Johannes Gutenberg - Universität Mainz, Pädagogisches Institut
Proseminar: Einführung in die Erziehungswissenschaft
Sommersemester 2006, 1. Semester
Abgabedatum: 18.08.2006
Der Vernunftbegriff in der "Dialektik der Aufklärung"
von: Pascal Ludwig
Inhaltsverzeichnis
1. Vorbemerkung 1
2. Die Immanenz des Mythos in der Aufklärung 3
3. Das Prinzip der Naturbeherrschung 6
4. Die Vernunft als Werkzeug oder die instrumentelle Vernunft 9
5. Fazit 13
6. Literaturverzeichnis 16
1. Vorbemerkung
In der vorliegenden Arbeit beschäftige ich mich mit dem Vernunftbegriff, den Horkheimer und Adorno in ihrem 1947 erstmals erschienen Werk, die Dialektik der Aufklärung, formulierten. In der modernen Gesellschaft und heute mehr denn je bedeuten Bildung und Wissen Kapital. Die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaften erzielen immer genauere Ergebnisse und der Mensch ist so weit, dass er die Natur in weiten Bereichen des Lebens manipulierbar und nutzbar gemacht hat. Der Traum der Aufklärer, dass durch die Befreiung von äußeren Zwängen, sei es von der Natur oder von Menschen geschaffenen Institutionen, eine Vernunft entsteht, die zu einer Auflösung der Herrschaft "von Menschen über Menschen"1 führt, schlägt fehl. Doch es stellt sich heute, ebenso wie in Zeiten Horkheimers und Adornos die Frage, warum die Aufklärung ihr Ziel einer unabhängigen Vernunft nicht erreicht hat. So klingt auch die Frage, die sich B. F. Skinner stellte, heute nicht falsch. Warum betrachten wir die naturwissenschaftlichen Schriften Platons und Aristoteles nur noch unter historischem Interesse? Und warum müssen die Schriften über Moral und Ethik "immer noch von Studenten gelesen werden"2 und gelten, heute wie damals, als eine der wichtigsten Grundlagen für die Bereiche der Ethik und des moralischen Handelns? Warum ging aus der Beherrschung und der Befreiung von der Natur nicht eine autonome Vernunft hervor und warum ist mit dem naturwissenschaftlichen und technischen Fortschritt nicht auch ein humanitärer Fortschritt verbunden?
In dieser Arbeit untersuche ich die Hauptfrage, die hinter der Dialektik der Aufklärung steht, und die versucht, die zwei bereits gestellten Fragen zu beantworten: Warum hat die Aufklärung ihr Ziel, nicht nur nicht erreicht, sondern den Menschen in eine neue Abhängigkeit gestürzt und "warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt"3? Als Grundlage dient mir die Dialektik der Aufklärung. Horkheimer und Adorno nahmen beide, getrennt voneinander, speziell Bezug auf die Vernunft und die Folgen dieser. Ich habe, da es den Rahmen der Arbeit sprengen würde, vor allem die Unterscheidung zwischen subjektiver und objektiver Vernunft4 und auch Thesen, die der späteren Korrektur zum Opfer fielen oder verstärkt wurden, nicht beachtet. Ich werde versuchen in einem groben Umriss zu zeigen, in wie weit es zur instrumentellen Vernunft kommen konnte und wie die Aufklärung dazu beigetragen hat.
Für das Verständnis des Vernunftbegriffes ist vor allem der Mechanismus von Herrschaft und Entfremdung "als das eigentliche Substrat der Geschichte"5 zu verstehen. In Abschnitt I werde ich daher versuchen dieses Verhältnis von Herrschaft und Entfremdung an Hand der Begriffe Mythos und Aufklärung zu verdeutlichen. Der folgende Abschnitt II versucht, mit Blick auf die Immanenz des Mythos, den Prozess der Naturbeherrschung nachzuzeichnen und einen speziellen Blick darauf zu werfen, welche Folgen die rationale Betrachtung und Unterwerfung der Natur für die Vernunft hat. Auf die Unterscheidung der inneren und äußeren Vernunft werde ich in Abschnitt III eingehen. Im Weiteren werde ich unter Abschnitt III zeigen, wie die Entfremdung von der Natur den "Substanzverlust der Vernunft"6 einleitet. In der gesamten Arbeit versuche ich um den Begriff der instrumentellen Vernunft einen Rahmen zu schaffen, der verdeutlichen soll, wie es zu diesem neuen Begriff der Vernunft kommt. Mein Hauptaugenmerk lege ich dabei auf den Begriff der Aufklärung und auf den Exkurs I, Odysseus oder der Mythos der Aufklärung. Die weiteren Fragmente werde ich nur kurz oder überhaupt nicht behandeln. Ebenso werden die Folgen für die Kulturindustrie nur eine kleine Rolle im III. Abschnitt spielen. Das Fazit enthält Fragen und Lücken in der Argumentation. Als Letztes nehme ich Stellung zu der Aktualität, nicht unbedingt der Dialektik der Aufklärung, sondern zum Begriff der instrumentellen Vernunft.
2. Die Immanenz des Mythos in der Aufklärung
Die Aufklärung wollte "die Mythen auflösen und Einbildung durch Wissen stürzen"7. Diese Auflösung des Mythischen im Denken des Menschen hatte eine Befreiung der menschlichen Vernunft, hin zu einer autonomen als Ziel. Dieses Ziel schlägt laut Adorno und Horkheimer fehl, da "die Selbstzerstörung der Aufklärung" und die daraus resultierende, instrumentelle Vernunft als "Wesenszug der Zivilisationsgeschichte der Menschheit überhaupt"8 gesehen werden muss. Die Selbstzerstörung der Aufklärung bedeutet die Zerstörung der Begriffe, Werte und der autonomen Ratio. Letztere hätte aus dem aufklärerischen Denken hervorgehen sollen.
Das Ziel der Aufklärung sollte also sein, den "Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit"9 zu befreien und dadurch ermöglichen, dass sich der Mensch seines Verstandes bewusst wird und ihn, "ohne die Leitung eines anderen"10, gebraucht. Das Scheitern der Aufklärung sehen Horkheimer und Adorno in der mythischen Immanenz, von der die Aufklärung befangen ist. Aus dieser Immanenz entsteht die paradoxe Grundthese der Dialektik der Aufklärung: "Schon der Mythos ist Aufklärung, und: Aufklärung schlägt in Mythologie zurück"11. An die Stelle des Mythos soll das Wissen und die Naturbeherrschung gesetzt werden und somit "der Verstand, der den Aberglauben besiegt, […] über die entzauberte Natur gebieten"12. Die Konsequenz der Immanzen des Mythos in der Aufklärung sind für Horkheimer und Adorno der Rückfall "in eine neue Art von Barbarei"13.
[...]
1 Hesse 1984. S.9
2 Skinner 1973. S.12
3 Horkheimer/Adorno 2004 (im folgenden zit. als DdA). S.1
4 Horkheimer 1967 S. 15ff
5 Geyer 1982. S.67
6 Waschkuhn 2000. S.35
7 a.a.O. S.9
8 Hesse 1984. S.118
9 Kant. Band VIII zit. bei DdA. S.88
10 ebd.
11 a.a.O. S.6
12 a.a.O. S.10
13 a.a.O. S.1
Arbeit zitieren:
Pascal Ludwig, 2006, Der Vernunftbegriff in der "Dialektik der Aufklärung", München, GRIN Verlag GmbH
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