Denkmuster des Universalienrealismus im ontologischen SoSe 2006
Gottesbeweis Anselms von Canterbury Sara Stöcklin
Inhaltsverzeichnis
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1. Einleitung 1
2. Anselm von Canterbury 2
2.1. Leben und Werk 2
2.2. War Anselm Theologe oder Philosoph? 3
2.3. Der Gottesbeweis in Proslogion II/III 5
3. Der Universalienstreit 9
3.1. Thema und Ursprung des Universalienstreits 9
3.2. Position des Realismus 12
3.3. Position des Nominalismus 13
4. Anselm als Unviersalienrealist 14
4.1. Anselms Haltung im Universalienstreit 14
4.2. Denkmuster des Realismus im Gottesbeweis 16
5. Schluss 18
Bibliographie 19
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Denkmuster des Universalienrealismus im ontologischen
Gottesbeweis Anselms von Canterbury
1. Einleitung
Anselm von Canterbury hat um das Jahr 1080 in nur zwei Kapiteln seines Werkes „Proslogion“ einen Gottesbeweis aufgestellt, der Philosophiegeschichte geschrieben hat. Philosophen wie Décartes 1 , Leibniz 2 , Kant 3 oder Hegel 4 haben es sich zur Aufgabe gemacht, ihn zu bestätigen oder zu widerlegen. In der folgenden Arbeit möchte ich den von Kant „ontologisch“ genannten Gottesbeweis Anselms rekonstruieren und in seiner Zeit und seinem theologischen Umfeld verorten. Dabei werde ich mich weniger mit der formal-logischen Struktur des Arguments auseinandersetzen, sondern die philosophischen, zeit- und umweltbedingten Denkmuster dahinter zu erkennen versuchen. Anselm, dessen Wirken vor allem die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts umfasste, lebte in einer Zeit, in der nach vielen Jahrhunderten relativ starrer Überlieferung theologischer Glaubensinhalte durch das Mönchstum wieder neue intellektuelle Impulse vom Klerus ausgingen. Er erlebte zwei der grössten theologischen Auseinandersetzungen des Mittelalters, den Investiturstreit und den Universalienstreit, und beteiligte sich aktiv an beiden Debatten. Während der Investiturstreit, bei dem es um den Anspruch von kirchlichen und weltlichen Obrigkeiten auf die Amtseinsetzung von Geistlichen ging, eher das Handeln Anselms prägte, hatte der Universalienstreit, bei dem das Verhältnis zwischen allgemeinen Begriffen und der Wirklichkeit diskutiert wurde, starken Einfluss auf sein philosophisches Denken. Ob dieser Einfluss so stark war, dass er sich auch im Gottesbeweis niederschlug, soll Gegenstand der folgenden Untersuchung sein.
Unumstritten ist, dass Anselm trotz seiner Originalität wie alle Denker ein Kind seiner Zeit war. Sein Umfeld und die aktuellen theologischphilosophischen Diskurse, an denen er teilnahm, prägten sein Weltbild und waren immer Teil der bewussten oder unbewussten Prämissen seiner Argumentation. Ich werde deshalb im ersten Teil meiner Arbeit auf
1 Vgl. Henrich 1960, S. 10-22
2 Vgl. Henrich 1960, S. 45-55
3 Vgl. Henrich 1960, S. 137-188
4 Vgl. Henrich 1960, S. 189-218
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Denkmuster des Universalienrealismus im ontologischen
Gottesbeweis Anselms von Canterbury
Anselms Leben, Werk und Denken eingehen, bevor ich den Gottesbeweis rekonstruiere, und mich im zweiten Teil mit dem Grundproblem und den Positionen des Universalienstreits auseinandersetzen, welche Anselm prägten und welche er prägte. In einem dritten Teil werde ich dann versuchen, die verschiedenen Puzzlesteine zusammenzufügen und die aus Anselms philosophisch-theologischer Disposition hervorgehenden Denkvoraussetzungen im ontologischen Gottesbeweis nachzuweisen.
2. Anselm
2.1. Leben und Werk
Anselm von Canterbury kam 1033 in Aosta als Sohn eines Lombarden und einer Burgunderin aus niederem Adel zur Welt. Da sein Vater eine politische Karriere für ihn geplant hatte, konnte er sich erst im Alter von dreiundzwanzig Jahren und nach einem familiären Streit von Zuhause lösen und entsprechend seinem Wissensdurst eine dreijährige Bildungswanderschaft durch Frankreich antreten. Der herausragende Ruf seines späteren Lehrers Lanfranc zog ihn schliesslich in die Benediktiner-Abtei von Le Bec, in die er 1060 eintrat. In den dreissig Jahren, die er im Amt des Priors und später des Abts in Le Bec verbrachte, entwickelte er eine intensive schriftstellerische Tätigkeit und schrieb seine wichtigsten philosophischen Werke. 1093 trat er die Nachfolge von Lanfranc als Erzbischof von Canterbury an, wurde jedoch wegen seiner unnachgiebigen Haltung im englischen Investiturstreit zweimal ins Exil geschickt. 1109 starb er in England, 1494 wurde er von der katholischen Kirche heilig gesprochen.
Obwohl Anselm nicht selten als „Vater der Scholastik“ bezeichnet wird und viele seiner Denkansätze als ursprünglich gelten, stand er in einem Traditionszusammenhang und war nicht ohne Vorgänger. Bezeichnenderweise war es jedoch nicht sein Lehrer Lanfranc, dem er in seinem Denken folgte, sondern dessen Kontrahent Berengar von Tours (gest. 1088). Berengar vertrat im Gegensatz zu Lanfranc die Ansicht, dass die aristotelisch-boethianische Dialektik (formale Logik) auf alle
Glaubensinhalte, insbesondere auf die Eucharistielehre, angewendet
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Gottesbeweis Anselms von Canterbury
werden sollte. 5 Er wurde im Verlauf der Auseinandersetzung mehrfach verurteilt und zum Widerruf gezwungen. Im kirchlich-gesellschaftlichen Wandel, der sich im 11. Jahrhundert vollzog und in einer langsamen Verschiebung der Wissenszentren von ländlichen Klöstern in städtische Kathedralschulen äusserte, sah sich das bisherige Mönchswissen jedoch Fragen und „einem neuen Kriterium der Rationalität gegenübergestellt“ 6 , das sich zumindest teilweise durchsetzte. Anselm ging es darum, wie Berengar „sola ratione“ die Lehren des Christentums zu beweisen. Die Methode, die Berengar für die Eucharistie verwendet hatte, wurde von Anselm leicht abgeschwächt auf die gesamte christliche Lehre angewandt. 7 Dies bedeutete im 11. Jh. ein ungewöhnliches Zugeständnis an die Philosophie, da der Logik zum ersten Mal ein immanenter Wert verliehen wurde. 8
Anselms Werk ist denn auch vom Versuch geprägt, alle Sphären des Glaubens nach dem berühmt gewordenen Motto „Fides quaerens intellectum“ (P 7) - der Glaube, der nach Einsicht sucht - rational zu durchdringen 9 . In seinem christologischen Hauptwerk „Cur Deus Homo?“ entwickelt er die Satisfaktionslehre, die später zur Grundlage der Reformation wird, während er im „Monologion“ und „Proslogion“ über das Wesen Gottes meditiert und den Gottesbeweis formuliert. In „De Veritate“ setzt er sich mit den Begriffen der Wahrheit und Gerechtigkeit auseinander.
2.2. War Anselm Theologe oder Philosoph?
„Obgleich jene Ungläubigen deshalb nach Gründen fragen, weil sie nicht glauben, wir dagegen, weil wir glauben, so ist es doch ein- und dasselbe, wonach wir fragen.“ (CDH II, 50 10 )
Auseinandersetzungen mit Denkern des Mittelalters sind stets von der Skepsis geprägt, es mit Theologen, und nicht mit Philosophen zu tun zu haben. Ich persönlich bin nicht der Ansicht, dass die theologische
5 Vgl. Flasch 2000, S. 202
6 Flasch 2000, S. 205
7 Vgl. Flasch 2000, S. 205
8 Vgl. Kobusch 2000, S. 43
9 Vgl. Schönberger 2004, S. 19
10 Zitiert nach: Schönberger 2004, S. 27
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Gottesbeweis Anselms von Canterbury
Durchdringung der antiken und mittelalterlichen Texte ihrem philosophischen Gehalt einen Abbruch tut. Trotzdem möchte ich Anselms diesbezügliche Denkvoraussetzung untersuchen, da er seinen Gottesbeweis mit dem Anspruch vorbringt, keine theologischen Prämissen dafür zu benötigen.
Da es zu Anselms Zeit keine klare Trennung der beiden Disziplinen gab, ist es evident, dass sein Werk sowohl von der Philosophie als auch von der Theologie durchdrungen ist. Weniger klar ist es, ob Anselm ein philosophisch denkender Theologe oder ein theologisch geprägter Philosoph war.
Die Kirche war die Gesellschaft, das Dogma war Gesetz. Aus zahlreichen Bemerkungen in seinen Schriften geht jedoch hervor, dass Anselms Glaube in keiner Weise geheuchelt war. Er wagte es, Fragen zu stellen, blieb jedoch stets im Rahmen, den ihm der Glaube vorgab. Davon zeugen auch Zitate aus dem „Proslogion“, das in der Form eines Gebets verfasst ist:
„[…] so verfasste ich eben darüber und über einiges andere die vorliegende kleine Schrift, und zwar in der Rolle von jemandem, der seinen Geist zur Betrachtung Gottes zu erheben und das zu verstehen sucht, was er glaubt.“ (P 7)
„[…] lehre mein Herz, wo und wie es Dich suchen soll, wo und wie es Dich finden soll.“ (P 15)
„Ja, um Dich zu schauen bin ich erschaffen worden - doch noch habe ich nicht getan, wozu ich erschaffen wurde.“ (P 17)
„Lass mich Dich voller Liebe finden und Dich lieben, indem ich Dich finde.“ (P 21)
Glaube kam für Anselm immer zuerst und war nicht bloss das Resultat der Einsicht in ein Argument. Es war ihm klar, dass aus rationalen Argumenten kein Glauben erwachsen würde. Im Gegenteil, der Glauben war die Vorbedingung zur Einsicht, und beides ein Geschenk Gottes. 11 Wissen war gut, aber nicht um seiner selbst willen. 12 Dennoch bewegte sich Anselm in seinen Methoden und seinem Denken stets innerhalb der von Boethius’ Schriften geprägten Dialektik 13 , welche von seinem Lehrer Lanfranc und vielen seiner Zeitgenossen als „Verrat an
11 Vgl. Schönberger 2004, S. 12, 25, 27, 29
12 Vgl. Schönberger 2004, S. 23
13 Vgl. Mojsisch 1989, S. 42
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Sara Stöcklin, 2006, Denkmuster des Universalienrealismus im ontologischen Gottesbeweis Anselms von Canterbury, München, GRIN Verlag GmbH
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