Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 2
2. Vom griechisch-römischen Staatskult zu den Mysterien - Gründe ihres Aufstiegs. 3
2.1 Die materielle Situation. 3
2.2 Kulturelle Einflüsse. 3
2.3 Veränderung des Weltbildes durch die Philosophie. 4
2.4 Nachteile des Staatskultes und Alternativangebote der Mysterienreligionen. 6
2.5 Emotionale Mechanismen von Kulten und ihre Attraktivität. 9
2.6 Besondere Attraktivität des Mithraskultes. 11
3. Von den Mysterienkulten zum Christentum. 15
3.1 Parallelen zwischen Mysterienkulten und Christentum. 15
3.2 Vorteile des Christentums gegenüber den Mysterienreligionen. 18
Fazit. 21
Quellenverzeichnis. 23
Literaturverzeichnis. 23
1
1. Einleitung
In der Zeit der Severer hatten Mysterienkulte eine sehr große Anhängerschaft, und auch das Christentum konnte immer mehr Menschen für sich gewinnen. 1 Die bekanntesten Mysterien waren die der Demeter, der Kybele, die Dionysosmysterien sowie der Isis- und der Mithraskult. 2
Gegenstand dieser Arbeit soll die Beschäftigung mit dieser Zeit des religiösen Übergangs sein: Unter anderem sollen die Einflüsse verschiedener Faktoren auf die große Beliebtheit der Mysterienkulte untersucht werden.
Zudem soll auf die Beziehung zwischen den Mysterienkulten und dem Christentum eingegangen und erörtert werden, weshalb das Christentum schließlich die griechisch-römische Religion und die Mysterienkulte verdrängen konnte.
Die Bearbeitung dieses Themenkomplexes wird erschwert durch die Quellenlage: Durch die zahlreich vorhandenen archäologischen Zeugnisse (Weihreliefs und -inschriften, Kultgeschirr) läßt sich zwar auf Ausbreitung, Anhängerstruktur, Hierarchien und Opfer schließen, aber nur in sehr geringem Umfang auf die Kultlegenden und Rituale selbst. Zudem gibt es nur wenige schriftliche Quellen, die lediglich indirekte Rückschlüsse auf die Inhalte der Mysterienkulte erlauben (Anspielungen in Theaterstücken, Plagiate von kultischen Büchern sowie Texte von Philosophen und Kirchenvätern, die die Mysterienkulte in der Regel negativ darstellen). 3 Nur Mysten waren in die tieferen Geheimnisse des Kultes eingeweiht. 4 Auch über das Urchristentum ist leider nur wenig bekannt. Die vorhandenen Quellen verraten also nicht sehr viel über den Inhalt der angesprochenen religiösen Bewegungen; die Erlebniswelt des Gläubigen und die Gründe der Beliebtheit der Kulte sind nur schwer nachvollziehbar.
1 Dodds, E.: Heiden und Christen in einem Zeitalter der Angst, Frankfurt 1985, S. 19. Im Folgenden zitiert als: Dodds, Heiden und Christen.
2 Giebel, M.: Das Geheimnis der Mysterien, Zürich und München 1990, S. 9. Im Folgenden zitiert als: Giebel, Mysterien.
3 Für den Mithras-Kult sind zwar zahlreiche Quellen über den Vorläufer des römischen Mithraskultes aus Indien und Persien überliefert, jedoch ist die Beziehung der Kulte zueinander und eventuelle Deckungsgleichheit beider noch nicht geklärt.
4 Giebel, Mysterien, S. 14f.
2
2. Vom griechisch-römischen Staatskult zu den Mysterien -Gründe ihres Aufstiegs
Warum waren die Mysterienkulte so beliebt?
Im Folgenden sollen die Faktoren beschrieben werden, die meines Erachtens das Aufblühen der Mysterienkulte und später den Sieg des Christentums begünstigt haben.
2.1 Die materielle Situation
Für das Lebensgefühl maßgeblich konstituierend ist neben den geistesgeschichtlichen Einflüssen die materielle, äußere Situation der Individuen. Der Zeitraum zwischen der Herrschaft des Kaisers Marc Aurel und des Konstantin ist von materieller und politischer Unsicherheit beherrscht: Befand sich das römische Reich vorher in einer Phase der Expansion und Eroberung, so wurde es jetzt von Barbareninvasionen heimgesucht und war nurmehr mit der Sicherung seiner weit ausgedehnten Grenzen beschäftigt. 5 Zudem gab es immer wieder Bürgerkriege, 6 die Kaiser wechselten zum Teil rasch, und ihre Herrschaft entwickelte sich immer mehr vom noch an der Verschleierung einer monarchischen Alleinherrschaft orientierten Prinzipat zur Despotenherrschaft. 7 Vielleicht entstand in einem solchen Klima Unsicherheit und ein Bedürfnis nach Erlösung und Ausbruch aus dem Alltag. In einem als negativ empfundenen Diesseits wird auch das Leben nach dem Tode wichtiger. Diese Bedürfnisse konnten die Mysterienkulte besser bedienen als die alte Staatsreligion, wie noch dargestellt werden wird.
2.2 Kulturelle Einflüsse
Durch die „Globalisierung“ der Antike entstand im großen römischen Reich und vor allem in Rom selbst eine Art „multikultureller Gesellschaft“: Viele verschiedene Lebens- und Religi-onsformen traten als Alternative nebeneinander (wobei der Kaiserkult selbstverständlich im-
5 Dodds,Heiden und Christen, S. 20.
6 Dodds, Heiden und Christen, S. 20.
7 vgl. Christ, K.: Die Römer, München 1994, S. 180.
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mer noch Pflicht für die Bürger blieb). Dies und gewisse Einstellungsänderungen in der römischen Gesellschaft (Verhältnis zur „virtus“, Dekadenz) führten zum Aufbrechen festgefahrener Wertstrukturen und religiösen Vorstellungen einerseits, andererseits aber auch zu einer gewissen Orientierungslosigkeit - es entstand ein Verlangen nach neuen Werten.
2.3 Veränderung des Weltbildes durch die Philosophie
Durch den Einfluß der Philosophie wurde der griechisch-römische Staatskult nach und nach als unzureichend empfunden. Neue Vorstellungen kamen auf, die zu einer Veränderung der Religiosität führten:
1. Negativität beziehungsweise Bedeutungslosigkeit des Lebens
Der Gegensatz zwischen unreiner, zufalls- und todesgeprägter Welt und unveränderlichem, reinen Himmel wurde „entdeckt“ und im Laufe der Zeit immer stärker hervorgehoben 8 (das Leben als Jammertal). Die Erde erscheint als armselig, der Mensch schutzlos, und das irdische Leben wird verachtet (besonders stark ist dieses Element in der Philosophie von Marc Aurel zu finden). 9 Es bildete sich eine pessimistische Tendenz heraus, die sich zum Beispiel in der Vorstellung äußerte, daß der Kosmos entweder nicht von Gott geschaffen worden und seinem Willen entzogen oder gar durch ein böses Prinzip geschaffen worden sei. 10 Von zahlreichen philosophischen Richtungen wie zum Beispiel den Kynikern, den Skeptikern und den Stoikern wurde auch die Vorstellung der Nichtigkeit des menschlichen Lebens, Begehrens und aller irdischen Geschehnisse vertreten und auch durch antike Dichter aufgenommen, was für die Verbreitung dieser Anschauung spricht. 11 Die besonders einflußreichen Stoiker wollten so das menschliche Leben und damit auch das Unglück entrealisieren; 12 sie betonten eine fatalistische Ohnmacht des Menschen gegenüber dem Schicksal oder dem Göttlichen 13 und entwi-
8 Dodds,Heiden und Christen, S. 22.
9 Marcus Aurelius Antoninus: Wege zu sich selbst. Hg. u. übs. v. W. Theiler. Zürich 1984.10, 31; 6, 15; 5, 33; 10,10.
10 Dodds, Heiden und Christen, S. 29;
11 Dodds, Heiden und Christen, S. 23; zum Beispiel Cic. rep. 6, 16; Sen. nat. 1, 8.
12 Hobert, Erhard: Stoische Philosophie, S. 135.
13 Hobert, E.: Stoische Philosophie. Tradition und Aktualität, Frankfurt 1992, S. 159. Im Folgenden zitiert als: Hobert, Stoische Philosophie.
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ckelten eine Teleologie des Übels, die sich aus der Logosbestimmtheit der Welt erklären läßt 14 - all dies sind Vorstellungen, die uns im Christentum wiederbegegnen. Auch die Distanzierung und Entfremdung von der Welt, die bereits Bestandteil der platonischen Philosophie war (Glück wird in der Erkenntnis der Ideen gesucht, 15 die die wahre Welt im Gegensatz zu der von uns sinnlich erfahrbaren, nur ein Abbild darstellenden Welt konstituieren) 16 weist in die spätere Richtung des Christentums.
2. Die Menschwerdung als „Strafe“
Die platonische beziehungsweise pythagoreische Vorstellung, daß die Seele bei der Geburt aus himmlischen Sphären in den Körper hinabgestiegen sei, 17 war sehr verbreitet 18 und findet sich auch im Mithras-Kult, dessen Ziel der Wiederaufstieg der Seele ist. 19
3. Das Konzept der Askese
Mit dem platonischen Geist-Körper-Dualismus, dem Versuch der Überwindung der Affekte durch Kyniker und Stoiker und durch indischen Einfluß kam der Askesegedanke in die griechisch-römische Welt. 20 Vielleicht war er auch zum Teil eine Reaktion auf die Ausschweifungen der römischen Oberschicht.
4. Veränderung der Gottesvorstellung
Auch die sehr populäre platonisch-aristotelische Gottesvorstellung eines Monotheismus mit ethischen Ansprüchen an die als höchste Idee und Idee des Guten aufgefaßte Gottheit 21 hat zur Veränderung des religiösen Bewußtseins beigetragen: Man wollte nicht mehr an die willkürlich handelnden, sich vom Menschen nur durch die Unsterblichkeit unterscheidenden homerischen Götter glauben, sondern die Gottheit sollte die Eigenschaft der (sittlichen) Vollkommenheit besitzen.
Inwiefern die neuen philosophischen Ideen die Bevölkerung des römischen Reiches wirklich beeinflußten, hängt nicht zuletzt vom Alphabetisierungsgrad der Bevölkerung ab - diese Frage ist jedoch bis jetzt noch nicht von der Forschung geklärt worden. Aber auch diejenigen, die
14 Hobert, Stoische Philosophie, S. 175.
15 Hirschberger, J.: Geschichte der Philosophie, Freiburg, Basel und Wien 1991, S. 215. Im Folgenden zitiert als: Hirschberger, Philosophie.
16 Hirschberger, Philosophie, S. 168f.
17 Hirschberger, Philosophie, S. 124.
18 Dodds, Heiden und Christen, S.35.
19 Merkelbach, Reinhold: Mithras, Königstein 1984, S. VII; S. 244. Im Folgenden zitert als: Merkelbach, Mithras.
20 Dodds, Heiden und Christen, S. 49-41.
21 Hirschberger, Philosophie, S. 138f.
5
nicht direkt mit Philosophie in Berührung kamen (wahrscheinlich die Mehrheit), dürften von den oben angesprochenen geistesgeschichtlichen Veränderungen in Form einer Art „Zeitgeistgefühl“ affektiert worden sein.
2.4 Nachteile des Staatskultes und Alternativangebote der Mysterienreligionen
Nicht zuletzt trugen auch Nachteile des griechisch-römischen Staatskultes gegenüber den Mysterienkulten und dem Christentum zu deren Aufblühen bei.
1. Überlebtheit der olympischen Religion
Im 3. Jahrhundert herrschte - vermutlich auch durch stoische Einflüsse bedingt - eher der Glaube an ein das Leben bestimmende Schicksal oder unpersönliche, gestaltlose Gottheiten als der Glaube an persönliche Götter vor; die Staatsreligion war zum Formalismus erstarrt und zur Konvention geworden. 22 Altes ist jedoch uninteressant; Rituale werden unwirksam, wenn sie zu Automatismen werden, sie müssen durch neue, unverbrauchte, emotional berührende Riten ersetzt werden. Die geheimnisvollen, zum Teil exotischen Mysterienkulte erfüllten dieses Bedürfnis, wie unter anderem am Beispiel des Mithraskultes noch dargestellt werden wird.
2. Identifikation mit dem Göttlichen
In einer Zeit der Unsicherheit wuchs der Anspruch auf eine persönlichere, nähere Beziehung zu einem Gott und die Sicherung der persönlichen Existenz über das Irdische hinaus. 23 Dies wurde durch die Mysterienkulte gewährleistet. Der Mysteriengott wurde zum persönlichen Gott des Mysten, da ja nicht alle anderen Römer auch Anhänger dieses Gottes waren; auch durch die Initiation fühlte sich der Myste aus der anonymen Masse der Gläubigen herausgehoben. Durch die Verwandlung der Mysten in Gestalten oder Gottheiten aus dem Mysterienkult während der Kulthandlung (Dionysos, Kult von Samotrake, Mithras; 24 ), die Vereinigung mit der Gottheit (Attis mit Kybele) 25 oder die durch die Initiation gewonnene Verwandtschaft mit dem jeweiligen Gott (Bacchus, eleusinische Mysterien) 26 wurde das Individuum heraus-
22 Giebel,Mysterien, S. 13.
23 Burkert, W.: Antike Mysterien, München 1990, S. 18. Im Folgenden zitiert als: Burkert, Antike Mysterien.
24 Giebel, Mysterien, S. 66f.
25 Giebel, Mysterien, S. 130.
26 Giebel, Mysterien, S. 49.
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Arbeit zitieren:
M.A. Marion Näser, 2000, Mysterienkulte in der Zeit der Severer, München, GRIN Verlag GmbH
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