Einleitung
Phantastische Literatur ist ein weites Feld. Seit Jahren hat die Phantastische Literatur auf dem Literaturmarkt einen großen Aufschwung genommen. Viele Aspekte dieser Gattung kann ich in dieser Arbeit nur anreißen. Ziel der Arbeit ist es, einen kleinen Überblick über die Thematik zu vermitteln und evtl. zur Weiterforschung anzuregen. Mir scheint die Fragestellung besonders interessant, da bereits der Titel des zweiteiligen Zyklus, in welchem die Erzählung "Der Sandmann" erschienen ist, eine nähere Beschäftigung geradezu herausfordert: Fantasie und Nachtstücke. Fantasiestücke in Callots Manier. 4 )
"Der Sandmann", innerhalb des erwähnten Zyklus die Eingangserzählung und die wohl am meisten beachtete Erzählung, wird besonders gern aus
psychoanalytischer Sicht interpretiert. 5 ) Auch in neueren Werken der Phantastischen Literatur wird häufig auf Elemente der Schauer- und Gespenstergeschichten der deutschen Romantik zurückgegriffen, und das gilt nicht nur für die deutsche Literatur, sondern auch für die fanzösische und amerikanische.
In diesem Zusammenhang ist auch der Spätromantiker E.T.A. Hoffmann zu nennen, und das nicht nur aufgrund seines Beinamens "Gespenster-Hoffmann", der ihm wegen der zahlreichen schauerlichen Elemente in seinen Geschichten verliehen wurde. "Der Sandmann" ist zweifellos ein lohnender Gegenstand für
Untersuchungen unter dem Aspekt der Phantastischen Literatur.
Im ersten Teil der Arbeit werde ich versuchen, den Terminus "Phantastische Literatur" zu explizieren und die wichtigsten Nachbargenren zum
"Phantastischen" aufzulisten und abzugrenzen. Dabei spielen besonders die Ausführungen von Tzvetan Todorov und Caillois eine Rolle. 6 )
Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich ausschließlich mit der Frage, inwieweit sich die im ersten Teil zusammengetragenen Erkenntnisse auf die Erzählung "Der Sandmann" anwenden lassen.
4 ) E.T.A. Hoffmann, München 1960
5 ) vgl. S. Freud: Das Unheimliche; in: Das Unheimliche, Hamburg-Wandsbeck 1963, S.
45-84
6 ) Tzvetan Todorov: Einführung in die phantastische Literatur, München 1975; Roger
Caillois: Das Bild des Phantastischen.
Vom Märchen bis zur Science Fiction, aus: Phaicon 1 - Almanach der
phantastischen Literatur, Frankfurt 1974, S. 44-83
3
1. Versuch einer Definition des Begriffs "phantastische Literatur" und Abgrenzungen zu anderen affinen Genres.
Der Begriff "Fantasie" im Titel des Werkes von E.T.A. Hoffmann allein reicht offensichtlich noch nicht als Beweis aus, um einen Text zur "phantastischen Literatur" zu rechnen. Oft erfolgt die Klassifizierung als "phantastisch" jedoch nach relativ äußerlichen Merkmalen wie etwa durch Verwendung bestimmter Figurentypen (Vampire, Gespenster, Teufel usw.) oder aufgrund von Verwendung bestimmter Handlungselemente (Verzauberung, Verwünschungen usw.). Romane und Erzählungen, unter dem Stichwort "Phantastik" herausgegeben, können also durchaus auch einer Textgruppe angehören, die andere als "Märchen", "Schauergeschichten" oder "Science Fiction" klassifizieren. Die Deutung eines Textes als "phantastisch" hängt also davon ab, welchen Begriff von "phantastischer Literatur" man der Interpretation zugrundelegt; der vom Interpreten jeweils mitgedachte Vorbegriff des "Phantastischen" prägt die Kriterien dieses Genres. Im vorliegende Falle geht es also besonders darum, das spezifisch "Phantastische" namhaft zu machen. Man muß also versuchen, die "phantastische Literatur" abzugrenzen, und zwar gegen eine wie auch immer beschaffene und noch näher zu bestimmende "nicht phantastische Literatur". "Die Frage nach dem Verhältnis von Phantastik und Realität hat dabei einen zentralen Stellenwert, denn erst aus ihr läßt sich eine annähernde Definition des Phantastischen geben". 7 )
Im Gegensatz zum Realitätsbezug der "Schauerliteratur" könnte (und kann) die "phantastische Literatur" beispielsweise nahezu gänzlich auf Realität verzichten (Was sie jedoch im Falle des "Sandmann" nicht tut). Bei beiden handelt es sich jedoch um einen Eingriff in die uns bekannte Ordnung, um einen "Riß, einen befremdenden, fast unerträglichen Einbruch in die wirkliche Welt", wie es Roger Caillois 8 ausdrückt.
Doch es reicht nicht aus, die Gestaltung des Phantastischen lediglich auf die Phänomene des Rationalismus und dessen Gegenpol, dem Irrationalismus, zu beschränken. Das Nicht-Phantastische wird jedoch immer mitgedacht, wenn vom Phantastischen als einem Ordnungs-Widrigem (Nicht-Ordnungsgemäßen) die Rede ist.
Das Phantastische " konfrontiert die reale Wirklichkeit mit dem alle empirische Erwartungen übersteigenden Irrealen, das sich sowohl personal als auch ereignishaft realisieren kann, und entlarvt auf diesem Wege die vertrauten Orientierungen als Scheinorientierungen. An die Stelle der
7 ) Jansen, Brunhilde: Spuk und Wahnsinn, Frankfurt a.M., 1986
8
) Caillois, Roger: Das Bild des Phantastischen vom Märchen bis
Fiction; aus:Paicon 1 -Almanach der phantastischen
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Arbeit zitieren:
Magister Ansgar Schwarzkopf, 1995, Kriterien der Phantastischen Literatur dargestellt an E.T.A. Hoffmanns Erzählung "Der Sandmann", München, GRIN Verlag GmbH
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