von Interessen konstruiert und gepflegt werden. Damit steht also die Geltung der Norm insgesamt in Frage. Abweichendes Verhalten ist also nicht aus sich heraus abweichend oder gar kriminell, sondern wird immer durch die entsprechenden Normsetzer und Normanwender definiert. Wer speziell die Normsetzer sind und welchen diskursiven Ursprung eine Norm hat, lässt der Etikettierungsansatz weitestgehend offen. Vielmehr ist der Prozess entscheidend, in dem ein Akteur als abweichend bezeichnet wird und welche Folgen es für seine Entwicklung hat.
Die Etikettierungstheorie geht davon aus, dass zunächst eine relativ unbedeutende aber auffällige Verhaltensweise ausreicht um einen Akteur als abweichend zu definieren und ihn in Interaktionsprozessen mit bestimmten Gruppenmerkmalen oder Vorurteilen stigmatisiert. Aufgrund dieser Etikettierung werden Bezugsgruppen aufmerksamer gegenüber dem Akteur und weitere Auffälligkeiten werden unter dem Aspekt von Normverletzungen betrachtet. Dabei erfolgt diese Normanwendung selektiv, also gleiche Verhaltensweisen werden personen- und situa tionsspezifisch anders eingeschätzt. Es werden beispielsweise einem 15jährigen, der ohne Fahrschein von einem Straßenbahnkontrolleur erwischt wird eher vorsätzliche Motive unterstellt, als einer aufgeregt in ihrer Handtasche kramenden alten Dame mit der Ich-werde-immer-vergesslicher-Begründung. Eine ähnliche Selektivität kann aber ebenfalls von formellen Instanzen ausgehen, deren Entscheidungsträger Akteure mit bestimmten Alltagswahrnehmungen sind. So sind beispielsweise Beamte in Jugendämtern oder Staatsanwälte keinesfalls ausgeschlossen von Stigmatisierungsprozessen. Sie können diese annehmen und verstärken auch wenn ihre Intention entgegengesetzt ist. Der Knackpunkt einer Etikettierungsbiographie setzt ein, wenn das negative Bild der als deviant gelabelten Person von einer Fremdwahrnehmung zur Selbstwahrnehmung wird. Der Akteur befindet sich von nun an in stiller Opposition zu den anderen Gesellschaftsmitgliedern und setzt sich mit seiner ihm zugeschriebenen Rolle konstruktiv auseinander. Frei nach dem Motto „Ist der Ruf erst ruiniert…“ begeht er weitere Handlungen, an deren Endpunkt die echte Straftat stehen kann und damit die stärkste und dauerhafteste Form einer Stigmatisierung bzw. Etikettierung.
So dreht der Labeling Approach das konventionelle Kausalmodell eines defizitären Akteurs als Grund abweichenden Verhaltens um. Kontrolle von Kriminellen fungiert in klassischen Devianztheorien als Ausgleich und Eindämmung des Effekts. Der Etikettierungsansatz sieht soziale, sowie rechtliche Kontrolle eher als Ursache anstelle der Folge abweichenden Verhaltens an. Ganz im Sinne einer self-fulfilling-prophecy verstärkt sich die anfänglich
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leichte Abweichung des Akteurs über verschiedene Instanzen bis hin zu einer dauerhaften Auseinandersetzung mit kriminellen Verhaltensmustern. Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.
Auch eine, als typisch angesehene „Drogenkarriere“ in unserer Gesellschaft, kann durch den Etikettierungsansatz aus einer anderen Perspektive beleuchtet werden. Hierzu ein fiktives Beispiel:
- Ein 15-jähriger Schüler kommt in der Schule erstmalig mit Cannabis in Kontakt. Seine Lehrer bemerken dies und melden es den Eltern Diese bestrafen ihren Sohn und betrachten ihn von nun an kritischer.
An dieser Stelle lassen sich aus Sicht des Labeling-Ansatzes zunächst zwei Dinge herausfiltern. Zum einen die Relativität der Norm. Hätte der Lehrer das Verhalten seines Schülers auch gemeldet, wenn dieser im Kreis seiner Freunde von einem feuchtfröhlichen Wochenende mit Filmriss erzählt hätte? Vermutlich nein, denn Alkoholkonsum wird sowohl staatlich, als auch in weiten Kreisen der Gesellschaft nicht als abweichendes Verhalten betrachtet. Und dass obwohl auch durch Alkoholkonsum die schulische Leistung leiden kann. Zum anderen kann man an der veränderten Sichtweise der Bezugspersonen auf den Schüler den Anfangspunkt eines Etikettierunsprozesses ausmachen. Sein zukünftiges Verhalten wird von nun an vermutlich strenger kontrolliert und Verhaltensunregelmäßigkeiten immer in Bezug auf seine eventuelle Drogennutzung hin interpretiert. Beim Schüler hingegen können diese Reaktionen auf seinen jugendlichen Leichtsinn zur Befremdung gegenüber seinen Kontrollinstanzen führen. Erstmals kommt der Schüler eben durch jene, die es gut mit ihm meinen mit der Identität eines Devianten in Kontakt.
- Angenommen im Schüler entsteht aufgrund dieses leichten Außenseiterstatus eine Kontra-Einstellung gegenüber gesellschaftlichen Normen, da er sein Verhalten selbst als weniger verwerflich einstuft, als seine Umwelt es tut. Von nun an versucht er, teils aus Protest, teils aus Überzeugung, seine Identität um das deviante Verhaltensmuster herum zu strukturieren. Er nimmt öfter illegale Drogen zu sich und bewegt sich vornehmlich in Kreisen, in denen Drogenkonsum positiv bewertet wird. Seine Eltern stecken ihn in ein Internat und auch die Polizei wird aufgrund des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetzes auf ihn aufmerksam. Hier zeigt sich eine weitere Stufe des Labeling-Prozesses. Auf verstärktes abweichendes Verhalten folgen stärkere Sanktionen und Stigmatisierungen der Umwelt. Der
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Arbeit zitieren:
Konrad Langer, 2007, Wie eine verurteilende Drogenpolitik sich ihre eigene Klientel schafft?!, München, GRIN Verlag GmbH
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