(I.) Zum Geleit. Seite 2 bis Seite 3.
(II.) Ein Rückblick auf die Entwicklung der Forschung. Seite 3 bis Seite 15. (II.1.) Forschungsfragen und bibliographische Publikationen. Seite 3 bis Seite 5. (II.2.) Wurzeln, Stränge und Entwicklungen der Forschungsdiskussion. Seite 6 bis Seite 12. (II.3.) Resümee und Ausblick. Seite 13 bis Seite 15.
(III.) Zur Einbettung des Begriffs der „verschleierten Gewalt“ in den faschistischen Diskurs. Seite 15 bis Seite 22. (III.1.) Zum Verständnis des Begriffs nach Hedda Herwig und Pierre Bourdieu. Seite 15 bis Seite 19. (III.2.) Die Begrüßungsformel „Heil Hitler“ im faschistischen Diskurs als Form verschleierter Gewalt. Seite 19 bis Seite 21. (III.3.) Die Rolle der Frau im faschistischen Diskurs als Form verschleierter Gewalt. Seite 21 bis Seite 22. (IV.) Formen verschleierter Gewalt im faschistischen Diskurs. Seite 22 bis Seite 48. (IV.1.) Adjektivische Verknüpfungen und Wortzusammensetzungen. Seite 22 bis Seite 27. (IV.2.) Der unmenschliche Akkusativ. Seite 27 bis Seite 29. (IV.3.) Der pathetisch-dramatisierende, militärische, antisemitische, derb-vulgäre, antiintellektuelle Sprachstil. Seite 29 bis Seite 32. (IV.4.) Sprichwörter, Redewendungen und „Witze“. Seite 32 bis Seite 34. (IV.5.) Die romantische Naturmetaphorik. Seite 34 bis Seite 35. (IV.6.) Der Mahnaufruf. Seite 36 bis Seite 37.
(IV.7.) Das faschistische Massenlied. Seite 38 bis Seite 39.
(IV.8.) Die Jugendliteratur. Seite 39 bis Seite 41.
(IV.9.) Die Kriegsberichterstattung. Seite 42 bis Seite 43.
(IV.10.) Militärische Begriffe und Soldatenjargon. Seite 43 bis Seite 44. (IV.11.) Der Judenpogrom. Seite 44 bis Seite 48.
(V.) Die Kontinuität des faschistischen Diskurses. Seite 48 bis Seite 52. (VI.) Resümee und Ausblick. Seite 52 bis Seite 53.
(VII.) Anhang 1.
Verschleierte Gewalt im faschistischen Diskurs als Unterrichtsthema der Sekundarstufe im Fach Deutsch. Seite 54 bis Seite 61. (VII.) Anhang 2.
Definitionen und bibliographische Angaben. Seite 62 bis Seite 64. (VIII.) Literaturverzeichnis. Seite 65 bis S. 71.
1
Die Arbeit „Formen verschleierter Gewalt im nationalsozialistischen Sprachgebrauch“ kann auch als Aufarbeitung der zahlreichen Aufsatzpublikationen gehäuft i n den Jahren 1983 und 1984 verstanden werden, erschienen in den Publikationsorganen „Diskussion Deutsch“ und „Muttersprache“. Neben der Herauskristallisierung der Essenz der sprachwissenschaftlichsprachkritischen Analysen zum nationalsozialistischen Sprachgebrauch, erfolgt eine Prüfung dieser Forschungsergebnisse auf ihre Belegkraft für Formen „verschleierter Gewalt“ im Sprachgebrauch. Diese Prüfung versucht den diskursanalytischen Zugang, dass heißt die
anwendungsbezogene Untersuchung von Bedeutung und sozialgeschichtlichen Kontext, wobei im Rahmen der thesenhaft argumentierenden Ausführungen der Begriff der Prägung und der Funktionalisierung, eine große Rolle spielt.
Für das definitorische Verständnis des Funktionalisierungs- Gewalt-, und Prägungsbegriffs sind im Anhang 2 lexikalische Textfragmente angefügt. 1 Dieser Anhangteil dient dem tieferen Begriffs- und Personenzugang des potentiell Interessierten.
Prägnant darauf hingewiesen sei, dass der Prägungsbegriff synonym für einen über Reproduktion gesteuerten sozialen Lernprozess von Verhalten verwendet wird, der Funktionalisierungsbegriff im Kontext der und synonym für die Erfüllung der Gewalt verschleierungswirksamen Aufgabe, während der Gewaltbegriff im situativen wie generellen, personalen wie strukturellen,
kognitiven, psychischen wie physischen, verschleierten wie unverschleierten und Unterwerfungszusammenhang im nationalsozialistischen Gesellschaftssystem verwendet wird. Der Rückbezug auf den Artikelboom Anfang der 80er-Jahre ist nicht ganz freiwillig. Die Recherchearbeit offenbart einen eklatanten Rückgang von Publikationen ab den 90er Jahren, wohingegen im Bereich von ab Mitte der 60er bis Mitte der 80er-Jahre sehr rege publiziert wird – insbesondere im Bereich der Primäranalysen. Die Gründe für den Publikationsrückgang können an dieser Stelle nur thesenhaft formuliert werden. Möglicherweise wird die Thematik wegen vorhandener zahlreicher Publikationen, die zudem in Fachzeitschriften von lebhafter Forschungsdiskussion begleitet waren, für ausreichend aufgearbeitet und erforscht erachtet, möglicherweise gibt man anderen Thematiken wegen vorhandener Forschungsdefizite oder wegen ihrer als aktueller eingeschätzten Problematik Priorität. Ein paar legere Blicke in diverse sprachwissenschaftliche Fachzeitschriften verraten bereits, wie sich die soziolinguistische Analyse in den 90er Jahren auf Themenkomplexe der Gegenwart verlagert hat. Beliebt ist tendenziell nicht die Verknüpfung „Sprachgebrauch und Nationalsozialismus“, sondern
„Sprachgebrauch und Multikulturalismus“.
Wörterbüchern Anno 1998 2 und Anno 2002 3 , wo doch die lexikalische Darstellungsform in der Forschungsdiskussion massiv als methodisch mangelhaft abgewertet wurde, wie im Laufe dieser Arbeit noch aufgezeigt werden wird. Bemerkenswert bei abflauender Popularität der Thematik ist auch eine Dissertation von 1999 als „sprachsoziologische Untersuchung zum Verhältnis von Propaganda und Wirklichkeit im Nationalsozialismus“. 4 Auf weitere Publikationen der 90er-Jahre wird über die Fußnote im Laufe dieser Arbeit und insbesondere i m Anhang aufmerksam gemacht, um das aktuelle Forschungsinteresse für die dann jeweils behandelten Themenbereiche aus dem Themenkomplex aufzuzeigen.
Die Hausarbeit eruiert für ein Basiswissen zunächst intensiv die Entwicklung der sprachwissenschaftlich-sprachkritischen Forschung zum Nationalsozialismus, um darauf aufbauend Formen verschleierter Gewalt im faschistischen Diskurs herauszukristallisieren. Über die Frage nach der Kontinuität des faschistischen Diskurses wird als Schlusspunkt der Faden zur Gegenwartsrelevanz rassistischer Diskurse geknüpft, welche im Anhang über die Vorstellung und Problematisierung didaktischer Möglichkeiten, diesen Themenkomplex im schulischen Rahmen gestalten zu lassen und zu gestalten – präventiv Konsequenzen ziehend, kritische Beachtung findet.
Bei meiner Recherchearbeit sind folgende Forschungsfragen als Schwerpunkte aufgefallen:
2 Schmitz-Berning, Cornelia: Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin u.a. 1998.
3 Robert, Michael/Doerr, Karin: Nazi-Deutsch. An English lexicon of the language of the Third Reich. Greenwood Press 2002. 4 Gorr, Doris: Nationalsozialistische Sprachwirklichkeit als Gesellschaftsreligion. Eine sprachsoziologische Untersuchung zum Verhältnis von Propaganda und Wirklichkeit im Nationalsozialismus. Aachen 2000. (teilw. zugl.: Duisburg Universitätsdissertation, 1999.) 5 Kinne, Michael/Schwitalla, Johannes: Sprache im Nationalsozialismus. Heidelberg 1994. (=Studienbibliographien Sprachwissenschaft, 9). S. 5.
3
Michael Kinne und Johannes Schwitalla publizieren 1994 eine unkommentierte, diesen
Fragekomplex umfassende Bibliographie über „Sprache im Nationalsozialismus“. Sie integrieren
neben zeitgenössischen Arbeiten ab ca. 1934 auch die wenigen ausländischen Publikationen und
weisen in ihrem Vorwort darauf h in, dass die bundesdeutschen Publikationen mit wenigen
4
ostdeutschen Publikationen überwiegen. Mit Verweis auf Unvollständigkeit listen sie 516
Publikationen von ca. 1934 bis 1991 auf. Die bibliographische Sammlung zeigt auf, dass die
Bibliographisch informierende und rezensierende Publikationen liefern neben einer weiteren von
Kinne 8 auch Gerhard Voigt 9 , Siegried Jaeger 10 und Heidrun Kämper-Jensen 11 .
6
Ehlich, Konrad (Hg.): Sprache im Faschismus. Frankfurt am Main 1989. (= Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 760).
7
Kinne, Michael/Schwitalla, Johannes: Sprache im Nationalsozialismus.
Heidelberg 1994. (= Studienbibliographien Sprachwissenschaft, 9). S. 3 bis S. 10.
8 Kinne, Michael: Zum Sprachgebrauch der deutschen Faschisten. In: Diskussion Deutsch. 1983. Vol. 14. Heft 73. S. 518 bis S. 521. 9 Voigt, Gerhard: Zur Sprache des Faschismus. Ein Literaturbericht. In: Das Argument. 1967. Vol. 9. Heft 2. S. 154 bis S. 165. 10 Jaeger, Siegfried: Faschismus, Rechtsextremismus, Sprache: Eine kommentierte Bibliographie.
2. erheblich erweiterte Auflage. Duisburg 1990. (DISS-Texte, 9).
11 Kämper-Jensen, Heidrun: Spracharbeit im Dienst des NS-Staats 1933 bis 1945. In: Zeitschrift für germanistische Linguistik. 1993. Vol. 21. Heft 1. S. 150 bis S. 183.
5
Die Auseinandersetzung mit der Verknüpfung von Sprache und Nationalsozialismus beginnt mit zwei frühen Veröffentlichungen von Victor Klemperer und Dolf Sternberger 12 und wird in den 60er, 70er und 80er Jahren zu einem insbesondere in Fachzeitschriften und Monographien hochdiskutiertem sprachwissenschaftlich-sprachkritischem Forschungskomplex in Deutschland. Der Publikationsraum der Zeitschriften „Muttersprache“ und „Diskussion Deutsch“ wird vorrangig für die Aufarbeitung über fachwissenschaftliche Artikel genutzt.
Der als „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ titulierten Artikelsammlung von 1945 über die von Sternberger herausgegebenen Monatsschrift „Die Wandlung“, die 1957 erstmals in der Buchausgabe erscheint 13 ,
folgt 1946 die zweite unmittelbare Nachkriegspublikation von
Klemperer
mit dem Titel „LTI. Notizbuch eines Philologen“.
14
„Lingua Tertii Imperii“ [LTI], da der NS-Faschismus Wörter und Redewendungen im Sinne der faschistischen Ideologie und ihrer Ziele semantisch neu besetzt und über Wiederholungen durch allmähliche Adaption in den alltäglichen Sprachgebrauch einbürgert, wobei die Vertrautheit des Übernommenen die Einbürgerung begünstigt. Diese These belegt er als Zeitzeuge über die Analyse von Zeitschriften, Jahrbüchern, Romanen, Gedichten und gesprochener Sprache. Indem
Klemperer
spezifische Wörter, Wendungen, rhetorische Stilmittel, Symbole und Massenrituale identifiziert, dabei ihre über Kombination verbaler und nonverbaler NS-Spezifika erzielte situative und langfristige Wirkung im gesellschaftlichen Anwendungszusammenhang ausmacht, analysiert und in diesem Kontext Überlegungen zum Einfluss von S prache auf das Gefühl, Denken und Handeln anstellt, arbeitet er das Machtpotential von Sprache heraus. Diesen Zusammenhang von Sprache und Macht identifiziert er als funktional für sprachlenkende Intentionen des Propagandaapparates. Über vielseitige Belege für die Durchdringung des Alltags von der LTI und der Wirkung der LTI auf das Fühlen, Denken und Handeln verfolgt
Klemperer
Prinzipien der Diskursanalyse und weicht damit sozusagen als theoretischer Vorläufer von der rein sprachwissenschaftlichen Textanalyse ab, was ihm den Vorwurf der Entfernung von der Wissenschaftlichkeit einträgt.
Kritische, den diskursanalytischen Forschungswert anerkennende Auseinandersetzungen dazu liefern Siegfried Jäger 15 , Jürgen Schiewe 16 und Utz Maas 17 und Doris Gorr 18 .
12 Vgl. Anhang 2. 2. Bibliographische Angaben zu Bourdieu, Foucault, Klemperer, Sternberger.
13 Sternberger, Dolf/Storz, Gerhard/Süskind, W.E.: Aus dem Wörterbuch des Unmenschen.
Neue erweiterte Ausgabe mit Zeugnissen des Streites über die Sprachkritik. 3. Auflage. Hamburg/Düsseldorf 1968. 14 Klemperer, Victor: LTI. Notizbuch eines Philologen. Leipzig 1946.
15 Jäger, Siegfried: Sprache-Wissen-Macht. Victor Klemperers Beitrag zur Analyse von Sprache und Ideologie des Faschismus. In: Muttersprache. 1999. Vol. 109. Heft 1. S. 1 bis S. 18.
Jäger, Margret /Jäger, Siegfried: Die Restauration rechten Denkens. Duisburg 1999. S. 1 bis S. 21.
Online unter http://www.uni-duisburg.de/DISS/Internetbibliothek/Artikel/Restauration_d_rechten_Denkens.htm Jäger, Siegfried: Unveröffentlichtes Manuskript des Vortrags vom 04.07.2000 an der Universität Bonn zur Veranstaltungsreihe ‚Wissenschaft im Nationalsozialismus’. Duisburg 2000. S. 1 bis S. 21.
Online unter http://www. uni-duisburg.de/DISS/Internetbibliothek/Artikel/Klemperer.htm
6
Die Publikation „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ enthält Artikel zu NS-typischen
Begriffen, welche den Faden von der historischen Worterklärung zur zeitgenössischen
Anwendung spannen. Beiden Publikationen kann die Wurzelfunktion für spezifische
Diskussionsstränge in den Folgejahren zugewiesen werden:
Forderer nach einer Werturteilsfreiheit der Sprachwissenschaft ist in diesem sich in den 60er-
Jahren entwickelnden Streit insbesondere Peter Polenz. Über die auch heute noch diskutierte
Frage 19 nach dem ob, warum und wie in Wörtern manifestierten Schuld entwickelt er getrennte
Aufgabenbereiche zwischen Sprachwissenschaft und Sprachkritik:
16 Schiewe, Jürgen: Die Macht der Sprache: eine Geschichte der Sprachkritik von der Antike bis zur Gegenwart. München 1998. 17 Maas, Utz: „Als der Geist der Gemeinschaft eine Sprache fand“ Sprache im Nationalsozialismus.Opladen 1984. 18 Gorr, Doris (2000).
19 Anmerkung: Eine aktuelle die Position Polenz widersprechenden Standpunkt zur „langue“ entwickelt Gauger, Hans-Martin: Gewalt in der Sprache. In: Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften/Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig (Hg.): „Werkzeug Sprache“. Sprachpolitik. Sprachfähigkeit. Sprache und Macht. Hildesheim 1999. S. 117 bis S. 140.
7
Die Argumentation Sternbergers gründet auf der Definition von Sprache als Werk des ganzen Menschen, aufgrund dessen die Sprache auch mit Normen lebt und die Normen mit ihr:
Zeugnisse des Streits zwischen Sternberger et.al. und Peter Polenz sind als Anhang der 3. Auflage von 1968 im „Wörterbuch des Unmenschen“ angefügt. Erörternden Bezug dazu nehmen auch Jürgen Schiewe 22 und Gerhard Voigt. 23 Namen, die im Streitkontext bezüglich der „Theorie von einer Sprache des Nationalsozialismus“ stehen, sind Gerhard Voigt, Michael Kinne, Peter Polenz, Andrea Hoffend, Wolfgang Werner Sauer und Gabriele Hoppe und Cornelia Berning.
Kritikpunkt sind insbesondere auch Wendungen in Publikationen, die kategorisch der „Sprache des Nationalsozialismus“ und nicht der „Sprache im Nationalsozialismus“ zuzuordnen sind. Voigt liefert 1974 einen „Bericht vom Ende der ‚Sprache des Nationalsozialismus’“, in dem er zu der
20
Polenz, Peter: Sprachkritik und Sprachwissenschaft. In: Sternberger, Dolf/Storz, Gerhard/Süskind, W.E. (1968): S. 306 bis S. 308.
21
Sternerger, Dolf: Gute Sprache und böse Sprache. Zehn Thesen.
In: Sternberger, Dolf/Storz, Gerhard/Süskind, W.E. (1968): S. 7; S. 312 bis S. 314.
22 Schiewe, Jürgen (1998): S. 227 bis S. 234; S. 242 bis S. 249.
23 Voigt, Gerhard: Bericht vom Ende der ‚Sprache des Nationalsozialismus’. In: Diskussion Deutsch. 1974. Vol. 5. Heft 19. S. 445 bis S. 464.
8
Schlussfolgerung gelangt, Formalismus und Geschichtslosigkeit hätten diese Theorie erst möglich gemacht.
24
Er kritisiert die auf der Theorie angeblich gründende These, Hitler oder Goebbels seien Schöpfer
der Sprache und beruft sich in seinem Argumentationsgefüge auf Polenz, der 1972 schreibt:
Kinne kritisiert 1983 Voigts radikale Abstrafung als
24 Voigt, Gerhard (1974): S. 451.
25 Polenz, Peter: Geschichte der deutschen Sprache. Erweiterte Neubearbeitung der früheren Darstellung von Prof. Hans Sperber.
8. verbesserte Auflage. Berlin/New York 1972. S. 164 bis S. 165.
26 Kinne, Michael: Zum Sprachgebrauch der deutschen Faschisten. In: Diskussion Deutsch. 1983. Vol. 14. Heft 73. S. 518 bis S. 521.
9
Sauer
bemüht sich einige Hefte später, die Kritik der ungenauen Recherche zu verteidigen:
Ansatz
Klemperers , den sprachlichen Wurzeln der LTI - wie von Polenz 1972 jedoch paradoxerweise als Gegenargumentationsbasis genutzt, auf den Grund zu gehen.
Folglich statuiert Klemperer die LTI keineswegs als ein „geschlossenes Gebilde“, keineswegs als eine widersprüchliche Theorie zu vorhitlerischen Sprachwurzeln:
„Sprachgebrauch der deutschen Faschisten“. Diese Wendung ist, da sie die Begrenzung des Sprachgebrauchs auf Vertreter des Nationalsozialismus ausdrückt, für diese Arbeit nicht geeignet, da die Durchdringung von Alltagssprache mit NS-typischen Begriffen und Wendungen zu analysierender Gegenstand dieser Arbeit ist. Daher muss eine Wendung gefunden werden, die nicht explizit auf die ideologischen Vertreter begrenzt. Die Wendung „Sprache im Nationalsozialismus“ erfüllt diesen Allgemeinheitsanspruch. Da die Wendung jedoch mit dem historischem Forschungskonflikt konnotiert wird, und daher als meinungsbildende Polarisierung auffaßbar, wird auf ihren Gebrauch verzichtet.
reagiert 1994 im bibliographischen Vorwort auf Publikationen bereichsdifferenzierter Kinne Sprachanalysen durch eine Auflistung mit für diese Bereiche gewählten Wendungen, deren
27 Sauer, Wolfgang, Werner: Schlag nach bei Berning? Anmerkungen zur Renaissance der ‚Vokabularien zur ns Sprache? In: Diskussion Deutsch. 1984. Vol. 15. Heft 77. S. 319.
28 Vgl. die Rezension von Voigt, Gerhard (1967): S. 155.
29 Klemperer, Victor (1969): S. 23. Anmerkung: In der LTI lassen sich sogar als methodischer Bestandteil der Analyse – Reflektionen über die sprachlichen Wurzeln von Begriffen der LTI nachweisen. Der Vorwurf ist daher unbegründet. So identifiziert er folgende Entlehnungen: S. 26 (Heeressprache); S. 93 bis S. 97 (Ausland); S .108 bis S. 123 (christliche Religion); S. 148 (Romantik); S. 152 bis S. 161 (Technik); S. 178 (historischer Antisemitismus); S. 220 bis S. 221 (Heeres- und Kriegssprache); S. 234 bis S. 238 (Sport); S. 236; S. 257 (Sprachgebrauch der gebildeten und der ungebildeten Schicht).
10
Ideenursprung vermutlich auf
Polenz’
30
rückzuführen ist, welcher bereits 1972 – aus der Ablehnung der Theorie einer „Nazisprache“ resultierend, differenzierende Wendungen wie „Sprachgebrauch der deutschen Faschisten“ und „nationalsozialistischer Sprachgebrauch“ entwickelt, um die nationalsozialistische „Art des Sprechens“ zu statuieren:
In dieser Arbeit wird die von Kinne ebenfalls benutzte, auch im Wörterbuch von Karl Heinz Brackmann und Renate Birkenhauer 32 auftauchende, von Polenz und wie auch Hans Winterfeldt 33
gewählte Wendung „nationalsozialistischer Sprachgebrauch“ verwendet, da sie semantisch allgemein den Gebrauch von Sprache mit nationalsozialistischer Prägung beschließt. Als Reaktion auf diese theoretische Forschungsdiskussion können Beiträge bewertet werden, die sich auf die Wurzelsuche nationalsozialistischen Sprachgebrauchs verlagern. Hoffend analysiert 1987 in Ihrem Aufsatz für spezielle NS-Begriffe die Wurzelfunktion
Sprachäußerungen nationalsozialistischer Abgeordneter im deutschen Reichstag von 1924 bis 1933. 35
Der Aufsatztitel „Ein Ende des Endes der ‚Sprache des Nationalismus’ – für eine neue ‚Wörterbuchphilologie’?“ 36 , zu dessen Formulierung Hoppe sich mit Anspielung auf Voigts 37 Aufsatztitel als Fortsetzung der Forschungsdiskussion veranlasst sieht, zieht eine schlussfolgernde Konsequenz aus den Ergebnissen, die man als unterstützend für die „Theorie von einer Sprache des Nationalsozialismus“ interpretieren kann. Mit diesem Aufsatztitel verweist Hoppe zum einen auf den zwischen lexikalischer Darstellungsform und Theorie bestehenden
30 Polenz, Peter (1972): S. 164; S. 167 bis S. 168.
31 Kinne, Michael/ Schwitalla, Johannes (1994): S. 3 bis S. 10.
32 Vgl. Brackmann, Karl-Heinz/Birkenhauer, Renate: NS-Deutsch. Selbstverständliche Begriffe und Schlagwörter aus der Zeit des Nationalsozialismus. Straelen 1988. (Europäisches Übersetzer-Kollegium, 4). S. 35.
33 Winterfeldt, Hans: Elemente der Brutalität im nationalsozialistischen Sprachgebrauch. In: Muttersprache.1965.Vol. 75.Heft 7-8. S. 231 bis S. 240.
34 Hoffend, Andrea: Bevor die Nazis die Sprache beim Wort nahmen. Wurzeln und Entsprechungen nationalsozialistischen Sprachgebrauchs. In: Muttersprache. 1987. Vol. 97. Heft 5-6. S. 257 bis S. 299.
35 Sauer, Wolfgang Werner: Der Sprachgebrauch der Nationalsozialisten vor 1933. Hamburg 1978.(=Hamburger Philologische Studien,47): 36 Hoppe, Gabriele: Ein Ende des Endes der ‚Sprache des Nationalismus’ – für eine neue ‚Wörterbuchphilologie’? In: Diskussion Deutsch. 1983. Vol. 14. Heft 74. S. 689 bis S. 692.
37 Voigt, Gerhard (1974): S. 445 bis S. 464.
11
Legitimationszusammenhang, zum anderen auf
Cornelia Bernings
Begründungsansatz in der Einleitung ihrer 1964 veröffentlichten ersten Wortschatzsammlung, die Theorie über sprachliche Parallelen zwischen Nationalsozialisten von 1918 bis 1933 und der „Sprache des Dritten Reiches“ von 1933 bis 1945, argumentativ zu stützen. – Auch der Wert der lexikalischen
Einzelwortanalyse typischen Begriffen im „Wörterbuch eines Unmenschen“
38
zurückzuführen ist, und im Zuge der „Vokabular des Nationalsozialismus“
39
fortgeführt wird.
Forschungsdiskussion mit Bernings Diese Diskussion erfolgt mit Berning jedoch in spezifisch ethischer Einbettung, da sie von A bis Z Wörter knapp über wenige nationalsozialistische Quellennachweise als NS-Vokabular statuiert, wobei die Erörterung ihres ideologischen Bedeutungsbezugs und Anwendungszusammenhangs bei ethischer Nichtproblematisierung des menschenverachtenden Gehalts der Begriffe zu kurz kommt. Sauers widersprechende Antwort auf Hoppes protheoretischen S chlussfolgerungen aus seinen Analyseresultaten, macht ebenfalls mit dem Aufsatztitel „Schlag nach bei Berning?
Anmerkungen zur Renaissance der Diskussionsstrang Bezug und ist in seinem spöttischen Ausmaß nur m it dem Wissen um die qualitative Abwertung dieser Publikation erkenntlich.
41
Schmitz Berning
selbst reagiert 1998 mit einem zweiten, mit Vokabular, Belegmaterial und Eigentext reicher angelegtem Versuch, der die an sie herangetragenen Kritikpunkte ausgleicht. Sie rechtfertigt die Wörtersammlung allgemein über die Vorteile der Nachschlagtechnik, speziell über die ideologische Erkenntnisquelle des Wortschatzes und eigens für ihre Publikation über ihre Qualitätsnorm:
38 Sternberger, Dolf/Storz, Gerhard/Süskind, W.E. (1968).
39 Berning, Cornelia: Vom ‚Abstammungsnachweis’ zum ‘Zuchtwart’. Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin 1964.
40 Sauer, Wolfgang, Werner: Schlag nach bei Berning? Anmerkungen zur Renaissance der ‚Vokabularien zur ns Sprache?
In: Diskussion Deutsch. 1984. Vol. 15. Heft 77. S. 319 bis S. 324.
41 Vgl. zur Kritik an Berning auch die Rezension von Voigt, Gerhard (1967): S.159 bis S. 161.
42 Schmitz-Berning, Cornelia (1998): Vorbemerkung.
12
Mit Schmitz Bernings Wörtersammlung von 1998 und einem Anno 2002 publiziertem Lexikon mit dem Titel „Nazi-Deutsch“ 43 hält sich die „Theorie von einer Sprache des Nationalsozialismus“ trotzig aufrecht, wobei sie die Klärung der Frage nach den Wurzeln der Sprache durch die Antwort über die Entlehnung von B egriffen aus der Romantik, der militärischen Tradition, der Arbeiterbewegung, der Religion, der Jugendbewegung etc., in die Theorie wie bereits bei Klemperer in Ansätzen nachweisbar, widerspruchslos integrieren kann. Die Untersuchung des Forschungsweges hat den Einfluss des Forschungskomplexes auf die Erörterung des Selbstverständnisses der Sprachwissenschaft, aufgezeigt. Die auf dem Anspruch von Werturteilsfreiheit der Wissenschaft basierenden, von Polenz geforderten Trennung von Sprachwissenschaft u nd Sprachkritik über „langue“ und „parole“ wird von ihm selbst in den 80er-Jahren zurückgenommen, indem er der Ansicht von der Begrenzung der Sprachwissenschaft auf die Untersuchung „innersprachlicher Strukturen“ als zu „wirklichkeits- und gesellschaftsfern“, zustimmt. 44 Dem wissenschaftstheoretischen Streit ist heute diese Begrenzung aufhebende,
anerkannte gewichen. Bekannter Vertreter der auf
Foucault
45
zurückgehenden Diskursanalyse für den Bereich des Nationalsozialismus ist
Siegfried Jäger
46
, Professor für Sprachwissenschaft an der Universität Duisburg.
Gorr
nutzt die Diskursanalyse in ihrer Dissertation für die Untersuchung nationalsozialistischer Sprachwirklichkeit, um Sprache im propagandistischen Funktionalisierungskontext auf folgender Definitionsbasis zu eruieren:
Der Diskursbegriff „[...] als Kategorie zur Beschreibung der Korrelation von Sprechen, Denken und Handeln in einer bestimmten Gesellschaft“ 47 verweist auf Machtverhältnisse zwischen Sprache, Denken und Handeln, die von Jürgen Schiewe in einer auch von Gorr zitierten Definition mit ihren sozial eingebetteten Prägungseigenschaften definiert werden :
43 Robert, Michael/Doerr, Karin: Nazi-Deutsch. An English lexicon of the language of the Third Reich. Greenwood Press 2002.
44 Heringer, Hans Jürgen (Hg.):Holzfeuer in hölzernen Öfen. Aufsätze zur politischen Sprachkritik. Tübingen 1982. S. 164.
45 Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt 1974.
Vgl. Anhang 2.2. Bibliographische Angaben zu Bourdieu, Foucault, Klemperer, Sternberger. 46 Jäger, Siegfried: Text- und Diskursanalyse. Eine Anleitung zur Analyse politischer Texte. 5. Auflage. Duisburg 1994. (=DISS-Texte, 16).
47 Gorr, Doris (2000): S. 44.
13
Schiewes Schlussfolgerung, der Macht der Sprache durch ihre Prägungseigenschaften über Reflektion entgegenwirkend zu begegnen, indem man Wörter in ihrem Bedeutungsgehalt hinterfragt und die Wörter auf ihre Passung mit den von ihnen besetzten Objekten überprüft, veranlasst ihn zur Frage nach den Reflektionsmöglichkeiten und dem Reflektionspotential zur Zeit des Nationalsozialismus. Er argumentiert in diesem Zusammenhang mit dem Faschismuskonzept Adornos vom „autoritären Charakter“. 49 Die durch Gewalt gestützte Macht der Autoritäten sei für die Lenkung der Menschen über Sprache funktionalisiert worden, ihr Machtfundament nicht unbedingt auf „Überzeugung“, sondern auf „Angst, Bequemlichkeit und Unwissen“ basierend und bauend. 50 Ebenso wie Klemperer 1946 51 , Schiewe 1998 und Jäger 2000 52
gebraucht als diskursanalytisches begriffliches Instrumentarium a uch Gerhard Bauer 1988 den Begriff der Prägung, wobei er unter Beachtung gegebener Voraussetzungen die Prägung des gesamtgesellschaftlichen Diskurses auf den Faschismus über das Führerprinzip verdeutlicht.
48 Schiewe, Jürgen (1998): S. 219.
49 Vgl. zum autoritären Charakter auch Anhang 2. 1. Definitionen für den Begriff Prägung. 50 Vgl. Schiewe, Jürgen (1998): S. 219.
51 Vgl. Klemperer (1969): S. 90 bis S. 92; S. 115; S. 129; S. 135; S. 190; S. 238.
Anmerkung: Klemperer gebraucht den Begriff der Prägung in der Regel zur Charakterisierung der Wirkung von Wörtern, Phrasen, Versen und Spruchbändern auf das Denken, indem er diese als „einprägsam“ kennzeichnet, da sie sich leicht in das Gedächnis „einprägen“. 52 Vgl. Jäger, Siegfried (2000): S. 1 bis S. 22.
14
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Isabel Ebber, 2002, Formen verschleierter Gewalt im nationalsozialistischen Sprachgebrauch, München, GRIN Verlag GmbH
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