Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr 1
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Die totale Institution und das öffentliche Interesse 3
2.1. Besonderheiten der totalen Institution 3
2.2. Totale Institution Militär 5
2.3. Interessen und Bedürfnisse eines kollektiven Akteurs 7
2.4. Spannungsfeld öffentliches Interesse 9
3. Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr 11
3.1. Bemerkungen zur Recherche 11
3.2. Struktur und Organisation 12
3.3. Richtlinien und Zielgruppen 14
3.3.1. Auftrag der Information: Grundlagen Ziele Aufgaben 14
3.3.2. Zielgruppen der Öffentlichkeitsarbeit 17
3.4. Medieneinsatz und Präsentation 18
3.4.1. Printmedien 18
3.4.2. Hörfunk 20
3.4.3. Werbespots in TV und Kino 20
3.4.4. Neue Medien Internet 22
3.4.5. Tage der offenen Tür Ausstellungen Flugblätter 23
4. Theorie und Praxis Analyse 24
4.1. Oderbruch und Hammelburg Reaktionen 25
4.2. Transparenz durch Kommunikation 29
5. Zusammenfassung 32
Anhang 35
I Abbildungsverzeichnis 35
II Abkürzungsverzeichnis 35
III Adressen 36
IV Quellenverzeichnis 36
V Literaturverzeichnis 37
1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit zur Zwischenprüfung ist das Ergebnis eines Arbeitsprozesses, der mit dem Sommersemester 2000 begann. Das Arbeitsthema Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr (BW) bezog sich ursprünglich auf Beobachtungen zur Selbstdarstellung der Bundeswehr im Frühjahr 2000. Die Resultate wurden in einem Referat am 3. Juni 2000 während eines Blockseminars im Kulturforum Essen-Steele vorgestellt.
Diese Vorleistungen bestanden im Wesentlichen aus Recherchearbeiten zur Organisation der Öffentlichkeitsarbeit in der Bundeswehr sowie in der Vorstellung der von der BW eingesetzten unterschiedlichen Medien. Anhand des zur Verfügung stehenden Materials für den Zeitraum ca. von 1990 bis 2000 wurde versucht, die Auswirkungen äußerer Einflüsse auf die Bundeswehr darzustellen und ihre inhaltliche Widerspiegelung in der Öffentlichkeitsarbeit aufzuzeigen. Die ausführlichen Ergebnisse sowie Anmerkungen zu Recherche und Methoden der Beobachtung finden sich in Kapitel 3.
Als theoretische Grundlage dieser Arbeit dient die Theorie Erving Goffmans (1922 – 1982) über die Merkmale totaler Institutionen. 1 Diese werden in Kapitel 2. vorgestellt und in Bezug gesetzt zur totalen Institution des Militärs dazu verwandt, die Bundeswehr zu durchleuchten und den Blick auf strukturelle Determinanten freizugeben. Weiterhin wird versucht, dass Spannungsfeld der Kommunikation einer totalen Institution mit der Öffentlichkeit darzustellen.
Die Aufgabe der Theorie ist es, zu abstrahieren und die Möglichkeit zur Reflexion zu schaffen. So versucht VON KARDORFF (1991), Anregungen für die Umsetzung der sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse Goffmans in die Praxis zu geben. Bezogen u. a. auf die Theorie der totalen Institution ermögliche der Theorie-Praxis Vergleich den Perspektivenwechsel „bei der Reflexion auf die Praxis, der in der Frage besteht, wie Situationen, jenseits
1 Goffman, Erving (1972): Über die Merkmale totaler Institutionen, in: ders.: Asyle. Über die
soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen, Frankfurt am Main, S. 13 –
123.
Handlungsvollzüge der Interaktionspartner bestimmen.“ 2 Die Reflexion durch Abstraktion auf die Theorie ermöglicht im Falle der vorliegenden Untersuchung, die Besonderheiten, Motivationen und Mechanismen der Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr besser zu verstehen.
Entsprechend widmet sich Kapitel 4. der Analyse der Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr in Form von Fallbeispielen, an denen die Theorie überprüft, bzw. die Praxis analysiert werden soll. Aspekte des politisch- gesellschaftlichen Wandels in den 1990er Jahren stehen hier im Vordergrund. Exempla risch werden zwei wichtige Ereignisse des Jahres 1997 aufgegriffen: Das Hochwasser an der Oder und die rechtsradikalen Vorkommnisse in der Bundeswehr. An ihnen soll sich die Frage klären, ob sich Besonderheiten für die Öffentlichkeitsarbeit der BW als totale Institution ergeben durch Reaktionen auf Ereignisse, der offensichtlich nur totale Institutionen gewachsen sind, bzw. für die eine totale Institution besonders anfällig ist.
Abschließend wird die Transparenz der Kommunikation und damit der Wahrheitsgehalt der öffentlichen Darstellung der deutschen Streitkräfte vor dem Hintergrund der Theorie Goffmans kritisch hinterfragt.
2. Die "totale Institution" und das öffentliche Interesse
2.1. Besonderheiten der "totalen Institution"
Zunächst müssen wir uns dem Begriff der totalen Institution nähern und seine Bedeutung für die Organisationssoziologie feststellen. Nach LIPP (1998) sind Institutionen soziale Einrichtungen, die auf Dauer bestimmen, >was getan werden muß<.“ Sie können als Organisationen menschlichen
2 von Kardorff, Ernst (1991): Goffmans Anregungen für soziologische Handlungsfelder, in:
Hettlage, Robert; Lenz, Karl (Hg.): Erving Goffman – ein soziologischer Klassiker der
zweiten Generation. Bern / Stuttgart, S. 329 f.
Zweckhandelns dienen.
3
Organisationen sind soziale Gebilde, die auf spezifische Ziele ausgerichtet sind. In der Organisationssoziologie bezeichnet eine Organisation die „Gesamtheit aller geplanten und ungeplanten sozialen Prozesse, die innerhalb des sozialen Systems bzw. im Rahmen der Außenbeziehungen mit anderen organisatorischen Gebilden ablaufen [...].“
4
Das Ziel einer Organisation bestimmt seine Struktur. Es definiert Normen und Regelungen, bestimmt Kommunikationswege, Verantwortlichkeiten, Kompetenzen und Autoritätsbeziehungen. Die Organisation ist immer auch ein Herrschaftsverband. Institutionen stabilisieren und entlasten soziales Handeln, indem sie die Kontingenz beschränken und Komplexität reduzieren. Sie definieren Normen und bilden Strukturen im Alltag.
Eine totale Institution jedoch stellt einen „Grenzfall der Überforderung [...] institutioneller Prinzipien“ dar. 5 Die Strukturgebung tendiert zum Negativen; unterliegt dann destruktiven Prozessen und wirkt u. U. zerstörerisch. Die in totalen Institutionen erfassten Individuen sind einer erheblichen Kontrolle ausgesetzt, was sich durch die Überkomplexität an Normen und Vorschriften und den damit verbundenen Sanktionsmechanismen äußert. Totale Institutionen verhindern potentiell soziale Entwicklung.
Die allumfassende Beanspruchung ihrer Mitglieder ist gekennzeichnet durch das zentrale Merkmal der Aufhebung der Trennung der drei Lebensbereiche Arbeit, Freizeit und Schlaf. „Alle Angelegenheiten des Lebens finden an ein und derselben Stelle, unter ein und derselben Autorität statt.“ Und das an Orten, die von der Außenwelt abgeschnitten sind durch „verschlossene Tore, hohe Mauern, Stacheldraht, Felsen, Wasser, Moore“; und so die räumliche Freizügigkeit verhindern. 6
3 Ausführlich in: Lipp, Wolfgang (1998): Art. Institution, in: Schäfers, Bernhard (Hg.): Grundbegriffe der Soziologie. 5. Auflage, Opladen (= UTB für Wissenschaft 1416), S. 148 – 151;
zur Definition der Institutionen siehe auch: Goffman, Erving (1972): Über die Merkmale totaler Institutionen, S. 15.
4 Ausführlich in: Zimmermann, Gunter E.: Art. Organisation, in: Schäfers, Bernhard (Hg.): Grundbegriffe der Soziologie, S. 261 – 264.
5 Lipp, Wolfgang (1998): Art. Institution, S. 150.
6 Goffman, Erving (1972): Über die Merkmale totaler Institutionen, S. 17.
In totalen Institutionen sind üblicherweise zwei Gruppen anzutreffen, die scharf voneinander getrennt sind. Goffman unterscheidet die große, die „gemanagte Gruppe“ der „Insassen“, von einer kleinen Gruppe des Aufsichtspersonals; des Stabes. 7 Insassen haben nur beschränkten Kontakt mit der Außenwelt. Durch die soziale Deprivation werden sie ihrer Kommunikationschancen beraubt. Die scharfe Trennung der unterschiedlich privilegierten Gruppen, unterstrichen durch kaum mögliche soziale Mobilität, führt zu Spannungen zwischen Insassen und Stab. Die Kommunikations- struktur ist streng hierarchisch organisiert und erfolgt „top-down“. Sie beschränkt sich auf Anordnungen zumindest im Kontakt höherrangiger Mitglieder mit Mitgliedern niedrigeren Ranges. Direkte Kommunikation findet kaum statt. Durch die Kommunikation über die Hierarchie wird die soziale Distanz gewahrt; soziale Kontrolle wird vermieden, da Reaktionen nie direkt übermittelt werden können. 8 Abschottung und streng strukturierte Kommunikationswege und –formen verhindern die Machtausübung unterer Ränge; und bestimmen den Ton bei der die Gruppengrenzen überschreitenden Kommunikation.
Goffman erhebt bei der Definition des Idealtyps nicht den Anspruch, dass alle von ihm benannten Elemente sich ausschließlich in totalen Institutionen wiederfinden; und keines der Elemente sei allen gemeinsam. Er ermöglicht so aber die Konstruktion eines allgemeinen Profils. 9
2.2. Totale Institution Militär 10
Goffman unterscheidet fünf Gruppen von totalen Institutionen; dabei explizit die Kasernen in der Gruppe von totalen Institutionen, „die angeblich darauf abzielen, bestimmte, arbeit-ähnliche Aufgaben besser durchführen zu können [...].“ 11 Die Institution Militär nennt Goffman nicht in ihrer Gesamtheit;
7 Ausführlich in: ebda., S. 17 ff.
8 Vgl.: Lisch, Ralf (1976): Totale Institution Schiff. Berlin (= Soziologische Schriften, Band 20), S. 15.
9 Mehr zur Problematik des Idealtyps in: Goffman, Erving (1972): Über die Merkmale totaler Institutionen, S. 17.
10 Nicht alle Besonderheiten konnten hier berücksichtigt werden (z.B. der bei der BW stark ausgeprägte Beschwerdeapparat). Die Darstellung beschränkt sich in Hinblick auf die Thematik auf die für relevant erachteten Merkmale der totalen Institution Militär.
11 Goffman, Erving (1972): Über die Merkmale totaler Institutionen, S. 16.
zählt wohl aber als totale Institutionen jene dazu, die „dem Schutz der Gemeinschaft vor Gefahren“ dienen. Der Zweck dieser Einrichtungen ist nicht primär das Wohlergehen ihrer Mitglieder. 12 In der mir vorliegenden Literatur herrscht aber offensichtlich Einigkeit darüber, die Organisation Militär als totale Institution zu behandeln, sodass dieses Paradigma hier übernommen wird. Die totale Institution Militär wird real in den Kasernen. „Das Spezifikum des Militärs, die Androhung und der organisierte Einsatz von Gewalt zur Erreichung politischer Ziele, unterscheidet es v on jeder anderen Organisation [...]“. 13 Der Zweck des Militärs erfordert die Ausbildung von Soldaten, die Befehlen gehorchen und im Ernstfall sogar dazu bereit sind, für ein politisches Ziel ihr Leben zu opfern. Um Soldaten für diesen Ernstfall vorzubereite n bedarf es der militärischen Sozialisation. Ziel dieser militärischen Sozialisation muss es sein, die Individuen so zum Gehorsam zu erziehen, dass sie in „Blöcken bewegt“ zweckmäßig eingesetzt werden können. Die Strukturen einer totalen Institution scheinen hierfür besonders geeignet.
Die Bundeswehr ist eine Wehrpflichtigenarmee. Entsprechend trifft die Situation der totalen Institution insbesondere auf Wehrpflichtige zu, die während ihrer dreimonatigen Grundausbildung kaserniert werden. Dort finden wir die Goffmanschen Merkmale wieder. Es besteht eine scharfe Trennung zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, die die erhebliche soziale Distanz zwischen beiden untermauert. Die Isolierung von der Umwelt und die Suspendierung von anderen Rollenverpflichtungen erleichtert die Deprivation als Teil des Mortifikationsprozesses, „in dem das neue Mitglied sein altes Selbst ablegt und eine neue Identität annimmt.“ 14 Die zivile Kleidung muss gegen die Uniform ausgetauscht werden. Neben der persönlichen Entkleidung ist d er junge Rekrut 15 gezwungen, durch das Zusammenleben mit anderen Mitgliedern auf engstem Raum auf seine Privatsphäre zu verzichten. Er ist konfrontiert mit einer überkomplexen
12 ebda.
13 Ziegler, Rolf (1968): Einige Ansatzpunkte der Militärsoziologie und ihr Beitrag zur soziologischen Theorie, in: König, René (Hg.): Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 12/1968 (Beiträge zur Militärsoziologie), S. 14.
14 ebda., S. 17.
15 In der vorliegenden Arbeit wurde zur Bezeichnung von Soldaten das Maskulin verwendet; wohlwissend, dass sich zunehmend auch junge Frauen für den Dienst in der BW entscheiden.
Vielzahl von Vorschriften, Normen und Verhaltensweisen, die alle Bereiche des täglichen Lebens von der Sprache über das Grüssen bis hin zum Gang regeln; die ferner streng kontrolliert und sanktioniert werden. 16
ROGHMANN / ZIEGLER (1977) konstatieren, dass sich „diese – über die im
Industriebetrieb übliche Verhaltensnormierung hinausgehe nde – totale Erfassung des Soldaten [...] als funktionale Notwendigkeit aus der militärischen Zielsetzung“ erklärt. 17 Damit produzieren die Prinzipien der Organisation einen echten Gegensatz „zwischen organisatorischen Aufgaben und individuellen Interessen“. 18 Von besonderer Bedeutung ist die Tendenz totaler Institutionen zur Bildung informeller Gruppen. „Je totaler die organisatorische Erfassung, um so umfangreicher und intensiver ist die Entwicklung informeller Beziehungen und die Ausprägung eigener Binnenkulturen.“ 19 Weiterhin wird davon ausgegangen, das diese informellen Gruppen „der formalen Organisation gegenüber negativ eingestellt sind.“ 20 Die Hypothese ließe sich aber aufgrund mangelnder Untersuchungsergebnisse nicht direkt überprüfen, so
ZIEGLER (1968). Überprüfbar aber sei, dass, je ausgeprägter die Kohäsion
einer Gruppe ist, desto negativer auch ihre Einstellung. 21
2.3. Interessen und Bedürfnisse eines kollektiven Akteurs
Nun wird offensichtlich, dass es zwei Pole des Interesses gibt in der totalen Institution Bundeswehr. Die der Führungsebene (z. B. Offiziere) und die der niedrigeren Ränge (z. B. Rekruten). Eine in ihrer Struktur stark polarisierte Gemeinschaft an Angehörigen soll nun ein einheitliches und attraktives Bild nach "außen" vermitteln. 22 Gründe für die zu vermittelnde Attraktivität nach „außen“ sind zum einen die Notwendigkeit zur Selbsterhaltung, d. h. die Substitution von Mitgliedern
16 Vgl. u. a.: Treiber, Hubert (1973): Wie man Soldaten macht. Sozialisation in >kasernierter Vergesellschaftung<. Düsseldorf (= Konzepte Sozialwissenschaft 8), S. 68 f. + 100 f. 17 Roghmann, Klaus; Ziegler, Rolf (1977): Militärsoziologie, in: König, René (Hg.): Handbuch der empirischen Sozialforschung, Band 9, Organisation – Militär. 2., völlig neubearb. Aufl., Stuttgart, S 170.
18 ebda., S. 171.
19 ebda., S. 170.
20 Ziegler, Rolf (1968): Einige Ansatzpunkte der Militärsoziologie und ihr Beitrag zur soziologischen Theorie, S. 17.
21 ebda.
22 Siehe Kapitel 3.3.1: Auftrag zur Information ab S. 13 dieser Arbeit.
Arbeit zitieren:
Dr. phil. Jürgen Schäfer, 2001, Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr - Zur Selbstdarstellung einer totalen Institution, München, GRIN Verlag GmbH
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Die Konstruktion nationaler Identität in Martinique
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