Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Proseminar „Englische Literatur des 20.Jahrhunderts“
Sommersemester 2004
Intertextualität – in der Theorie sowie ihr Einsatz in
Tom Stoppards Drama „Travesties“
von: Hannes Langhammer
Gliederung
I. Einleitung: Polyvalenz des Intertextualitätsbegriffs 3
II. Darstellung 4
1. Intertextualität in der Theorie 4
1.1 Poststrukturalistische Definition 4
1.2 Strukturalistische Definition 6
1.3 Intertextualität nach Gérard Genette 8
2. Intertextualität in Tom Stoppards Drama „Travesties“ 10
III. Schluss: Gattungseinordnung von „Travesties“ 16
Literaturverzeichnis: 17
I. Einleitung: Polyvalenz des Intertextualitätsbegriffs
Bei der Beschäftigung mit dem Begriff „Intertextualität“ stößt der Interessierte in der Literatur schnell auf zwei unterschiedliche Theorien zur Intertextualität, die inhaltlich nicht miteinander zu vereinbaren sind. Es handelt sich dabei zum einen um die Theorie, welche Intertextualität als deskriptiven Oberbegriff zur Bestimmung der Beziehungen von Texten aufeinander betrachtet. Diese wurde von bedeutenden Strukturalisten, wie Roland Barthes und Gérard Genette formuliert wurde.
Zum anderen existiert eine in ihrer Natur weitaus radikalere Intertextualitätstheorie, welche in den späten sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts von Vertretern des Poststrukturalisten, insbesondere von Julia Kristeva, entwickelt wurde. Der Intertextualitätsbegriff wird hier über das Niveau von Beziehungen von spezifischen Texten hinaus erweitert. Laut Kristeva ist Intertextualität die Eigenschaft aller existierenden Texte. Zusammen bilden sie den universalen Intertext („texte général“).1
Bereits nach diesem kurzen Umriss wird deutlich, welche Komplexität und auch Widersprüchlichkeit der Intertextualitätsbegriff beinhaltet. Beide Theorien existieren gleichberechtigt nebeneinander und sind jeweils im Kontext der wissenschaftlichen Verfahrensweisen Strukturalismus und Postrukturalismus zu sehen. Ziel dieser Arbeit soll es sein, in einem ersten, theoretischen Teil beide Intertextualitätstheorien darzustellen, wobei der gegebene Rahmen einer Seminararbeit selbstverständlich nur eine Beschränkung auf die wesentlichen Inhalte erlaubt. Des Weiteren will ich mich, insbesondere im Hinblick auf den zweiten, praktischen Teil dieser Arbeit, dem umfassenden intertextualitätstheoretischen Modell von Gérard Genette widmen. Darüber hinaus möchte ich im letzen Punkt des theoretischen Teils die Möglichkeiten der Markierung von Intertextualität in einem Text behandeln.
In dem schon erwähnten zweiten Teil der Arbeit möchte ich die praktische Verwendung von Intertextualität am Beispiel von Tom Stoppards hochgradig intertextuellen, postmodernen Drama „Travesties“ behandeln.
II. Darstellung
1. Intertextualität in der Theorie
1.1 Poststrukturalistische Definition
Die Definition des Begriffs Intertextualität aus poststrukturalistischer Sichtweise hat ihre Wurzeln in den Arbeiten Michail Bachtins (1895-1975), einem russischen Literaturwissenschaftler. In einem 1929 erschienen Werk legte Bachtin seine „Dialogizitätslehre“ vor, die er in Bezug auf die philosophischen Romane Dostojewskijs entwickelt hatte. Darin stellte er das Konzept vor, nachdem der Dialog der Stimmen in den Werken Dostojewskijs den Dialog der Stimmen seiner Zeit und seiner Epoche widerspiegelt.
Diesen Ansatz nahm Julia Kristeva (*1941) auf und entwickelte ihn weiter. Auch für Kristeva sind, bedingt durch die soziale Natur des Mediums Sprache, „die Wörter, die wir benutzen, bereits angereichert mit den Intentionen und Äußerungen anderer Sprecher“.2 Wenn damit also in allem, was ein Einzelner sagt, die Formulierungen und Untertöne der Sprecher mitschwingen, die Ähnliches bereits vor uns gesagt haben, bezieht sich streng genommen jede Aussage auf die Äußerungen, die „irgendwann von irgendwem“ einmal gemacht wurden. Nach Ansicht der Poststrukturalisten wird damit jede Äußerung zum Zitat. Der Philologe Karlheinz Stierle formulierte
„Die Stimme des Textes ist begleitet vom Rauschen der Intertextualität. In jedem Wort ist das Rauschen seiner Bedeutungen und Verweisungen vernehmbar. Jeder Satz, jede Satzbewegung löst Erinnerungen, Verweisungen aus, und bei entsprechender Richtung der Aufmerksamkeit kann die Stimme der Intertextualität die Stimme des Textes übertönen.“3
Am Ende der sechziger Jahre des 20.Jahrhunderts formulierte dann Julia Kristeva, dass, basierend auf der Annahme, dass alles Zitat ist, jeder Text ein „Mosaik von Zitaten und damit jeder Text „die Absorption und Transformation eines anderen Textes ist“.4 Dadurch wird für die poststrukturalistische Literaturwissenschaft „das literarische Werk zum Netz anderer Texte, das durch eine Überlappung von Eigen- und Fremdtext Palimpsestcharakter annimmt und seine Entstehung nicht ausschließlich der Kreativität des Autors verdankt.“ 5 Als Palimpsest ist hierbei das „Durchscheinen“ des Prätextes, des vorangegangenen Textes unter dem Hypertext, also dem vorliegenden Text zu verstehen, wobei der ursprüngliche Text nur überlagert wird, aber nie ganz getilgt wird.6
[...]
1„Intertextualität“. Metzler Lexikon: Literatur und Kulturtheorie.. S.288.
2 „Intertextualität". Metzler Lexikon: Literatur und Kulturtheorie. S.287.
3 Stierle, Karlheinz. „Werk und Intertextualität.“ Dialog der Texte. Hamburger Kolloquium zur Intertextualität. Wolf Schmid and Wolf-Dieter Stempel. Wien: Wiener Slawistischer Almanach, 1983. S.13.
4 „Intertextualität“. Metzler Lexikon: Literatur und Kulturtheorie. S.287.
5 Köster, Thomas. „Poststrukturalismus“. Microsoft Encarta Encarta 2003.
6 Genette, Gerard. Palimpseste: Die Literatur auf zweiter Stufe. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1983. Vorwort.
Arbeit zitieren:
Hannes Langhammer, 2004, Intertextualität - in der Theorie sowie ihr Einsatz in Tom Stoppards Drama 'Travesties', München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Zur Intertextualität nach Gérard Genette
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hauptseminararbeit, 13 Seiten
Theodor Fontane - Irrungen Wirrungen
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hauptseminararbeit, 48 Seiten
Die deutsche Komödie. Ludwig Tieck. Der gestiefelte Kater.
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 13 Seiten
Kafka, Franz - Die Verwandlung - Märchenhaftes und Phantastisches
Hauptseminararbeit, 15 Seiten
Ihre Bedeutung für die Entwick...
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen
Hauptseminararbeit, 32 Seiten
Dialogizität in der petrarkistischen Lyrik
Zur Anwendung des bachtinschen...
Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde
Seminararbeit, 15 Seiten
Psychoanalytische Betrachtung der Angst
Die Forschung Sigmund Freuds
Psychologie - Allgemeine Psychologie
Hausarbeit, 38 Seiten
Über Martin Heidegger: "Sein und Zeit"
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Referat (Ausarbeitung), 9 Seiten
Luthers Wartburgaufenthalt und die damit verbundene Bibelübersetzung
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 20 Seiten
Die magischen Kanäle: Herbert Marshall McLuhans 'Medientheorie'...
Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe
Hauptseminararbeit, 53 Seiten
Das Groteske in der Literatur - Franz Kafkas "Die Verwandlung&quo...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 25 Seiten
Politisches Denken und Handeln im Protestantismus am Beipiel von Luthe...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Examensarbeit, 109 Seiten
Das Verschwinden des Subjekts - Michel Foucault
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Seminararbeit, 19 Seiten
Ludwig Tiecks „Der gestiefelte Kater“ - Eine Untersuchung des Dramas u...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 26 Seiten
Psychoanalytisches Angstkonzept nach Sigmund Freud - ein kurzer Überbl...
Psychologie - Sozialpsychologie
Referat (Ausarbeitung), 21 Seiten
Macht und Hierarchie in Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung&q...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 23 Seiten
Kafkas "Die Verwandlung" – Traum oder Realität?
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 17 Seiten
Hannes Langhammer hat den Text Intertextualität - in der Theorie sowie ihr Einsatz in Tom Stoppards Drama 'Travesties' veröffentlicht
Hannes Langhammer hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare