vgl. Bennett, Joan: George Eliot, S. 45f.
4
Lewes − vielleicht die bekannteste freie Verbindung jener Zeit − erfuhr sie die Sinnlosigkeit der gesetzlichen Aufrechterhaltung einer Ehe, deren Substanz ganz und gar verloren gegangen ist. 10 In der Tiefe ihrer Zuneigung füreinander sah sie die Rechtfertigung, das Gesetz in dieser Hinsicht ignorieren zu dürfen. 11 George Eliot betrachtete die lebenslange Ehe als eine entscheidende Tatsache des Lebens, jedoch mit einem essentiell tragischen Potential: Heirat kann das tief verwurzelte Gefühl der Isolation des Menschen in einer unfreundlichen Welt zwar durchaus abmildern, ist aber nur in den seltensten Fällen darin erfolgreich. 12 So sind (unglückliche) Ehen und Liebesbeziehungen und Restriktionen, die von Seiten der Gesellschaft dem Einzelnen und insbesondere der Frau auferlegt werden, zu wesentlichen Bestandteilen der Romane George Eliots geworden. Gerade "Middlemarch" ist hauptsächlich die Geschichte zweier solcher liebloser Ehen, welche durch diese Beschaffenheit zum persönlichen Leid der Beteiligten führen und einen oder beide Partner kalt und selbstsüchtig werden lässt. "Middlemarch" kann somit auch als Plädoyer für die Liebeshochzeit gesehen werden − neben George Eliots Eintreten für eine soziale Verbesserung der Stellung der Frau. Dass George Eliot dennoch bei weitem keine militante Feministin war, ist schon allein daraus ersichtlich, dass sie keine Schwarzweißmalerei, mit den Zuordnungen `männlich` − `böse` und `weiblich` − `gut` betreibt, sondern darauf bedacht ist, viele verschiedene Aspekte einer Beziehung zu beleuchten, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und jeder der handelnden Figuren eigene, durch ihre persönliche Lebensgeschichte und -situation zu einem Großteil berechtigte Motive zuzubilligen. Sie weigert sich strikt (so zumindest verhält es sich in "Middlemarch"), die Position der moralischen Richterin einzunehmen, was sie als Erzählerin sehr sympathisch werden lässt und vor allem − am ehesten der Ambiguität der Wirklichkeit entspricht. Zum einen spiegelt die Verweigerung gegenüber eines festen Standpunktes George Eliots Vorsicht hinsichtlich des Fällens moralischer Urteile wider 13 , zum anderen aber äußert sich darin auch ein typisches Symptom des Viktorianismus´. George Eliot selbst schrieb bereits im Jahre 1839:
I think no one feels more difficulty in coming to a decision on controverted matters than myself. ... The other day Montaigne`s motto came to my mind (it is mentioned by Pascal) as an appropriate one for me, − `Que sais-je?` − beneath a pair of balances, though, by the by, it is an ambiguous one, and may be taken in a sense that I desire to reprobate. ... I use it in a limited sense as a representation of my oscillating judgment. (...) I am powerfully attracted in a
10 Vgl. Fernando, Lloyd: New Women in the Late Victorian Novel, S. 26.
11 Ebd.
12 A. a. O., S. 51.
13 Eine − wie gesagt − sehr lobenswerte Eigenschaft, die man (wahrscheinlich damals wie heute) viel zu selten antrifft.
5
certain direction, but when I am about to settle there, counterassertions shake me from my position. 14
Solchermaßen hin und her gerissen fühlte sich George Eliot auch bezüglich der in den 1850er Jahren aufkommenden und in den 1860er und 1870er Jahren nach wie vor kontrovers diskutierten "Woman Question". 15 Auf der einen Seite hegte sie eine gewisse Sympathie für feministisch gesinnte Freundinnen wie Bessie Rayner Parkes und Barbara Bodichon, welche sich für politische, gesetzliche und auch bildungsbezogene Reformen in dieser Hinsicht einsetzten, auf der anderen Seite hatte George Eliot Zweifel, ob solche Veränderungen nicht auch in Konflikt geraten könnten mit kennzeichnenden "weiblichen Qualitäten", die sie für erhaltenswert erachtete. 16
3 Viktorianismus
Tatsache ist jedenfalls, dass der Viktorianismus ein Zeitalter des Umbruchs (und damit auch des Widerspruchs) war, in dem viele Dinge neu überdacht werden mussten. Während bis in die 1870er hinein die öffentlichen moralischen Wertvorstellungen unumstößlich festzustehen schienen, wurden alle intellektuellen Theorien, einschließlich denen der Moral, fragwürdig. 17 Stellvertretend dafür sei hier eine Eintragung aus dem Tagebuch John Stuart Mills vom 13. Januar 1854 angeführt:
Those who should be the guides of the rest, see too many sides to every question. They hear so much said, or find that so much can be said, about everything, that they feel no assurance of the truth of anything. 18
Eine Vielzahl von (nicht nur religiösen) Fragestellungen rückte sich in das intellektuelle Interesse: Gibt es einen Gott oder nicht? Wenn es einen gibt, handelt es sich dabei um eine Art Person oder eine impersonale Macht? Gibt es Himmel und Hölle? Oder nur Himmel und keine Hölle? Oder nichts von beidem? Wenn es eine wahre Religion gibt, ist es der Theismus oder das Christentum? Und was ist Christentum? − Römischer Katholizismus oder Protestantismus? − Haben wir einen freien Willen, oder sind wir menschliche Automaten?
14 siehe Houghton, Walter E.: The Victorian Frame of Mind 1830-1870, S. 19.
15 Vgl. Wright, T. R.: George Eliot`s Middlemarch, S. 72.
16 Ebd. − Auch heute scheint dieses Problem − wahrscheinlich berechtigterweise − noch nicht vollständig gelöst zu sein.
17 Vgl. Houghton, Walter E.: The Victorian Frame of Mind 1830-1870, S. 10f.
6
Und wenn wir die Macht haben, moralisch zu urteilen, was ist deren Grundlage? Ist es eine gottgegebene Einflüsterung in unser Bewusstsein? Oder das rationale Abwägen, welche von zwei − oder mehr − Handlungsoptionen das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl bedeutet? 19
Man sieht: Es war ein Zeitalter der Konfusion, das Mill treffend in seiner Abhandlung "The Spirit of the Age" (1831) beschreibt:
The men of the present day rather incline to an opinion than embrace it; few ... have full confidence in their own convictions" (...); (or they) "have no strong or deep-rooted convictions at all. 20
Diese Unsicherheit und Veränderungen hinsichtlich moralischer und geistiger Ideale, bei dem gleichzeitigen Versuch der viktorianischen Gesellschaft, konventionelle Wertvorstellungen aufrechtzuerhalten, führten zwangsläufig zu vielerlei Widersprüchen und Diskrepanzen zwischen der theoretischen und der praktizierten Moral − vor allem bezüglich der Liebe und Libido.
3.1 Liebe und die Rolle der Frau
Die idealtypische Vorstellung der viktorianischen Liebe gründete auf dem Bild der Frau als "Angel in the House" (wie in Coventry Patmores gleichnamigem Gedicht, 1855/1856). 21 Das Zentrum des viktorianischen Lebens war die Familie, und eine Liebe zwischen Mann und Frau, die nicht innerhalb dieses eng gesteckten Rahmens der Ehe, beziehungsweise Eheschließung zwecks Familiengründung, stattfand, war keine Liebe, sondern schiere Begierde und somit verwerfenswert. 22
Das Leben wurde sehr viel häuslicher als vor der viktorianischen Zeit, und die Arbeit sollte nicht nur zur Versorgung der Familie dienen, sondern im günstigsten Fall auch zum sozialen Aufstieg. Aus demselben Grund waren Väter von dem Gedanken eingenommen, ihre Söhne an die besten Universitäten, wie Oxford oder Cambridge, zu schicken oder sie in
18 siehe A. a. O., S. 13.
19 Vgl. Houghton, Walter E.: The Victorian Frame of Mind 1830-1870, S. 11f.
20 A. a. O., S. 21.
21 A. a. O., S. 341.
22 Ebd.
7
aussichtsreichen Berufen untergebracht zu sehen, während sie ihre Töchter mit "Gentlemen" guter Herkunft verheiratet sehen wollten. 23
Die geläufigste viktorianische Konzeption der Frau war die des unterwürfigen Eheweibs, dessen Daseinssinn sich darin erschloss, ihrem Ehemann zu gehorchen, ihn zu lieben, zu ehren, zu unterhalten und die Bewirtschaftung des Haushaltes zu übernehmen sowie das Großziehen der Kinder. 24 Mit der Zuschreibung "Angel in the house" wurde der Frau eine fest umrissene Position in der Sphäre des Privaten zugeschrieben, zu der es außerhalb dieser Sphäre kaum realistische Alternativen gab: Weder zur Politik noch zu Berufen oder Bildungseinrichtungen bestand für die viktorianische Frau ungehinderter Zugang. 25 Die Ehe war eine Art kontraktuelle Bindung zweier bedingt autonomer Individuen − so wie sie es heute auch noch ist. Der entscheidende Unterschied zur heutigen Ehe lag jedoch darin, dass dabei allzu gerne die Tatsache übersehen wurde, dass eine geschlechtsspezifische Ungleichheit der Rechtsprechung vorherrschend war 26 , welche in einer scheinbar unüberwindbaren Differenz zwischen Mann und Frau wurzelte. 27 Die Frau wurde in der Ehe auf ihre Funktion als Mutter reduziert und lediglich als relationales Wesen, als komplementäres Prinzip zum Mann aufgefasst: Sie war `mother of..., wife of...`. 28
The best mothers, wives and managers of households, know little or nothing of sexual indulgences. Love of home, children, and domestic duties, are the only passions they feel. 29
Diese Beschreibung von Dr. William Acton, einem bekannten viktorianischen Mediziner, entspricht ganz dem Idealbild, das man von der Frau hatte: Sie war zwar ihrem Mann zu Diensten, verspürte aber von sich aus keinen sexuellen Trieb. Die Viktorianer waren verzweifelt bemüht, den Glauben aufrecht zu erhalten, bei der Frau handele es sich um ein sexuell reines und unschuldiges Geschöpf. 30 Abgesehen davon, dass es sich um ein Zeitalter handelte, in dem Sexualität am liebsten allgemein verleugnet worden wäre, war die Vorstellung einer gesellschaftlich anerkannten Frau, die Spaß an ihrer Sexualität hatte und
23 Vgl. Houghton, Walter E.: The Victorian Frame of Mind 1830-1870, S. 342.
24 A. a. O., S. 348.
25 Vgl. Hofmann, Stefanie: Selbstkonzepte der New Woman, S. 21.
26 Wobei aber heutzutage wahrscheinlich − im Falle einer Scheidung − normalerweise eher von einer umgekehrten geschlechtsspezifischen Ungleichheit der Rechtsprechung (im Vergleich zur damaligen Zeit) ausgegangen werden muss − diese Anmerkung jedoch nur unter Vorbehalt.
27 Vgl. Hofmann, Stefanie: Selbstkonzepte der New Woman, S. 23.
28 A. a. O., S. 24.
29 siehe Goldfarb, Russell M.: "Sexual Repression and Victorian Literature", S. 40.
30 Vgl. a. a. O., S. 41.
8
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Tobias Kurth, 2001, George Eliot´s "Middlemarch" - The "Omniscient Narrator" and "The Question of Gender", München, GRIN Verlag GmbH
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