Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 2
1.1 Zielsetzung der Hausarbeit 2
1.2 Der Naturalismus 3
1.3 Die Zusammenarbeit von Arno Holz und Johannes Schlaf 4
1.4 Familienstrukturen im 19. Jahrhundert 5
2. „Die Familie Selicke“ und „Papa Hamlet“ 6
2.1 Eduard Selicke 6
2.2 Niels Thienwiebel 11
3. Niels Thienwiebel und Eduard Selicke 16
3.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede 16
3.2 Ihre Positionen als Väter aus familiengeschichtlicher Sicht 18
3.3 Schlussbetrachtung 19
4. Literaturverzeichnis 21
4.1. Quellen 21
4.2. Sekundärliteratur 21
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1. Einleitung
1.1 Zielsetzung der Hausarbeit
Ziel der Hausarbeit ist es, die Vaterfiguren in dem Drama „Die Familie Selicke“ und der Prosaskizze „Papa Hamlet“ zu charakterisieren und miteinander zu vergleichen. Beide Werke sind in der Zeit des Naturalismus in Zusammenarbeit von Arno Holz und Johannes Schlaf entstanden. Die zu analysierenden Stücke werden zunächst zeitlich kurz eingeordnet und die Merkmale ihrer Entstehungszeit, des Naturalismus, dargestellt. Inwiefern ist es den befreundeten Autoren gelungen, die Ziele dieser Epoche umzusetzen und trifft das Stück, wie Fontane schrieb, „den Berliner Ton in einer Weise, daß auch das Beste, was wir auf diesem Gebiete haben, daneben verschwindet“ 1 ?
Sowohl eine knapp gehaltene Übersicht mit den wichtigsten Fakten über die Zusammenarbeit von Arno Holz und Johannes Schlaf als auch ein kurzer Abriss über die Veränderungen der Familienstrukturen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts sollen den Einstieg in die Arbeit komplettieren.
Die folgenden Fragen sollen dann im Laufe der Hausarbeit eine Beantwortung finden:
• Wie verhalten sich die Väter der Familien Thienwiebel und Selicke?
• Sind diese Charaktere von Arno Holz und Johannes Schlaf einander ähnlich konzipiert worden?
• Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede weisen Eduard Selicke und Niels Thienwiebel auf?
• Passen die Vaterrollen in die geschichtliche Entwicklung der Familie?
Letztendlich soll mit dieser Arbeit deutlich werden, ob die „wirklichkeitsnahe“ Darstellung, die das Ziel der Autoren war, zumindest in den ausgewählten Beispielstücken, einen Prototypen Mann und Vater der Zeit um 1900 hervorbringt. Stimmt dieser mit der familiengeschichtlichen Entwicklung zu dieser Zeit überein? Oder weisen die Vaterfiguren charakteristische Unterschiede auf, die, gestützt auf der Darstellung der Autoren, keine Generalisierungen über Männer in dieser Zeit und in diesem Milieu zulassen?
1 Klaus M. Rarisch in: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Text und Kritik. Zeitschrift für Literatur. 121 Arno Holz. edition text + kritik GmbH, München, 1994, S.6.
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1.2 Der Naturalismus
Den Naturalismus setzt man „zwischen 1880 und 1900 an mit einer kurzen Blütezeit zwischen 1889 und 1893.“ 2 Die dazugehörigen Autoren wie Gerhart Hauptmann, Arno Holz und Johannes Schlaf sahen in ihrer neuen Darstellungsweise eine literarische Revolution. Sie wollten die ganze, nicht „bloß eine beschönigte Wirklichkeit“ 3 darstellen. Ihr Ziel war es, die Welt naturgetreu und wissenschaftlich exakt wiederzugeben, ohne sich dabei von der eigenen Subjektivität beeinflussen zu lassen oder die Wirklichkeit in irgendeiner Form zu deuten. Ihre Werke sollten der „Erarbeitung einer wissenschaftlich begründeten, realistischen Schreibweise.“ 4 dienen. Die Naturalisten sehen den Menschen in seinem Milieu gefangen und „dessen Schicksal und Natur durch die Faktoren der Vererbung und Umwelt determiniert.“ 5
Die Sprechweise der auftretenden Charaktere wird im Naturalismus möglichst authentisch dargestellt, was sich durch ihr Stottern, ihren Dialekt, alle Atem- und Denkpausen äußert. Auch die Erläuterungen zur Umgebung, wie beispielsweise der Räume, sind möglichst realitätsnah und ausführlich.
In der Literatur des besonders konsequenten Naturalismus zeichnet sich die realistische Schreibweise durch den so genannten „Sekundenstil“ aus. Dies ist das Verfahren, jede kleinste Veränderung „Sekunde für Sekunde“ zu beschreiben.
Arno Holz war der konsequenteste Vertreter dieser Epoche und begründete sogar ein ästhetisches Grundgesetz mit der Formel: Kunst = Natur minus x. „Die Natur […], sowohl Milieu und äußere Umwelt, als auch die entsprechenden Empfindungen des Menschen, seine seelische Innenwelt einschließend, ist Maßstab für alle Kunst. Der Künstler strebt danach, diese Natur in seinem Werk auszudrücken […], kann sie aber wegen der Unzulänglichkeit seiner technisch-handwerklichen Mittel nie völlig erreichen (>minus x<).“ 6
Johannes Schlaf und vor allem Arno Holz gehörten zu den Vertretern dieser Epoche und schrieben in dieser Zeit ihre naturalistischen Werke. In ihnen versuchten sie das „x“ möglichst gering zu halten.
2 Annemarie und Wolfgang van Rinsum: Realismus und Naturalismus. Deutsche Literaturgeschichte Band 7. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co.KG, München, 1994, S. 303.
3 Ebd., S. 303.
4 Jürgen Schutte: Lyrik des deutschen Naturalismus (1885-1893). Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH, Stuttgart, 1976, S. 3.
5 Siegfried Hoefert: Das Drama des Naturalismus. Carl Ernst Poeschel Verlag Stuttgart, 1979, S. 4.
6 Klaus M. Rarisch in: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Text und Kritik. Zeitschrift für Literatur. 121 Arno Holz. S. 7.
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1.3 Die Zusammenarbeit von Arno Holz und Johannes Schlaf
Arno Holz und Johannes Schlaf lernten sich 1985 in Berlin kennen, jedoch ist man sich bereits über die Daten der Anfänge der Gemeinschaftsarbeit in der Sekundärliteratur nicht einig. „Als Beginn der Zusammenarbeit wird meistens die zweite Hälfte des Jahres 1887, Herbst oder Winter, genannt“ 7 und sie begann nach dem Scheitern des zweiten Romans von Arno Holz. Auch Schlaf war in einer „kaum minder niedergeschlagenen Stimmung wie Holz“ 8 , als sie sich zusammentaten. Die Initiative zur Gemeinschaft ist, soweit bekannt, von Holz ausgegangen und Johannes Schlaf zog 1988 sogar zu ihm nach Niederschönhausen.
Schlaf lieferte nach Forschungskenntnissen den Stoff für ihre Gemeinschaftsarbeiten und Holz war für die Überarbeitung und Angleichung an die exakte Wirklichkeit zuständig. „Die Ausbesserungen […] betreffen insbesondere jene Schicht der Vorlage, die […] sentimentale oder idealistische Elemente aufweist.“ 9 Arno Holz charakterisierte ihr Verhältnis zu dieser Zeit recht treffend: „Der eine von uns war damals blind, der andere lahm. […] Unsere Funktionen waren nicht die Selben, aber sie waren gleich wichtig.“ 10 . Auch schreiben sie zu dieser Zeit in Briefen an Freunde, dass beide der Hilfe des jeweils andern bedurften. Die Frage, wer von ihnen den größeren Anteil an der Arbeit hatte, war unbedeutend: „Uns nun nachträglich sagen zu wollen, das gehört dir und das dem anderen, liegt uns ebenso fern als es in den weitaus meisten Fällen thatsächlich kaum mehr zu ermitteln wäre.“ 11
Nach einigen gemeinsamen Veröffentlichungen wie „Papa Hamlet“ (1889) und „Familie Selicke“ endet die Gemeinschaftsarbeit der beiden Autoren 1892. Ungefähr sechs Jahre später beginnt der Streit um das Recht an den Werken, ausgelöst durch einen veröffentlichten Brief von Johannes Schlaf, in dem er behauptet, den weitaus größeren Teil der Arbeit gemacht zu haben. Dieser öffentlich ausgetragene Zwist zieht sich über zehn Jahre hin und kann nicht eindeutig entschieden werden.
Die ehemaligen Freunde finden nicht wieder zusammen und 1902 veröffentlicht Arno Holz sogar ein Werk mit dem Titel „Johannes Schlaf. Ein nothgedrungenes Kapitel.“
7 Helmut Scheuer: Arno Holz im literarischen Leben des ausgehendes 19. Jahrhunderts (1883-1896). Winkler-Verlag, München, 1971, S. 101.
8 Ebd., S. 103.
9 Peter Sprengel in: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Text und Kritik. Zeitschrift für Literatur. 121 Arno Holz. S. 26.
10 Helmut Scheuer: Arno Holz im literarischen Leben des ausgehendes 19. Jahrhunderts (1883-1896), S. 108.
11 Ebd., S. 109.
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1.4 Familienstrukturen im 19. Jahrhundert
Von der Antike bis ins 19. Jahrhundert konnte der Vater in einem gesellschaftlich geschützten Rahmen seine Dominanz als Hausvater ungestört ausüben. In der vorindustriellen Agrargesellschaft bildete das „ganze Haus“ die dominierende Sozialform. Das charakteristische Merkmal hierfür war die Einheit von Wohnen und Arbeiten. Die Familienmitglieder waren an der Arbeit beteiligt und auch das Gesinde in die Versorgungsgemeinschaft „Haus“ miteinbezogen. Der Vater herrschte als Hausherr über die übrigen Mitglieder, hatte Anspruch auf Gehorsam und daher auch das Recht mit körperlicher Gewalt zu züchtigen. Obwohl er nicht der Alleinverdiener war, war ihm das „Ganze Haus“ untergeordnet. Als sich im 18. Jahrhundert das Manufakturwesen ausbreitete, veränderte sich auch die Familienstruktur. Im Laufe dieses Jahrhunderts wurde mit der Industrialisierung die Produktionsgemeinschaft Familie, vor allem in den rasant anwachsenden Städten, von der „Kernfamilie“ abgelöst, die nur noch die Blutsverwandten umfasste. Zu dieser Zeit sollte der Mann, der außerhalb des Hauses arbeitete, der Alleinernährer der Familie sein. Die Frau hatte die Aufgabe, sich um die Kinder zu kümmern und sie zu erziehen. Wenn beispielsweise die Kriminalitätsraten zu hoch waren, wurde die Schuld den Müttern zugeschoben, da ihnen dann „die Erziehung der Kinder misslungen war.“ 12 Gegen Ende des 18. Jahrhunderts nahmen Frauen im Zuge der Französischen Revolution zunehmend Einfluss auf öffentliche Entscheidungen. Die aufkommenden Gleichheitsforderungen waren der Startpunkt der Emanzipation. Industrialisierung, geisteswissenschaftliche Aufklärung und Urbanisierung unterstützten diesen Prozess einer zunehmenden Gleichberechtigung der Frau. „Ein großer Teil dieser Entwicklungen war […] Folge bewußter, kollektiver Aktionen, die nicht zuletzt von Frauenbewegungen getragen wurden.“ 13 „Anfang des 19. Jahrhunderts […] (wurde) der bürgerlichen Frau, für die Erwerbstätigkeit als unschicklich gilt, […] die einschränkende dreifache Bestimmung -Mutter, Gattin, Hausfrauaufgebürdet und damit die Öffentlichkeit […] zur reinen Männerdomäne erklärt.“ 14 Es wurde allerdings auch Bildung gefordert, welche zunächst nur Frauen lehren sollte, wie sie ihren ehelichen Pflichten nachkommen können. Das herrschende Frauenideal entsprach allerdings lange Zeit nicht der Realität. In der sich verschlechternden wirtschaftlichen Situation mussten viele Frauen trotz allem noch lange Zeit zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Ihr fiel jedoch aufgrund der arbeitsbedingten Abwesenheit des Mannes zunehmend eine größere Rolle in der
12 Heike Flessner: Frauenunterdrückung und Familienverhältnisse. IMSF, Frankfurt/Main, 1989, S. 101.
13 Barbara Greven-Aschoff in: Helmut Berding u.a. (Hrsg.): Geschichte und Gesellschaft. Frauen in der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1981, S. 329.
14 Felicitas Bachmann: Weibsbildung. Wie Frauen trotz allem zu Wissen kamen. Elefanten Press, Berlin,
1990, S. 68.
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Arbeit zitieren:
Andrea Tuschka, 2007, Vaterfiguren in den Stücken "Familie Selicke" und "Papa Hamlet" von Arno Holz und Johannes Schlaf , München, GRIN Verlag GmbH
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