Studienarbeit 1
1. Einführung: 3
2. Begriffsklärung Fundamentalismus: 4
2.1. Allgemeines Verständnis: 5
2.2. Geschichtlicher Kontext: 5
2.3. Definition: 7
2.4. Fundamentalistische Glaubensmerkmale: 8
3. Christlicher Fundamentalismus in den USA: 9
4. Geschichte des Christentums in Afrika und die hiermit einhergehende Fundamentalisierung: 11
5. Deutsche Missionsarbeit in Afrika heute: 15
6. Ethische Bewertung des fundamentalistischen’ Glaubens: 16
6.1. Positives: 16
6.2. Negatives: 18
7. Zusammenfassung und Beurteilung: 19
8. Literaturverzeichnis: 21
2
1. Einführung:
Eine der prägendsten Erfahrungen, die ich während meines Fremdpraktikums in einem Straßenkinderprojekt in Kisumu, der drittgrößten Stadt Kenias, machte, war die tiefgreifende Religiosität der Afrikaner. All die Jugendlichen - die Hälfte der kenianischen Bevölkerung ist unter 18 Jahre alt 1 - die die Straßen bevölkern, die Erwachsenenwelt, aber auch die Straßenkinder sind streng gläubig. Für mich als Deutscher, der zwar getauft ist und manchmal zu Weihnachten einen Gottesdienst besucht, war dies eine komplett neue Welt. Mit meinem Anleiter besuchte ich mehrmals Gospel-Gottesdienste in kleinen Wellblech-Slum-Kirchen und wurde da mit Freude willkommen geheißen. Da der Gottesdienst extra für mich zweisprachig in Kiswahili und Englisch gehalten wurde, konnte ich den Predigten folgen, die Mithilfe von großen Verstärkern und Mikrofonen gehalten wurden. Diese erinnerten mich zwar ein wenig an eine Gehirnwäsche, aber ich bewunderte auch die Lebhaftigkeit und Intensität mit welcher der Gottesdienst gehalten wurde und die Gläubigen mit dem Gesagten mitgingen.
Mein kenianischer Anleiter bezeichnete sich selbst als ein ‚fundamental Christian’, womit er seine tiefe christliche Überzeugung ausdrücken wollte und nicht etwa auf die gewaltsame Bekehrung Andersgläubiger abzielte. Ich erinnere mich noch gut an sein Lieblings-T-Shirt mit dem Aufdruck ‚Hardcore Christian’. Später auf einem Seminar über Projektmanagement in sozialen Einrichtungen, welches die anglikanische Kirche veranstaltete, begegneten mir viele Akademiker, die sich mit dem Zusatz, dass sie ‚born again’ oder ‚saved’ wären, vorstellten. Dies weckte in mir sofort die Assoziation an eine buddhistische Wiedergeburt und so fragte ich später nach, was es denn eigentlich mit der Wiedergeburt auf sich hätte, da es sich ja eigentlich um Christen handelte. Auf dieser Weise erfuhr ich erstmalig von ‚fundamentalistischen Christen’, die sich eben an einem Punkt ihres Lebens bewusst zu Jesus bekehrt haben und so als Christen ‚wiedergeboren’ oder ‚gerettet’ wurden. Dass es sich hier keinesfalls um Terroristen handelt, die man allgemein gerne als Fundamentalisten bezeichnet, wird später deutlich werden.
Das Schlagwort Fundamentalismus ist spätestens mit den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 auf das World Trade Center in New York in den medialen und allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Doch auch schon die Revolution im Iran und der Einflussgewinn der ‚christlichen Rechten’ in den USA rückt den Blick der Öffentlichkeit auf religiösen Fundamentalismus, der in diesen Fällen versuchte politische Macht zu übernehmen. Auch wenn Fundamentalisten in allen
1 Vgl. FACTBOOK 2006 (www.cia.gov).
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Religionsgemeinschaften nur eine Minderheit darstellen, haben sie doch den Anspruch die einzig wahren Vertreter ihres Glaubens zu sein. 2
Durch die terroristischen Anschläge des 11. September wurde jede Art von Fundamentalismus zu Terrorismus stigmatisiert, wobei die Medien eine erhebliche Rolle spielen. So lenkte beispielsweise die Weihnachtsausgabe des Spiegelmagazins 2003 mit seinem Artikel ‚Für Gott in aller Welt’ das öffentliche Bewusstsein auf christlichen Fundamentalismus, wobei jedoch die Unterscheidung zwischen Terrorismus und Fundamentalismus meist ungenügend geschieht 3 . Im deutschsprachigen Raum bezeichnen sich daher nur wenige Christen als fundamentalistisch, da sie sonst sofort als Terroristen stigmatisiert werden, auch wenn z.B. die evangelikale Bewegung durchaus als fundamentalistisch beschrieben werden könnte. 4
Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts ging man davon aus, dass die Welt immer christlicher würde. Theologen träumten von einem ‚corpus christianum’, also einem christlichen Staat. Doch in unserer modernen westlichen Welt wird die christlich geprägte abendländische Kultur immer mehr durch eine Vielzahl der Kulturen ersetzt. Unsere Gesellschaft wird von einem multikulturellen Pluralismus geprägt, also durch ein gleichberechtigtes Nebeneinander verschiedener Kulturen in einem Staat (Koexistenz und Toleranz). Zu den Hauptmerkmalen einer pluralistischen Gesellschaft gehören der Individualismus, der Relativismus oder Wahrheitspluralismus und die Konkurrenz und der Wettbewerb zwischen den Religionen. 5
Um das Phänomen des christlichen Fundamentalismus in Afrika verstehen und ethisch bewerten zu können, werde ich zunächst den Begriff definieren und die fundamentalistische Bewegung in der westlichen Welt am Beispiel der USA darstellen. Danach wird die Entstehung des Fundamentalismus in Afrika durch die Christianisierung erklärt und in einem kurzen Exkurs auf deutsche Missionsarbeit in Afrika eingegangen. Diese Darstellungen zur Ursache und Bewegung des Fundamentalismus bildet die Grundlage für eine abschließende Bewertung des christlich-fundamentalistischen Phänomens.
2. Begriffsklärung Fundamentalismus:
Fundamentalistische Strömungen bezeichnen sich in Deutschland häufig mit synonym zu verstehenden Begriffen, wie Biblizisten, Evangelikale oder die Erweckungsbewegung um die Stigmatisierung des Begriffs Fundamentalismus zu umgehen, auch wenn dieser in seiner eigentlichen Bedeutung, wie im Folgenden deutlich werden wird, genau die Intuition ihrer Gemeinschaften beschreibt.
2 Vgl. SIX/ RIESEBRODT/ HAAS 2005, S. 7.
3 Vgl. SPIEGEL 2003, S. 44ff.
4 Vgl. JAEGER/ PLETSCH 2003, S. 7/19.
5 Vgl. JAEGER/ PLETSCH 2003, S. 25-34.
4
2.1. Allgemeines Verständnis:
Im allgemeinen Sprachgebrauch wird Fundamentalismus mit Radikalismus, Intoleranz und ideologischer Fanatismus gleichgesetzt. Es wird nicht zwischen religiösen und säkularen (weltlichen) Anschauungen unterschieden. Dabei gibt es sogar in der deutschen Partei ‚Die Grünen’ eine Fraktion die als ‚Fundis’ bezeichnet wird und man kann bei den ‚Grünen’ wohl kaum von Terroristen oder religiösen Fanatikern sprechen. Die radikale islamische Gruppe der al-Quaida wurde durch ihre Attentate vom 11. September zum Exempel des Fundamentalismus gekürt. Im populären, medialen Sprachgebrauch werden unter dem Begriff Fundamentalismus undifferenziert konservative religiöse Bewegungen, gewalttätige Volksgruppen und Terroristen zusammengefasst, was äußerst problematisch ist, da es zwar zwischen diesen Gruppentypen Überschneidungen gibt, sie aber nicht prinzipiell gleich gesetzt werden können. 6
Diese extremfundamentalistischen Verhaltensweisen im neueren Sinne des Begriffs werden beispielsweise durch die in der Einleitung erwähnte Spiegelausgabe auf sogenannte ‚christliche Fundamentalisten’ übertragen. So werden Fundamentalisten pauschal als Menschen abqualifiziert, die nur mit einem stark vereinfachten Weltbild zurechtkommen, den Herausforderungen der Moderne nicht gewachsen sind und deshalb in einer Abwehrreaktion auf reduzierte Deutungsmuster zurückgreifen, damit ihnen die Welt wieder einfacher und überschaubarer scheint. Aus dieser Sichtweise heraus lassen sich folgende fundamentalistische Qualitäten festhalten: die Unfähigkeit Widersprüche auszuhalten, ein Gefangensein in einer inner-psychischen Starrheit, Unfähigkeit zum Dialog, Intoleranz, Aggression usw. 7
Dieses vereinfachte Verständnis von Fundamentalismus wurde von Thomas Meyer in Anlehnung an Kants Definition der Aufklärung als „der selbstverschuldete Ausgang aus den Zumutungen des Selber-Denkens, der Eigenverantwortung, der Begründungspflicht, der Unsicherheit und der Offenheit aller Geltungsansprüche, Herrschaftslegitimationen und Lebensformen, denen Denken und Leben durch Aufklärung und Moderne unumkehrbar ausgesetzt sind, in die Sicherheit und Geschlossenheit selbsterkorener absoluter Fundamente“ 8 beschrieben.
2.2. Geschichtlicher Kontext:
Der Begriff Fundamentalismus wurde durch die Schriftenreihe ‚The Fundamentals’, bzw. ‚The Fundamentals of Truth’ geprägt, die Anfang des 20. Jahrhunderts von der Erweckungsbewegung in den USA herausgegeben wurde und sich gegen modernistische und liberalistische Entwicklungen in der Theologie wandte. In dieser Bewegung beriefen sich „bibeltreue Christen (...) auf die nicht
6 Vgl. SIX/ RIESEBRODT/ HAAS 2005, S. 13.
7 Vgl. JAEGER/ PLETSCH 2003, S. 15.
8 Zitiert nach MEYER 1989, S. 157.
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hinterfragbaren Grundlagen des Glaubens, eben auf die Fundamente des Christentums“ 9 . Es handelte sich hierbei um eine Gegenbewegung zum christlichen Liberalismus, der sich von einer wortwörtlichen Bibelauslegung verabschiedete. Die von Haus aus eigentlich unpolitische und nicht gewalttätige Bewegung entstammte dem US-amerikanischen Protestantismus: Eine orthodoxe protestantische Gruppe, die sich als Fundamentalisten bezeichnete und sich gegen Liberalismus und modernistische Reformen in der eigenen Kirche, wie Bibelkritik, sozialreformerische Deutungen des Christentums, Zweifel an der Gottessohnschaft Jesu Christi, seinem Sühnetod und seiner leiblichen Auferstehung, wehrten. Die Bewegung bekämpfte auch den aus ihrer Sicht um sich greifenden gesellschaftlichen Sittenverfall, wie Alkoholkonsum, Prostitution, die allgemeine Säkularisierung (Trennung von Stadt und Kirche) der modernen Großstadtkultur, sowie die Lehre von Darwins Evolutionstheorie in Schulen, die Philosophie Nietzsches, die Emanzipation der Frauen oder den Sozialismus.
In den 60er Jahren bekam die Fundamentalismusbewegung in den Vereinigten Staaten einen neuen Aufschwung und wurde politisch aktiv: So protestierte sie öffentlich gegen die liberale Entscheidungen der US-Gerichte in sozialmoralischen und religiösen Fragen, wie der Abtreibung. Auch die Erfolge der afroamerikanischen Bürgerrechtbewegung führten zu einer rechtsgerichteten Politisierung der weißen Fundamentalisten. Der technologische Fortschritt ermöglichte es den Fundamentalisten ihre Glaubensvorstellungen über eigene Kanäle im Kabelfernsehen zu propagieren und so breite Bevölkerungsschichten zu erreichen. Des Weiteren mobilisierte der Kulturwandel innerhalb der amerikanischen Gesellschaft der 60er Jahre, der sich mit den Schlagworten Hippies, Drogen, sexuelle Revolution und Studentenbewegung umreißen lässt, den protestantischen Fundamentalismus. In den 80er Jahren dann organisierten sich die konservativen Strömungen erstmalig, wie beispielsweise in der ‚Moral Majority’, einem Bündnis aus protestantischen Fundamentalisten, rechtsstehenden Katholiken, Juden und Mormonen, und konnten so bei der Präsidentschaftswahl 1980 ihren Einfluss geltend machen. Außer in den USA kam es in dieser Zeit auch in islamischen Bewegungen, wie im Iran, Afghanistan, Saudi Arabien und Ägypten zu einer Politisierung von extrem konservativen religiösen Strömungen. Die islamische Revolution im Iran 1979 trug dazu bei, dass der Begriff Fundamentalismus auf andere Religionen ausgeweitet wurde, da auch hier die Muslime Körperstrafen, wie Auspeitschen, Handabhacken oder Steinigungen, durch eine wortwörtliche Auslegung des Korans rechtfertigten und sich somit wie die Protestanten auf die Fundamente ihrer heiligen Schrift beriefen.
Im neuen Jahrtausend ist dieser protestantische Ursprung des Fundamentalismus weitgehend in Vergessenheit geraten und wird nun meist auf islamische Bewegungen bezogen. Dabei kommt es
9 Zitiert nach JAEGER/ PLETSCH 2003, S. 52.
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Arbeit zitieren:
Thomas Szczepanek, 2006, 'Fundamentalistisches' Christentum , München, GRIN Verlag GmbH
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