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Walther - Dichter oder politischer Kämpfer? Das Verhältnis von Fiktion und realpolitischer Aussage in der Sangspruchdichtung Walthers von der Vogelweide

Seminararbeit, 2005, 19 Seiten
Autor: Eva Rendle
Fach: Germanistik - ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Details

Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2005
Seiten: 19
Note: 2,0
Literaturverzeichnis: ~ 14  Einträge
Sprache: Deutsch

Archivnummer: V62064
ISBN (E-Book): 978-3-638-55384-1

Dateigröße: 244 KB


Textauszug (computergeneriert)

Walther – Dichter oder politischer Kämpfer?
Das Verhältnis von Fiktion und realpolitischer Aussage
in der Sangspruchdichtung Walthers von der Vogelweide

von: Eva Rendle

 


Inhaltsverzeichnis

Einleitung 2

I. Zur Rolle der Sangspruchdichtung im Mittelalter - Rahmen für die politische Lyrik Walthers 3

1. Rolle des fahrenden Sängers (Walther) 3
2. Thematik der Sangspruchdichtung 4
3. Rolle des Publikums 5

II. Überblick über die Thesen der Forschung zur Rolle Walthers und seiner politischen Dichtung 6

1. Der mythische Walther 6
2. „Propagandathese“ – Walther als Auftragsdichter 6
3. Sangsprüche als politische Lieder – Zur Definition des „Politischen“ 7
4. Zum Verhältnis von Kunst und Macht 8

III. Zum Verhältnis von Fiktion und realpolitischer Aussage exemplarisch an verschiedenen Sangsprüchen 9

1. Reichston 9
1.1. Reichsklage 9
1.2. Weltklage 11

2. Erster Philippston 12

2.1. Hofwechselstrophe 12
2.2. Thüringer Hofschelte 13

IV. Walther – Dichter oder politischer Kämpfer?: Diskussion der Möglichkeiten und Grenzen der politischen Dichtung Walthers 15

Literaturverzeichnis 18




 

Einleitung

Wenn alljährlich Politiker auf dem Münchner Nockherberg „aufs Korn genommen werden“ oder wenn Kabarettisten auf ihre Weise ihre politische Meinung kundtun, so hat dies meist wenig Einfluss - auch wenn Kabarettisten hier vermutlich widersprechen würden - auf die politische Meinungsbildung in der Bevölkerung. Es zeugt zwar vom kritischen Umgang mit in der Öffentlichkeit stehenden Personen wie eben den Politikern, dient aber in erster Linie der Unterhaltung und Erheiterung. Anders die Brechtsche Lyrik, die sich wie sein gesamtes Werk für den Kommunismus stark macht und den Menschen zu diesem hin „erziehen“ möchte.

In der Sangspruchdichtung des Walther von der Vogelweide finden sich in lyrischer Form Kritik, Tadel, Belehrung und auch Lob der herrschenden Fürsten, König, des Kaisers und kirchlicher Würdenträger. Wie muss man sich die Wirkung dieser Dichtung im Mittelalter nun vorstellen? Wen erreichte Walther mit diesen Aussagen? Ging es ihm überhaupt um politische Einflussnahme, wie wir sie neuzeitlich verstehen würden? Warum trägt er seine Kritik in der Form von Sangsprüchen vor? Wäre Walther also eher vergleichbar mit heutigen Kabarettisten oder würde er einem moralisierenden Bert Brecht näher stehen? Die vorliegende Arbeit möchte sich diesen Fragen widmen, indem sie versucht, das Verhältnis von Fiktion und realpolitischer Aussagekraft auszuloten. Geht es also um die Dichtung selbst, den Umgang mit Worten, das ästhetische Spiel und dienen die politischen Ereignisse, die Walther thematisiert, nur als Folie dafür? Oder ist Walther, der fahrende Sänger, ein politischer „Kämpfer“, der mit seinen Sprüchen in die Realpolitik eingreifen möchte und der eine bestimmte politische Ethik aus Überzeugung heraus vertritt? Zunächst einmal soll der Rahmen, den die Gattung „Sangspruchdichtung“ vorgibt, gesteckt werden, um die Möglichkeiten und Grenzen aufzuzeigen, innerhalb dessen sich Walther in seiner Rolle als Sänger bewegt. Wichtig ist hierbei auch, die Rolle des Publikums als des Adressatenkreises zu skizzieren. Im Anschluss daran soll ein Überblick über den Forschungsstand zu der vorliegenden Thematik gegeben werden. Im Laufe der Rezeptionsgeschichte und Walther-Forschung haben sich unterschiedliche Meinungen dazu gebildet, inwieweit der politische Einfluss Walthers einzuschätzen ist. Diese Thesen sollen schließlich diskutiert werden, nachdem an ausgewählten Sangsprüchen das Verhältnis von Fiktion und realpolitischem Gehalt exemplarisch veranschaulicht wurde.

I. Zur Rolle der Sangspruchdichtung im Mittelalter - Rahmen für die politische Lyrik Walthers

Für die Frage, die in dieser Arbeit diskutiert werden soll, nämlich der bezüglich Walthers Rolle und seinen möglichen Absichten mit seiner Sangspruchdichtung, ist es hilfreich, zunächst einen Blick auf die Gattung der Sangspruchdichtung zu werfen. Es soll hier nicht darum gehen, ihre Entwicklung ausführlich nachzuvollziehen. Vielmehr sollen in Bezug zur politischen Aussagekraft der fiktiven Sangspruchdichtung Walthers folgende Punkte beleuchtet werden: Wie war die Sangspruchdichtung in der mittelalterlichen Welt verankert? Welchen Themen-Mustern folgte sie? Und was waren ihre Funktionen? Wie in der Einleitung schon formuliert, dient dieser Ausgangspunkt der Arbeit als Rahmensetzung, innerhalb dessen die Sangsprüche gedeutet werden können. Hierbei soll die Rolle Walthers als eines fahrenden Sängers, die für die Sangspruchdichtung zu erwartenden (üblichen) Themen sowie das Publikum betrachtet werden.

1. Rolle des fahrenden Sängers (Walther)

Anders als die Minnesänger, die an einem Hof fest ansässig sind, müssen Spruchsänger von Hof zu Hof ziehen. Wie sich für Walther biographisch belegen lässt, machte der Tod Friedrichs im Jahre 1198 den vormaligen Minnesänger Walther zum fahrenden Sänger, der sich von da an hauptsächlich der Spruchdichtung zuwendet. Dieses Jahr 1198 wird als einschneidendes Erlebnis für ihn gewertet, da er von da ab seine sichere Hof-Existenz in Wien aufgab; gleichwohl Sangsprüche freilich am Hof aufgeführt wurden, müssen die Dichter immer wieder neu um Lohn und Brot bitten. Von einer einheitlichen Gruppe der Sangspruchdichter kann man nicht ausgehen; nach Tervooren sind sie meist niedrig stehende Persönlichkeiten, weshalb auch „eine an Biographien orientierte Darstellung des Sangspruchs nicht (…) gegenstandsadäquat [sei].“1 Allerdings finden sich für einige Dichter wie für Walther genügend Belege, um auch biographische Elemente in die Interpretation ihrer Sprüche mit einzubeziehen. Walther hatte als „cantor“, wie er in Quellenzeugnissen2 genannt wird, wohl einen höheren sozialen Status. Trotzdem legt er immer wieder die eigene Notlage dar, selbst noch im so genannten „Lehensdank“ (L. 28, 31) macht er seine vormalige Notsituation deutlich: ich bin ze lange arm gewésen âne mînen danc (L 28,31; V. 8)3.

Der Sängerwettstreit, das Profilieren vor den anderen Dichtern, lässt sich auf diese unstete Lebenssituation zurückführen. Seine Möglichkeiten des Zugangs zu Informationen waren aber trotzdem sehr beschränkt, nämlich auf das, was der Öffentlichkeit ebenfalls zugänglich war. Das erklärt zum Beispiel auch die Auswahl der politischen Themen: Nur eben das wurde, so Hahn, zum Thema der Sangsprüche, was öffentlich diskutiert und von Belang war. Ein Novum bei Walthers Sprüchen ist, dass ebenso wie im Minnesang das Sprecher-Ich verstärkt auftritt.4

2. Thematik der Sangspruchdichtung

[...]


1 Tervooren, Helmut 1995: Sangspruchdichtung, Stuttgart, S. 24.

2 Vgl. Reinschrift der Reiserechnungen von Wolfger, Bischof von Passau, in: Hahn, Gerhard 1986: Walther von der Vogelweide, Eine Einführung, München/ Zürich, S. 21.

3 In: Schweikle, Günther (Hg.) 1994: Walther von der Vogelweide, Werke, Gesamtausgabe, Bd. 1: Spruchlyrik, Stuttgart, S. 126.

4 Vgl. Hahn, Gerhard 1986: Walther von der Vogelweide, Eine Einführung, München/ Zürich, S. 13.


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