Technische Universität Dresden
Institut für Musikwissenschaft
Seminar: Musiksoziologie
Studiengang: Magister Artium – Nebenfach
(Grundstudium)
„Öffentliche Einsamkeit“
Die Wirkung transportabler Musikabspielgeräte auf den Alltag
von
Sina Schmidt
Dresden, den 12. 02. 2007
Gliederung
1. Einleitung 1
2. Kurze Geschichte der transportablen Medien 2
3. Moderne Medien – Mittel zur Identitätsbildung 3
4. Soziale Interaktion 6
5. Der Soundtrack für den Alltag 7
6. Veränderung der Wahrnehmung 10
7. Verselbstständigung der Musik 12
8. Zusammenfassung 13
9. Verzeichnis 15
1. Einleitung
„Sind Walkman-Hörer Menschen? Verlieren sie den Kontakt zur Realität? Sind Walkman-Hörer psychotisch oder schizophren?“1, diese und andere Fragen wurden in den achtziger Jahren Jugendlichen zwischen 18 und 22 Jahren von der Zeitschrift „Nouvelle Observateur“ gestellt.
Obwohl heute Fragen wohl anders formuliert würden, wird an ihnen doch einiges deutlich. So die Forschungsmethodik in der Soziologie, bzw. Musiksoziologie und -psychologie. Die Basis meiner Arbeit bilden empirische Studien zu bestimmten Fragestellungen. Hierzu wurden meist Jugendliche2 befragt und ihre Antworten von den Forschenden thematisch interpretiert. Hier wiederum zeigt sich die Schwierigkeit des Faches Musiksoziologie: ein Großteil der Forschungen basiert auf Befragungen. Doch bereits im Moment der Befragungen spielen ungemein viele Faktoren auf die Antworten mit ein: in welchem Verhältnis steht der Interviewer zum Intervieweten, sind noch andere Menschen anwesend, ist den Befragten klar, um welche Art von Befragung es sich handelt und wie die Antworten verarbeitet werden? Ist die Atmosphäre im Befragungsraum angenehm oder angespannt? Wie repräsentativ ist der Befragte für das Thema, wird seine persönliche Historie berücksichtigt? Also bereits in der Befragungssituation liegen „Quellen“ zur Missdeutung der Antworten. Dann werden die Antworten durch den Forschenden interpretiert und in diesem nächsten Schritt liegen nun wieder mögliche Fehlerquellen, je nachdem, wie die vorher erwähnten Fehlermöglichkeiten berücksichtigt und reflektiert werden.
Diese Befragungen werden nun zu Beweisen zu Rate gezogen, wenn es darum geht, die eigene Theorie zu bestätigen oder zu dementieren, bzw. auch um überhaupt verallgemeinernde Theorien aufzustellen.
Die Soziologie erscheint somit anfälliger für Fehldeutungen und subjektiver als jede andere Wissenschaft, was in der Natur der Sache liegt: schließlich macht der Mensch sich selbst und seine Interaktionen mit der Umwelt zum „Objekt“ der Betrachtungen. Da er jedoch selbst stets Teil der Menschheit sein wird, kann er sich nicht selbst zum Gegenüber machen, „objektiv“ von oben auf die Menschheit blicken, sondern eben immer nur Teilaspekte mehr oder weniger gut durchleuchten können.
Deshalb legte ich Wert auf möglichst breit gefächertes Material, das ich meinen Ausführungen zu Grunde lege und orientierte mich häufig weniger an den geschlussfolgerten Theorien und Folgen der jeweiligen empirischen Studie, da diese häufig meiner Kritik, bzw. dem Vergleich mit anderen Studien nicht standhalten konnte, sich aber vor allem nie hundertprozentig mit meinem Thema der neuen transportablen Musikabspielgeräten und ihrer Wirkung befasste, weshalb ich in manchen Werken lediglich die konkrete Befragung mit ihren Antworten zur Unterstützung meiner Thesen heranzog..
Im Fach Musiksoziologie sind möglichst aktuelle Untersuchungen von größter Bedeutung, da sich soziale Strukturen in stetiger Entwicklung und wechselseitiger Beeinflussung mit der Umwelt und jeglichem Fortschritt befinden, dennoch wählte ich bewusst teilweise auch ältere Studien, um das unterschiedliche Bild von technischen Medien in verschiedenen Phasen der Entwicklung dieser Technologien zu reflektieren.
Meine Arbeit widmet sich nun, unter Einfluss meiner persönlichen Erfahrungen und vielen Gesprächen in meinem Bekanntenkreis, der Wirkung transportabler Musikabspielgeräte auf das Verhalten in der Öffentlichkeit. Spielen sich reine Abkapselungsprozesse ab oder existiert doch eine Form der Kommunikation? Wie wird die Wahrnehmung beeinflusst und was ergibt sich daraus für die Funktion der gehörten Musik?
2. Eine kurze Geschichte der transportablen Medien
Die Geschichte des Walkman beginnt im Jahre 1978 bei „Sony“ in Tokio, wo versucht wurde, einen kleinen transportablen Kassettenrecorder, zunächst vor allem für journalistische Kreise interessant, zu kreieren, doch gelang es aus Platzgründen nicht, eine Aufnahmefunktion einzubauen und so galt des Gerät als gescheiterte Fehlentwicklung, die als völlig unverkäuflich galt. Eines Tages jedoch erschien zufällig der „Sony“-Gründer Masaru Ibuka in der Abteilung „Tonbandgeräte“ und fand den vermeintlichen Flop, hatte jedoch sofort die Idee, dieses kleine Gerät mit gerade neu entwickelten leichten Kopfhörern zu kombinieren und erzielte in seiner Firma damit zunächst Unglauben3: „Nein, niemand hätte sich je träumen lassen, dass ein Kopfhörer einmal als fester Bestandteil zu einem Tonbandgerät gehören würde.“4 Der erste Walkman „TPS-L 2“, mit reiner Musikabspielfunktion war für 165 Dollar zu erwerben und wurde trotz anfänglicher Zweifel ein Riesenerfolg.
[....]
1 Vgl.: Peter Kemper, „Media Mobilis“, S. 265.
2 Der Begriff bezieht sich hier auf eine Altersgruppe von 13-30 Jahren aus verschiedenen sozialen Schichten.
3 Vgl.ebd. S. 270-272.
4 Takichi Tsekua, „Sony“-Produktleiter, in Peter Kemper, „Media Mobilis“, S. 271.
Arbeit zitieren:
Sina Schmidt, 2007, "Öffentliche Einsamkeit" - Die Wirkung transportabler Musikabspielgeräte auf den Alltag, München, GRIN Verlag GmbH
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