Fachhochschule Jena WS 2005/2006
Fachbereich Sozialwesen
Prüfungsleistung in der Vertiefungsrichtung IV
Gewalt gegen alte Menschen in Alten- und Pflegeheimen
von: Anke Orlamünder
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Der alte Mensch in unserer Gesellschaft 3
3. Das Altenheim – eine „totale Institution“ 5
4. Das Leben im Altenheim 6
5. Der Gewaltbegriff 7
6. Formen der Gewalt in Pflegebeziehungen 9
7. Ursachen für die Entstehung von Gewalt 10
7.1 Die Rahmenbedingungen 10
7.2 Die Täter 13
7.3 Die Mitwisser 15
7.4 Die Opfer 16
8. Schlussbemerkung 21
Literaturverzeichnis 24
1. Einleitung
„Es wäre leicht zu zeigen, dass Alter nie ein begehrter Zustand war, nie eine ersehnte Lebensqualität beinhaltete. Aber erst unsere Gesellschaft hat zugleich das Alter ungeheuer vermehrt und die Unsicherheit darüber, welchen Platz dieses Alter haben soll.“ (Gerd Göckenjahn aus Dill/Koblinger, 2000, S. 15)
Die Lebensbedingungen in unserer Gesellschaft tragen dazu bei, dass die Lebenserwartung der Menschen steigt und der Anteil älterer Menschen, die das 60. bzw. 65. Lebensjahr überschritten haben, bereits jetzt ca. 30 Prozent der Bevölkerung ausmacht. Ein langes Leben ist heute erwartbar geworden und es ist absehbar, dass der Anteil Hochaltriger, also der Personen jenseits des 80. Lebensjahres, in den nächsten Jahren besonders stark anwachsen wird. (4. Altenbericht, S. 323) Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es für viele Menschen im dritten (60 – 80 Jahre) und besonders im vierten (ab 80 Jahre) Lebensalter aufgrund körperlicher oder geistig-seelischer Veränderungen dazu kommt, dass sie nicht mehr ohne fremde Hilfe leben können. Die Mehrheit der Hilfs- oder Pflegebedürftigen leben in privaten Wohnungen und werden von Familienangehörigen und punktuell von ambulanten Pflegediensten versorgt. Erst mit zunehmender Pflegebedürftigkeit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die alten und kranken Menschen in Pflegeheime umziehen müssen, weil die Familien der Aufgabe nicht mehr gewachsen sind. Betroffen sind davon laut 4. Altenbericht 5,3 % der Alten über 65.
In diesem Zusammenhang spricht Dießenbacher von einem Strukturwandel der stationären Altenpflege, da das Übersiedlungsalter zunimmt und damit das Durchschnittsalter der Heimbewohner ansteigt, die Verweildauer sich verkürzt und der Anteil Schwerstpflegebedürftiger und Verwirrter wächst. Dieser Wandel hat sowohl Auswirkungen auf die Lebensqualität der Bewohner als auch auf die Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte in Alten– und Pflegeheimen. (Dießenbacher/Schüller, 1993, S. 7) Die Lebenssituation der Menschen, die ihren Lebensabend in Alten- und Pflegeheimen verbringen, stellt den Rahmen dar, in dem ich der Frage nach den Ursachen für das Auftreten von Gewalt gegen alte Menschen nachgehen möchte.
Dazu werde ich kurz darstellen, welches Altersbild in unserer Gesellschaft präsent ist und welchen Einfluss dieses auf den Umgang mit den Alten hat. Nachdem ich die spezifischen Lebensbedingungen in Altenheimen beleuchtet habe, werde ich auf den Gewaltbegriff eingehen und Formen der Gewalt in Heimen benennen. Die Ursachen für die Entstehung von Aggression und Gewalt sind sehr komplex und nicht allein in der Persönlichkeit der Täter zu finden. In dieser Arbeit möchte ich versuchen ein anschauliches Bild von den vielschichtigen Ursachen und Zusammenhängen zu zeichnen.
2. Der alte Mensch in unserer Gesellschaft
„Die Gemeinschaft entscheidet je nach ihren Möglichkeiten über das Los der Alten...“ (Simone de Beauvoir aus Dill/Koblinger, 1993, S. 15) Das vorherrschende Bild der Gesellschaft vom Alter und dessen Bewertung hat großen Einfluss darauf, welchen Platz und welche Rolle die Alten einnehmen können, wie mit ihnen umgegangen wird und welche gesellschaftlichen Ressourcen für sie zur Verfügung stehen. Dieses Bild ist in einem ständigen Wandel begriffen, weil sich auch die Gesellschaft ständig verändert.
Die Reaktionen auf gesellschaftliche Veränderungen, wie z.B. die demographische Entwicklung, laufen jedoch mit Verzögerung ab. Baltes spricht in der von ihm und anderen entwickelten Theorie einer „inkompletten Architektur des menschlichen Lebens“ davon, dass erst, wenn das hohe Alter Teilbestandteil der durchschnittlichen Lebenserwartung wird, eine Kultur des Alters entsteht. Diese Kulturbildung wird gerade jetzt in zunehmendem Maße herausgefordert, da Altern und Hochaltrigkeit ihre Seltenheit verloren haben. Die wissenschaftliche Diskussion zum Thema Alter ist von zwei Hauptströmungen bestimmt und zeigt die Ambivalenz des Altersbildes in unserer Gesellschaft. Zum einen wird davon ausgegangen, dass der Zugewinn an Lebensjahren durch eine gute Lebensqualität geprägt ist, zum anderen wird das Alter eher mit Gebrechlichkeit, Multimorbidität und Verlust von Autonomie und Identität gleichgesetzt. Im 4. Altenbericht wird jedoch darauf hingewiesen, dass das Alter kein einheitliches Bild hat und die Alten keine homogene Gruppe sind. Vielmehr gibt es große Unterschiede bezüglich der körperlichen und psychischen Gesundheit zwischen alten Menschen des gleichen Geburtsjahres wie zwischen Menschen unterschiedlichen Alters. Zwischen dem rüstigen Rentner und dem pflegebedürftigen Hochaltrigen gibt es alle Facetten interindividueller Varianz, die auf lebenslang angelegter Verschiedenheit beruht. Doch vor allem die gesellschaftlich verankerten negativen Altersstereotypen werden durch die Berichterstattung („Rentnerlast“ und „Pflegenotstand“) in den Medien hervorgehoben und schüren Ängste und Befürchtungen. Die Folgen des demographischen Wandels, die mit der Sorge verbunden sind, dass die von der Gesellschaft zu tragenden Aufwendungen für die ältere Generation nicht mehr bezahlbar sind, werden durch die öffentliche Diskussion mehr und mehr als Bedrohung empfunden. Das Altsein wird zum „Massenphänomen“ und die Bewunderung für Menschen, die ein so hohes Alter erreicht haben, tritt in den Hintergrund. Gleichzeitig werden die mehrheitlich noch erhaltenen innerfamiliären Beziehungen zwischen Jüngeren und Älteren, die gegenseitige Hilfestellung und finanziellen Austausch praktizieren, kaum thematisiert. (4. Altenbericht, S.323 ff) Neben der öffentlichen Diskussion und dem allgemeinen Klima, das dadurch entsteht, hat jeder von uns sein ganz individuelles Altersbild, welches die eigene Einstellung und Haltung gegenüber alten Menschen beeinflusst. Altsein verbinden noch immer viele Menschen mit negativen Vorstellungen von Krankheit, Verfall, Isolation, Hilfe– und Pflegebedürftigkeit. Diese Vorstellungen spiegeln Ängste und Vorbehalte gegenüber dem Alter wider. Unsere Gesellschaft, die das Leben nicht als zirkulären Prozess sieht, sondern auf Fortschritt, Wachstum und Erneuerung ausgelegt ist und den Wert eines Menschen nach seiner Leistungsfähigkeit, Flexibilität und Belastbarkeit misst, weckt Befürchtungen, diesen Anforderungen im Alter nicht mehr zu entsprechen und dadurch nicht mehr am Leben teilhaben zu können. (Hirsch, 2001, S. 19 ff)
[...]
Arbeit zitieren:
Anke Orlamünder, 2006, Gewalt gegen alte Menschen in Alten- und Pflegeheimen, München, GRIN Verlag GmbH
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