Englisches Seminar der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
"Die Schwalbe als Symbol und Leitmotiv in Derek Walcotts Omeros"
im Sommersemester 2000
Niederlandistik, 4. Fachsemester
,QKDOWVYHU]HLFKQLV
1. Einleitung 3
2. Zoologische Merkmale der Seeschwalbe
und die Tradition der Schwalbe in der Literatur 4
3. Die Schwalbe als Leitmotiv und ihr Erscheinen
in 2PHURV
6
3.1. Die Schwalbe und Achille 7
3.2. Die Schwalbe und Maud 10
3.3. Die Schwalbe und Philoctete 12
3.4. Die Schwalbe und der Erzähler 13
4. Bedeutungsübergreifende Überlegungen
über die Funktion der Schwalbe in 2PHURV
15
5. Literaturverzeichnis 18
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1.Einleitung Derek Walcotts Longpoem 2PHURV, welches vordergründig die
Geschichte einer Gruppe zumeist farbiger Menschen erzählt und deren Leben auf der karibischen Insel St. Lucia beschreibt, wird von zahlreichen Symbolen getragen. So sind z.B. die Namen der Protagonisten aus der griechischen Mythologie entlehnt. Des weiteren sind das Meer, die Insel St. Lucia und auch Personen und Tiere symbolischer Natur. Im ersten Teil der Arbeit werde ich betrachten, welche zoologischen Merkmale der Schwalbe zugeschrieben werden, um ihre Eigenschaften im weiteren Verlauf der Arbeit auf die Symbolwelt beziehen zu können. Als weiteren Punkt werde ich die Tradition der Schwalbe in der Literatur behandeln und auch auf ihre Perspektivität eingehen. Das Augenmerk wird darauf gerichtet sein, ob es sich bei der Schwalbe um ein Leitmotiv handelt, und ferner, an welchen Stellen sie im Text eingebunden ist. Ich werde mich dabei darauf beschränken, ihr Erscheinen im Zusammenhang mit Achille, Maud, Philoctete und der Erzähler zu untersuchen, und herausarbeiten, welche Bedeutung sie für die einzelnen Personen hat.
Ansichten zu übergreifenden Deutungsansätzen für den Roman und die Aussage des Romans für die Gesellschaft werden die Hausarbeit abschließen.
2. Zoologische Merkmale der Seeschwalbe und die Tradition der
Schwalbe in der Literatur.
Im Longpoem 2PHURV steht vor der Echse, dem Leguan und dem
Fregattvogel die Schwalbe als Symbolträger aus der Tierwelt im Vordergrund. Um ihre Bedeutung für das Werk zu verdeutlichen ist es nötig, einige ihrer gattungsspezifischen Eigenschaften aus der Tierwelt zu kennen.
Für die vorliegende Betrachtung sind die folgenden Eigenschaften der Seeschwalbe wissenswert: Der Verbreitungsschwerpunkt der weltweit
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vorkommenden Arten liegt in den Tropen und Subtropen. Da es sich um Zugvögel handelt, ist die Schwalbe in der Lage, weite Strecken innerhalb kürzester Zeit zurückzulegen. Sie lebt in unmittelbarer Nähe zum Meer und verbringt fast ihr komplettes Leben in der Luft, lediglich zum Brüten kommt sie an Land. Seeschwalben sind ausgezeichnete Flieger und leben in Australien, dem südlichen Teil Europas, in der Karibik und in Afrika, wo fast alle Schwalbenarten überwintern. Das äußere Erscheinungsbild ist für die Einbindung in das Longpoem ebenfalls wichtig. Die meisten Seeschwalben haben unterseits ein weißes, oberseits ein graues Gefieder mit einer schwarzen Kopfhaube und sind zum Teil auffallend gefärbt an Beinen und Schnäbeln. 1 Die Tradition der Schwalbe in der Literatur ist sehr vielfältig. Laut $Q LOOXVWUDWHG(QF\FORSDHGLDRI7UDGLWLRQDO6\PEROV 2 symbolisiert sie im allgemeinen Hoffnung, den nahenden Frühling und Glück. In der chinesischen Vorstellung steht sie für Mut, Gefahr, Treue, nahenden Erfolg und Veränderung. Christen sehen in ihr die Wiedergeburt und neues Leben. Interessant ist auch ihre Bedeutung in der japanischen Tradition. Hier wird ihr im Gegensatz zur chinesischen Auffassung Treulosigkeit, aber auch häusliche und mütterliche Sorgfalt nachgesagt. 'DV+DQGZ|UWHUEXFKGHVGHXWVFKHQ$EHUJODXEHQV beschreibt sehr detailliert, welche positiven und welche negativen Eigenschaften der Schwalbe im deutschen Volksmund zugesprochen wird. Dort heißt es unter anderem:
Die Schwalbe zeigt das Wetter an: Fliegen Schwalben am Boden, so regnet es bald und umgekehrt. Nistet eine Schwalbe unter dem Dach, so bleibt das Haus von Blitz und Donner verschont. Als ominöser Vogel kann die Schwalbe durch ihren Abzug Tod ansagen [...]. 3
1 Vgl. Zwahr, Anette: 'HU%URFNKDXVLQIQI%lQGHQ, Band 4, Mannheim 1994, S.615 und S. 650
2 Cooper, J.C.: $QLOOXVWUDWHG(QF\FORSHDGLDRI7UDGLWLRQDO6\PEROV, London 1978, S.164
3 Hoffmann-Krayer, E.: +DQGZ|UWHUEXFKGHVGHXWVFKHQ$EHUJODXEHQV, Berlin 1936, S.1392
4
Ebenfalls einen guten Überblick über die Symbolik der Schwalbe gibt Marie-Madeleine Davy in ihrem Buch *HVFK|SIHGHU6HKQVXFKW. 4 Sie sieht die Schwalbe als Mittler zwischen oben und unten, also zwischen Himmel und Erde an, der durch seine Flugfähigkeit die Schwere überwindet. Sie bewegt sich in vollkommener Freiheit und bestimmt selber ihren Weg, ohne daß ihr Flug auch nur die geringste Spur hinterläßt. Davy stellt den Vogel als Boten und Träger von Zeichen vor und nennt ihn Bruder des Engels, welcher gute Botschaften überbringt.
Dein Flug lehrt die Menschen, daß sie sich vom sinnlich Wahrnehmbaren lösen müssen. Wie ein Engel, dessen kleiner irdischer Bruder du dank deiner Flügel bist, überbringst du gute Botschaften: In dir wird das Geheimnis der Vereinigung des Himmels mit dem Irdischen offenbar. 5
Neben allgemeinen Äußerungen über Vögel macht Davy in ihrem Buch spezielle Aussagen über die Schwalbe. Sie führt aus, daß aus ihrem Flug Rückschlüsse auf bevorstehende Unwetter und Witterungsumschwünge gezogen werden können, und zitiert ein Gedicht von La Fontaine. Ein Teil des nun folgenden Zitats hat auch für 2PHURV eine hohe Bedeutung. Bei Davy heißt es nämlich: “Die Schwalbe hatt’ auf ihren großen Reisen/ gar viel gelernt, und wer viel hat gesehen, / wird manches gar besser auch verstehen.“ 6 Davy erläutert, daß Menschen, die alleine über das Meer segeln, aufmerksam die Vögel beobachten. Sie verfolgen ihren Flug und freuen sich, wenn sie sich für einen kurzen Augenblick auf ihrem Schiff niederlassen. Eine weiteres Bild , das wir von der Schwalbe haben, geht auf Leonardo da Vinci zurück und wird von Walcott in den Kapiteln 4 und
47 aufgenommen. Die Schwalbe soll heilende Fähigkeiten haben und
unter anderem Blinde sehend machen. In Kapitel 4 beobachtet sie zunächst den kranken Philoctete, und im 47. Kapitel wird klar, daß der
4 Davy, Marie-Madeleine: *HVFK|SIHGHU6HKQVXFKW, Düsseldorf 1994, S.7ff 5 Ebd., S.9
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Arbeit zitieren:
Katja Pabst, 2000, Die Schwalbe als Symbol und Leitmotiv in Derek Walcotts Omeros, München, GRIN Verlag GmbH
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