Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Kunstgeschichte
Hauptseminar: Die gotische Skulptur
WS 2003/2004
Erwachen am Chartreser Nordquerhaus
Eine Untersuchung der gotischen Portal-Skulpturen
von: Christina Crook
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung Seite 1
1. 1 Baugeschichtlicher Hintergrund der Chartreser Kathedrale 2
1. 2 Zur Frage der Planänderung und der zeitlichen Eingrenzung der Querhausskulpturen 2
2 Ikonographie der Portale des Chartrese Chartreser Nordquerhauses 3
2. 1 Das Marientriumphportal 3
2. 2 Ikonographie des Epiphanieportals 4
2. 3 Ikonographie des Hiob-Salomo-Portals 4
3 Beschreibung der Nordquerhausportale 5
3. 1 Beschreibung des Marientriumphportals: Zu Tympanon und Sturz 5
3.1.1 Zur Trumeaufigur des Portals: Die Heilige Anna 7
3.1.2 Beschreibung der Gewändefiguren 8
4 Beschreibung des Epiphanieportals 11
4. 1 Zu Tympanon und Sturz 11
4. 2 Die Gewändefiguren 14
5 Beschreibung des Hiob Hiob-Salomo Salomo-Portals 17
5. 1 Zu Tympanon und Sturz 17
5. 2 Die Gewändefiguren 20
5. 3 Die Königsköpfe des Hiob-Salomo-Portals 23
6 Schlussbemerkung 25
7 Anmerkungen 26
8 Literaturliste 28
1 Einleitung
Das nördliche Querhaus von Chartres ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Sein ikonographisches Programm und die Ausarbeitung seines Bildwerkes spiegelt nicht nur ein geistiges und künstlerisches Erwachen wider, es stellt außerdem, ganz nach dem Vorbild von Senlis, das mariologische Thema in den Vordergrund und bricht so mit der christologischen Tradition. Die heterogene Gestaltung des nördlichen Querhauses erklärt sich durch das Ende eines religiös, dogmatischen Schlummers, denn zur Erbauungszeit der gotischen Kathedrale wurden wichtige theologische Fragen kontrovers diskutiert. Die Entscheidung, am nördlichen Querhaus von Chartres Themen des Alten und des Neuen Testaments darzustellen, könnte von dem Wunsch herrühren, beide Schriften als Einheit zu verknüpfen1.
Vor allem aber, was die Skulpturengestaltung anbelangt, lassen sich am Nordquerhaus dieser Kathedrale tiefgreifende Veränderungen ausmachen. Wie in der Belser Stilgeschichte über die Entwicklung der gotischen Skulptur treffend zu lesen ist, „tritt die (...) freistehende Plastik vor der Folie des vertikalen Mauergerüstes in ein vollkommen neues Verhältnis zum Raum. Die lebensgroßen Standbilder stehen vereinzelt, sogar oft isoliert voneinander, unter kleinen Architekturbaldachinen, die ihnen optisch den notwendigen Raummantel umlegen. Selbst diese exemplarische Gestalten (Propheten, Apostel) werden im Laufe der Zeit menschlicher, körperlich bewegter und treten untereinander in dialogische Beziehungen. (...) Aus einem über die byzantinischen Vorbilder wiedergewonnenen Verhältnis zur Antike wird die Plastik mit neuem Leben erfüllt und vermenschlicht. (...) Die menschliche Gestalt wird für würdig befunden, Übermenschliches auszusprechen.“2
Diese Seminararbeit wird untersuchen, inwiefern diese Entwicklung an den Portalen des Nordquerhauses auszumachen ist. Dabei spielen vor allem die Bildwerke des Hiob-Salomo-Portals eine große Rolle. Dieses Portal, welches von einer aus Sens stammenden Werkstatt angefertigt wurde, zeichnet sich laut W. Sauerländer durch eine Formensprache „unruhevoller Bewegtheit“ aus und verfügt dabei gleichzeitig über eine „dramatisch beseelte Erzählweise“3. Durch eine Besprechung der Skulpturen am nördlichen Querhaus soll hier erörtert werden, wodurch die Bildwerke ihre Lebendigkeit und sogleich ihre Zeitlosigkeit erhalten, da wir doch, wann immer wir ihnen gegenüber treten, etwas von uns in ihnen entdecken werden. Eine Verdeutlichung wird im Vergleich besonders klar. Daher kommen auch die Skulpturen, die sich durch ihre Starre und Unbelebtheit auszeichnen, zur Sprache.
Diese Arbeit sprengt den vorgegebenen Rahmen. Ich bitte diese Tatsache zu entschuldigen, da weder die Skulpturen der Archivolten, noch bemerkenswerte Konsolenfiguren, oder hervorstechende Plastiken der Vorhalle zur Sprache kommen. Zumindest die Modesta verdient hier namentliche Erwähnung, ausführlich ist sie bereits im Referat zur Sprache gekommen. Die Entscheidung, die Ikonographie den Beschreibungen voran zu stellen, rührt von der Erfahrung, dass sich diese Vorgehensweise während des Vortrages als sinnvoll erwiesen hat. In der bewegten Chartreser Baugeschichte spielt die ‚Frage der Planänderung’ eine große Rolle, weshalb sie gleich zu Beginn der Arbeit grob umrissen wird. Außerdem verhilft dieses einführende Kapitel zu einem besseren Verständnis der zeitlichen Eingrenzung der behandelten Skulpturen.
1.1 Baugeschichtlicher Hintergrund der Chartreser Kathedrale
Am 10. Juni 1194 ging, laut wissenschaftlichen Quellen, ein großer Teil der Stadt Chartres samt der dort befindliche Kathedrale in Flammen auf. Nur die Kirchenfassade und ihre Krypta blieben vom Feuer verschont. Wie aus zeitgenössischen Schriftquellen4 zu entnehmen ist, beklagte man nicht nur den Verlust der Kirche. Man fürchtete auch der Brand habe jene Reliquie vernichtet, die der Stadt bislang ihre Position als Wallfahrtsort gesichert hatte: Ein Hemd, von dem man annahm, dass es einst die Heilige Jungfrau Maria getragen habe. Bis zum Zeitpunkt des Brandes wurde dieses Heiligtum in der Krypta der Kathedrale aufbewahrt und sollte später unversehrt wiedergefunden werden.
Rückblickend würde es kaum verwundern, wenn eine Stadt, nachdem sie wiederholt von schweren Bränden heimgesucht wurde, sich in eine kreative Lähmung flüchtete; im Fall von Chartres war davon nichts zu bemerken. Im Gegenteil, man betrachtete das Feuer als ein göttliches Instrument, als einen Hinweis dahingehend, dass die Heilige Jungfrau einer größeren Kirche bedürfe. Deshalb machte man sich rasch erneut ans Werk. Das Ergebnis ist ein Bauwerk, das auch heute noch zu einem der bedeutendsten Mariendenkmäler Frankreichs zählt. Kunsthistoriker vermuten, dass die Finanzierung der Kirche überwiegend durch die Erträge des Kapitels und des Bischofs erfolgte. Zudem standen Laienspenden, sowie Einnahmen zur Verfügung, über die Chartres als Pilgerort verfügte. Auch wenn es keine Schriftquellen gibt, die uns einen genauen Aufschluss über die Bauchronologie der Kathedrale geben könnten, wissen wir, dank des Chronisten Guillaume le Breton, dass bereits 1220 die Kathedrale weitestgehend fertig gestellt sein musste. Allerdings dauerte es noch weitere 40 Jahre5 bis man die Weihe der neuen Chartreser Kathedrale feierte.
1.2 Zur Frage der Planänderung und der zeitlichen Eingrenzung der Querhausskulpturen
Liest man einige der zahlreichen wissenschaftlichen Abhandlungen zur so genannten Planänderung in der Chartreser Entstehungsgeschichte, so darf man sagen, dass diese intensiv untersucht wurde: Während Vöge davon überzeugt ist, dass „die Klarheit, mit der alles verteilt ist“ und die imponierende Einheitlichkeit des Architektonischen (...)“ belegen, „dass alles aus einem Plane ging“6 versuchen andere7 eine, bzw. mehrere Planänderungen zu begründen und zu beweisen. Die Mehrheit der Kunsthistoriker kann sich darauf einigen, dass man anfangs den Bau einer neuen Westfassade plante, später aber von diesem Vorhaben absah. So ergab sich die erste Planänderung: Ursprünglich sollte das Südquerhaus, ganz nach dem Vorbild in Laon, als Dreiportalanlage errichtet werden, während die Nordfassade nur über ein Hauptportal verfügen sollte. Später wurden jedoch dem Hauptportal noch zwei weitere Seitenportale zugeordnet.8 Laut Büchsel kommt es im Zusammenhang mit den Portalen zu einem weiteren Planwechsel.9 Demnach wurde entschieden, dass das Weltgerichtsportal an der Südfassade eine übergeordnete Stellung einnehmen sollte. Zu diesem Zweck wurde ein neues Weltgerichtsportals begonnen. Die klugen und törichten Jungfrauen des vorigen Weltgerichtsportals seien in die mittlere Archivolte des Epiphanieportals integriert worden, wo sie nicht nur durch ihre unpassende Größe10, sondern auch in ikonographischer Hinsicht deplaziert11 wirkten.
Dieses neue Portal erforderte zwei weitere Portale, nämlich das Märtyrerportal (links) und das Bekennerportal (rechts). An der nördlichen Fassade habe man dem zentralen Marientriumphportal, welches, wie Büchsel annimmt, durch eine Werkstatt aus Laon zuerst entstanden sei, das Epiphanieportal und das Hiob-Salomo-Portal zugeordnet. Der immense Zeitdruck, der dadurch entstand, dass man an vier Portalen gleichzeitig arbeitete, veranlasste dazu, weitere Bildhauer aus Sens hinzuziehen. Kurmann und Kurmann-Schwarz bemerken, dass eine „derart komplizierte Maßnahme“12, nämlich nachträglich Seitenportale in die Mauerzüge einzulassen, nicht durchgeführt werden könne, ohne eindeutige Spuren zu hinterlassen.
Aber nicht nur in der Frage der Planänderung herrscht Uneinigkeit. Will man den Zeitraum, in welchem die Skulpturen des Querhauses entstanden sind, eingrenzen, so muss man sich entscheiden, ob man als Initialjahr 1194 (das Jahr des verheerenden Brandes) nehmen möchte, oder 1204. In diesem Jahr spendete Graf Louis le Blois das Annenhaupt, welches bei der Trumeaufigur am Marientriumphportal Verwendung fand. Fertig gestellt waren die Skulpturen wahrscheinlich um 1224.13
Vöge dahingegen sieht 1210 als Dreh- und Angelpunkt an, wenn er auch anmerkt, dass „die Arbeit an den Portalen (...) weiter zurückreichen“ wird.14
[...]
1 Kurmann-Schwarz, Brigitte u. Peter: Chartres. Die Kathedrale, Regensburg 2001, S. 196.
2 Wetzel, Christoph (Hrsg.): Belser Stilgeschichte, 6 Bde, Stuttgart – Zürich 1993, Bd.4, S. 257.
3 Sauerländer, Willibald: Gotische Skulptur in Frankreich 1140-1270. München 1970, S.119.
4 Die Informationen und Eckdaten zur Chartreser Baugeschichte beruhen hauptsächlich auf den Ausführungen von Kurmann & Kurmann-Schwarz.
5 Man datiert den Baubeginn entweder auf den 17. oder den 24.Oktober 1260 – eine der Fragen, in denen Uneinigkeit herrscht.
6 Vöge, Wilhelm : Die Bahnbrecher des Naturstudiums um 1200. In: Vöge, Wilhelm: Bildhauer des Mittelalters. Berlin 1958, S.69.
7 Meulen, J. Van Der & Hohmeyer, Jürgen: Chartres. Biographie einer Kathedrale, Köln 1984 S. 133 ff.
8 Claussen, P. Cornelius: Chartres Studien. Wiesbaden 1975, S.77.
9 Büchsel, Martin: Die Skulptur des Querhauses der Kathedrale von Chartres. Berlin 1995, S. 120 ff.
10 Vgl. Meulen & Hohmeyer, S. 140.
11 Vgl. Büchsel, S. 34.
12 Vgl. Kurmann & Kurmann-Schwarz, S. 220.
13 Kidson, Peter: North and South Transept Portals. In: Branner, Robert (Hrsg.): Chartres Cathedral New York (u. a.) 1996, S. 194 ff.
14 Vgl. Vöge, S. 69 ff.
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Christina Crook, 2005, Erwachen am Chartreser Nordquerhaus - Eine Untersuchung der gotischen Portal-Skulpturen, München, GRIN Verlag GmbH
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