Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S 2
2. Darstellung und Funktion der weiblichen Hauptgestalt S 3
2.1 Zusammenfassung Gregorius S 3
2.2 Die Schwester-Mutter-Gattin S 4
2.2.1 Der erste Inzest S 4
2.2.2 Der zweite Inzest S 7
2.2.3 Wiedersehen in Rom S 9
2.3 Die Namenlosigkeit S 10
3. Schlusswort S 12
4. Literaturverzeichnis S 13
1
1. Einleitung
Im Hochmittelalter, das sich etwa vom zehnten bis zum dreizehnten Jahrhundert
erstreckte, war die rechtliche wie auch die gesellschaftliche Stellung der Frau eine
völlig andere als heutzutage. Grundsätzlich hatte die Frau dieser Zeit eine schwächere
Rechtsstellung als der Mann und war diesem, ob es nun der Ehemann oder die männlichen Verwandten waren, unterworfen. So hatte der Vater einer unverheirateten
Frau die Befugnis diese mit einem Mann zu verheiraten, um so z.B. seine
gesellschaftliche Stellung zu heben oder zu sichern. Trotz allem durften die Männer
nicht willkürlich über die Frauen entscheiden. Ihnen waren, auch wenn die Frau erst
relativ spät in die öffentliche Gesetzgebung aufgenommen wurde, rechtliche Schranken
gesetzt. Beispielsweise waren Tötung und Verstoßung nur in Ausnahmefällen erlaubt,
der Inzest verboten und der Ehemann musste sich an die vertragliche Bindung an die
Familie seiner Ehefrau halten. Trotz der vielen allgemeingültigen Regeln und Normen
für Frauen, gab es in dieser Zeit erhebliche Unterschiede in deren Leben, die
gesellschaftlichen Stände betreffend. Einer Dame aus adliger Gesellschaft war es z.B.
möglich einen Anteil an der Machtausübung zu erlangen. Vor allem in kriegerischen Zeiten war sie als Repräsentantin ihres Mannes Landesherrin und verfügte über Macht.
Auch durfte die Adlige über ihren Besitz und ihr Vermögen selbst bestimmen, wozu
auch Grundbesitz gehörte, obwohl sie, streng genommen, ihrem Ehemann oder Vater
unterworfen war. 1 Die Rolle der Frau erfüllt in den Epen Hartmann von Aues (im Folgenden Hartmann
genannt) eine zentrale Funktion in der Entwicklung des Protagonisten. Im Folgenden
möchte ich auf diese Funktion und die Darstellung der Frau im Gregorius eingehen.
1 Vgl.: Hösch, E.: Frau. In: Bautier, Robert-Henri; Auty, Robert (Hrsg.): Lexikon des Mittelalters. Band
IV. München 1989. Sp. 852-874.
2
2. Darstellung und Funktion der weiblichen Hauptgestalt
2.1 Zusammenfassung Gregorius
Der Autor Hartmann von Aue verfasste seinen Epos Gregorius entweder 1187/89 oder zwischen 1190 und 1197 in vierhebigen Reimpaarversen. Überliefert sind von diesem Werk sechs vollständige und fünf fragmentarische Handschriften aus dem dreizehnten, vierzehnten, und fünfzehnten Jahrhundert. Als Quelle diente dem Verfasser das Ende des zwölften Jahrhunderts entstandene französische Stück Vie du pape Grégoire. Dem Hauptteil setzt Hartmann einen 170 Verse umfassenden Prolog voraus, der besagt, dass keine Sünde so groß sei, dass man sie nicht mit wahrer Reue und Buße begleichen könne und das der Zweifel, besonders der an Gott, die schlimmste Sünde sei, die man begehen könne. Mit dem Gleichnis des barmherzigen Samariters leitet er zu der eigentlichen Geschichte über, der Geschichte des Gregorius.
In Aquitanien leben zwei Herzogskinder in geschwisterlicher Liebe. Diese Liebe verkehrt sich nach dem Tod der Eltern in Blutschande denn sie begehen Inzest, bei dem die Schwester schwanger wird. Nachdem die Schwangerschaft bemerkt wird, zieht der Bruder büßend ins Heilige Land und stirbt auf seiner Reise. Währenddessen bringt die Schwester einen Jungen zur Welt, den sie, mit Geld und kostbarer Seide ausgestattet, auf dem Meer aussetzt. Noch dazu legt sie ihm eine Tafel bei, auf der seine adelige Herkunft und die Sünde seiner Eltern ohne Namensangaben vermerkt sind. Danach kehrt sie als Landesherrin nach Aquitanien zurück, weiht ihr Leben Gott und wendet sich von den Männern ab.
Das Kind wird von Fischern eines Klosters gefunden. Der Abt dieses Klosters überlässt den Jungen einem Fischer, den er mit der Erziehung beauftragt, und tauft ihn auf den Namen Gregorius. Mit sechs Jahren nimmt er ihn in die Klosterschule auf, in der er bald durch seinen wachen Verstand und seine Intelligenz die anderen Schüler überflügelt. Mit elf Jahren erfährt Gregorius, dass er ein Findelkind ist und beschließt als Ritter auszufahren. Auch die auf der Tafel vermerkte Sünde, von der er nun zum ersten Mal erfährt, hält ihn nicht davon ab.
Bald wird sein Schiff vom Wind in die durch Krieg gezeichnete Hauptstadt seiner Mutter gebracht. Er befreit die Stadt und die Herrin, die er nicht als solche erkennt. Auch sie erkennt ihn nicht als ihren Sohn. Nach drängen der Vasallen heiraten
3
Gregorius und seine Mutter. Dieser Inzest wird jedoch von der Tafel aufgedeckt und die
beiden trennen sich, um ihrer Buße nachzugehen.
Gregorius lässt sich zu diesem Zweck auf einem meerumspülten Felsen festbinden und
verbringt dort 17 Jahre, bis er von zwei römischen Geistlichen befreit wird, denen Gott
aufgetragen hatte, ihn zu suchen und zum neuen Papst zu benennen.
Als neuer Papst in Rom begegnet er seiner Mutter wieder, die büßend zu ihm gekommen ist. Ihre Sünden werden vergeben und Mutter und Sohn verbringen ihr
restliches Leben zusammen im Dienste Gottes. 2
2.2 Die Schwester-Mutter-Gattin
Die Frau im Gregorius tritt nicht an allen Handlungsorten auf. Sie ist nur an drei Orten
anwesend: beim ersten Inzest in Aquitanien, beim zweiten Inzest in Aquitanien und in
Rom. Trotzdem ist sie für das Geschehen von entscheidender Bedeutung. Die Mutter-
Gattin ist die Gestalt, die Vor- und Hauptgeschichte miteinander verbindet 3 und ist mit
112 Personenbezeichnungen 4 , allerdings ohne einen eigenen Namen 5 , über das gesamte Werk vertreten.
2.2.1 Der erste Inzest
Am Anfang der Geschichte wird das Mädchen in ihrem verwandtschaftlichen
Verhältnis zu ihrem Bruder und ihrem Vater als „swester“ (V. 237) und „tohterlîn“ 6 (V. 184) eingeführt, wobei der Ausdruck „swester“ nur verwendet wird, so lange ihr Bruder
noch am Leben ist. Vor allem wird es zu drei Vierteln in einem Objektkasus verwendet,
der auf eine weitgehende Untätigkeit des Mädchens schließen lässt. 7 Als der Vater auf dem Sterbebett liegt, beauftragt er seinen Sohn sich um die Schwester zu kümmern (V.
3 Vgl.: Steinle, Gisela: Hartmann von Aue. Kennzeichnen durch Bezeichnen. Zur Verwendung der
Personenbezeichnungen in seinen epischen Werken. In: Arnold, Armin; Haas, Alois M. (Hrsg.): Studien zur Germanistik, Anglistik und Komparatistik. Band 80. Bonn 1978. S. 168. Und: Carne, Eva-Maria: DIE FRAUENGESTALTEN BEI HARTMANN VON AUE. Ihre Bedeutung im Aufbau und Gehalt der Epen. In: Kunz, Josef; Ruprecht, Erich; Schmitt, Ludwig Erich (Hrsg.): MARBURGER BEITRÄGE ZUR GERMANISTIK. Band 31.Marburg 1970. S. 46.
4 Steinle, Gisela: Hartmann von Aue. Kennzeichnen durch Bezeichnen. S. 163.
5 Siehe dazu Kapitel 2.3 dieser Arbeit 6 Hartmann von Aue: GREGORIUS. Tübingen 2004.
7 Vgl.: Steinle, Gisela: Hartmann von Aue. Kennzeichnen durch Bezeichnen. S. 164.
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Arbeit zitieren:
Linda Tolle, 2006, Zur Darstellung und Funktion der weiblichen Hauptgestalt in Hartmanns von Aue Gregorius, München, GRIN Verlag GmbH
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