Ruhr-Universität Bochum, Komparatistik
Modelle des Wissens und der Unwissenheit in der Literatur
WS 2006/07, 7. Semester
Ein Kinderbuch aus alten Quellen
Erich Kästners „Die Schildbürger“ im Vergleich zum „Lalebuch“
von: Daniel Steinbach
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Hauptteil 3
2.1. Ursprung der Schildbürger 3
2.2. Kästners Umarbeitungen 7
2.2.1. Auswahl aus der Vorlage 7
2.2.2. Kindgerechte Bearbeitung 10
2.2.3. Die Figur des Bürgermeisters 13
2.3. Logik der Schildbürger 16
3. Schlussteil 20
4. Literaturverzeichnis 22
1. Einleitung
Jeder kennt sie, die Schildbürger, jene engstirnigen Narren. Wahrscheinlich hat es sie schon immer gegeben und auch in der Zukunft werden sie weiterhin vorhanden sein. Wo sie jedoch herkommen, dieser Frage geht Erich Kästner in seinem Kinderbuch Die Schildbürger auf den Grund. Auch er greift hierbei auf vorhandene Quellen zurück, hauptsächlich auf Das Lalebuch, wo die Schildbürger noch Lalen genannt werden.
In welcher Weise Kästners Neuerzählung von 1954 auf die Wunderseltzame / Abentheuerliche / vnerhörte /vnd bißher vnbeschriebnen Geschichten und Thaten der Lalen zu Laleburg von 1597 Bezug nimmt, soll in der folgenden Arbeit untersucht werden. Zuerst soll ein Überblick über den Ursprung und die Entwicklung des Schildbürgermotivs gegeben werden, um dann anschließend näher auf das Kinderbuch einzugehen. Hierbei soll analysiert werden, welche Schwänke Kästner ausgewählt hat und wie er alles für eine Leserschaft aus Kindern aufbereitet hat. Anschließend wird exemplarisch die Figur des Bürgermeisters betrachtet und mit seinem Pendant, dem Schultheiß im Lalebuch, verglichen. Aus den daraus gewonnenen Ergebnissen soll nun die Logik der Schildbürger, die hinter allen absichtlichen und ungewollten Streichen steht, näher bestimmt werden, wobei besondere Aufmerksamkeit auf die Unterschiede zwischen Lalebuch und Kästners Neuerzählung gerichtet wird.
2. Hauptteil
2.1. Ursprung der Schildbürger
Erich Kästners Die Schildbürger steht in einer langen Tradition von verschiedensten Bearbeitungen eines Themas. So haben sich viele Schriftsteller dem Stoff angenommen und daraus ihre eigene Version geschrieben, wie beispielsweise Werner Wunderlich1, Gustav Schwab2 oder Karl Simrock.3 Einige haben auch nur das Schildbürgermotiv übernommen, wie beispielsweise Christoph Martin Wieland in seiner Geschichte der Abderiten.4 Eine nahezu vollständige Bibliographie (zumindest bis Anfang 1929) liefert Walter Hesse in seiner Dissertation über Das Schicksal des Lalebuches in der Deutschen Literatur. Dort zählt er nicht nur alle Bearbeitungen und Neuerzählungen des Lalebuchs auf, sondern auch alle dem Lalebuch verwandte Schriften.5
Das Lalebuch selbst ist allerdings auch keine reine Neuschöpfung.
„Es gibt im ‚Lalebuch‘ kaum eine Schwankerzählung, die nicht in einer oder mehreren
Schwanksammlungen des 15. und 16. Jahrhunderts – etwa von Bebel, Frey,
Kirchhof, Lindener, Montanus, Pauli, Sachs, Schumann, Waldis, Wickram und anderen
– bereits vorformuliert ist.“6
Man kann allerdings nicht sagen, dass der uns bis heute unbekannte Verfasser7 einfach nur Schwänke kopiert hat.
„Dort, wo der Verfasser nachweislich literarische Vorlagen benutzte, hat er jedenfalls
geschickt ausgewählt und souverän geändert, so daß sich die Geschichten zu
einem relativ geschlossenen Ganzen zusammenfügten, zu einer größeren Einheit, die
als Zyklus oder gar als Roman bezeichnet zu werden pflegt.“8
Seine Leistung besteht also vor allem darin, dass er aus einer Vielzahl von Quellen und Vorlagen sowie auch aus ihm bekannten mündlichen Überlieferungen eine Einheit geschaffen hat. Seine Schwänke spielen alle in und um Laleburg, und die Protagonisten sind – bis auf wenige Besucher der Stadt – ausschließlich Lalen. Die einzelnen Episoden sind miteinander verknüpft, so wird beispielsweise der Besuch des Kaisers schon lange vor seiner eigentlichen Ankunft angekündigt.9 Einige bestimmte Charaktere wie der Schultheiß, der Kaiser und die Tochter des Sauhirten kommen ebenfalls in mehreren Kapiteln vor und stellen somit ein weiteres verbindendes Element dar.
Bereits wenige Monate nach der ersten bekannten Ausgabe von 1597, damals noch unter dem Titel „Das Lalebuch. Wunderseltzame / Abentheurliche / vnerhörte /vnd bißher vnbeschriebene Geschichten vnd Thaten der Lalen zu Laleburg.“10 veröffentlicht, ist die erste Bearbeitung erschienen, die schon Die Schiltbürger im Titel trägt, sich ansonsten allerdings nur wenig vom Lalebuch unterscheidet. bwohl die Bezeichnung Schildbürger im Laufe der Zeit viel populärer geworden ist, als die Narren Lalen zu nennen, handelt es sich bei den Schiltbürgern nur um eine recht schlechte Erneuerung. Der ebenfalls nicht genannte Bearbeiter11 hat versucht, die Bezeichnungen der Dorfbewohner in Schiltbürger zu ändern, ebenso hat er statt des Ortes ,Laleburg‘ auf ,Schiltburg‘ bzw. ,Schilde‘ zurückgegriffen.
[...]
1 Wunderlich, Werner: Das Lalebuch. Herausgegeben und in unsere Sprache übertragen. Stuttgart, Klett-Cotta, 1982.
2 Schwab, Gustav: Die deutschen Volksbücher. Zweiter Teil. Die Schildbürger und andere Erzählungen. Frankfurt am Main, Insel, 1978.
3 Simrock, Karl: Die Schildbürger. Furth im Wald/Prag, Vitalis, o. J..
4 Wieland, Christoph Martin: Geschichte der Abderiten. Stuttgart, Reclam, 2003.
5 Hesse, Walter: Das Schicksal des Lalebuches in der deutschen Literatur. Diss. Ohlau, Eichenhagen, 1929. Besonders S. 6-11.
6 Berns, Jörg Jochen: Der Weg von Amaurotum nach Laleburg. Unvorgreifliche Gedanken zur Bedeutung der Utopia-Allusionen des Lalebuchs. In: Kühlmann, Wilhelm (Hrsg.): Literatur und Kultur im deutschen Südwesten zwischen Renaissance und Aufklärung. Neue Studien, Walter E. Schäfer zum 65. Geburtstag gewidmet. Amsterdam/Atlanta, Rodopi, 1995 (=Chloe. Beihefte zum Daphnis. Band 22.), 149-172. S. 159. Im folgenden zitiert als: Berns 1995.
7 Peter Honeggers These, der Verfasser sei Johann Fischart (vgl. Honegger, Peter: Die Schiltburgerchronik und ihr Verfasser Johann Fischart. Hamburg, Hauswedell, 1982. Im folgenden zitiert als Honegger 1982. sowie Honegger, Peter: Schildbürgerstreiche und Volksschauspiele. In: Daphnis 21 (1992), 219-244.) ist bereits mehrfach als unbegründet erkannt worden. (vgl. z. B. Müller, Jan-Dirk: Anmerkungen zu Peter Honegger: Schildbürgerstreiche und Volksschauspiele (Daphnis 21, 1992, S. 219-244). In: Daphnis 23 (1994), 451-458. sowie Kalkofen, Rupert: „Lalebuch“ oder „Schiltbürger“, Anonymus oder Fischart? Die buchgeschichtlichen Untersuchungen von Peter Honegger und Stefan Ertz im Vergleich. In: Wirkendes Wort 41 (1991), 363-377.)
8 Schmitz, Günter: Nachwort. In: ders.: Die Schiltbürger. Hildesheim/New York, Georg Olms, 1975 (ohne Seitenangaben). Im folgenden zitiert als: Schmitz 1975.
9 Die Ankündigung erfolgt im 17. Kapitel (S. 66), während er selbst erst im 21. Kapitel eintrifft (S. 87.
10 Das Lalebuch. Nach dem Druck von 1597. Mit den Abweichungen des Schiltbürgerbuchs von 1598 und zwölf Holzschnitten von 1680. Hrsg. v. Ertz, Stefan. Stuttgart, Reclam, 1970. Im folgenden zitiert als: Lalebuch.
11 Wahrscheinlich handelt es sich jedoch laut Hugo Hepding um den Pfarrer Johannes Mercator aus Zierenberg. vgl. Ertz Stefan: Nachwort. In: Das Lalebuch. Nach dem Druck von 1597. Mit den Abweichungen des Schiltbürgerbuchs von 1598 und zwölf Holzschnitten von 1680. Hrsg. v. Ertz, Stefan. Stuttgart, Reclam, 1970, 141-165. S. 150. Im folgenden zitiert als: Ertz 1970.
Arbeit zitieren:
Daniel Steinbach, 2007, Ein Kinderbuch aus alten Quellen: Erich Kästners 'Die Schildbürger' im Vergleich zum 'Lalebuch', München, GRIN Verlag GmbH
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