„Drei Dinge machen einen Meister: Wissen. Können. Und Wollen.“
Deutsches Sprichwort
Gliederungsverzeichnis:
1 Einleitung 1
Gang der Untersuchung 2
Zielsetzung 3
2 Theoretischer Hintergrund 3
Mentale Verarbeitung 3
Kognition______________________________________________________ Kognition 4
2.1.1.1 Das Drei Speicher Modell 4
2.1.1.2 Horizontale und vertikale Informationsverarbeitung 5
Wissen 5
2.1.2.1 Anwärmphasen und ihre Bedeutung für das Leseverstehen 6
2.1.2.2 Wissensebenen 7
Verstehen 7
Lesen und Textverstehen 9
2.2.1.1 Schwierigkeitsbereiche literarischer Texte 9
2.2.1.2 Metakognition und ihre Bedeutung für das Lesen 10
Emotionen und ihre Bedeutung für die Lesemotivation 10
2.2.2.1 Bedeutung von Motivation für das Leseverstehen 11
2.2.2.2 Exkurs Allgemeine Leseinteressen jugendlicher Leser 11
3 Literaturdidaktik und Leseforschung 12
Exkurs II Literaturdidaktische Positionen seit 13
Erziehender Literaturunterricht 14
Einfluss der Werkinterpretation 14
Sachstrukturell orientierte Literaturdidaktik 14
Kritische Literaturdidaktik 15
Rezeptionsorientierung 15
Produktionsorientierte Literaturdidaktik 16
Die Empirische Wende 16
PISA 17
DESI 18
3.2.2.1 Strukturelle Unterschiede von PISA und DESI 19
3.2.2.2 Bildungsstandards im Vergleich zu den Lehrplänen 20
Allgemeines zu DESI Kompetenzen 21
Leseprozessmodell und Lesekompetenzenförderung nach DESI 22
Das Leseprozessmodell 24
3.3.1.1 Vorwissen 24
3.3.1.2 Lokale Informationsentnahme 25
3.3.1.3 Inferenzen bilden 25
3.3.1.4 Fokussieren um lokale Kohärenz herzustellen 26
3.3.1.5 Wissen 26
3.3.1.6 Globale Kohärenz 27
3.3.1.7 Mentales Modell 27
3.3.1.8 Vergleich zweier Texte 29
3.3.1.9 Zusammenfassung 29
Das Leseprozessmodell als Instrumentarium 29
3.3.3
Exkurs III Fachdidaktische Kontroverse über den Zweck NA
Lesestrategietrainings im Deutschunterricht 30
Fragestellung 31
4 Ablauf und Methode der Untersuchung 32
Zielgruppe 32
Untersuchungsdesign und Analyseverfahren 33
5 Analyse 34
Zur Kurzgeschichte Der Feind 34
Analyse: Transkript 36
Analyse: Transkript II 42
Analyse: Transkript III 48
Zusammengefasste Ergebnisse der Unterrichtsanalysen 53
6 Gesamtergebnisse 56
Wirksamkeit von Lesestrategien und Vorwissen 56
Zwischenfazit zur Lehrerrolle 57
7 Schlussbetrachtung 58
1 Einleitung
„Die Lesekompetenz gilt als fächer-
übergreifende Schlüsselqualifikation und da- mit als wesentliche Vorraussetzung für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben“. 1
Die Veröffentlichung der ersten PISA-Ergebnisse im Dezember 2001 stieß in der Öffentlich- keit auf großes Interesse und dokumentierte das bestenfalls mittelmäßige Abschneiden deut- scher Schüler 2 im internationalen Vergleich. PISA 2000 erfasste im Millenniumsjahr speziell die ‚Lesekompetenz’ 15jähriger Schüler in den Mitgliedstaaten der OECD 3 mit dem Zweck, die Leistungsfähigkeit ihrer Bildungssysteme vergleichend in Augenschein zu nehmen.
Zum Erstaunen vieler lag Deutschland relativ deutlich unter dem Mittelwert aller OECD- Länder. Beinahe 23% der untersuchten Neuntklässler erreichten auf einer fünfstufigen (Lese-)Kompetenzskala höchstens die unterste Stufe. Im oberen Leistungsbereich entsprachen deutsche Schüler zwar dem internationalen Standard, lieferten aber in keinem Bereich über- durchschnittliche Ergebnisse. Besondere Schwächen fanden sich beim Reflektieren und Be- werten von Texten, 4 immerhin eine angenommene Domäne des Literaturunterrichts hierzu- lande.
Die Deutschdidaktiker diskutierten die Frage, welche Voraussetzungen für einen erfolgrei- chen Leseprozess gegeben sein müssen, selbstverständlich lange vor der Veröffentlichung dieser Ergebnisse, doch erst die Diskussionen um die „PISA-Katastrophe“ machten plötzlich einen richtungsweisenden Paradigmenwechsel möglich: die sog. „Empirische Wende der Bil- dungspolitik“. Zentral ist bei dieser (Richtungs-)Weisung die (Neu-)Orientierung am Ertrag der Schule – an ihrem ‚output’ – und die Evaluierung des Lernzuwachses der Schüler.
Über die Notwendigkeit einer Evaluierung des Lernzuwachses sind sich mittlerweile Bil- dungspolitiker, maßgebliche Vertreter der Schulpraxis, Elternverbände und nicht zuletzt auch die Bildungsforschung einig. 5
(Und) Dass dieser Vorzeichenwechsel weitreichend sein würde, 1 Wird (nicht nur) unter Didaktikern als Konsens bezeichnet.
2 Bei maskulinen Bezeichnungen von Personengruppen sind entsprechend immer auch weibliche Personen mit- gemeint.
3 Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).
4 Vgl. Artelt u.a. (2001), S. 37.
5 Mancherorts trifft man sicherlich auch auf Vorbehalte gegenüber „Messbarkeit“ unterrichtlicher Wirkungen und auf Misstrauen bis hin zu Ablehnung empirischer Lehr-Lern- und Evaluationsforschung. 1
machte Terhart bereits wenige Monate nach der Veröffentlichung der PISA-Ergebnisse deut- lich:
„Entscheidend und in gewisser Weise tatsächlich revolutionär für den Schulbereich ist es, sich bei der Steuerung nicht länger nur am Prinzip einer immer detaillierteren Vorgabe von Inputs (Gesetze, Lehrpläne, Ordnungen, ...), sondern verstärkt an den Outputs bzw. Outcomes - also an tatsächlich erreichten Effekten – zu orientieren und diese mit gesetzten Standards zu ver- gleichen“. 6
Mit der Etablierung der hier angesprochenen ‚Bildungsstandards’ rückte, mit Weinerts Wor- ten, zunehmend wieder in den Mittelpunkt, was in den letzten Jahrzehnten mit der Fokussie- rung der ‚Curricula’ aus dem Blick zu geraten drohte: der Unterricht selbst. Nicht nur seiner Meinung nach „gibt es nur eine wirkliche Möglichkeit schlechte Bildungsergebnisse zu korri- gieren und das ist eine Verbesserung der Qualität des Lernens und Lehrens im Unterricht“. 7
Dieser Erkenntnis folgend und in Anlehnung an das Forschungsprojekt DESI 8 wird diese Ar- beit in einem ersten Schritt die Bedeutung von Lesestrategien und Vorwissen für das Lesever- stehen argumentativ und mit Rekurs auf verschiedene Forschungsergebnisse behandeln. Be- zogen auf diese Erkenntnisse soll in einem weiteren Schritt und einer qualitativ-empirischen Untersuchung die zentrale Grundannahme dieser Arbeit verifiziert werden: Dass hinreichen- des (Vor-)Wissen gepaart mit adäquaten (Lese-)Strategien (Lese-)Kompetenzen befördern.
1.1 Gang der Untersuchung
Diese Arbeit beginnt mit einer Einführung in ausgewählte Erkenntnisse der Kognitionsfor- schung (Kap. 2), insbesondere der Neurophysiologie und Kognitionspsychologie. Hinsichtlich der Informationsverarbeitung auf zerebraler Ebene wird das Drei-Speicher-Gedächtnismodell skizziert und durch ein neuronales Netzwerkmodell zur Wissensspeicherung spezifiziert. An- hand dieser Erkenntnisse werden erste begründete Thesen zur Bedeutung von Lesestrategien und Wissensanwärmphasen für einen erfolgreichen Literaturunterricht abgeleitet. Hierauf folgen Ergebnisse aus der Leseforschung zur Leser-Text-Interaktion, die im Hinblick auf das zum Tragen kommende Leseprozessmodell und der daran orientierten (in der Untersuchung eingesetzten) Lesestrategien ausgewählt wurden.
Kapitel 3 wendet sich der Literaturdidaktik zu – zunächst der Entwicklung literaturdidakti- scher Positionen seit 1945 und anschließend der neueren Leseforschung mit einem Schwer- punkt auf den Studien PISA und insbesondere DESI. Nach einer kurz gefassten Darstellung 6 Terhart (2002), S. 104.
7 Weinert (2000), S. 2f.
8 Siehe Kap. 3.2.2 ff.
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derzeitiger Entwicklungen in der deutschen Bildungspolitik folgt aus psycholinguistischer Perspektive eine Einführung in das Leseprozessmodell, dass dem Forschungsprojekt DESI zugrunde liegt und zur Analyse der Unterrichtstranskripte im zweiten Teil der Arbeit heran- gezogen wird. Kapitel 4 ist der Beschreibung des Untersuchungsdesigns und der Untersu- chungsdurchführung gewidmet - dem Erhebungs-, Aufbereitungs- und Analyseverfahren. Im Anschluss (Kap. 5) folgt die empirische Untersuchung zur Bedeutung von Vorwissen und Lesestrategien für das Textverständnis und eine qualitative Analyse literarischer Unterrichts- gespräche in Klassen der neunten Jahrgangsstufe. Kapitel sechs fasst die augenscheinlichsten Ergebnisse dieser Untersuchung zusammen. In der Schlussbetrachtung wird die Leistungsfä- higkeit des DESI-Leseprozessmodells - mit Blick auf die Untersuchungsergebnisse - heraus- gestellt.
1.2 Zielsetzung
In dieser Arbeit werden gegenwärtige Forschungsstände relevanter Wissenschaftsdisziplinen zum Leseprozess deskriptiv dargestellt. Daran anknüpfend wird untersucht - anhand von Un- terrichtstranskriptionen –, ob sich das Textverständnis bei Neuntklässlern verbessert, wenn sie auf DESI-Lesestrategien und/oder adäquates Vorwissen zurückgreifen können. Zudem zielt die Untersuchung darauf ab, weitere Erkenntnisse über die Nützlichkeit der DESI- Lesekategorien zu gewinnen, im Hinblick auf Unterrichtsstrukturierung und –planung bei Textarbeit durch das Lehrpersonal.
2 Theoretischer Hintergrund
„Unterricht schafft lediglich die Basis für Lernprozesse und gibt Lernziele vor. Das Lernen selbst muss von den Schülerinnen und Schülern geleistet werden, (...) wobei die Nachhaltig- keit entscheidend ist“, so Helmke. 9 „Lernprozesse zu initiieren“ 10 , ein solcher Anspruch be- darf der Fundierung durch Kenntnis elementarer Prozesse der kognitiven Informationsverar- beitung, will man Nachhaltiges beitragen zur Beantwortung der seit Ewigkeiten virulenten Frage: Wie lassen sich Lern- bzw. Verstehensprozesse initiieren?
2.1 Mentale Verarbeitung
Den Verstehensprozess beim Lesen hat als einer der ersten Frederic Bartlett 1932 erforscht und dabei die Erkenntnis gewonnen, dass Leser Texte auf der Basis ihres vorhandenen Vor- 9 Helmke (2003), S. 31.
10 ... ist auch Ziel dieser Arbeit.
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wissens verstehen. 11 Zur Klärung dieses Zusammenhangs werden zunächst grundlegende Er- kenntnisse aus der neueren Kognitionsforschung zur Informations- und Wissensverarbeitung vorgestellt.
2.1.1 Kognition
Als ausgewähltes Gedächtnismodell wird an dieser Stelle das ‚Drei-Speicher-Modell’ darge- stellt, das zum einen anschaulich und zum anderen eines der bekannteren ist. 12
2.1.1.1 Das Drei-Speicher-Modell
• Abb. 1:
Das Drei-Speicher-Modell schematisch
Quelle: Helmke (2003), S. 37.
Das Drei-Speicher-Modell sieht drei unterschiedliche Speicher vor. Das sensorische Register empfängt die einkommenden Reize und hält sie für sehr kurze Zeit weitestgehend originalge- treu im Speicher. Nach Filterungsprozessen gelangt ein Teil der sensorischen Informationen in das Kurzzeitgedächtnis. Hier werden die einzelnen Informationen zu kleineren Einheiten weiterverarbeitet und sind für längere Zeit verfügbar - falls sie als relevant eingeschätzt wer- den. Die Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses, definiert über die Gedächtnisspanne, umfasst in aller Regel sieben (plus minus zwei) Einheiten, die zeitgleich im Arbeitsspeicher gehalten und miteinander verknüpft werden können. 13
Das Kurzzeit- bzw. Arbeitsgedächtnis spielt eine wichtige Rolle für das Lesen und Verste- hen, 14 denn es ist sowohl für die Verarbeitung als auch für die Speicherung von Informationen zuständig und im Gegensatz zum sensorischen Register in hohem Maße selektiv. 15
Die struk- turelle Leistungsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses ist durch die Gedächtniskapazität (sieben plus minus zwei) begrenzt, die prozessuale lässt sich hingegen ausbauen, beispielsweise durch eine Förderung mittels Lesestrategien. 11 Vgl. Nold /Willenberg (2006), S. 2.
12 Es gibt andere alternative Gedächtnismodelle.
13 Vgl. Helmke (2003), S. 37.
14 Vgl. Helmke (2003), S. 37.
15 Vgl. Kintsch (1982), S. 109.
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Lesestrategien zielen auf dieser Ebene der kognitiven Verarbeitung darauf ab, die Geschwin- digkeit der Verarbeitungsprozesse zu verbessern bzw. den Grad ihrer Automatisierung. Dabei gilt: je strukturierter, automatisierter und schneller die prozessuale Kapazität angelegt ist, des- to mehr Informationen stehen gleichzeitig – für das (Be-)Denken - zur Verfügung. 16 Die Menge der im Kurzzeitgedächtnis gespeicherten und damit verarbeitbaren Informationen kann erhöht werden, indem Einzelelemente zu Mustern zusammengefügt und gebündelt werden. 17 Das Langzeitgedächtnis erledigt das längerfristige Behalten (und beherbergt einen wahren Wissens- und Erfahrungsschatz), wobei in dieser Darstellung drei unterschiedliche Speicher- typen unterschieden werden: das episodische, das semantische und das prozedurale Gedächt- nis. Auf diese wird im Laufe der Arbeit nicht explizit rekurriert, so dass eine weitere Diffe- renzierung für diese Untersuchung unnötig ist. 18 Damit der Lernstoff die Barrieren vom sensorischen Register über das Arbeitsgedächtnis ins Langzeitgedächtnis überwindet, also fest verankert und potentiell abrufbar wird, werden die einzelnen Einträge miteinander - wie folgt - vernetzt. 19 2.1.1.2 Horizontale und vertikale Informationsverarbeitung
Bei der horizontalen Informationsverarbeitung geht es um eine vielfältige und dadurch breite Vernetzung im Langzeitgedächtnis, beispielsweise durch Einbeziehung mehrerer Sinneskanä- le, Verknüpfungen zu Alltagsphänomenen u.a.m. Je breiter die Informationsverarbeitung ist und je mehr ‚mentale Repräsentationen’ auf verschiedenen Ebenen einbezogen werden, desto vielfältiger werden die Spuren im Gedächtnis gezogen und desto leichter sind die Informatio- nen wieder abrufbar. Die vertikale Verarbeitung bezieht sich hingegen auf die Tiefe des Ver- stehens, die aus der mentalen Bildung von Assoziationen, Hierarchien und anderen Strukturen resultiert.
Beide Dimensionen der Informationsverarbeitung befruchten sich 20 , was im nächsten Ab- schnitt spezifiziert wird.
2.1.2 Wissen
Aus der Hirnforschung hat sich ergeben, dass Wissen im Gehirn – nicht bloß allegorisch ge- sprochen - in Wissensnetzen abgelegt und weitgehend nach Sachgebieten geordnet ist. Unter- suchungen zu Wortfeldern - Musikinstrumente, Tiere, Möbel usw. - haben gezeigt, dass das 16 Vgl. Schreblowski (2002), S. 20f.
17 Vgl. Helmke (2003), S. 37.
18 Für eine weiterführende Differenzierung der (Langzeitgedächtnis-)Speichertypen wird die dezidierte Untersu- chung Kintschs (Memory and Cognition (1970), 1982 übersetzt von Angelika Albert) empfohlen. 19 Vgl. Helmke (2003), S. 37f.
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Gehirn einzelne Einträge (Klavier, Elefant, Stuhl ...) nach Themen ordnet, „wobei diese Schaltkreise nicht statisch sind - sozusagen nur in einer Schublade liegen würden -, sondern je nach Bedarf die einzelnen Einträge im Gedächtnis in neuen Mustern verknüpft und hochge- fahren werden“. 21 Das bedeutet u.a., dass die vielfache Vernetzung der gespeicherten Einträge zu Wissensknoten, die Gesamtheit möglicher themenbezogener Schaltkreise darstellt, wäh- rend das Gesamtnetz fortwährend nach innen und außen hin neue Verknüpfungen produziert - quasi lernt. Dabei werden neue Wissensinhalte in bereits vorhandene Wissensnetze eingefügt, sobald mindestens zwei Schaltkreise hochgefahren sind und Aspekte aus beiden miteinander neu verknüpft werden. Dabei erleichtern vielmaschige Netze mit vielen Wissensknoten den Anschluss neuen Wissens. 22
Für eine nachhaltige Integration neuer Wissensinhalte in bereits bestehende Wissensbestände ist ein wiederholtes Bewusstmachen und Anwenden erworbenen Wissens hilfreich, damit die Verknüpfungen zu anderen Informationen vertieft und vervielfacht werden. Andernfalls wer- den Wissensinhalte leicht vergessen bzw. sind nicht abrufbar, „denn (neues) Wissen muss in Ordnungen und Hierarchien stabilisiert sein“ 23 , damit es sozusagen seinen Aggregatzustand ändern kann: von einem lose geknüpften Wissensnetz in die feste Gitterstruktur eines ‚Menta- len Modells’. 24
2.1.2.1 Anwärmphasen und ihre Bedeutung für das Leseverstehen
Die spezielle Struktur von Wissenseinheiten im Gehirn als einzeln gespeicherte Daten, die in einem Gesamtnetzwerk aufgehen, das je nach Zusammenhang themenbezogene Schaltkreise zusammenschaltet, macht Anwärmphasen hilfreich für Verstehens- und Lernprozesse. Ist je- mand beispielsweise im Begriff einen Text zu lesen, ist es ratsam, zunächst einige Orientie- rungspunkte auszumachen, so dass das Gehirn die Zeit bekommt - die es braucht -, um bereits vorhandene Wissensbereiche hochzufahren und zusammenzubündeln. Hierzu bietet es sich an, sich vor dem Lesen zunächst (auch hypothetische) Gedanken zu machen, über den Autor, den Titel oder die kurze Einführung auf dem Buchdeckel. Sollten Teile des Textes bereits gelesen worden sein, führten etwa die Rekapitulation gemachter Stichworte zu den Speichern, in denen bereits bearbeitete Themen des Textes eingelagert sind; 25
womit mögliche Anwärm- Methoden zu Texten noch lange nicht erschöpft sind. 20 Vgl. Helmke (2003), S. 38.
21 Willenberg (2000), S. 70f.
22 Vgl. Willenberg (2000), S. 71.
23 Willenberg (2000), S. 71.
24 Vgl. Gailberger (2007), S. 1.
25 Vgl. Willenberg (1999), 35ff.
6
Weshalb Anwärmphasen für Lern- und Verknüpfungsprozesse hilfreich sind, ergibt sich u.a. aus der folgenden Darstellung der Wissensebenen.
2.1.2.2 Wissensebenen
Nach dem dreistufigen ‚Modell der Wissensebenen’ Willenbergs liegt Wissen sowohl offen an der Oberfläche als auch im Unterbewusstsein.
Nach diesem Modell liegt in der obersten Schicht das Wissen, das jederzeit abrufbar ist, wie beispielsweise die Adresse eines Freundes oder der Auslöser des 1. Weltkrieges.
Auf der darunter liegenden Stufe befinden sich Wissensbestände - beispielsweise Fakten oder Zusammenhänge -, die schon länger nicht mehr aufgerufen wurden, aber mit ein wenig An- wärmung wieder ins Gedächtnis gerufen werden können. Wenn jemand den Anlass vergessen hat, der zur Kriegserklärung Österreichs-Ungarns gegenüber Serbien führte, dann reichen in der Regel Andeutungen aus, das Ereignis wieder zu erinnern, weil es als Erinnerung bereits vernetzt und verankert war bzw. ist.
Die dritte Ebene bezieht sich auf die Integration neuer Wissensinhalte, die relativ leicht er- worben und verankert werden können, falls ein Netzwerk in einem anschlussfähigen Bereich vorhanden ist. Besteht beispielsweise ein Wissensnetz zum 1. Weltkrieg, kann die Rolle eines Lawrence von Arabien das Bild vom Kalkül der verschiedenen Kriegsparteien schärfen oder ein Exkurs über den Expressionismus einen vertiefenden Eindruck von den innergesellschaft- lichen Verwerfungen der (Nach-)Kriegszeit vermitteln. 26
Die Einsicht in die Existenz verschiedener Wissensebenen macht zweierlei deutlich: zum ei- nen, dass „Menschen mit einem Orientierungsnetz eher in der Lage sind, nuancierte Wahr- nehmungen in Szene zu setzen als solche, die Deutungen immer nur spontan in Gang set- zen“ 27 und zum anderen, weshalb Anwärmphasen wirkungsvoll sind: um schlummerndes Wissen verfügbar zu machen.
Gelangt man zum Begriff der Deutungen, gelangt man in den Bereich der Verstehenstheorien. Daher folgt an dieser Stelle eine ‚weite Definition’ ‚allgemeiner Verstehenstheorien’.
2.2 Verstehen
Statt dass aus der Vielzahl existierender Theorien eine ausgewählt und dieser Arbeit zugrunde gelegt wird, soll diese Untersuchung von drei Axiomen zum Verstehen gerahmt werden, die 26 Vgl. Willenberg (2000), S. 69.
27 Willenberg (2000), S. 72.
7
zu großen Teilen zugleich als weite Definition allgemeiner Verstehenstheorien verstanden werden können:
• Eine Verstehenstheorie muss von der Person des Verstehenden ausgehen, d.h. vom subjektiven Hintergrund und damit dem Horizont des Weltwissens, vor dem sich das Verstehen abspielt. Die Struktur des jeweiligen Vorwissens ist entscheidend für jegli- ches Verstehen: die persönlichen Perspektiven und Ziele, die Einstellungen und Wert- überzeugungen, die hochgehaltenen und realen Standards zur Güte des eigenen Ver- stehens etc. 28
• Eine Verstehenstheorie muss die unterschiedliche Natur von Verstehensgegenständen berücksichtigen. Nicht alles besitzt dieselben Freiheitsgrade der Interpretation. Es kann sich um Objekte mit festem Sinnbestand handeln und ebenso um Objekte mit dynamischem und interpretationsoffenem Charakter. Eine mathematische Textaufgabe beispielsweise lässt meist keine Beliebigkeit der Interpretation zu, anders sieht es mit der Deutung eines literarischen Textes aus, die - durch Hinzunahme beliebiger An- nahmen - ‚im Prinzip’ eine beliebige Anzahl möglicher Sinnzuschreibungen zulässt. 29
• Eine Verstehenstheorie muss den äußeren Kontext berücksichtigen, in dem sich Ver- stehensvorgänge abspielen. Verstehen ist immer auch zweckbestimmt und zielorien- tiert und von den funktional-pragmatischen Randbedingungen determiniert, unter de- nen ein Verstehen angestrebt wird. Handelt es sich etwa um einen schulischen Lern- kontext, um eine Prüfungssituation, um ein Alltagsgespräch, eine komplexe Entschei- dungssituation, um das Verstehen wollen des Verstehensprozesses selbst, immer ist Verstehen auf einen Zweck gerichtet. 30
Dass auch literarische Texte bei genauer Lektüre und adäquatem Vorwissen keine unendliche Beliebigkeit der Interpretation zulassen, bleibt wegen der apostrophierten Konnotation in Punkt zwei (... ‚im Prinzip’ ...) eine Grundannahme dieser Untersuchung und wird in Kap. 3.3.2 begründet. Dieser Annahme liegt die - philosophisch zu nennende - Betrachtungsweise
zugrunde, dass subjektives Verstehen literarischer Texte immer vor dem Hintergrund objekti- ver Bezüge stattfindet, die integriert werden müssen, will man objektiv von tieferem Verste- hen sprechen. Warum das so ist, wird im nächsten Teilkapitel unter Zuhilfenahme eines Zitats von Kintsch geklärt. 28 Vgl. Reusser-Weyeneth (1994), S. 15.
29 Vgl. Reusser-Weyeneth (1994), S. 15f.
30 Vgl. Reusser-Weyeneth (1994), S. 16.
8
2.2.1 Lesen und Textverstehen Im Einklang mit dieser allgemeinen Verstehenstheorie konzipieren psycholinguistische Theo- rien zum Textverstehen das Lesen nicht als passiven Rezeptionsprozess, sondern als kon- struierende ‚Leser-Text-Interaktion’, in deren Verlauf unter Einbeziehung des Weltwissens ein Mentales Modell des Gelesenen auf unterschiedlichen Ebenen ausgebildet wird.
Die Bedeutung eines Mentalen Modells und damit eines tieferen Verständnisses beschreibt Kintsch u.a. mit folgender Aussage:
„Oberflächliches Verstehen ermöglicht es, den Text zu reproduzieren oder auch zusammenzu- fassen, garantiert aber nicht, daß der Text mit dem Vorwissen des Lesers integriert wird, daß er ein Teil davon wird und somit für neue Aufgaben verwendbar ist. Ein tieferes Verständnis eines Textes ist notwendig, um den Informationsgehalt des Textes für Inferenzen und Prob- lemlösen – für das Denken, in anderen Worten – verwertbar zu machen“. 31
Tieferes Verständnis für einen Text bedeutet somit den Aufbau neuer Wissensstrukturen, während oberflächliches Verstehen lediglich Informationen abrufbereit hält, ohne diese in bereits vorhandene Wissensnetze zu integrieren, was in vielen Fällen zu ihrem Vergessen führt. Damit ein „Lernen aus Texten“ möglich wird, muss, nach den Erkenntnissen Kintschs, ein Leser bei der Lektüre über den Textinhalt hinausgehen und das Gelesene mit dem eigenen Vorwissen verknüpfen. Erst diese integrative Form der ‚mentalen Wissensrepräsentation’ ermöglicht es, hinzugewonnene Wissensinhalte auch in anderen Situationen und Kontexten abzurufen, was ein ungleich höheres Verstehensniveau darstellt, als das bloße Reproduzieren der (mit anderen Wissensinhalten unverbundenen) Textinhalte. 32
2.2.1.1 Schwierigkeitsbereiche literarischer Texte
Der Arbeitstitel „Lernen aus Texten“ hat im Fokus nicht nur das Lernen und Textverstehen der Leser, sondern auch die Texte selbst, aus denen (´etwas) gelernt wird. In Bezug auf litera- rische Texte lassen sich zwei – und sicher auch weitere - Schwierigkeitsbereiche unterschei- den: Texte können zum einen schwierig sein aufgrund ihrer expliziten Merkmale (durch ihre Komplexität auf verschiedenen Ebenen: Wortschatz - Basiswörter, Konkreta, Abstrakta, Syn- tax und Junktoren - „Drei-Sekunden-Fenster“ 33
, Schlüsselwörter und Verlebendigung) und zum anderen aufgrund dessen, was sie voraussetzen – also nicht ausdrücklich bieten. Je vor- aussetzungsreicher ein Text ist, desto höhere Anforderungen werden an das Vorwissen des 31 Kintsch (1996), S. 503f.
32 Vgl. Souvignier u.a. (2003), S. 23f.
33 Das sog. „Drei-Sekunden-Fenster“ bezeichnet das Zeitfenster, in dem satzintern bedeutungstragende Wörter und Satzteile erfasst werden (können). Zeitlich darüber hinausgehend wurden einzelne Sinninhalte und Zusam- menhänge von Probanten meist nicht mehr sinngebend wiedergegeben bzw. vergessen.
9
Lesers gestellt (sprachliches, allgemeines, historisches und kulturelles Wissen, textsortenspe- zifisches Wissen).
Bezogen auf den Literaturunterricht bedeutet dies, dass zu klären ist, was ein Text als bekannt voraussetzt und was gegebenenfalls als Information für die Schüler bereitgestellt werden muss, denn Textschwierigkeiten bemessen sich an der Schnittstelle bzw. Divergenz zwischen dem impliziten Adressaten und den jeweiligen Lernenden. 34
Hinzu kommt die ästhetische Dimension der Texte, die all das umfasst, was ein intuitives Er- fassen der Textbedeutung ermöglicht - wie Anschaulichkeit, die sich in der Erzeugung von Vorstellungsbildern zeigt. Es gilt: Je stärker die ästhetische Evidenz, desto zugänglicher der Text. 35
2.2.1.2 Metakognition und ihre Bedeutung für das Lesen
Der Begriff der ‚Metakognition’ bezeichnet sowohl übergeordnetes, sog. deklaratives Wissen über unterschiedliche Aufgaben- und Lernanforderungen, als auch organisierende Prozesse der Planung, Überwachung und Steuerung des eigenen Lernverhaltens. Beim Lesen sind diese Prozesse von großer Bedeutung: gute und geübte Leser unterscheiden sich von weniger geüb- ten in aller Regel durch eine intensivere Anwendung solcher meta-kognitiven Strategien. Sie überwachen ihren Leseprozess und bemerken daher, wenn sie etwas nicht verstehen, verlang- samen ihre Lesegeschwindigkeit entsprechend und lesen schwerverständliche Passagen von sich aus mehrmals. Ebenso verfügen gute Leser über metakognitives Wissen dahingehend, wann welche Lesestrategien zweckmäßig einsetzbar sind. Sie passen also die Auswahl ihrer Lesestrategien dem jeweiligen Ziel des Lesens bzw. den Anforderungen der Texte an. 36
2.2.2 Emotionen und ihre Bedeutung für die Lesemotivation
Für das Lesen und damit für den Deutschunterricht ist die emotionale Offenheit für ein Thema entscheidend, da die eigenen Gefühle häufig mehr zum Verstehen von Themen und Menschen beitragen, als eine bloße sprachgenaue Analyse. Während des Lesens reagieren wir emotional auf Texte, bei literarischen Texten besonders auf deren Figuren und Handlungskonflikte, ob die innere Beteiligung nun auf Zustimmung oder Ablehnung beruht. Solche Gefühlsregungen führen im Allgemeinen zu einer intensiveren bzw. persönlicheren Auseinandersetzung mit den Inhalten und sind somit wichtig für die Lesemotivation und die wiederum für das Lese- verstehen. 37 Dasselbe gilt bei Sachtexten. 38
34 Vgl. Köster (2005a), S. 34f.
35 Vgl. Köster (2005a), S. 34.
36 Vgl. Souvignier u.a. (2003), S. 24f.
37 Vgl. Souvignier u.a. (2003), S. 22.
10
Dies entspricht auch Ergebnissen PISA-ergänzender DESI-Analysen, die Unterschiede in der Lesekompetenz auch mit pädagogisch beeinflussbaren Faktoren, wie den Leseinteressen, er- klären 39 - sowie dem lesestrategischen Umgang mit Texten. 40
2.2.2.1 Bedeutung von Motivation für das Leseverstehen
Bei jeglicher Lektüre - nicht nur bei literarischer – ist also das eigene affektive Engagement nicht bloß irgendwie beteiligt. Vielmehr ist der Leser als gesamte Person in den Entstehungs- prozess ‚Mentaler Modelle’ involviert: mit seinen eigenen Interessen, Erfahrungen, Wissens- strukturen und Bedürfnissen, indem er mit seinem Sprachwissen - Sprache ist Denken - und seinem Weltbezug den Text überhaupt erst innerlich inszeniert. 41
Daher (und im wiederholten Vorgriff auf die noch zu beschreibenden Mentalen Modelle) ist es einleuchtend, dass das persönliche Engagement einer lesenden Person für einen Text ge- weckt werden bzw. vorhanden sein muss, damit die Vorstellungskraft für die mentale Modell- inszenierung angeregt ist.
Zur Unterstützung des Lernens sind selbstverständlich neben ausreichender intrinsischer Mo- tivation (Spaß an der Tätigkeit selbst, Interesse an fachlichen/thematischen Inhalten etc.) auch extrinsische Anreizwerte zum Nutzen (Ziele, wie beispielsweise gute Noten, Anerkennung, materielle Belohnung etc.), was hier angesprochen, aber nicht weiter ausgeführt wird. 42
2.2.2.2 Exkurs I: Allgemeine Leseinteressen jugendlicher Leser
Anders als in der Grundschule, in der privates und schulisches Lesen sich meist noch ergän- zen, treten an den weiterführenden Schulen Freizeit- und Schullektüre häufig auseinander. Offenbar trifft das schulische Lektüreangebot in diesen Hochphasen der Lesetätigkeit nicht das Leseinteresse der Jugendlichen, was auch Leseforschung und Literaturdidaktik konstatie- ren, 43 obgleich in der Vorpubertät und Adoleszenz vergleichsweise viel gelesen wird. 44
Das Leseinteresse der Schüler richtet sich in dieser Zeit insbesondere auf – herkömmlich als trivial bezeichnete - Unterhaltungsliteratur, die bei Deutschlehrern im Allgemeinen nicht im Fokus steht. Vor allem Abenteuer-, Kriminal- und Spionageromane stehen auf der Beliebt- 38 Vgl. Willenberg (2006), S. 2. Siehe Fußnote 109.
39 Vgl. Souvignier u.a. (2003), S. 22.
40 Die eigene Hinwendung zu einem Text ist eine wichtige Vorraussetzung für den selbstgesteuerten strategi- schen Umgang mit ihm und umgekehrt zugleich ein Ergebnis erfolgreichen Strategieeinsatzes, wie Souvignier bemerkt. (Ebenda) 41 Vgl. Rosebrock (2001), S. 169.
42 Vgl. Helmke (2003), S. 31.
43 Vgl. Dehn (1999), S. 590.
44 Während einer sog. „Einbruchsphase“ zwischen Vorpubertät und Adoleszenz (15. bis 18. Lebensjahr) findet zumeist eine auffällige Lesepause statt, der, laut Dehn, begegnet werden müsste. (Dehn (1999), S. 590.) 11
heitsskala (nicht nur) Dreizehn- bis Sechzehnjähriger weit oben, dicht gefolgt von sog. „Prob- lembüchern“ oder „Doku-Fiktion“, die Probleme aus dem Alltag möglichst realistisch aufgrei- fen. 45
Dabei unterscheiden sich die Geschlechter in der Bevorzugung bestimmter Genres. Während bei heranwachsenden Männern im allgemeinen Bücher hoch im Kurs stehen, die Sachthemen miteinbeziehen, lesen junge Frauen häufiger Schicksals- und Liebesromane, wobei die emoti- onale Beteiligung ein wichtiges Motiv für die Lektüre zu sein scheint. 46
In der Adoleszenz gewinnt dann zunehmend auch bei männlichen Jugendlichen das Lesen - im Horizont altersspezifischer (Identitäts-)Probleme - eine Orientierung stiftende Funktion. In dieser Altersstufe werden von ihnen vermehrt literarische Texte gelesen – seinerzeit (und wohl noch heute) etwa Romane von Max Frisch und Hermann Hesse und Biographien. Bei adoleszenten Leserinnen wiederum setzt zunehmend ein Bedürfnis ein, nach empathischer Erfahrung fremder emotionaler Zustände, 47 wie Dehn zu berichten weiß. Dieses Interesse wird häufig mit dem Bedürfnis nach Informationen kombiniert, etwa durch Texte, die, wie die ‚Dokufiktion’ „Die Kinder vom Bahnhof Zoo“, beide Aspekte vereinen.
Texte der klassischen Literatur werden privat insgesamt eher seltener gelesen, der überwie- gende Teil der Lektüre gehört zum – wie auch immer verstandenen - Genre der Triviallitera- tur. Mit steigendem Bildungshintergrund scheint bei beiden Geschlechtern die anspruchsvolle Belletristik an Bedeutung zu gewinnen. Diese ersetzt aber in der Regel die Unterhaltungslek- türe nicht, sondern wird zusätzlich gelesen. 48
3 Literaturdidaktik und Leseforschung Lesen ist eine der Schlüsselkompetenzen und zentralen Kulturtechniken, die einerseits mit schulischem Lernen und andererseits mit der Kultur des Alltags in Verbindung gebracht wird. Wir lesen um zu lernen, um einen Test oder eine Prüfung zu bestehen, aus Vergnügen, zum Zeitvertreib, zur Entspannung, um herauszufinden, wie etwas funktioniert u.u.u. Der indivi- duelle Leser ist also in seinen sozialen Kontext eingebunden, samt seiner kognitiven Fähigkei- ten (Kap. 2.1.1), seines persönlichen Weltwissens (Kap. 2.2.1), seiner emotiven Beteiligung (Kap. 2.2.2) und seiner persönlichen Zwecke (Kap. 2.2.3).
46 Ebenda.
47 Vgl. Dehn (1999), S. 591.
48 Vgl. Dehn (1999), S. 590f.
49 Vgl. Nold / Willenberg (2006), S. 1.
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Daneben stützen sich gute Leseleistungen in besonderem Maße auf sprachlich-formale Kom- petenzen, womit insbesondere folgende Fähigkeiten verknüpft sind, die beim Lesen aktiv ein- gesetzt werden:
Auf der untersten Ebene sind es das Erkennen von Buchstaben und Wörtern sowie das Erfas- sen der Wortbedeutungen. Auf mittlerer Ebene sind es die Herstellung semantischer und syn- taktischer Relationen zwischen Wortfolgen und auf Textebene die satzübergreifende Integra- tion von Sätzen zu umfassenden Bedeutungseinheiten. Auf einer bereits hohen Verstehens- ebene steht der Aufbau einer kohärenten Struktur der globalen Gesamtbedeutung eines Tex- tes, die über die im Text enthaltenen Inhalte hinausgeht und dem Text entnommene Informa- tionen in das Vorwissen des Lesers integriert. Ergebnis dieses Konstruktionsprozesses ist ein mehrschichtiges Situationsmodell bzw. ein Mentales Modell 50 des Ausgangstextes. 51 Die ein- zelnen Teilprozesse werden dabei weniger sequentiell nacheinander durchlaufen, als vielmehr parallel und in zeitlicher Überlappung, d.h. höhere Verarbeitungsprozesse setzen bereits ein, bevor Prozesse auf niedrigerer Ebene abgeschlossen sind (Siehe Kap. 3.3.1 & 3.3.1.7).
52 Die Leseprozesse können durch Strategieeinsatz gesteuert werden, in dem sie - mit diesen Fähigkeiten verknüpfte – Erkenntnisprozesse berücksichtigen und operationalisieren.
Bevor sich diese Arbeit der Empirischen Wende der Bildungspolitik und den mentalen Lese- prozessen und Lesestrategien zuwendet, folgt zunächst ein Abriss der dominanten literaturdi- daktischen Positionen seit 1945.
3.1 Exkurs II: Literaturdidaktische Positionen seit 1945
Die Debatte, ob und wie bereichsübergreifende geistige Grundfunktionen wie (Lese-)Verstehen lehrbar sind, wird bildungstheoretisch seit mindestens 150 Jahren geführt. Das polare Begriffspaar der ‚formalen’ vs. ‚materialen’ Bildung bezeichnet in diesem Diskurs die Achsen des argumentativen Koordinatensystems.
Während die Anhänger einer materialen Bildungsauffassung ihren Blick praktisch ausschließ- lich auf die Objektseite des Bildungsgeschehens richten – auf die Stoffinhalte und deren Ver- 50 Die Begriffe „Mentales Modell“ und „Situationsmodell“ kommen ursprünglich aus verschiedenen For- schungsbereichen. Während ersterer aus der Kognitionspsychologie stammt und auf Johnson-Laird zurückgeht (vgl. Johnson-Laird 1983, S.163), wurde der Begriff des Situationsmodells durch die Leseforschung geprägt (vgl. Kintsch 1996, S. 504). Mittlerweile werden beide Begriffe synonym verwendet, was auf die kognitionspsy- chologische Fundierung der neueren Leseforschung verweist. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird der Begriff „Mentales Modell“ verwendet. Letztlich werden in der Forschung beide Begriffe definiert als mentale Konstruk- tionen und Abbildungen von realen oder möglichen Situationen, die – und dies ist eine zentrale Eigenschaft - offen sind für sog. Anschlusskommunikationen (vgl. auch Rickheit & Strohner 1993, S. 143ff).
51 Vgl. Souvignier u.a. (2003), S. 23.
52 Vgl. Christmann / Groeben (1999), S. 148.
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mittlung -, richtet sich die Aufmerksamkeit der Anhänger einer formalen Bildungsauffassung vor allem auf den Schüler als das zu bildende Subjekt. 53
Im Folgenden werden die literaturdidaktischen Positionen charakterisiert, die seit 1945 die Diskussion um den Literaturunterricht (hierzulande) bestimmt haben - ins Kontinuum des (Deutsch-)Lehrerbewusstseins eingeflossen sind - und bis heute Theorie und Praxis bestim- men. 54
3.1.1 Erziehender Literaturunterricht
Dem Literaturunterricht der Nachkriegszeit wurde vor allem eine erzieherische Funktion zu- teil. Mittels Dichtung sollten Kinder und Jugendliche vorbildhaftes Verhalten (kennen) lernen und moralische Orientierung finden. Eine wichtige Rolle spielte in dieser Didaktik der ‚Le- benshilfe’ der Erlebnisbegriff, der seinerzeit schon seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts - beeinflusst u.a. durch die ‚Kunsterziehungspädagogik’ - für die Literaturdidaktik von Bedeu- tung gewesen ist. 55
3.1.2 Einfluss der Werkinterpretation
Um 1960 begann eine Phase der Kritik am Lebenshilfeansatz. Literatur sollte nicht mehr in erster Linie Moral oder Lebensweisheit transportieren, sondern im Hinblick auf die Einheit von ‚Form und Inhalt’ interpretiert werden. Nur dadurch könne man, so die dominante Auf- fassung in dieser Zeit, dem ästhetischen Charakter von Dichtung gerecht werden. Zentral war die Frage, wie in der sprachlichen Gestalt - also durch Syntax, Rhythmus, Metaphorik usw. - der Inhalt umgesetzt ist und sich Inhalt und Form wechselseitig erschließen. 56
3.1.3 Sachstrukturell orientierte Literaturdidaktik
Im Verlauf der sechziger Jahre verstärkten sich die Tendenzen weg von der Erlebnispädago- gik - die in der Werkinterpretation zunächst noch enthalten war - zugunsten einer stärkeren Betonung der objektivierenden Analyse. Diese Abkehr von der Erlebnispädagogik wurde we- sentlich gestützt durch die aufkommende ‚Lernzieltheorie’, der zufolge Lern- und Unter- richtsprozesse plan- und kontrollierbar sein sollten und damit durchschau- und nachvollzieh- bar. 53 Vgl. Reusser (1989), S.
54 Die noch älteren Entwicklungen – beispielsweise die Bildungsvorstellungen der Spätaufklärung, des deutschen Idealismus´ und der Reformpädagogik – schlagen selbstverständlich ebenfalls bis in die heutige Praxis durch, werden in dieser Arbeit aber nicht weiter berücksichtigt.
55 Vgl. Spinner. In: Dehn (1999), S. 593.
56 Vgl. Spinner. In: Dehn (1999), S. 593f.
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Die Werkinterpretation entsprach noch einem bildungstheoretischen Ansatz, für den (Erleb- nis-)Begriffe wie Begegnung mit Dichtung u.ä. typisch waren und der sich nun mit dem Vor- wurf konfrontiert sah, irrational zu sein. Das einzelne Werk, das bei der werkimmanenten Methode in seiner Einmaligkeit und Autonomie im Mittelpunkt stand, erschien nun in erster Linie als Beispiel für die Gattung und ihrer Merkmale. Der Schüler als beteiligte Person geriet zunehmend aus dem Gesichtskreis der Literaturdidaktik. 57
3.1.4 Kritische Literaturdidaktik
Mit der 68-Bewegung rückten (auch) im Literaturunterricht politische und soziologische Be- trachtungsweisen in den Vordergrund. Ziel war das kritische Lesen als Beitrag zu einer eman- zipatorischen Erziehung. Texte sollten im Hinblick auf gesellschaftliche Interessen, die sie zum Ausdruck bringen, beleuchtet werden. Eine bloß formalästhetische Analyse wurde eben- so entschieden abgelehnt, wie ein auf Identifikation und Nacherleben ausgerichtetes Lesen, womit die distanziert-kognitive Ausrichtung des Unterrichts modifiziert und verstärkt wurde.
Neben den marxistisch zu nennenden Ansätzen der Literaturdidaktik der DDR übte die Kriti- sche Theorie der Frankfurter Schule (Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Jürgen Haber- mas) damals großen Einfluss auf die literaturdidaktische Diskussion aus. „In diesem Zusam- menhang wurde die Auffassung von Literatur als Darstellung des Möglichen und als Vor- schein auf eine bessere Welt für die Literaturdidaktik wichtig“. 58
3.1.5 Rezeptionsorientierung
Im Verlauf der siebziger Jahre gewann die Rezeptionsdidaktik für die Literaturdidaktik zu- nehmend an Bedeutung. Sie richtet ihre Aufmerksamkeit insbesondere auf die Leseprozesse. Für den Literaturunterricht bedeutete dies, dass die Schülerinnen und Schüler als Lesende wieder in den Mittelpunkt rückten: „Der Text wurde als Partitur betrachtet, die der Inszenie- rung in der Phantasie bedarf“. 59
Eine typische Folge solcher Überlegungen war z.B. eine entspanntere Einstellung zur Trivial- und Unterhaltungsliteratur - als Teil des Lesealltags der Menschen - und damit einhergehend der Vermittlungsversuch einer Lesehaltung, die das Vergnügen am Buch mit der Fähigkeit, Stereotype zu durchschauen, verbindet.
In der rezeptionsästhetischen Literaturdidaktik zeichnete sich damit eine Kritik an der Lern- zielorientierung ab, denn die nicht planbaren subjektiven Verstehensprozesse sollten in den 57 Vgl. Spinner. In: Dehn (1999), S. 594f.
58 Spinner. In: Dehn (1999), S. 595f.
59 Vgl. Spinner. In: Dehn (1999), S. 596.
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Literaturunterricht re-integriert werden. Dabei spielte vor allem die These eine bestimmende Rolle, dass der Leser den Sinn eines Textes mitschaffe. Subjektive Textbegegnungen wurden daher nicht nur berücksichtigt, sondern bewusst gefördert. Diese Berücksichtigung der sub- jektiven Rezeption wurde zudem gestützt durch identitätsorientierte Konzeptionen, die den Literaturunterricht (wieder) auf den individuellen Entwicklungsprozess der Heranwachsenden bezogen. 60
3.1.6 Produktionsorientierte Literaturdidaktik
Seit den achtziger Jahren dominiert der produktionsorientierte Ansatz die Diskussion, der als methodisch akzentuierte Fortentwicklung der rezeptionsästhetischen Sichtweise bezeichnet werden kann. Der Umgang mit Literatur im Unterricht besteht seither nicht mehr nur aus ei- nem Reden über den Text, sondern schließt konkret eigenes Gestalten mit ein. Damit wird die Förderung von Kreativität und Vorstellungskraft zu einem wichtigen Aspekt des Literaturun- terrichts. Zugleich gewönnen die Schüler – so die vorherrschende Vorstellung - ein handwerk- liches Verhältnis zum literarischen Text als ein Ergebnis harter Arbeit, weil sie auf diesem Wege selbst Erfahrungen mit dem literarischen Formulieren und seinen Problemen machten. Dies eröffne nicht zuletzt einen subjektiven Zugang zu textanalytischer Erkenntnis.
Es kennzeichnet die produktionsorientierten Ansätze, dass sie insbesondere eine Vielzahl me- thodischer Möglichkeiten zur Literaturrezeption im Unterricht bereitgestellt haben. 61
3.2 Die Empirische Wende
Leseunterricht als Begegnung mit Literatur, zur Moralerziehung, zum Kennen lernen histori- scher und gattungsspezifischer Zusammenhänge, zur Steigerung der Analysefähigkeit, zur Förderung von Kreativität, Identität und Fantasie; diese Auswahl zur Bedeutung des Litera- turunterrichts - allesamt aus den dargestellten literaturdidaktischen Positionen seit ´45 - offen- bart, dass sie alle bis heute ihren Einfluss auf den Unterricht behalten haben. Beklagt wird aber zunehmend die starke Bevorzugung subjektiven Lernens im zuletzt produktionsdomi- nierten Literaturunterricht. Harro Müller-Michaels gibt zu bedenken:
„ ‚Handlungsorientierung’ ist zum Markenzeichen eines zeitgemäßen Deutschunterrichts ge- worden. (...) Auch im Kleinen wird im Deutschunterricht gewerkelt, geschnippelt und wieder zusammengeklebt, (...) wird komplexe Literatur eigensinnig auf einfache Vorstellungen aus der Lebenswelt von Schulklassen reduziert, (...)“. 62
Dabei geriet laut Willenberg folgendes aus den Augen: 60 Vgl. Spinner. In: Dehn (1999), S. 596f.
61 Vgl. Spinner. In: Dehn (1999), S. 597.
62 Müller-Michaels (1996), S. 410f.
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Nils Prinz, 2007, Lesestrategien und Vorwissen – Ein empirischer Vergleich zum Textverständnis bei Neuntklässlern, München, GRIN Verlag GmbH
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