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Fortschreibung und Wandel des Mädchen- und Frauenbildes in der Mädchenliteratur der letzten 150 Jahre

Examensarbeit, 2005, 144 Seiten
Autor: Veronica Schneppat
Fach: Germanistik - Gattungen

Details

Kategorie: Examensarbeit
Jahr: 2005
Seiten: 144
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 54  Einträge
Sprache: Deutsch

Archivnummer: V71602
ISBN (E-Book): 978-3-638-62109-0

Dateigröße: 668 KB
Anmerkungen :
Grundlagenarbeit, die einen guten Überblick über die Entwicklung der Mädchenliteratur gibt, angefangen von der sogenannten Backfischliteratur bis zu aktuellen Titeln. Nach einem umfassenden Theoretieteil, der u.a. geschichtliche Aspekte sowie die Stellung der Frau berücksichtigt, erfolgt eine Analyse ausgewählter Mädchenbücher. Die Arbeit wurde von beiden Prüfern mit Sehr gut (1,0) bewertet.



Textauszug (computergeneriert)

Universität Osnabrück

Fortschreibung und Veränderung des Mädchenund
Frauenbildes in der Mädchenliteratur der
letzten 150 Jahre

Examensarbeit

vorgelegt von: Veronica Pries

2005

 

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort ... 4

2 Einleitung ... 7
2.1. Eingrenzung des Analysegegenstands ... 7
2.2. Erläuterung der Vorgehensweise ... 9

Erster Teil ... 11

3. Definition: Mädchenliteratur ... 11
3.1. Allgemeine Definition ... 11
3.2. Die Geschichte der Mädchenliteratur ... 15
3.3. Kritik am Mädchenbuch ... 28

4. Das „typische” Mädchenbuch ... 31
4.1. Zielgruppe ... 32
4.2. Themen ... 33
4.3. Funktion ... 41
4.4. Erzählstrukturen ... 43
4.5. Mädchenbild ... 46

5 Das Frauenbild in der Gesellschaft ... 49

6. Rollenspezifische Sozialisation ... 58
6.1 Erziehung ... 61
6.2. Bildung ... 63
6.3 Abweichen von traditioneller Geschlechtersozialisation ... 71
6.4. Aktuelle Veränderungen ... 73

Zweiter Teil ... 78

7 Analyse ... 78
7.1 Clementine Helm: Backfischchens Freuden und Leiden ... 80
7.2 Else Ury: Nesthäkchen - Serie ... 94
7.3 Emma Gündel: Elke der Schlingel ... 104
7.4 Enid Blyton: Hanni und Nanni ... 111
7.5 Dagmar Chidolue: Aber ich werde alles anders machen ... 118
7.6 Christian Bienik: Knutschen erlaubt ... 129

8 Fazit und Schlussbemerkung ... 134

9. Literaturverzeichnis ... 139
Primärliteratur ... 139
Sekundärliteratur ... 140


1. Vorwort

Noch heute lesen viele Mädchen phasenweise gerne Mädchenbücher - und das unabhängig von sozialer Herkunft und Schulbildung. So habe auch ich in meiner Kindheit und Jugend Bücher wie „Der Trotzkopf” und Serien à la „Hanni & Nanni” gerne gelesen, wenn ich sie nun auch mit kritischer Distanz betrachte. Da Mädchenbücher einen nicht unerheblichen Anteil an der weiblichen Sozialisation haben, lohnt es sich allemal, sich näher mit dieser Gattung zu befassen.
Bevor ich jedoch die näheren Gründe erläutere, die mich dazu bewogen haben, mich mit dem Thema Mädchenbild in der Mädchenliteratur zu beschäftigen, werde ich zunächst einige Passagen aus Christine de Pizans: Das Buch von der Stadt der Frauen wiedergeben.
Bei meiner Literaturrecherche war ich sehr erstaunt, einen solch progressiven und in seinen Aussagen und Forderungen klar formulierten Text zum Verhältnis der Geschlechter und zum Frauenbild zu finden, der nicht etwa den Emanzipationsbewegungen der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts entspringt, sondern ein Zeugnis des Spätmittelalters aus dem Jahr 1405 ist!
Christine de Pizan beabsichtigte, das „durch die Kirche verfestigte Zerrbild von der Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechts zu widerlegen und den Neuentwurf eines Frauen-und Menschenbildes vorzustellen”1. Dabei sollte die Fremdbestimmung durch den Mann, die zugleich Ausschluss von Bildung, Qualifizierung und Subjektwerdung bedeutete2, durch individuelle Selbstbestimmung ersetzt werden.
Im fiktiven Dialog zwischen Frau Vernunft und Christine wird diese über das verbreitete Trugbild von der Frau als (geistig) minderwertiges Wesen und dessen Ursachen aufgeklärt:

„Weißt du denn, warum Frauen weniger wissen? [...] Ganz offensichtlich ist dies darauf zurückzuführen, dass Frauen sich nicht mit so vielen Dingen beschäftigen können, sondern sich in ihren Häusern aufhalten und sich damit begnügen, ihren Haushalt zu versehen. [...] Das hängt mit der Struktur der Gesellschaft zusammen, die es nicht erfordert, dass Frauen sich um das kümmern, was [...] den Männern aufgetragen wurde.
[...] Und so schließt man vom bloßen Augenschein, von der Beobachtung darauf, Frauen wüssten generell weniger als Männer und verfügten über eine geringere Intelligenz.”3

Christine de Pizan glaubte, dass die Gesellschaft Schuld an dem diesem Frauenbild ist, da Frauen und Männern keine gleiche Erziehung und Bildung zuteil wurde:

„[...] Wenn es üblich wäre, die kleinen Mädchen eine Schule besuchen und sie im Anschluss daran, genau wie die Söhne die Wissenschaften erlernen zu lassen, dann würden sie genauso gut lernen und die letzten Feinheiten aller Künste und Wissenschaften ebenso mühelos begreifen wie jene.”4

Die Autorin übt an denjenigen Männern Kritik, die ihren Töchtern und Ehefrauen Bildung verweigern. Sie schreibt, dass diese Männer Unrecht haben und dass sie die Meinung - Bildung sei für die Moral der Frauen abträglich - nur deswegen verbreiten,”[...] weil es ihnen missfiele, wenn Frauen ihnen an Wissen überlegen wären.”5
Diese Aussagen spiegeln die bis in das 21. Jahrhundert reichenden Vorurteile gegenüber dem „weiblichen Geschlecht” wieder. Zugleich findet man eine solch offene Kritik an der polaren Geschlechterphilosophie in späteren Epochen nicht oft. Stattdessen wurde das im 18. Jahrhundert von den Philanthropen propagierte Idealbild der Frau als Hausfrau, Mutter und Gattin zunehmend verinnerlicht, ohne sich der in ihm liegenden Widersprüche bewusst zu werden. Diese Widersprüche bestanden darin, dass der Frau aufgrund ihrer allgemeinen Bestimmung als Mensch zunächst dieselben (Menschen-) Rechte zugestanden werden mussten wie dem Mann. Diese Rechte wurden der Frau faktisch jedoch wieder abgesprochen, da sie zugunsten der Gesellschaft auf ihre eigenen Bedürfnisse verzichten und ihrer, bereits genannten, dreifachen Bestimmung als Frau nachkommen musste6. Die Festschreibung auf den häuslichen Tätigkeitsbereich erfolgte aufgrund des angeblich weiblichen Geschlechtscharakters, der der Frau Eigenschaften wie Emotionalität, Passivität und körperliche Schwäche zuschrieb – Eigenschaften, die als nicht geeignet erschienen, um (wie der Mann) ins außerhäusliche (Erwerbs-) 7Leben zu treten.
Im Rahmen der Zwischenprüfung für das Lehramt an Grund-, Haupt- und Realschulen habe ich mich bereits mit dem Frauen-und Männerbild in der Literatur auseinandergesetzt, dabei jedoch die phantastische Kinder-und Jugendliteratur Astrid Lindgrens fokussiert. Das Frauenbild in der spezifischen Mädchenliteratur ist somit mehr oder weniger Neuland für mich, das ich im Rahmen dieser Arbeit erkunden möchte.

Inwiefern sich bei dem überlieferten Rollenbild im Laufe der Zeit etwas verändert hat, Frauen und Männer als gleichwertig und emanzipiert dargestellt werden oder ob auch in aktuellen Mädchenbüchern alte Muster von der Geschlechtspolarität lediglich im neuen Gewand vermittelt werden; welche Rolle das Mädchenbuch bei der geschlechtsspezifischen Sozialisation spielt und wie die gesellschaftliche Realität früher und heute aussah – dieses sind alles Fragen, die ich im Laufe der Arbeit zu beantworten suche.
Diese Arbeit beschränkt sich dabei jedoch nicht auf literaturwissenschaftliche Fragestellungen, sondern behandelt auch soziologische, pädagogische und geschichtswissenschaftliche Aspekte.


2 Einleitung

2.1. Eingrenzung des Analysegegenstands

Unter dem Begriff Literatur als „Buchstabenlehre“ oder „Kunst des Lesens und Schreibens” versteht man im weiteren Sinn alle Schriftwerke (vgl. Literaturlexikon). Obwohl Mädchenliteratur als ein Teilbereich der Kinderund Jugendliteratur diesen Begriff bereits eingrenzt, gibt es auch hier eine riesige Spannbreite.

Aufgrund der Weite des Begriffs „Mädchenliteratur“ und der Möglichkeiten im Rahmen der Schriftlichen Hausarbeit, sehe ich es somit als notwendig an, den Untersuchungsgegenstand einzuschränken.

Wenn Mädchenliteratur all die Schriftstücke meint, die Mädchen als Adressaten haben, so umfasst diese ein weites Feld von Büchern (Fiktive Erzählungen, Sachbücher, Serielle Literatur, Comics), Zeitschriften und anderen auf Schriftsprache basierenden Medien wie PC und Internet.

Dazu tritt noch das Problem der Altersstufen hinzu: Gibt es überhaupt klar voneinander abgrenzbare Altersstufen? Ist es möglich, Altersstufen abhängig bestimmte Literatur zu intendieren und ist dieses auch notwendig? Welche Literatur ist für welches Alter geeignet?

Ich werde in dieser Arbeit fiktionale Texte in Buchform untersuchen, es sind allesamt Erzählungen mit einer Ich-Erzählerin, oder einem auktorialen bzw. personalen Erzähler. Lediglich Hedi Wyss′ Das rosarote Mädchenbuch findet als Sachbuch Eingang in diese Arbeit, da es meiner Meinung nach ein Buch ist, dass als Vertreter der emanzipatorischen Mädchenliteratur einen großen Beitrag zur Hinterfragung der Geschlechterrollen leistet und Mädchen zu „einem neuen Bewusstsein [ermutigt]”8.

[...]


1 Kleinau, Elke/ Mayer, Christine (Hrsg.): Erziehung und Bildung des weiblichen Geschlechts. Eine kommentierte Quellensammlung zur Bildungs- und Berufsbildungsgeschichte von Mädchen und Frauen. Band 1. Deutscher Studien Verlag, Weinheim, 1996. S. 18

2 Vgl. a.a.O., S. 19

3 Kleinau/ Mayer, S. 20

4 Kleinau/ Mayer, a.a.O., S. 20

5 Kleinau/ Mayer, a.a.O., S. 22

6 Vgl. Jonach, Michaela: Väterliche Ratschläge für bürgerliche Töchter. Mädchenerziehung und Weiblichkeitsideologie bei Joachim Heinrich Campe und Jean-Jacques Rousseau. Peter Lang, Frankfurt am Main, 1997. Seite 87

7 Vgl. Grenz, Dagmar: Mädchenliteratur. In: Günter Lange (Hrsg.): Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur. Band 1. Schneider-Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler, 2000 (2. Auflage). Seite 335

8 Untertitel von: Wyss, Hedi: Das rosarote Mädchenbuch. Ermutigung zu einem neuen Bewusstsein. Hallwag Verlag. Bern und Stuttgart, 1973


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