2. Entstehung einer ungewollten Schwangerschaft
2.1 Herkunft und das soziale Umfeld
„Die Wahrscheinlichkeit weiblicher Jugendlicher mit niedrigem Bildungsniveau Mutter zu werden, ist 2 ½ mal so groß wie bei Jugendlichen mit durchschnittlichem Bildungsstand“ 7 . Diese Aussage betont die enorme Beeinflussung der Jugendlichen durch das soziale Umfeld, beziehungsweise die Herkunftsfamilie, welche den betreffenden Mädchen nur selten die nötige Stabilität, Verlässlichkeit oder den erforderlichen Rückhalt in der Kindheit und frühen Jugend bieten konnte. Die Indikatoren reichen von Scheidung, Alkoholismus oder Drogensucht bis hin zum Tod einer Bezugsperson. Als Effekt schlägt sich allerdings immer wieder der Mangel an verlässlichen und positiven zwischenmenschlichen Beziehungen nieder. 8 Infolgedessen zeigen die jungen Mädchen später ein unterentwickeltes Selbstbewusstsein und die Unfähigkeit stabile Beziehungen aufzubauen, so kommt es neben sozialen Defiziten auch zu Schulproblemen oder fehlender beruflicher Motivation. Vor allem die unsichere Zukunftsperspektive veranlasst einen großen Anteil dieser weiblichen Jugendlichen zur Wiederaufnahme des tradierten Geschlechtsrollenbildes der Frau als Hausfrau und Mutter. Obwohl eigentlich "schulische und berufliche Ausbildungsprozesse im Vordergrund stehen“ 9 sollten, halten die Mädchen oft an der „alleinigen... Perspektive Mutterschaft fest“ 10 . Das Kind soll dem Leben der verunsicherten Teenager einen Sinn geben, soll ihnen eine Rolle in der Gesellschaft zuweisen, auch eine Befriedigung der emotionalen Bedürfnisse wird vom ungeborenen Kind erwartet. „Sie suchen nach Zuwendung und Sinnerfüllung, wenn sie mit dem Säugling spielen und herumknuddeln.“ 11 Dass diese Erwartungen und Wünsche bald niederschmetternd von einer ganz anderen Realität abgelöst werden, ist aufgrund der mangelnden Bindungsfähigkeit und der nie selbst erfahrenen Mutter- bzw. Elternliebe nicht verwunderlich, wird allerdings an späterer Stelle noch genauer beleuchtet werden. Auffallend hoch ist auch die Zahl der jungen Mütter, die selbst das Ergebnis einer Teenagerschwangerschaft sind. Logisch wird dieser Zusammenhang, wenn man bedenkt, dass die eigene Mutter in bezug auf Sexualität und Verhütung die Funktion des Vorbilds für ein junges Mädchen
7 Bier-Fleiter/Grossmann, 1989, S. 21
8 vgl. Osthoff, 1995, S. 60
9 Der Bundesminister für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit, 1990, S. 160
10 ebd.
übernehmen kann, das zwar nicht ausgesucht wird wie ein Popstar oder ähnliches, aber gerade im Unterbewusstsein ihr Verhalten und die weitere Sozialisation beträchtlich beeinflusst. Der unterbliebene Besuch beim Frauenarzt beispielsweise beruht in entscheidendem Maße darauf, dass in der Herkunftsfamilie Sexualität und Verhütung nicht thematisiert werden und als angsteinflössendes und ambivalentes Tabu gelten. Durch die unterbliebene Aufklärung wiederum steigt das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft im Jugendalter um ein Vielfaches an. Die größte Gruppe der jungen Mütter hatte bereits zu einem früheren Zeitpunkt Kontakte zu Institutionen der Jugend- und Sozialhilfe. In diesem Zusammenhang spielt auch der Gedanke mit diesem Kind zum ersten Mal „etwas Eigenes im Leben zu haben, über das Kind ein Gefühl von Macht zu entwickeln, sie, die sonst selbst Adressatinnen der Machtausübung sind“ 12 , eine beträchtliche Rolle. Auch in diesen Fällen sind durch die mehrfach wechselnden Bezugspersonen oft Sozialisationsstörungen Grund und Folge einer ungeplanten Schwangerschaft in der Adoleszenz.
2.2 Die Pubertät
Die Adoleszenz selbst spielt bei der Ergründung der Schwangerschaft jugendlicher Mütter ebenfalls eine herausragende Rolle. In dieser Lebensphase sind die Mädchen zahlreichen Sozialisationsvorgängen in einer relativ kurzen Zeit ausgesetzt. Um zu einer stabilen Erwachsenenidentität zu gelangen, muss zum einen die „Integration der körperlichen Veränderungen der Pubertät in ein integres geschlechts(rollen) adäquates Selbstbild“ 13 vollzogen werden, zum anderen sollten eine „Vorbereitung auf die gesellschaftliche Arbeit als Erwachsene“ 14 und eine „psychische, emotionale und ökonomische Ablösung von den Eltern“ 15 stattfinden. Die positive Bewältigung dieser Entwicklungsaufgaben setzt allerdings eine vollzogene Sozialisation in der Kindheit voraus, die ja wie bereits erwähnt nur bei den wenigsten schwangeren Mädchen erfolgt ist. Gerade die Loslösung von den Eltern wird ja durch eine frühe Schwangerschaft entweder unterbrochen oder teilweise sogar gänzlich verhindert, in beiden Fällen bleibt die materielle Abhängigkeit zunächst bestehen. Die Schwangerschaft an sich kann also zugleich Folge und Ursache schwerwiegender
11 Osthoff, 1995, S. 63
12 Wagner-Kröger, 1991, S. 223
13 Klees-Möller, 1993, S. 93
14 ebd.
15 ebd.
Konflikte in der Pubertät sein. Sie ist nicht allein das Ergebnis physischer und biologischer Vorgänge, sondern sie beinhaltet darüber hinaus das Ergebnis von „Fruchtbarkeit, Weiblichkeit, Erwachsensein, Unabhängigkeit“ 16 und den gesellschaftlich anerkannten Status der Mutterrolle, der mit dem Chaos der Unsicherheit kontrastiert. Für viele junge Frauen ist sie deshalb die naheliegende Lösung, um ihre Identität zu festigen. Selbst in unserem heutigen Rollenbild der Frau werden Mutterschaft und die Tätigkeit der Kindererziehung als zentrale Wesensbestimmung und natürliche Aufgabe jeder Frau angesehen. So erzeugen die widersprüchlichen gesellschaftlichen Anforderungen an Mädchen - in Bezug auf berufliche Orientierung und Mutterschaft - in der Adoleszenz eine konfliktgeladene Situation, auf die vor allem die Mädchen aus einer schlechten Kindheit nicht vorbereitet und der sie auch nicht gewachsen sind. In ihren Beziehungen streben viele von ihnen noch eher nach einem freundschaftlichen, kumpelhaften Partner und selbst diejenigen, die sich nach der romantischen Liebe sehnen werden vor die Wahl gestellt: „Gefühl gegen Sachlichkeit, Traum gegen Technik“ 17 . „Wie sollen verliebte, romantisch denkende und fühlende Mädchen und Jungen, die noch unsicher auf der Suche sind, die mit sich und anderen experimentieren und zwischen Abwarten und Erproben pendeln, wie sollen sie diese Anforderungen erfüllen?“ 18 Denn sich von seinen Gefühlen leiten zu lassen, ohne an Verhütung gedacht zu haben, kann bald eine ungewollte Schwangerschaft nach sich ziehen, mehr dazu allerdings im folgenden Kapitel. Ferner gilt vor allem bei verliebten Teenagern die Tatsache die Schwangerschaft als eine Art Beziehungstest zu provozieren, um anhand der Reaktion des Partners festzustellen, wie er wirklich zur Verbindung steht, ob er bereit ist, sich auf Dauer einzulassen. In extremeren Fällen der psychischen Einsamkeit wird sie gar dazu benutzt, den Partner an sich zu binden. Die Mädchen hoffen mit dem erwarteten Kind auf eine idyllische Familiensituation, wie sie sie selbst meist nicht erfahren haben, aber aus einer Idealvorstellung heraus zutiefst wünschen. In der Entwicklungsphase der Pubertät ist aber noch ein ganz anderer, biologischer Gesichtspunkt zu betrachten, der vor allem bei der Entscheidungsfindung, aber auch bei der Planung und Bewertung der Zukunft in den Vordergrund rücken kann. So fanden amerikanische Forscher in einer Untersuchung mit Hilfe der Magnetresonanz-Tomographie heraus, „dass das Gehirn des Menschen bis ins frühe
16 Helfferich, 1983, S. 93
17 Häußler, 1983, S.66
Erwachsenenalter wächst und sich ausdifferenziert.“ 19 Kompetente Verhaltensreaktionen dürfen deshalb von Pubertierenden, vor allem wenn es um emotionale Dinge geht nicht generell erwartet werden.
2.3 Weibliche Sexualität und Verhütung
Eine eindeutige Unterscheidung zwischen den Ambivalenzen der Pubertät und der Frage nach dem Kontrazeptionsverhalten der Jugendlichen ist in Bezug auf die Schwangerschaft nur schwer durchzuführen. Beide Thematiken beeinflussen sich gegenseitig, gehen auseinander hervor oder führen gemeinsam zu einer ganz speziellen Sexualität der Jugendlichen. Infolgedessen führt in erster Linie der motivale Aspekt der Teenager zu unzureichender Kontrazeption, indem der „Anspruch, sachgerecht und konsequent zu verhüten und sich darüber hinaus vor Geschlechtskrankheiten zu schützen“ 20 , dem Wunsch nach einer romantischen Beziehung in einzelnen Teilen widerspricht. Folgende Grafik veranschaulicht diese Problematik nochmals deutlich:
18 Osthoff, 1995, S. 28
19 Milhoffer, 2000, S. 15
20 Osthoff, 1998, S.20 21 BzgA, 1995, S.49, zitiert nach MS 22/ JS 20
Arbeit zitieren:
Tina Weil, 2001, Sozialisationsstörungen infolge von ungewollter Schwangerschaft in der Adoleszenz, München, GRIN Verlag GmbH
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