Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Lessing und seine Zeit. 4
3. Lessings Theorie. 6
4. Corneilles Theorie 8
5. Kritikpunkte Lessings an der französischen klassizistischen Tragödie im
Allgemeinen und Corneille im Besonderen 11
5.1 die Affekte 12
5.2 die Reinigung der Leidenschaften 14
5.3 der Held. 15
5.4 die drei Einheiten 17
6. Schluss. 20
7. Literaturverzeichnis. 22
2
1. Einleitung
Meine nun folgende Arbeit hat das Verhältnis Lessings zur französisch klassizistischen Tragödie, im Besonderen zu Corneille, zum Thema. Vor allem mit Bezug auf Aristoteles übte Lessing scharfe Kritik an Corneille. Ich möchte zunächst den Kontext beider Autoren erläutern und die jeweilige Dramentheorie in groben Zügen umreißen. Mein Augenmerk liegt dabei auf Lessing, der im Mittelpunkt dieser Darstellung steht. Danach werde ich im Einzelnen auf die Kritikpunkte Lessings eingehen. Dabei beschäftigen mich auch die Fragen, inwieweit Lessing ‚Recht hat’ mit seinen Vorwürfen, beziehungsweise einen Schritt weiter gedacht, ob diese Frage überhaupt legitim oder zu beantworten ist. Oder auch ob es gar notwendig ist, eine Antwort zu finden, das heißt, ob es nicht vielmehr kritisch zu beurteilen ist, sich einem Vorbild so sehr zu verschreiben, das es als alleiniger ästhetischer Maßstab für die ‚wahre’ Tragödie gilt.
Letztlich noch eine wichtige Begriffsklärung, die ich der Hausarbeit voranstellen möchte, nämlich die Unterscheidung von ‚Klassik’ und ‚Klassizismus’. Literaturwissenschaftlich gesehen bezeichnet die Klassik die Epoche eines Landes, in der das literarische Schaffen als mustergültig und normbildend angesehen wird. Der Klassizismus hingegen ist „jeder antikisierende Kunststil[…], der durch Überwiegen der rezeptiven, mehr epigonalen Einstellung über die produktive von der Klassik selbst geschieden wird.“ 1 Das Besondere ist, dass beide im Frankreich des 17.Jahrhunderts zusammenfallen. Es findet sowohl eine starke Orientierung an der Antike, vor allem an Aristoteles, statt, als auch das Herausbilden eines „solche[n] Maß[es] an Vollkommenheit und Eigenständigkeit […], daß […] selbst wiederum späteren Generationen als Modell dienen kann.“ 2 Da es in meiner Arbeit vorwiegend um den Aspekt des Bezugs auf die antiken Vorbilder geht, werde ich von dem ‚französischen Klassizismus’ sprechen.
1 Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur. 8., verbesserte und erweiterte Auflage. Stuttgart: Kröner 2001, S. 415.
2 Französische Literaturgeschichte. Hrsg. von Jürgen Grimm. 3., um die frankophone Literatur außerhalb Frankreichs erweiterte Auflage. Stuttgart: Metzler 1994, S. 136.
3
2. Lessing und seine Zeit
Gotthold Ephraim Lessing lebte von 1729 - 1781. Er entstammt einem protestantischen Pfarrhaus und so war auch seine Schulbildung auf das Amt des Pfarrers hin ausgerichtet. Dementsprechend beschäftigte er sich überwiegend mit den alten Sprachen (Latein, Griechisch, Hebräisch) und nur kaum mit zeitgenössischer Literatur. Dennoch begann er bereits während seiner Zeit an der Fürstenschule St. Afra in Meißen mit ersten schriftstellerischen Tätigkeiten, allen voran mit dem Rezensieren. Hierfür nutzt er die dialogische Form, in der der Leser direkt angesprochen und miteinbezogen wird, meist in polemischer Form. Dies wird für Lessing charakteristisch bleiben, was wir an den späteren Kritikpunkten am französischen Theater sehen werden.
Neben der Literaturkritik wird auch das Theater zu seiner Leidenschaft. Eines seiner größten Verdienste ist dabei die Entwicklung des so genannten Bürgerlichen Trauerspiels, als erstes „Miss Sara Sampson“, das 1755 uraufgeführt wurde. Damit hat er die bis dahin bestehenden Gattungsgrenzen aufgebrochen und Bürgerliche als Protagonisten der Tragödie gewählt. Auch damit zeichnet er sich als einer der wichtigsten Vertreter seiner Zeit, der Aufklärung, aus. Doch wovon war diese Zeit des Umbruchs geprägt?
Das ‚Deutschland’ (damals ein Konglomerat von Herzog-und Fürstentümern) seiner Zeit hatte vor allem mit der verheerenden Wirkung des Dreißigjährigen Krieges (1618-48) und der territorialen Zersplitterung zu kämpfen. So konnte von einer Einheit nicht gesprochen werden. Jedes Fürstentum hatte seine eigenen Gesetze und Verordnungen. „Einzige[r] hauchdünne[r] und schwache[r] Träger der Einheit [waren] Sprache und Literatur.“ 3 Es gab jedoch den Ruf nach nationaler Einheit und der ging von der erstarkenden bürgerlichen Schicht aus, die zunehmend ein gemeinsames Bewusstsein entwickelte und ihre Emanzipation anstrebte: Das deutsche Bürgertum erkannte, daß es als Klasse auch besondere, innere Probleme, besondere eigenen Klasseninteressen hatte, die jeder einzelne Angehörige dieser Klasse Tag für Tag verletzt fühlte, die nun durch die Öffentlichkeit der Bühne dem Publikum als die Interessen einer Klasse, einer Gemeinschaft erschienen. 4
3 Almasi, Nikolaus: Lessings “Hamburgische Dramaturgie” (1.Teil). In: Weimarer Beiträge III (1957), S. 535.
4 Ebenda, S. 542.
4
Aus diesem Klassenbewusstsein entsprang die Abgrenzung gegenüber der herrschenden Aristokratie und das sich daraus ergebende Spannungsverhältnis; die Stärken und Schwächen beider Klassen machte Lessing zu einem wichtigen Thema seiner Dramen. 5 Doch bis es zu diesem entscheidenden Schritt, einer Umfunktionierung der Literatur zu bürgerlichaufklärerischen Modellen, kommen sollte, war es ein weiter Weg für Lessing, der ihn über die Ablehnung des bisherigen Vorbilds, der französischen klassizistischen Tragödie, führte. Diese Sicht Lessings war Resultat eines Prozesses, den ich nun in einer Erläuterung der lessingschen Theorie kurz darstellen möchte.
5 vgl. Almasi, Nikolaus: Lessings „Hamburgische Dramaturgie“ (2.Teil). In: Weimarer Beiträge IV (1958), S.2.
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3. Lessings Theorie
Lessing ist in eine Zeit hineingeboren, die stark geprägt war von dem Literaturkritiker und Dichter Gottsched. Drei Jahre nach Lessings Geburt und gut 20 Jahre vor seinem ersten Bürgerlichen Trauerspiel konstatierte Gottsched über die Lage des Theaters in Deutschland: […] so war doch in meinem Vaterlande keine Gelegenheit, eine Komödie oder Tragödie spielen zu sehen […]. Ich mußte mir also diese Lust vergehen lassen, bis ich im Jahre 1724 nach Leipzig kam und daselbst Gelegenheit fand, die privilegierteren dresdnerischen Hofkomödianten spielen zu sehen […] allein ich ward auch die große Verwirrung bald gewahr, darin diese Schaubühne steckte. Lauter schwülstige und mit Harlekinlustbarkeiten untermengte Haupt- und Staatsaktionen, lauter unnatürliche Romanstreiche und Liebesverwirrungen, lauter pöbelhafte Fratzen und Zoten waren dasjenige, so man daselbst zu sehen bekam. 6
Gottsched war nun der Meinung, dass es der Orientierung an ausländischen Vorbildern bedürfe, damit sich eine anständige deutsche Literatur entwickeln könne. Da im 18.Jahrhundert weitestgehend jedem Gebildeten in Deutschland das Französische geläufig war, zog er das französische Nationaltheater des ‚siècle classique’ heran. Auch Lessing erachtete dies anfangs als sinnvoll, im Laufe der Jahre kamen jedoch zunehmend Zweifel auf. Er beklagte die Einseitigkeit, dass eben nur das französische Theater herangezogen wurde, was wiederum zu einer Einförmigkeit des deutschen Theaters führe und überhaupt entspräche dem deutschen Naturell vielmehr das englische Drama. 7 Die Zäsur bei Lessing, die den Ausgangspunkt für eine eigenständige Literaturtheorie bildete, zeigt sich überaus deutlich im so genannten ‚17.Literaturbrief’, der 1759 in der von Nicolai herausgegebenen Zeitschrift ‚Briefe, die neueste Literatur betreffend’ erschien. Darin heißt es: Niemand, sagen die Verfasser der Bibliothek, wird leugne, daß die deutsche Schaubühne einen großen Teil ihrer ersten Verbesserung dem Herrn Professor Gottsched zu danken habe. Ich bin diese Niemand; ich leugne es gerade zu. Es wäre zu wünschen, dass sich Herr Gottsched niemals mit dem Theater vermengt hätte. Seine vermeinten Verbesserungen betreten entweder entbehrliche Kleinigkeiten, oder sind wahre Verschlimmerungen. 8
6 Meyer, Hans (Hrsg.): Meisterwerke deutscher Literaturkritik. Aufklärung, Klassik, Romantik. Stuttgart: Henry Goverts Verlag 1962, S.45.
7 vgl. Lessing, Gotthold Ephraim: Werke. Frühe kritische Schriften (III:Band). Dramstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1972, S. 356-359.
8 Nicolai, F., Lessing, G.E., Mendelssohn, M.: Briefe die neueste Literatur betreffend. 24 Theile in 4 Bänden. I. -VI. Theil. Hildesheim, New York: Georg Olms Verlag 1974, S. 97.
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Arbeit zitieren:
Janine Kapol, 2007, Lessing und die französische klassizistische Tragödie, München, GRIN Verlag GmbH
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