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es nach GEIßLER unbestritten, dass Vielfalt der Soziallagen und objektiven Lebensumstände einher gehen mit einer zunehmenden Vielfalt der Lebensstile und Lebensformen. 3 Allerdings stellt er kritisch in Frage, ob die „zunehmende Vielfalt die vertikalen Strukturen wirklich auflöst und bis zur Unkenntlichkeit verdünnt“ (GEIßLER, 1996, S. 321) hat und ob die „zunehmende Vielfalt gleichbedeutend mit dem Verschwinden der vertikalen Strukturen“ (GEIßLER, 1996, S. 321) ist. Nach GEIßLER hat sich der main-stream der deutschen Sozialstrukturforscher von der neuen Vielfalt blenden lassen, sodass fortbestehende vertikale Strukturen und deren Bedeutung nicht mehr angemessen wahr genommen werden können. Dadurch kommt es zu Vernachlässigung der ursprünglichen Fragestellung der Sozialstrukturanalyse der Ungleichheitsforschung, soziale Ungleichheiten in sozialkritischer Absicht aufzuspüren und sie zu mildern. Außerdem bedauert GEIßLER, dass die Ungleichheitsforschung zur Vielfaltsforschung ausufert und die Lebenschancenforschung sich zur Lebensstilforschung verengt. Allgemein „besteht die Tendenz, dass vertikale Strukturen wegdifferenziert, wegpluralisiert, wegindividualisiert und wegdynamisiert werden. Sie werden mit einem Schleier von Prozessen der Individualisierung, Differenzierung und Dynamisierung verhüllt und unkenntlich gemacht.“ (GEIßLER, 1996, S. 323)
Für die Marxisten hat sich nichts weiter verändert. Sie beziehen soziale Ungleichheit auf die Abstände in den Einkommenshierarchien, die noch vorhanden sind und auf die fundamentale Abhängigkeit der Lohnarbeit, die weiterhin besteht. Die Beschäftigten sind weiterhin gezwungen ihre Arbeitskraft an diejenigen, die Produktionsmittel besitzen zu verkaufen, um ihre physische Existenz zu sichern. Allerdings l ässt sich das MARX’sche Modell nicht einfach in die Gegenwart übernehmen. Zu den mindestens zwei Klassen bei MARX sind unter anderem noch die Manager/innen hinzu gekommen, die, trotz teilweisen Nichtbesitzens an Produktionsmitteln, über selbige verfügen.
Für Max WEBER sind Klassen ökonomisch bedingte Phänomene und Stände Lebens- oder Schicksalsgemeinschaften, die ökonomisch begründet sein können, aber nicht müssen. Er unterscheidet zwischen „Besitzklassen“ und „Erwerbsklassen“, deren Mitglieder über gleiche berufliche Qualifikation und Stellung verfügen, da für ihn das Hauptmerkmal von Klassenlagen ihre Bindung an den Markt, d.h. an ein Konkurrenzsystem ist. 4 Weiter spricht er von „sozialen Klassen“, wenn nicht mehr nur die Individuen, sondern auch ihre Familienangehörigen zu Klassensubjekten werden. Allerdings bestehen fünf Vorbedingungen
4 vgl. KRECKEL, 1992, S. 124
3
zur Anwendbarkeit der klassentheoretischen Lösung der Weberianer: Die Existenz von Großgruppen muss empirisch nachweisbar sein, soziale Stellungen aller typischen Mitglieder einer Gesellschaft müssen durch Zugehörigkeit zu einer derartigen Großgruppe bestimmt sein, es muss ein gesellschaftsweites vertikales Klassen- oder Schichtensystem vorhanden sein, es müssen die zentralen Merkmale der gesellschaftlichen Ungleichheitsstruktur erfasst werden und die Trennlinien zwischen den sozialen Klassen bzw. Schichten müssen gleichzeitig politische Konfliktlinien sein.
Für KRECKEL können diese Vorbedingungen schon heute nicht mehr ohne weiteres vorausgesetzt werden. Er verweist darauf, dass schon Schelsky 1953 mit seiner These der „Nivelierten Mittelstandsgesellschaft“ die Meinung vertritt, dass das Konzept der Klassengesellschaft veraltet sei. „Auch Karl-Martin BOLTE hat (...) in den fünfziger und sechziger Jahren immer wieder auf die teilweise Auflösung der sozialen Klassen bzw. Schichtgrenzen hingewiesen. (vgl. BOLTE 1959,1961, BOLTE u.a. 1966)” (KRECKEL, 1992, S. 127)
ULLRICH BECK zieht das Konzept der sozialen Klassen in Zweifel - den sozialen Klassen und Schichten der modernen Ungleichheitsforschung entspricht nach ihm keine empirische Wirklichkeit mehr. Stattdessen käme eine individualisierte und enttraditionalsierte „Nachklassengesellschaft“. Soziale Klassen nach WEBER gibt es nach BECKs Auffassung heute nicht mehr. 5 Allerdings bestreitet BECK keinesfalls komplett die Existenz von Großgruppen, wie es vielleicht GEIßLER verstanden haben mag. BECK betont vielmehr, dass der Bevölkerungsanteil, der dauerhaft solchen Großgruppen angehöre, zunehmend geringer werde und die Prägekraft dieser Gruppen abnehme, was ja auch tatsächlich der Realität entspricht. Nach BECK ist die Universalität, Zentralität und politische Bedeutung der sozialen Klassen nicht mehr gegeben.
Der "Fahrstuhleffekt", der laut BECK die Klassengesellschaft eine Stufe höher gefahren hat (BECK, 1986, S. 122), hat, wie GEIßLER in dem zweiten, empirischen Teil seines Beitrags belegt, die Kinder der unteren Schichten nicht mitgenommen. Nach Oben gelangten in der Regel nur Kinder aus der Mitte.
Die Bildungsexpansion der sechziger Jahre hat an der Chancenungleichheit beim Zugang zu Bildung nichts verbessert, im Bereich der hohen Abschlüsse haben sich die schichtspezifischen Ungleichheiten noch vergrößert. GEIßLER belegt anhand von Tabellen,
5 vgl. KRECKEL, 1992, S. 127
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in welchem Maße die Zugehörigkeit zu Schichten sich auf die Bildungschancen der Kinder auswirkt. Eines der wesentlichen Argumente für das Weiterbestehen von Schichtstrukturen, nämlich die weitgehende intergenerationale Reproduktion, ist hiermit zumindest im Bereich der Bildung nachgewiesen: Je höher der Bildungsstatus des Elternhauses, umso höher die Chance auf Teilhabe an hoher Bildung. 6 Die Herkunft wirkt auf die Schulbildung, die berufliche Erstplatzierung und prägt somit den gesamten Lebensverlauf. Ich denke, in den oberen Schichten wird das Leistungspotential der Kinder besser ausgeschöpft und in hohe Bildungsabschlüsse umgesetzt. Arbeiter hingegen erwarten oft von ihren Kindern, dass sie etwas "handfestes" lernen. Den Empfehlungen der Lehrer/innen wird ebenso schichtspezifisch entsprochen. Auch das Risiko von Arbeitslosigkeit betroffen zu sein, ist mit höherer Bildung geringer. Allerdings ist die Bildungs- und Berufswahl auch stark Lebensstilabhängig.
Auch HRADIL weist die These der Weberianischen Stände und sozialen Klassen zurück. Allerdings fügt er BECKs Diagnose das Konzept der sozialen „Milieus“, welches auf der Ähnlichkeit des Lebensstils basiert, hinzu. In diese Milieus sei man zwar teilweise hineingeboren oder sie sind mit der ökonomischen Situation der Betroffenen verknüpft, aber man könne sich ihnen weitgehend durch eine bewusste Entscheidung anschließen oder entziehen. 7
KRECKEL fasst die neuen Konzepte der Sozialstrukturforscher zusammen und versucht gleichzeitig ein prinzipielles Missverständnis aus dem Weg zu räumen. Er betont, mit der „Verabschiedung der Leitvorstellung von der klassenmäßig gegliederten
Großgruppengesellschaft wird keineswegs behauptet, dass die „objektiven“ Ungleichheiten von materiellem Reichtum, symbolischem Wissen, hierarchischer Organisation und selektiver Assoziation an Bedeutung verloren hätten“ (KRECKEL, 1992, S. 130) Weiter schreibt er „es wird lediglich die Annahme in Frage gestellt, dass „objektive“ Verteilungs- und Beziehungsungleichheiten zwangsläufig zur Bildung lebensweltlich verankerter Stände, Klassen, Schichten o.ä. führen müssen; das kann, muss aber nicht der Fall sein.“ (KRECKEL, 1992, S. 131) Es handele sich bei dieser Diskussion um Klasse und Schicht nicht um einen Prinzipienstreit, sondern um eine empirische Frage, mit noch offenem Ausgang, so KRECKEL.
Er plädiert dafür, die unterschiedlichen Konzeptionen von Klasse, Milieu und Individualisierung als ein „Sowohl - als - Auch“ (KRECKEL, 1992. S.140) zu betrachten.
6 vgl. GEIßLER, 1996, S. 326
Arbeit zitieren:
Stefan Haldenwang, 2002, Zu: Ideologische Gefahren der deutschen Sozialstrukturanalyse (Rainer Geißler), München, GRIN Verlag GmbH
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