Inhaltsverzeichnis
I Einleitung 3
II Zur Begegnung mit dem Außergewöhnlichen 4
1. Freaks 4
2. Theorien des Umgangs mit Freaks 5
2.1 Aus sozio( psycho)logischer Sicht: soziale Normen Devianz und
Stigmatisierung 5
2.2 Aus (individual )psychologischer Sicht: body concept Gefährdung
Ambivalenz 7
3. Monster und Schaulust: freak shows im Viktorianischen England 9
III John Merrick Der Weg vom Objekt zum menschlichen Subjekt 12
1. „This is monstrous“ Der totale Außenseiter 12
2. „Terrible perverted“ Objekt der Schaulust und Neugier 13
2.1 Die Vorführung durch Bytes 13
2.2 Die Vorführung durch Treves 14
3. „We’re gonna show them you’re not a wall Der Prozess der Anerkennung 15
3.1 Sprachfähigkeit 16
3.2 Kenntnis kultureller Werte: Bildung Sitte Religion 16
3.3 Denkfähigkeit 17
4. „He’s only stared at all over again John Merrick und die Gesellschaft 17
4.1 Die Unterschicht 18
4.2 Die Oberschicht 18
4.3 Gesellschaftskritik 19
5. „Buy yourself a sweet Die Zerstörung der Menschwerdung 20
5.2 Die Vorführung durch den Nachtwächter 20
5.3 Die Macht des Blickes 22
6. „I am not an animal“ Die Wiederherstellung der Menschlichkeit 23
6.1 Der Weg nach London 23
6.2 Die Ehrenloge im Theater 24
7. „It is finished“ Die Transzendenz der Determination 25
8. Die Zuschauerwahrnehmung 26
8.1 Geheimhaltung Neugier und Frustration 26
8.2 point of view 28
IV Zusammenfassung und Fazit 29
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I. Einleitung
Vierbeinig, aber auf menschlichen (Hinter-)Füßen balancierend, mit dem Schweif eines Pferdes und dem Geweih eines Hirsches, das eigentümlich geformte Gesicht eine Melange aus Tier und humanoidem Wesen: „Der Zauberer“ wurde die wohl bekannteste der in den Höhlen von Les-Trois-Frères gefundenen Wandgravuren getauft, in Anspielung auf vermutete schamanistische Praktiken des prähistorischen Menschen. Und wie zahlreiche andere Höhlenmalereien undgravuren oder Skulpturen – sei es das „Wisent-Mensch-Wesen“ von Chauvet oder der „Löwenmensch“ aus der Vogelherdhöhle – behandelt das auf ein Alter von 17 000 Jahren datierte Bildnis die Thematik der Grenzüberschreitung einer menschlichen Wesenheit in den animalischen Bereich. So wie es sich bei der Körperlichkeit um eine anthropologische Konstante handelt, so scheint auch die Auseinandersetzung mit dem außergewöhnlichen, dem „anormalen“ Körper von Anfang der Menschheit an ein fundamentales Grundbedürfnis zu sein, das sich durch jegliche geschichtlichen Epochen und Kulturen gezogen hat und bis heute noch zieht, von der an fabelhaften Wesen wie dem Minotaurus, den Zyklopen und Zentauren reichen antiken Mythologie über die monster fairs und freak shows des Viktorianischen England bis hin zur modernen Talkshow mit siamesischen Zwillingen und riesenwüchsigen Menschen als Gesprächsgästen. Dabei steht außer Frage, dass die Definition des „Abnormalen“ kulturell, historisch und sozial bedingt ist und nahezu unendlich variieren kann; unweigerlich Bestand hat jedoch die Positionierung des außergewöhnlichen Körpers in der Gesellschaft: Zwangsläufig steht der mit ihm „ausgestattete“ Mensch aufgrund seiner Rarität im Zentrum der Blicke und immer ist er nur eine Ausnahme von der Regel des übermächtig erscheinenden Normalen. Dermaßen definiert wird er aber häufig genug Zielscheibe der Ausbeutung – bereits im alten Ägypten war es Sitte, den Pharaonen zwergwüchsige Menschen zum Amüsement vorzuführen, eine Tradition, die sich auch bei den römischen Cäsaren oder am Hof der mittelalterlichen Aristokraten fortsetzte – und der – durch Beleidigungen und Tätlichkeiten expliziten oder durch die bloße Erniedrigung, Objekt einer triebhaften Schaulust zu sein, stillen, impliziten – Diskriminierung.
Es drängt sich nun also die Überlegung auf, inwieweit der seit Geburt, durch Krankheit, Unfall oder selbst herbeigeführte Praktiken körperlich außergewöhnlich erscheinende Mensch den Status eines anerkannten gesellschaftlichen Mitglieds, eines menschlichen Subjekts und vollwertigen Individuums 1 erlangen kann oder inwiefern er dazu determiniert ist, der Ausgestoßene und Pariah, das Objekt des Voyeurismus, zumindest aber der stets als „besonders“ Gebrandmarkte zu
1 Der Zweck dieser Arbeit ist es nicht, in den ethischen Diskurs einzugreifen oder moralphilosophische Begrifflichkeiten neu zu definieren. Der Ausdruck „vollwertiges Individuum“ und alle seine Synonyme sollen im Folgenden ein Individuum bezeichnen, das von anderen auch als solches – nämlich als zu selbstbestimmtem Denken und Handeln befähigtes Subjekt – gewürdigt wird und dem gleichberechtigt und ohne Diskriminierung eine vollständige Teilhabe an sämtlichen Bereichen von Leben, Kultur und Gesellschaft möglich ist. Objektivierung und Verdinglichung sollen demgegenüber als Verletzung der menschlichen, individuellen Würde gesehen werden.
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sein. Im Rahmen der Arbeit soll die Figur des John Merrick aus David Lynchs The Elephant Man (1980) auf diese Kriterien hin untersucht werden. Der konkreten Analyse der Filmfigur werden jedoch zunächst, um im Film ablaufende psychologische und soziologische Mechanismen besser nachvollziehen zu können, einige allgemeinere Überlegungen bezüglich des Umgangs mit dem „außergewöhnlichen Menschen“, dem Freak, vorangestellt.
II. Zur Begegnung mit dem Außergewöhnlichen
1. Freaks
Der Begriff „freak“ bezeichnete in der mittelalterlichen altenglischen Sprache ursprünglich einen „sudden turn of mind“, in etwa kongruent mit dem deutschen Wort „Laune“, nahm in seiner etymologischen Entwicklung durch die Jahrhunderte jedoch die Bedeutung einer „capricious notion“ und eines „unusual thing“ an, bis er im frühen 19. Jahrhundert ein geläufiges Synonym für den Ausdruck „freak of nature“ geworden war, im deutschen etwa übersetzbar mit „Laune der Natur“ und eindeutig negativ konnotiert. Im modernen – und für diese Arbeit wesentlichen – Sinne meint „freak“ unter anderem „an abnormally formed organism, especially a person or animal regarded as 2 a curiosity or monstrosity” 3 .
Welche Menschen – die Tiere außer Acht gelassen – nun unter diese Kategorie fallen, ist abhängig von einer engeren Eingrenzung des Begriffs; ich möchte an dieser Stelle auf die Ansichten von Gresham (1948, zit. in Bogdan 1996) sowie Grosz, Gerber und Bogdan (1996) eingehen. Gresham unterteilt die Gruppe der Freaks grundsätzlich in drei verschiedene Kategorien: die born freaks, die made freaks und die novelty acts. Die born freaks sind diejenigen Menschen, die bereits mit einer physischen Anormalität, welche sie ungewöhnlich macht, auf die Welt kommen, etwa siamesische Zwillinge oder das spätere Analyseobjekt, der Elefantenmensch. Die made freaks hingegen sind von Geburt an „normal“, modifizieren ihre physische Erscheinung aber im Laufe ihres Lebens, so dass sie außergewöhnlich werden, z.B. Menschen, die ihre gesamte Körperoberfläche mit Tätowierungen bedecken. Novelty acts schließlich sind Menschen, die nicht durch die bloße physische Erscheinung auffallen, sondern durch eine besondere Eigenschaft oder Fähigkeit, etwa das Schwertschlucken oder das Schlangenbeschwören.
Grosz hingegen schließt die von Gresham als novelty acts Bezeichneten, welche sie eher als „athlete(s)“ oder „skilled performer(s)“ (Grosz 1996, S. 56) sieht, aus dem Diskurs aus, ebenso Menschen mit einer eher „gewöhnlichen“, häufiger auftretenden körperlichen Schwäche oder
2 Bereits an dieser Stelle wird deutlich, dass es für die Definition des Freaks stets des Anderen bedarf, der ihn als solchen betrachtet.
3 Alle Begriffsbedeutungen entnommen: http://www.etymonline.com, http://www.bartleby.com [09.10.2006].
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Behinderung, also etwa diejenigen, die mit funktionsgestörten inneren Organen geboren wurden, die Blinden, Tauben etc., denn diese mögen zwar in demselben Ausmaß beeinträchtigt sein wie die „wahren“ Freaks, doch fehlt ihnen jenes, was Grosz als „ambivalent appeal“ (ebd.) bezeichnet. Denn die Begegnung mit einem Freak erzeugt beim „normalen“ Betrachter per se ambivalente Gefühle, ein Aspekt, der später noch genauer erörtert wird. Darüber hinaus müssen nicht alle Freaks zwangsläufig physisch beeinträchtigt sein im Sinne eines Mangels, sie können auch ein Zuviel, einen „excess“ (Adams 2001) aufweisen wie die bärtige Frau oder der dreiarmige Mann. Entscheidend ist für Grosz die „social marginalization“ (Grosz 1996, S. 56), die Ausgrenzungserfahrung, die den Freaks aufgrund ihrer Körperlichkeit widerfährt. In ebenjener Art definiert auch Gerber (1996, S. 46) das Wesen des Freaks: „The word ‚freak‛ continues to serve as a powerful, aversive metaphor for people with disabilities or physical anomalies ... it encodes negative meanings and the memory of painful experiences – ostracism, the oppression of unwanted attention and the label ‚abnormal‛”.
Nach dieser Sichtweise gelangen wir aber zu der Feststellung, dass der Freak vornehmlich als soziales Konstrukt gedeutet werden muss; der Mensch mit einer außergewöhnlichen Erscheinung ist nicht von Natur aus ein Freak, er wird erst dazu gemacht: „(Freak) is not a personal matter, a physical condition that some people have … (it) is a way of thinking about and presenting people – a frame of mind and a set of practices“ (Bogdan 1996, S. 24). Erst durch die Begegnung mit dem „normalen“ Menschen wird der Freak konstituiert und definiert. Was aber ist „normal“ und wie verläuft die Begegnung des „Normalen“ mit dem „Anormalen“?
2. Theorien des Umgangs mit Freaks
2.1 Aus sozio(-psycho)logischer Sicht: soziale Normen, Devianz und Stigmatisierung
In jedweder Gesellschaft existieren bestimmte, mehr oder weniger zahlreiche und komplexe soziale Normen, welche allgemein akzeptierte, als richtig und angemessen geltende Regeln für das Denken, Fühlen und Verhalten, aber auch das Sein darstellen. Egal, ob diese für alle verbindlichen Richtlinien durch eine herrschende Klasse aufoktroyiert worden, durch das Gesetz oder Institutionen erzeugt worden oder auch spontan durch die Interaktion von Individuen entstanden sind, sie drücken bestimmte Rollenerwartungen aus, sie sind „präskriptiv“ (Kruse 2006, S. 695). Diese sozialen – dynamischen, ständig wandelbaren – Normen werden von den Individuen innerhalb der Gesellschaft durch Sozialisation von Seiten der Eltern, der peer groups, der Schule etc. als „das Normale“, „das Richtige“ internalisiert. Verstöße gegen das und Abweichungen vom Normalen – als Devianz bezeichnet – werden je nach Vergehensgrad sanktioniert, zumindest aber
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erregen sie Aufsehen und Missbilligung. Soziale Normen dienen der Systemstabilisierung und legitimieren den Status Quo, sie „geben Orientierung und subjektive Sicherheit in neuartigen, unklaren Situationen, … dienen der Entwicklung und Aufrechterhaltung von Gruppen wie von sozialen Beziehungen überhaupt“ (ebd., S. 696).
Freaks – wie etwa der Elefantenmensch Merrick – entsprechen nicht den sozialen Normen des Aussehens (oder Benehmens) der Majorität, sie erfüllen nicht die Erwartung, die an sie gestellt wird, sie zeigen durch ihre bloße Existenz deviantes Verhalten. Als besonders problematisch erweist sich diese Tatsache in industriellen, kapitalistischen Gesellschaftsformationen, die von Effizienz und Arbeitskraftwert geprägt sind – zum Beispiel dem Viktorianischen England. Hier wird vor allem der Freak, der Behinderungen aufweist, welche ihn nicht oder nur in eingeschränktem Ausmaß erwerbsfähig machen, oftmals nicht als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft angesehen, sondern rein funktional als „derjenige, dessen Arbeitskraft nichts wert ist, … als ‚lebensunwertes Leben‘, als ‚nicht lebenswert‘ betrachtet“ (Jantzen 1976, zit. in Cloerkes 4 1979, S. 47). Auch die Überbetonung von Werten wie Ästhetik, Schönheit oder Jugend in der modernen Welt führt zu einer Geringschätzung des Menschen, der nicht konform mit den Idealen geht bzw. gehen kann. Bezeichnend sei hier die Untersuchung „What Is Beautiful Is Good“ von Dion, Berscheid und Walster (1972) angeführt, aus der hervorgeht, dass physisch attraktiven Menschen eher positiv konnotierte Charaktereigenschaften zugeschrieben werden als umgekehrt. Da die Abweichung der Freaks vom Normalen nicht bewusst als Akt der Normverletzung erfolgt oder explizit gegen festgeschriebene Gesetze verstößt, eignet sich zur näheren Betrachtung vor allem der prozessuale Stigma-Ansatz von Goffman, der besagt, dass Verhalten/Sein allein durch gesellschaftliche Zuschreibungen und Definitionen deviant wird. Laut Goffman gibt es eine virtuale soziale Identität, die sich aus den Merkmalen konstituiert, die aufgrund der Zugehörigkeit einer Person zu einer bestimmten Gruppe oder einem bestimmten Milieu erwartet werden können und eine aktuale soziale Identität, welche die Attribute anzeigt, die die betreffende Person in Wirklichkeit besitzt. Eine Diskrepanz, die während der sozialen Interaktion zwischen den beiden Identitäten auftritt, nennt Goffman Stigma, vom griechischen „Brandmal“, „Zeichen“ stammend, denn so wie der Verbrecher im alten Griechenland ein Mal in den Körper gebrannt bekam, so erhält der von den Erwartungen der Norm Abweichende das Mal eines solchen. Dieses Mal aber ist dauerhaft und diskreditiert die gesamte Person des Stigmaträgers, macht ihn zum Verstoßenen. Welches Attribut zum Stigma wird, ist kulturell und historisch abhängig – prinzipiell kann es jedes sein –, jedoch unterscheidet Goffman grundsätzlich zwischen „tribal stigma“ (z.B. Ethnizität, Geschlecht), „blemishes of individual character“ (z.B. politische Einstellung, sexuelle Orientierung) und „abominations of the body“, also Anormalitäten des Körpers wie Behinderungen oder Entstellungen (vgl. Goffman 1963), die er der Klasse der Diskreditierten anrechnet, also denjenigen,
4 Dessen Werk Einstellungen und Verhalten gegenüber Körperbehinderten bezieht sich zwar explizit auf ebenjene, jedoch können zahlreiche Überlegungen auch auf die Figur des Freaks übertragen werden.
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deren Stigma so auffällig ist, dass es nicht versteckt werden kann. Freaks sind infolgedessen quasi dazu determiniert, stigmatisiert zu werden. Da aber Stigmatisierte, die aufgrund ihres „Etiketts“ 5 oftmals – entweder offiziell institutionell oder inoffiziell in Interaktionssituationen – isoliert werden, das Normbewusstsein ihrer Umwelt teilen, „ist ihnen bewusst, dass sie die normativen Erwartungen nicht erfüllen und somit keinen vollständigen Status beanspruchen können … (Sie) übernehmen die negativen Bewertungen der eigenen Person, die sie im sozialen Kontakt erfahren, in ihr Selbstkonzept“ (Tröster 2006, S. 446). Die äußere Diskriminierung wird innerlich bestätigt, der Freak erachtet sich selbst als minderwertig. In der Interaktion mit dem Anderen ist implizit auch stets eine asymmetrische Machtbeziehung zwischen Diskriminiertem und Diskriminierendem inbegriffen, ein Aspekt, auf den speziell bei der Figur des John Merrick noch eingegangen werden soll.
2.2 Aus (individual-)psychologischer Sicht: body concept, Gefährdung, Ambivalenz
Aus individualpsychologischer Perspektive stellt der Freak eine Figur par excellence für die Beschreibung der komplexen Identifikations- und Identitätsbildungsdynamiken dar. Eine Grundannahme der Psychologie ist die These, dass der Mensch idealerweise stets danach strebt, ein positives Selbstkonzept – die Wahrnehmung der und das Wissen um die eigene Person – herzustellen oder zu erhalten. Zu dem Bild vom eigenen Ich gehört aber zwangsläufig auch das Bild vom eigenen Körper, das so genannte body image oder body concept: „A person’s body image – including physical appearance, bodily sensations, beliefs and emotions about the body – makes up part of his self-concept“ (Safilios-Rothschild 1970, zit. in Cloerkes 1979, S. 27). Von der Selbstwahrnehmung der Körperlichkeit eines Menschen wird jedoch die Einstellung gegenüber anderen Personen und deren Körperlichkeit abhängig gemacht, so die Annahme der body-concept-Theoretiker. Entspricht das fremde Körperschema dabei nicht dem aus der Lebensumwelt gewohnten oder gar eigenen, so wird die Begegnung mit dem Anderen zur Ausnahmesituation. Auf alle Ausnahmen und alles Andersartige aber tendiert der Mensch aufgrund des Verlustes von Gewissheiten negativ zu reagieren: Unbekannte Situationen stellen eine potentielle Gefährdung dar, da sie kognitiv nicht strukturiert sind, also abrufbare Verhaltensmuster aufgrund fehlender Erfahrung nicht zur Verfügung stehen. Die Folgen sind Unsicherheit und Handlungsunfähigkeit, eventuell auch physische Angstreaktionen (vgl. Cloerkes 1979). Ganz besonders scheint potentielle Bedrohung dabei von Freaks auszugehen, denn durch sie werden die gewohnten und gefestigten menschlichen Normen, Erwartungen und Weltbilder quasi auf einen Schlag zerstört. Der Hermaphrodit überschreitet die stabilen Grenzen der Vorstellung von Sexualität, die siamesischen
5 ausgehend vom labeling approach-Ansatz.
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Zwillinge durchbrechen die fundamentale Gewissheit der Einzigartigkeit des Individuums, der Elefantenmensch transzendiert
Animalität. Kaum ein als gesichert geltender Bereich menschlicher Erwartung, der verschont bleibt: „Freaks cross the borders that divide the subject from all ambiguities, interconnections and reciprocal classifications, outside of or beyond the human. They imperil the very definitions we rely on to classify humans, identities and sexes – our most fundamental categories of selfdefinition and boundaries dividing self from otherness” (Grosz 1996, S. 57). Durch das Auflösen dieser Gewissheiten aber entstehen Orientierungslosigkeit und Ungewissheit, die durch Identifikations- und Projektionsprozesse auf das eigene body image, das gesamte eigene Ich übertragen werden und somit Angst vor dem Verlust der eigenen Identität erzeugen (vgl. Grosz 1996; Adams 2001). Dazu kommt noch „eine magische Furcht vor Ansteckung“ (Cloerkes 1979); es ist, als ob der Freak durch den bloßen Blick oder einen Wortwechsel seine „kranke“, „unnormale“ Identität übertragen und damit die eigene Integrität beeinträchtigen könnte. Wie jedoch zuvor angesprochen, zeichnet den Freak eine stark ambivalente Komponente aus: Durch die Begegnung mit ihm muss die Identität des „Normalen“ nicht unbedingt Schaden oder Verwirrung erleiden, vielmehr kann sie noch gefestigt werden: Durch den Umgang mit dem „Anormalen“ wird sich der Mensch der vorherrschenden sozialen Normen, die er internalisiert hat, bewusst. Er vergleicht sich mit dem Anderen und erkennt die Differenz. Dadurch aber nimmt er wahr, dass er selbst durchaus den sozialen Normen und somit auch den Erwartungen, die an ihn gestellt werden, gerecht wird. Indem er also das Gegenüber quasi als Spiegel benutzt, wird er zugleich der Anormalität des Freaks und seiner eigenen Normalität versichert; diese Erkenntnis aber festigt seine Identität, sein Selbstkonzept und -bewusstsein (vgl. Dennett 1996). Die Ambivalenz des Freaks offenbart sich auch im emotionalen Umgang mit diesem. Wie erwähnt gebärt allein die Existenz des Freaks bei „normalen“ Menschen eine Vielzahl von Ängsten, welche sich schnell in Abwehrmechanismen der Diskriminierung, des Hasses und des Vernichtungswillens manifestieren können. Der Freak ist negativ, der Freak stößt ab. Doch die Kehrseite der Repulsion ist die Faszination. Was der Mensch nicht kennt, das macht ihn neugierig, wie angsterfüllt oder morbide diese Neugier auch sein mag. So fühlt sich derjenige, der dem Freak begegnet, wie magnetisch von ihm angezogen, zumindest aber sein Blick: Das Außergewöhnliche wird Zielscheibe der Schaulust. Wie kann ein solches Wesen existieren? Wie kann es trotz seiner Einschränkungen für uns normale Alltagstätigkeiten ausführen? Alles Neue und Exotische zieht den Menschen unweigerlich in seinen Bann, allein deswegen, weil er es nicht kennt; somit gilt: „(The freak) is a being who is considered simultaneously and compulsively fascinating and repulsive, enticing and sickening“ (Grosz 1996, S. 56).
Ambivalent erscheint auch das Verhalten, das aus der Begegnung mit physisch abweichenden Personen erwächst. Cloerkes (1979) unterscheidet hier zwischen möglichen negativen (Anstarren, Verspotten, Aggression etc.) und positiven Reaktionen (Mitleid, Hilfe etc.). Jedoch muss berück-
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Arbeit zitieren:
Peter Podrez, 2006, Der Elefantenmensch John Merrick zwischen Degradierung und Akzeptanz - Die cineastische Umsetzung der Beziehung zwischen dem Außergewöhnlichen und der Gesellschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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