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Einleitung: Die Herausforderung der Postmoderne 3
1. Zwei Vorwürfe an den Relativismus 4
2. Postmoderne und Holocaust 6
2.1. Vernunftkritik als Antwort auf den Holocaust 6
2.2. Widersprüche und Ambivalenzen 7
2.3. Umstrittene Vordenker 8
3. Die Debatte in der Geschichtswissenschaft 9
3.1. Einige Positionen postmoderner Geschichtstheorie:
Wahrheitseffekte und Diskurse 9
3.2. Die Narrativität historischer Darstellungen 10
3.3. Leugnung des Holocaust als inhärente Konsequenz
Die Kontroverse zwischen Hayden White und Carlo Ginzburg 11
4. Die Verteidigung der Postmoderne 13
4.1. der Positivismus der Leugner 13
4.2. Postmoderne Toleranz und hermetische Ideologien 14
4.3. Synthese: Der Konsens der Zunft als Korrektiv 15
5. Schlussbetrachtung: Plädoyer für einen moderaten Konstruktivismus in der
Geschichtsdidaktik 17
Bibliographie: 19
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Einleitung: Die Herausforderung der Postmoderne
In dieser Arbeit soll der Versuch unternommen werden, eine primär im angloamerikanischen Raum 1 geführte, interdisziplinäre Debatte nachzuzeichnen, welche die möglichen Implikationen des häufig als „postmodern“ 2 rubrizierten erkenntnistheoretischen Paradigmas für die Erforschung und die Darstellung der nationalsozialistischen Judenvernichtung zum Gegenstand hat. Die radikale Erkenntniskritik dieser skeptizistischen Denkrichtung wirft mit einem häufig apodiktischen und nicht selten destruktiven Gestus 3 Fragen um den Charakter der historischen „Wahrheit“ auf, welche bei „traditionellen“ Historikern häufig auf fundamentale Ablehnung stoßen. Bislang zeichnet sich noch keine konsensfähige Synthese ab, was möglicherweise mit dem nicht selten polemischen Charakter der Debatte zusammenhängt, der dazu angetan ist, die Differenzen zwischen einem vermeintlichen nihilistischen Relativismus auf der einen und einem vermeintlichen naiven Realismus auf der anderen Seite zu überbetonen. 4 Der nationalsozialistische Judenmord, seine – zumindest in Annäherung – adäquate Darstellung und die Gefahr seiner Leugnung sind in diesem Zusammenhang von zentraler Bedeutung. Insbesondere für die Didaktik der Geschichte könnte sich angesichts dieses Gegenstandes der Gegensatz von „Konstruktivisten“ und „Objektivisten“ 5 als Unterschied ums Ganze erweisen. Im Folgenden soll der Begriff „Leugnung“ bzw. „Leugner“ im Sinne des engeren Revisionismusbegriffs 6 verstanden werden.
1 Vgl. Evans, Richard J., Fakten und Fiktionen. Über die Grundlagen historischer Erkenntnis, Frankfurt am Main 1998, S. 7.
2 Ich übernehme den Gebrauch dieses denkbar vagen Terminus aus eben dieser angloamerikanischen Debatte. Im Verlauf der Arbeit wird der Begriff zwar mit Inhalt gefüllt werden, auf eine zufrieden stellende Trennschärfe zu Termini wie „Konstruktivismus“ oder „Relativismus“ muss jedoch verzichtet werden. Vgl. auch Daniel, Ute, Kompendium Kulturgeschichte, Frankfurt am Main 2001, S. 150-166; Iggers, Georg G., Zur "linguistischen Wende" im Geschichtsdenken und in der Geschichtsschreibung, in: Geschichte und Gesellschaft, 21 (1995), S. 557-570; Schöttler, Peter, Wer hat Angst vor dem "linguistic turn"?, in: ebd., 23 (1997), S. 134-151., hier v.a. 142f.
3 Vgl. z.B. Keith Jenkins: „[…]die Postmoderne ist nicht etwa eine ‚Ideologie’ oder oder Haltung, der zuzustimmen uns freisteht; Postmoderne ist exakt unsere Lage: Sie ist unser Schicksal“, zit. Nach Evans, Richard J., Fakten, S. 21.
4 Vgl. Daniel, Ute, Kompendium Kulturgeschichte, Frankfurt am Main 2001, S. 157-160.
5 Vgl. Rohlfes, Joachim, Geschichte und ihre Didaktik, Göttingen 2005, S. 386f.
6 Als Revisionismus im weiteren Sinne werden Bestrebungen bezeichnet, die angeblich in der Nachkriegszeit falsch dargestellte Geschichte des Zweiten Weltkrieges und des Dritten Reiches zu Gunsten des Nationalsozialismus zu korrigieren. Das rechtsextremistische Lager ist sich weitgehend darin einig, daß wesentliche Erkenntnisse zur jüngeren deutschen Geschichte, speziell hinsichtlich der Alleinschuld Hitlers am Zweiten Weltkrieg und der massenhaften Ermordung von Juden in deutschen Konzentrationslagern, revidiert werden müßten. Als Revisionismus im engeren Sinne ist die Leugnung der erwiesenen geschichtlichen Tatsache zu verstehen, daß im Verlauf des Zweiten Weltkrieges Millionen europäischer Juden auch in Gaskammern ermordet wurden. Antwort der Bundesregierung auf die kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke und der Gruppe der PDS/Linke Liste in: Bundestagsdrucksache 12/2470, 27. 4. 1992.
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Eine systematische Trennung von der umfassenderen Bedeutung, welche auch die Relativierung der Kriegsschuld und ähnliche Apologetik beinhalten kann, soll jedoch nicht unternommen werden, da dieser Unterschied in der Praxis der Revisionisten häufig nur ein gradueller ist. 7
1. Zwei Vorwürfe an den Relativismus
Ein früher, in der Fachwelt breit rezipierter Beitrag zur Debatte um die Probleme des historischen Relativismus angesichts des Holocaust stellt der 1992 als Ergebnis der Tagung Nazism and the ‚Final Solution’ erschienene Sammelband Probing the Limits of Representation 8 dar. Vorausgegangen war der Tagung eine scharfe Kontroverse über die Natur historischer Wahrheit zwischen Carlo Ginzburg und Hayden White, letzterer ein Vertreter eines stark relativistischen Standpunktes. 9 In seinem Beitrag zum Sammelband rückt Ginzburg White, zu dessen Geschichtstheorie im Folgenden noch mehr zu sagen sein wird, in die Nähe einer faschistisch kompromittierten Theorietradition, die maßgeblich von Giovanni Gentile, einem der einflussreichsten Intellektuellen des italienischen Faschismus, geprägt ist. 10
Die 1994 erschienene Monographie Denying the Holocaust der amerikanischen Historikerin Deborah Lipstadt stellt den frühen Versuch einer umfassenden Darstellung des Phänomens der Holocaustleugnung und der „Methoden“ der Leugner dar. Sie stellt außerdem einen Zusammenhang zwischen der erschütternd unkritischen Rezeption eines in diversen Universitätszeitungen publizierten, den Holocaust leugnenden Artikels und einem „intellektuellen Klima, […]das der akademischen Welt während der beiden vergangenen Jahrzehnte seinen Stempel aufgedrückt hat“ her:
7 Vgl. Brigitte Bailer-Galanda, “Revisionismus” – pseudowissenschaftliche Propaganda des Rechtsextremismus, in: Brigitte Bailer-Galanda, Wolfgang Benz und Wolfgang Neugebauer (Hg.), Die Auschwitzleugner. „Revisionistische“ Geschichtslüge und historische Wahrheit, Berlin 1996, S. 19-38, hier S. 19f. 8 Friedlander, Saul (Hg.), Probing the Limits of Representation. Nazism and the Final Solution, Cambridge u. London 1992.
9 Friedlander, Saul, Introduction, in: (ders.), Probing the Limits of Representation. Nazism and the Final Solution, Cambridge u. London 1992, S. 1-21, hier S.
10 Vgl. Young, James E., Postmoderne Geschichte und der Holocaust, in: Stückrath, Jörn und Jörn Zbinden (Hg.), Metageschichte: Hayden White und Paul Ricoeur; Dargestellte Wirklichkeit in der europäischen Kultur im Kontext von Husserl, Weber, Auerbach und Gombrich, Baden-Baden 1997, S. 139-165., hier S. 146f.
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Die Holocaust-Leugner betreiben ihr Gewerbe zu einem Zeitpunkt, da weite Domänen der Geschichtsschreibung anscheinend frei disponibel geworden sind und Angriffe auf die Tradition der Aufklärung in der westlichen Hemisphäre zur Tagesordnung führen. 11 Ein solches Klima, welches sie expressis verbis dem „Dekonstruktivismus“ anlastet, sei dazu angetan, offenkundigen Fanatismus und antisemitische Propaganda als zwar marginale, aber diskutable Meinung zu etablieren. 12 Vor allem in den USA seien bereits Anzeichen einer solchen diskursiven Verschiebung des Konsens zu beobachten: So wurde Deborah Lipstadt wiederholt von Fernseh -und Radioredakteuren gefragt, ob sie nicht öffentlich mit Leugnern des Holocaust debattieren wolle, schließlich hätten die Zuschauer das Recht, beide ’Seiten der Geschichte’ zu hören. Aber auch an Universitäten kam es vereinzelt zu Kontroversen über angebliche Beschneidungen der Meinungsfreiheit im Zusammenhang mit so genannten Revisionisten, welche laut einer Studentenzeitung auch lediglich ’die Geschichte umdeuten, ein Vorgang, der sich unablässig vollzieht, auch auf dem Campus einer Universität’. 13 Der französische Historiker Vidal-Naquet bemühte in diesem Zusammenhang den Vergleich um den Streit zwischen einem Astronom und einem Laien, in welchem Letzterer behauptet dass der Mond aus Roquefort Käse bestehe. 14
Eine weitere Folge der Veröffentlichung ihres Buches war die Verleumdungsklage des britischen Holocaustleugners David Irving, wegen der Lipstadt sich vor Gericht verantworten musste. In diesem Gerichtsverfahren stand der Verteidigung der britische Historiker Richard Evans, ein renommierter Spezialist für die deutsche Zeitgeschichte, zur Seite. In der Geschichtsfälscher, Evans’ Dokumentation des Irving-Prozesses, bringt auch Evans Revisionismus und „postmodernen Hyperrelativismus“ in einen Zusammenhang. 15
Bereits hier lässt sich zwischen dem Vorwurf einer genetischen bzw. geistesgeschichtlichen und einer effektiven Komplizenschaft postmodernen Denkens zu rechtsradikalem bzw. faschistischem Gedankengut unterscheiden. Beide Momente, also die umstrittenen Vorläufer und Stichwortgeber der Postmoderne als auch die angebliche Erzeugung eines Klimas, von dem Rechtsradikale parasitär profitieren können, erscheinen in der Debatte häufig komplex miteinander verwoben. Im Folgenden soll deshalb versucht werden, ein wenig Licht auf das Verhältnis von „Postmoderne“ und Holocaust zu werfen.
11 Lipstadt, Deborah, Betrifft: Leugnen des Holocaust, S. 35.
12 Lipstadt, Deborah, Betrifft, S. 36f.
13 Vgl. Evans, Richard J., Fakten, S. 222f.
14 Vgl. Klein, Wayne, Truth’s Turning: History and the Holocaust, in: Milchman, Alan und Alan Rosenberg (Hg.), Postmodernism and the Holocaust, Amsterdam u. Atlanta 1998, S. 53-83, hier. S. 55.
15 Vgl. Evans, Richard J., Der Geschichtsfälscher. Holocaust und historische Wahrheit im David-Irving-Prozess, Frankfurt am Main 2001, S. 13f.
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2. Postmoderne und Holocaust
2.1. Vernunftkritik als Antwort auf den Holocaust
Die Aufklärung und ihr Vernunftbegriff, auf die Lipstadt sich emphatisch bezieht, können mit einigem Recht als einer der größten Reibungspunkte der postmodernen Theoriebildung bezeichnet werden. Postmoderne Vordenker wie Jacques Derrida und Michel Foucault haben in ihrem Werk auf die Historizität der synchron als überzeitlich empfundenen Vorstellung von Rationalität hingewiesen und in dem „totalisierenden“ Universalismus der Aufklärung gar eine Ursache für die Judenvernichtung gesehen. Beide bringen die „Moderne“ und den Holocaust in einen Kausalzusammenhang, Foucault etwa spricht vom Genozid als dem „Traum moderner Mächte“. 16
Der Soziologe Zygmunt Bauman, ein prononcierter Vertreter dieser These, beschreibt in Modernity and the Holocaust die „ethische Blindheit“ der modernen, rationalen Bürokratie. 17 Ihre Attribute werden in der klassischen Darstellung Max Webers als „Präzision, Schnelligkeit, Eindeutigkeit, Aktenkundigkeit, Kontiniuierlichkeit, Diskretion, Einheitlichkeit, straffe Unterordnung, Ersparnisse an Reibungen, sachlichen und persönlichen Kosten,“ formuliert, sie gewährleisten die sachliche „Erledigung ‚ohne Ansehen der Person’ nach berechenbaren Regeln“. 18
Für Bauman erklärt sich in dieser Passage in nuce die Blindheit und moralische Indifferenz der Bürokratie gegenüber ihrer Verstrickung in die Verbrechen und die Genese der Massenvernichtung. Ihm zufolge hat die Politik des Nationalsozialismus primär eine Losung bezüglich der Juden ausgegeben: das „Reich“ müsse „judenrein“ werden, gleichgültig auf welche Weise dies erreicht werden solle. Die Konsequenz der Vernichtung hingegen war ein Ergebnis bürokratischer, mithin „rationaler“ Entscheidungen der Weberschen „Experten.“ 19
Des Weiteren identifiziert er im abstrakten Gleichheits- und Fortschrittsdenken der Moderne eine paradoxe Tendenz zur Homogenisierung der Gesellschaft durch Aussonderung und Vernichtung. In Ansichten der Postmoderne beschreibt er die Dialektik von Universalismus und Exklusion wie folgt:
16 Vgl. Milchman, Alan und Alan Rosenberg, Postmodernism and the Holocaust, in: (dies.), Postmodernism and the Holocaust, Amsterdam u. Atlanta 1998, S. 1-23, hier. S. 2 u. S. 9, meine Übersetzung. 17 Vgl. Bauman, Zygmunt , Modernity and the Holocaust, New York 1989.
18 Weber, Max, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Frankfurt am Main 2005, S. 716f.
19 Vgl. Bauman, Zygmunt, Modernity, S. 14f.
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Bernhard Pirkl, 2007, Postmoderne, historischer Relativismus und die Leugnung des Holocaust, München, GRIN Verlag GmbH
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