Heißt von Finnland lernen, von der DDR lernen?
2001 war ein schwarzes Jahr für das Volk der Dichter und Denker. Die PISA-Studie (Programm for International Student Assessment), die aller drei Jahre von der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) durchgeführt wird, hat unserem Bildungssystem ein Armutszeugnis ausgestellt und uns auf die hinteren Ränge im internationalen Vergleich verwiesen. Das deutsche Selbstbild vom Bildungsmenschen war erschüttert. PISA untersuchte die Lesekompetenz, die mathematische und naturwissenschaftliche Grundbildung sowie fachübergreifende Kompetenzen von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern. (vgl. Das Parlament) Das Gesamtergebnis für das deutsche Bildungssystem war mangelhaft. Deutschland lag jeweils im unteren Drittel der Ergebnisse, weit hinter unseren europäischen Nachbarn und weit entfernt von dem, was die finnischen Schüler erreicht haben. Nach diesem PISA-Schock 2001, brach eine ungebremste, aber auch vielfach unüberlegte und kopflose Reformwut in Deutschland aus. Forderungen wurden laut, das deutsche Bildungswesen müsse von Grund auf reformiert werden. Eine Neustrukturierung nach finnischem Vorbild sollte es werden, denn unsere nordeuropäischen Partner, standen an der Spitze von PISA. Politiker und Pädagogen wiesen auf Finnland, als die Hoffnung aus der Bildungsmieser. Aber auch andere Stimmen waren zu vernehmen. Stimmen, die da meinten, dass wir gar nicht so weit schauen brauchen, um unsere Bildungssystem zu verbessern. Sondern es würde genügen, einen Blick in unsere Vergangenheit zu wagen. „Von Finnland lernen, heißt von der DDR lernen“ behauptet die Netzzeitung vom 11. Januar 2007 in ihrer Überschrift. Bei Experten und in den Medien wurde nun diskutiert, was lange vergessen schien. War die Schule in der DDR tatsächlich besser? Können wir heute noch etwas von ihr lernen? Beruht der Erfolg der Finnen darauf, dass sie das DDR Modell übernommen haben? Es wurde behauptet, dass das finnische Schulsystem auf verdrängten deutschen Traditionen beruht. (vgl. Netzzeitung vom 11.01.2007)
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Diese Aussagen sind vielfältig und reichen von Behauptung die DDR stand nur Modell für das finnische Schulsystem oder war ein wichtiger Stichwortgeber über die Finnen haben sich am DDR Schulmodell orientiert und inspirieren lassen bis hin zu der Feststellung Finnland hat das DDR Schulsystem übernommen. Woher kommen diese Aussagen und worauf berufen sie sich? Viele Zeitungsartikel und Fernsehreportagen berichteten über dieses Thema und es wäre unangebracht, diese Behauptungen von vornherein als Ostalgie abzutun. Ein Artikel der MDR Umschau vom 29. April 2005 mit dem Titel „Hilft das DDR-Schulsystem aus der PISA-Krise“ berichtete zum Beispiel: „Seit den 60-er Jahren bereisten nämlich zahlreiche Kommissionen aus dem Norden die DDR, um deren Schulwesen zu studieren. Überzeigt davon, dass der pädagogische Ansatz zu guten Ergebnissen führen kann, wurde die finnische Schule u.a. nach DDR Vorbild aufgebaut“
Auch n-tv berichtet am 8. Dezember 2004 unter dem Titel „Einheitsschule »Schule in der DDR war besser«“:
In den 60er Jahren brachen zahlreiche finnische Politiker und Lehrer zu einer Reise in die DDR auf. Sie waren auf der Suche nach Anregungen, denn Finnland wollte das Bildungssystem im eigenen Land umkrempeln. Ausgerechnet das DDR-System wurde dabei zum wichtigen Stichwortgeber.“
Auch renommierte Zeitschriften wie der Stern, der in seinem Artikel „Wo der Fernseher beim Lesen hilft“ vom 2. April 2003 über das finnische Bildungswunder berichtet, schneidet dieses Thema an: Geschockt war Linnakylä von den deutschen Ergebnissen in der PISA-Studie - denn die Reform des finnischen Schulsystems Anfang der siebziger Jahre orientierte sich an schwedischen und deutschen Schulen, an sozialistischen deutschen Schulen, wohlgemerkt. Finnische Experten reisten damals in die DDR, um zu prüfen, wie sie ihre Volksschule auf eine neunjährige Gesamtschule umstellen konnten.“
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Im Zeitungsartikel der F.A.Z. vom Samstag dem 09.02.2002 heißt es auf Seite drei: „[…] die finnische Einheitsschule (nach dem Modell der DDR-Einheitsschule) […]“. Der Vergleich mit der DDR wird zwar nur in der Klammer ausgeführt, aber die Behauptung ist auch in diesem Artikel integriert. In vielen Artikeln die nach der Veröffentlichung der PISA-Ergebnisse 2001 und nachdem die Finnen mit ihren guten Abschneiden auf sich aufmerksam gemacht haben, erschienen sind, ist die Bezugnahme zur DDR allgegenwärtig. Aber was ist dran an dieser These? Haben die Finnen wirklich das DDR Schulsystem übernommen bzw. es als Vorbild benutzt? Gab es wirklich finnische Delegationen von Pädagogen und Politikern die sich die Schule der DDR angeschaut haben? Unser akademischer Zweifel gebietet uns, diesen starken Behauptungen mit grundsätzlichen Zweifeln zu begegnen. Im Folgenden werde ich versuchen, den Wahrheitsgehalt dieser Thesen herauszufinden. Als erstes möchte ich die außenpolitischen und vor allem kulturpolitischen Beziehungen zwischen Finnland und der DDR darlegen. Denn ich bin der Meinung, dass dies entscheidende Voraussetzungen sind und nur bei guten Beziehungen finnische Delegationen in der DDR möglich waren und somit auch zum Gedanken Austausch führen konnte.
Der Helsinkier Historiker Hannes Saarinen macht deutlich, dass „Finnland spätestens nach Luther regen Anteil an den politischen, geistigen und kulturellen Entwicklungen in Deutschland“ (Hartmut Lenk, „Finnlands Weg ins Rampenlicht […]“, S. 9) hat. Gute Beispiele dafür sind die deutsche Schule, die deutsche Gemeinde und die deutsche Bibliothek Helsinki. „Wenn es um Innovationsbedarf in verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ging oder geht, dann schaut(e) man in Finnland in der Regel zuerst nach Schweden oder nach Deutschland“, erklärt Hartmut Lenk, Herausgeber des Sonderheftes 10/2006 „FINNLAND - vom unbekannten Partner zum Vorbild Europas?“ auf Seite 9. Die Finnen hatten bis zur Wende auch ein sehr positives Bild von der DDR. Sie schätzten die Leistungen in Sport und Kultur der Deutschen Demokratischen Republik. Auch das Schulsystem, das als „sehr gut“ eingeschätzt wurde, war bekannt. Nach dem Mauerfall und nach dem über Stasi, Mauerschüsse und
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Doping berichtet wurde, geriet jedoch die DDR in Verruf. Sie wurde pauschal verurteilt und die gemeinsame Geschichte wurde zur schweren Belastung. Nichts desto trotz war die DDR das zweitwichtigste sozialistische Land nach der UdSSR und wohl kein anderes westliches Land hatte so enge Beziehungen zur DDR wie Finnland.
Finnland hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg und zu Beginn des Kalten Krieges einer Neutralitätspolitik verschrieben, dies galt auch den beiden deutschen Staaten gegenüber. Nach der deutschen Teilung entbrannte jedoch ein heftiger Wettstreit zwischen Goethe-Institut und DDR-Kulturzentrum und eine deutsch-deutsche Rivalität um die Gunst Finnlands. Der DDR Führung ging es hierbei vor allem um die Anerkennung der Deutschen Demokratischen Republik als souveränen Staat, durch das „fortschrittlichste Land der kapitalistischen Welt“ (Prof. Dr. Seppo Hentilä, „Der Einfluss der DDR auf Finnland“, S. 2) und damit um Gleichberechtigung. Auf diplomatischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene wurden große Anstrengungen unternommen, um dieses außenpolitischen Ziel zu erreichen. Zum Beispiel wurde im Oktober 1960 in Helsinki ein Kulturzentrum von der DDR eröffnet.
Die BRD ihrerseits versuchte ihre Hallsteindoktrin durchzusetzen, um eine Anerkennung der DDR durch Finnland zu verhindern. Wobei, wie oben schon erwähnt, die Finnen ein gutes Bild von der DDR hatten und die finnische Anerkennungsbewegung im eigenen Lande eine breite Basis hatte. Finnland hat schließlich beide deutsche Staaten anerkannt und am 7. Januar 1973 wurden beide deutschen Vertretungen in Finnland zu Botschaften umgewandelt. Somit waren außenpolitisch die Voraussetzungen für einen Kultur- und Bildungsaustausch gegeben und auch von beiden Seiten erwünscht gewesen bzw. gefördert wurden.
Im Folgenden werde ich einen allgemeinen Vergleich zwischen Finnland und der DDR in Bezug auf deren Bildungswesen wagen, dabei werde ich die Vorschulerziehung, Grundschule, sowie den Sekundarbereich I und II beider Länder anreisen. Das Hochschulwesen lasse ich in dieser Betrachtung unbeachtet, da es den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.
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Wenn wir das DDR Schulwesen betrachten, stellt sich die Frage: was den die DDR Schule war? Als Ausgangspunkt bei der Beschreibung des DDR Schulsystems nehme ich das Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem, dass am 25. Februar 1965 Inhalt und Organisation bis zum Ende der DDR festlegte. Zuvor wurde das Bildungswesen in der sowjetischen Besatzungszone nach dem Vorbild der Sowjetunion und der deutschen Reformpädagogik aufgebaut. (vgl. bpb, „Die DDR in den sechziger Jahren“) In Finnland hingegen gab es erst zwischen 1964 und 1968 „Beratungen im finnischen Parlament über eine Schulform, die mehr Chancengleichheit garantiert als das bestehende gegliederte Schulsystem“. (Zentralamt für Unterrichtswesen, S. 8) Eine breite parlamentarische Mehrheit fand sich damals, um ein integriertes Schulwesen für die veraltete Volksschule einzuführen. Zwischen 1973 wurde dann die peruskoule, eine Gemeinschaftsschule oder Gesamtschule, eingeführt. In diesen Zeitraum müssen auch die finnischen Delegationen, sowie deren Experten fallen, die damals das Schulsystem der DDR inspiziert haben sollen. In dem Einheitsschulstruktur bzw. Gesamtschulenmodell liegt die größte Gemeinsamkeit beider Länder. Die DDR hatte bereits seit 1959 die allgemein bildende Polytechnische Oberschule, als Einheitsschule verpflichtend für alle Jugendlichen bis zur zehnten Klasse. Die finnischen Schüler besuchen zwar nur von der ersten bis zur neunten Klasse dieselbe Schulart, aber der Einheitsschulgedanke ist, wie mir Herr Prof. Dr. P., Professor am Lehrstuhl für allgemeine Didaktik an der Universität Erfurt, im Interview bestätigt, der Selbe. Herr Prof. Dr. P. führt weiter aus, dass dieser Gedanke auf die Ideen des deutschen Reformpädagogen Peter Petersen beruht, der bereits vor dem zweiten Weltkrieg eine einheitliche Volksschule für alle gefordert hat. In der DDR konnten dann die Schüler zwischen der Erweiterten Oberschule mit Abiturabschluss, der Berufsausbildung mit Abitur oder der einfachen Berufsausbildung wählen. Die vierjährige Oberschule wurde 1965 zur zweijährigen erweiterten Oberschule und führte zur Hochschulzugangsberechtigung.
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Arbeit zitieren:
Christoph Schneider, 2007, Heißt von Finnland lernen, von der DDR lernen?, München, GRIN Verlag GmbH
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