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Baudrillard versteht sich selbst als Kulturkritiker der Postmoderne. Sein Ansatz in Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen, dem sogenannten Graffiti-Aufsatz von 1975, beschreibt die verzweifelte Suche nach gültigen Kriterien, die Suche nach dem verlorenen Ursprung, die nur scheitern kann. Setzungen etwa durch Vernunft und Wissenschaft werden als willkürliche als Ordnungsmuster neben anderen aufgefaßt. Technischer und ökonomischer Fortschritt ist nicht mit kulturellem Fortschritt gleichzusetzen. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Baudrillard analysiert die entstehende zirkuläre Leere der kulturellen Debatte, die den Leerlauf jede Kritik wird nicht erst nach Virilio in den orbitalen Kreislauf absorbiert durch zunehmende Beschleunigung zu kompensieren versucht. 1
Der informationstheoretische Materialismus nach Baudrillards Videowelt und fraktales Subjekt von 1988 läßt sich formelhaft als Rezeptionsformel umschreiben mit Die Transzendenz ist zerborsten und ist hernach eine Teilmenge der sogenannten Wilden Ontologie (Foucault). Problematisch an Baudrillards Denken jedoch ist der Versuch, zeit- und erkenntnistheoretische Ansätze der Chaostheorie und Selbstorganisationsforschung unmittelbar auf die Geschichte - die Geschichte der Medien - anzuwenden. 2 Baudrillard zufolge steht einer zunehmenden Vermassung des Subjekts ein Komplexwerden der Objekte gegenüber. Eine umfassende Manipulation als Ritual der Verführung des Konsumenten als Nutzer wird hierin möglich aufgrund eines Auseinanderfallens von Signifikantenapparat der Medienwirklichkeit und Wahrheitskriterien. Aus einem Raum permanenter Simulation von Realität wird, topologisch gewendet als textuelles Möbiusband 3 mit holografisch-fraktalen Eigenschaften, eine Hyperrealität aller Computerbildschirm-Inter-Faces. Baudrillard beobachtet einen Übergang vom Kapitalismus als Produzent-Konsument-und Verkäufer-Käufer-Relation hin zu einem Hyperkapitalismus des Internets als Anbieter-Nutzer-Relation, die für sich in medientheoretischer Sicht eine strukturale Ventilation beschreibt.
1 Vgl. Dosser 1999. Zur orbitalen Beschleunigung der Medientechnologien und Virilios Dro-mologie vgl.
Morisch, Technikphilosophie bei Paul Virilio. Dromologie, Würzburg 2002.
2 Vgl. Sandbothe, in: Hammel 1996, 133 bis 156.
3 Vgl. Flusser 1987, 134.
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In Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen 4 beschreibt Baudrillard zuvorderst die terroristische Macht leerer Signifikanten, ähnlich dem Zentrum, dem Auge eines Wirbelsturms, sich ihrer medialen Kraft scheinbar unbewußt. Der Begriff Leere Signifikanten verweist in topographischer Analogie auf die sprachphilosophische Reziprokregel des Begriffs nach Frege, wonach Begriffsinhalt und Begriffsumfang umgekehrt proportional sind, d.h. bei unendlich großem Begriffsumfang tendiert der Begriffsinhalt gegen Null:
Die Stadt, das Urbane, ist zugleich ein neutralisierter, homogenisierter Zeit-Raum [… und] zerstückelter Raum distinktiver Zeichen. [… Sinnentleerende] Verzweigung der Zeichen und der Codes, durch die symbolische Zerstörung gesellschaftlicher Verhältnisse. […] Heute ist die Stadt vorrangig der Ort der Exekution der Zeichen. […] Die Matrix des Urbanen ist nicht mehr die Realisierung einer Arbeitskraft, sondern die der Realisierung einer Differenz (der Operation der Zeichen). Aus dem Wertgesetz […] im Sinne von Marx […] ist das Wertgesetz im Sinne Saussures geworden: jeder Term [Element] eines Systems [Diskurses] hat Wert nur durch seine Beziehung zu den anderen, zu allen anderen Termen [… d.h.] strukturaler Wert. (214f)
Saussure’sche Wertinhalte der Matrix stehen seit Beginn der Postmoderne und dem massiven Einsatz ihres medientechnischen Dispositivs par excellence dem Computer Signifikanten-leere oder genauer einer operational größerwerdenden
Signifikantenschwemme genüber, wodurch ein Wert nicht mehr positiv isolierbar bzw. bedeutsam lokalisierbar ist. An dieser Stelle wird deutlich, das Baudrillards zentraler Begriff der leeren Signifikanten eine Redundanz bzw. Tautologie darstellt, denn Siginifikanten sind Saussure und des durch ihn inaugurierten linguistischen Paradigmas des Strukturalismus zufolge a priori bzw. an sich leer. D. h. einen bedeutsamen Begriff gibt es, wie er selbst anhand des strukturalen Wertes rezipiert, nur als Zeichen, bestehend aus Signifikant und Signifikat, wobei dessen Bedeutung eben als strukturaler Wert je-diskursiv definiert ist durch seine Relation zu allen anderen Zeichen.
4 Baudrillard, in: Barck 1991, 214. Seitenzahlen im Text hierzu.
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Die Rezeptionsformel des Linguistischen Paradigmas seit Saussure lautet daher: Ein Zeichen bedeutet genau das, was alle anderen Zeichen (der Matrix) nicht bedeuten. 5 Hierin rezipiert und integriert wiederum Saussure die obengenannte Frege’sche Reziprokregel des Begriffs. Diese eklatante Redundanz der Rede von leeren Signifikanten privatisert Baudrillard in seinem Essay dennoch fruchtbar und kritisch sinnstiftend.
Dies gilt umso mehr in Anbetracht der diesbezüglich Entscheidenden Denkrichtung des Poststrukturalismus der Dekonstruktion nach Derrida , einschließlich seiner beiden maßgeblichen Schriften die Grammatologie und die differance, in denen der Begriff des transzendentalen Siginifakts von Derrida restlos gelöscht wurde zugunsten eines allein Bedeutungsgeneriedenen Signifikantengleiten unterhalb der Schrift und der damit verbundenen Dissoziation und Perforation des von Foucault reanimierten historischen Subjekts. Topographisch gewendet: „Dies ist das Zeitalter der Individuen mit variabler Geometrie.“ (216). Die Matrix des Urbanen selbst als ein Netz ohne Zentrum ist Baudrillard zufolge die eigentliche Definition der Macht, und nicht die politische Bürokratie des administrativen Stadtbegriffs.
Dieses Phänomen nennt Baudrillard Semiokratie. Als neue Form des Wertgesetzes ist der Hyperkapitalismus nur noch terroristisch zu gefährden durch „das jähe Hereinbrechen der Graffifti“ (217), verdrehte Graphismen, bloße Eigennamen mit totemistischer Benennung. Sie wenden ihre Unbestimmtheit gegen das System der urbanen Matrix. Sie bedeuten nichts wie ein Schrei , „und Brechen als leere Signifikanten ein in die Sphäre der Sinnbefüllten Zeichen der Stadt …“ (219). Graffiti bedeuten hernach Subversion bzw. NichtDiskursivierbarkeit, den die urbane Matrix hinterläßt einen „Qualitätslosen Raum ... [einen] organlosen Körper der Stadt, auf dem kanalisierte Zeichenströme sich überschneiden ... [D]ie Graffiti gehören zur Ordnung des Territoriums.“ (220) Diese terroristische Subversion im Aufstand der Zeichen versteht die Matrix jedoch ihrerseits zu terrorisieren als Subversion der Subversion, beispielsweise durch eine sogenannte Protest-Mauer in Stockholm: „[D]a hat man die Freiheit, auf einer bestimmten Fläche zu protestieren - aber nebenan zu graffitieren, das ist verboten.“ (221)
5 Vgl. Saussure 1967.
Arbeit zitieren:
Dr. des. Robert Dennhardt, 2000, "Kool Killer" oder " Der Aufstand der Zeichen" - Zur Medientheorie des Jean Baudrillard, München, GRIN Verlag GmbH
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Das soziologisch-philosophische Werk von Jean Baudrillard
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