Inhaltsverzeichnis
1 E i n l e i t u n g S 2
2. Das Gedicht „Mailied“: Menschwerdung in der Natur S 3
2.1 Die Thematik: Natur und Liebe S 3
2.2 Die sprachlich-stilistischen Mittel: Ausdruck einer Parallelität S 4
von Natur und Mensch
2.3 Die Bedeutung der Natur: Synthese von Natur und Mensch S 6
3. Das Gedicht „Frühling übers Jahr“: Sonderstellung des Menschen S 8
3.1 Die Thematik: Natur und Liebe S 8
3.2 Die sprachlich-stilistischen Mittel: Ambiguität im Frühlingsmotiv S 9
3.3 Die Bedeutung der Natur: Abgrenzung des menschlichen Wesens S 10
4. Zwei unterschiedliche Naturbilder S 11
4.1 Naturerlebnis und Naturbetrachtung S 11
4.2 Begründungsansätze: Epochenwandel und Goethes Beziehungen S 12
zu Frauen
5. Schlussbetrachtung S 14
Literaturverzeichnis S 16
A n h a n g S 1 8
1
1 Einleitung
Gegenstand dieser Arbeit sind die beiden motivähnlichen Gedichte „Mailied“ (1771) und „Frühling übers Jahr“ (1816) von Johann Wolfgang v. Goethe (1749-1832). Die Untersuchung dieser Gedichte fixiert sich auf die jeweilige Rolle der Natur. Um das Jahr 1783 schreibt Goethe selbst:
Im Rückblick auf seine Erkenntnisentwicklung schreibt er jedoch im Jahre 1828:
Diese beiden Aussagen Goethes werden als Hinweis für einen Wandel in der Naturauffassung des Verfassers genommen. Entsprechend werden die beiden Gedichte auf konträre Naturbilder hin untersucht. Dabei stützen sich die ermittelten Ergebnisse in erster Linie auf die in der Sekundärliteratur enthaltenen Studien und Interpretationen. Die Gedichte werden im zweiten und dritten Kapitel zunächst getrennt voneinander behandelt, wobei die jeweilige Analyse folgende Gliederung aufweist: zur Einleitung in die Thematik wird in einem Unterpunkt der allgemeine Inhalt des Gedichts dargestellt und gegliedert. Ab dem zweiten Unterkapitel fixiert sich die Untersuchung auf das zentrale
1 Goethe, Johann Wolfgang v.: Die Natur. Fragment. In: Werke. Hamburger Ausgabe, Band 13. Hrsg. von
Erich Trunz. München 1982, S.45 – 49. Hier S.45.
2 Ebd., S.48
2
Naturmotiv. Dort werden Ergebnisse der Analyse sprachlich-stilistischer Mittel dargestellt, die bereits Ansätze zum Naturbild des Verfassers liefern. Im dritten Unterkapitel folgt die Beschreibung des aus dem jeweiligen Gedicht hervorgehenden Naturbildes. Das vierte Kapitel beinhaltet den Vergleich der ermittelten Ergebnisse. Dabei werden zentrale Aspekte der Naturauffassungen gegenübergestellt. Außerdem werden mögliche Begründungsansätze für eine Unstetigkeit in Goethes Naturauffassung dargelegt.
2 Das Gedicht „Mailied“: Menschwerdung in der Natur
2.1 Die Thematik: Natur und Liebe
Das Gedicht „Maifest“ entstand im Jahr 1771 und wurde vom Verfasser im Jahr 1789 in „Mailied“ umbenannt, blieb jedoch vom Inhalt her unverändert. 3 Es besteht aus 9 Strophen mit jeweils 4 Versen (s. Anhang).
Kurt May bezeichnet den Beginn des Gedichts „[...] als Ausdruck überschwänglicher, plötzlicher und erstaunter Betroffenheit [...].“ 4 Mit einem Ausruf offenbart das lyrische Ich in den ersten beiden Versen seine Begeisterung für die ihm leuchtende Natur. Diese frühlingshafte Natur wird in den folgenden Versen der ersten und zweiten Strophe genauer charakterisiert, indem beschrieben wird, wie die Sonne glänzt (I, 3), die Flur lacht (I, 4) und Blüten aus den Zweigen dringen (II, 1-2). Die Natur erwacht zum Leben und es sind dabei tausend Stimmen aus dem Gesträuch zu hören (II, 3-4). Das Glücksgefühl des lyrischen Ichs über die sich ihm öffnende Natur wird in der dritten Strophe konkreter beschrieben: „Freud und Wonne, Glück und Lust, in dieser Redundanz der Gefühlsworte, deren semantischer Unterschied unwichtig ist, spricht sich die überquellende Lebenslust des Subjekts aus.“ 5 Dieses Glücksgefühl wird in der darauffolgenden Strophe nochmals konkretisiert, indem hier die Liebe Einzug in die Thematik erhält und mit der Schönheit von Morgenwolken (IV, 3) verglichen wird. Dieser Vergleich von Natur und Liebe wandelt sich in der fünften Strophe zu einem kausalen Verhältnis: die Liebe wird mit einem „Du“ angeredet. Liebe erscheint als „Lebensspenderin, die die [...] Seele des Naturschaffens ist[...]“ 6 und die ganze Welt umfasst.
3 Vgl. May, Kurt: Drei Goethesche Gedichte. In: Die Werkinterpretation. Hrsg. von Horst Enders. Darmstadt 1978, S. 312-336. Hier S.314.
4 Ebd., S.330.
5 Gnüg, Hiltrud: Entstehung und Krise lyrischer Subjektivität. Stuttgart 1983. S.74.
6 Ebd.
3
Als Ursache für die überschwängliche Freude des lyrischen Ichs steht nun die Liebe, denn „[...] es ist Glück über die Liebe und Glück der Liebe;[...] sie ist im Dringen von Blüten, Stimmen und Wonne, sie ist in der Zuwendung der Natur.“ 7 In den letzten 4 Strophen wird die Liebe des lyrischen Ichs zu einem Mädchen gefeiert. Diese menschliche Liebe wird hier wechselseitig dargestellt: „Wie lieb ich dich!“ (VI, 2), „Wie liebst du mich!“ (VI, 4). Außerdem wird die Art der Zuneigung des lyrischen Ichs zu dem Mädchen durch einen Vergleich mit der Natur verdeutlicht: „So liebt die Lerche / Gesang und Luft“ (VII, 1-2), „Wie ich dich liebe“ (VIII, 1). Die Liebe des Mädchens erzeugt im lyrischen Ich eine Lebenslust, die von „Freud und Mut“ (VIII, 4) geprägt ist und „Zu neuen Liedern / Und Tänzen [...]“ (IX, 1-2) anregt. Das Gedicht endet mit dem Wunsch, das Mädchen solle in der Liebe zum lyrischen Ich ewig glücklich sein (IX, 3-4).
Die inhaltliche Gliederung ist somit dreigeteilt: die ersten drei Strophen beschreiben das Glücksgefühl des lyrischen Ichs über die frühlingshafte Natur, während dieses Glück in der vierten und fünften Strophe, mit der Liebe als eine Art treibende Kraft in der Natur und der ganzen Welt, genauer benannt wird. In den letzten vier Strophen offenbart dann das lyrische Ich seine Liebe zu einem Mädchen.
2.2 Die sprachlich-stilistischen Mittel: Ausdruck einer Parallelität von Natur und
Mensch
Beim Betrachten der sprachlich-stilistischen Mittel fällt besonders auf, dass Goethe diese gezielt zum Ausdruck eines sich steigernden Gefühls des lyrischen Ichs einsetzt. So ist das Gedicht gespickt mit Ausrufen, welche eine erhöhte Stimmung ausdrücken. Angefangen mit den Ausrufen in Strophe eins („Wie herrlich leuchtet“) und Strophe drei („O Erd, o Sonne! / O Glück, o Lust!“) evoziert das Gedicht mit den Ausrufen (bzw. Anaphern) „O Lieb’, o Liebe!“ (IV, 1) und „O Mädchen, Mädchen“ (VI, 1) einen Stimmungshöhepunkt: in seinem Verlauf steigert sich das Mailied somit „[...] zum Schrei, im Jubelruf klingt fast schon das Stöhnen des Erstickenden mit [...]“. 8 Diese Gefühlssteigerung des lyrischen Ichs geht einher mit der Schönheit der frühlingshaften Natur. So verdeutlichen „Hyperbeln der Üppigkeit [...]“ 9 , wie sie in der zweiten Strophe zu sehen sind, eine Parallelität zwischen Individuum und Natur: „Die Natur drängt zur Blüte,
7 Pietzcker, Carl: Goethe: „Mailied“. In: Zum jungen Goethe. Hrsg. von Wilhelm Große. Stuttgart 1982, S. 49-
64. Hier S.52.
8 Storz, Gerhard: Vier Gedichte von Goethe. In: Wege zum Gedicht. Hrsg. von Rupert Hirschenauer und
Albrecht Weber. München; Zürich 1968, S. 119-129. Hier S.122.
9 Gnüg: Lyrische Subjektivität, S.74.
4
und drängend ist die Glücksempfindung des Ichs [...].“ 10 Mit den Ausrufen „O Erd’, o Sonne! / O Glück, o Lust!“ (III, 3: bezogen auf die Natur; III, 4: bezogen auf den Menschen) wird diese Parallelität genauso zum Ausdruck gebracht wie durch die Personifikation der lachenden Flur (I, 4).
Besonders auffallend ist in diesem Gedicht das Wort „wie“: insgesamt neun mal kommt es vor. Klaus Weimar erkennt dabei, dass dieses Wort in drei verschiedenen Varianten auftaucht: zunächst nur als Ausruf in der ersten und sechsten Strophe, dann aber mit der Funktion zum Vergleich von Liebe und Natur in den Strophen vier und acht. In der neunten Strophe wird das Wort zum Ausdruck des Glücks gegenseitiger Liebe zwischen dem lyrischen Ich und dem Mädchen eingesetzt. 11 Dieses „wie“ setzt jedoch auch wieder Natur und Mensch in Beziehung zueinander: so wie die Lerche Gesang und Luft liebt (VII, 1-2), so liebt das lyrische Ich sein Mädchen (VIII, 1).
Hinsichtlich der Versgestalt ist zu erkennen, dass es sich um einen zweihebigen Jambus handelt. Allerdings gibt es Unterschiede in der Betonung der Versenden: der jeweils erste und dritte, sowie der jeweils dritte und vierte Vers, sind in ihrem rhythmischen Verlauf gleich. Die Verse eins und drei einer Strophe enden mit weiblicher Kadenz, während die Verse zwei und vier mit männlicher Kadenz enden. Betrachtet man sich diese Alternierung der Kadenzen vor dem Hintergrund zahlreich vorhandener Enjambements, so fällt auf, dass „[...] der Vers nicht mit einem Satz zusammenfällt [...].“ 12 Vielmehr bildet der vorangehende Vers mit dem nachfolgenden eine rhythmische Einheit, wobei der nachfolgende Vers wie ein „[...] antwortendes Echo [...]“ 13 auf den vorausgehenden wirkt. Dadurch wird ein unbegrenzter und kontinuierlicher Jubel des lyrischen Ichs betont: ein Vers fordert zugleich den nächsten.
Diese Begeisterung des lyrischen Ichs erfährt ihren Höhepunkt in den letzten drei Strophen, wo die Liebe zu einem Mädchen dargestellt wird. Diese sind „[...] unter Nichtachtung der Strophengrenzen (Strophenbrechung) zu einem langen Satz verbunden [...].“ 14 So machen nicht nur Enjambements auf die Unbegrenzbarkeit des erschwingenden Gefühls des lyrischen Ichs aufmerksam, sondern nicht einmal „[...] die Strophe kann solchem Strömen und Drängen Grenze sein [...]“ 15
10 Gnüg: Lyrische Subjektivität, S.74.
11 Vgl. Weimar, Klaus: Goethes Gedichte 1769-1775. Interpretationen zu einem Anfang. Paderborn; München; Wien; Zürich 1982. S.33.
12 Müller, Joachim: Wirklichkeit und Klassik. Beiträge zur deutschen Literaturgeschichte von Lessing bis Heine. Berlin 1955. S.209.
13 Storz: Vier Gedichte, S.121.
14 Wiegand, Julius: Zur lyrischen Kunst Walthers, Klopstocks und Goethes. Tübingen 1956. S.88. 15 Storz: Vier Gedichte, S.121.
5
Arbeit zitieren:
Christoph Neumann, 2007, Goethes Naturbild im Wandel - Eine Untersuchung anhand der Gedichte "Mailied" und "Frühling übers Jahr", München, GRIN Verlag GmbH
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