Freie Universität Berlin, Institut f. Allg. u. Vergl. Literaturwissenschaft
Sommersemester 2006, 4. Semester
PS : „Pícaro und seine Brüder“
Rinconete y Cortadillo und andere Schelme der Neuzeit
von: Alexander Zuckschwerdt
Diese Arbeit ist der näheren Untersuchung und Analyse einer der Novellen aus dem 1613 erschienenden und von dem spanischen Schriftsteller Miguel de Cervantes Saavedra (1547-1616) verfassten Band Novelas Ejemplares (Die Beispielhaften Novellen) gewidmet. Es handelt sich hierbei um die Erzählung Rinconete y Cortadillo, die im weiteren Verlauf dieser Abhandlung unter dem Gesichtspunkt ihrer pikaresken Merkmale und der sie von anderen Schelmenerzählungen unterscheidenden Elemente besprochen werden soll. Dass die vorliegende Novelle kein rein fiktives, sondern auch ein die damalige alltägliche Wirklichkeit widerspiegelndes Werk darstellt, lässt sich u. a. der Tatsache entnehmen, dass der Autor selbst einst in die Lage geriet, sich mit zahlreichen Vertretern der niedrigsten sozialen Schichten des Spaniens des Goldenen Jahrhunderts (Siglo de Oro, ca. 1492-1680) von Angesicht zu Angesicht auseinanderzusetzen. Cervantes wurde 1597 wegen Unterschlagung öffentlicher Mittel während seiner Tätigkeit als Finanzbeamter zu einer Haftstrafe verurteilt, die er in einem der fünf sevillanischen Gefängnisse, der Cárcel Real de Sevilla, verbrachte.1 Demnach wird Rinconete y Cortadillo, wie auch viele weitere Schelmenerzählungen, einem relativ hohen Anspruch auf Authentizität durchaus gerecht und offeriert dem Leser somit einen repräsentativen sozialen Querschnitt der Bevölkerung und eine Beschreibung der Zustände im damaligen Sevilla. Um eine möglichst genaue Vorstellung von den in der Novelle beschriebenen Leben der Protagonisten zu bekommen, sollte man es nicht versäumen, zunächst erstmal einen kurzen Blick auf die damaligen sozialen Verhältnisse in Spanien, die dem gesamten Text zugrunde liegen, zu werfen.
Nachdem die Rückeroberung des Landes im Jahre 1492 mit der Re-Hispanisierung der Stadt Granada offiziell ihren Abschluss gefunden hatte, die Eroberung des amerikanischen Kontinents in großen Schritten vorangetrieben wurde, und einige der spanischen Städte, an deren Spitze Sevilla stand, von den aus dem neuen Vizekönigreich in Übersee importierten Reichtümern förmlich überschwemmt wurden, wuchs in zunehmendem Maße die Kluft zwischen Arm und Reich. So gewannen viele der von der Armut und der daraus resultierenden Existenznot bedrohten Bauern die Hoffnung, durch einen Umzug in die großen Städte an dem übermäßigen Wohlstand teilhaben und der weit verbreiteten ländlichen Misere Andalusiens entgehen zu können. 2 Dieses Hintergrundwissen ist dahingehend wichtig für die Besprechung von Schelmenerzählungen3 im Allgemeinen, als dass die Armut eine der Hauptkonstanten im Leben des so genannten Pícaros, d. h. des Schelms (der Neuzeit), repräsentiert.
So ist es aber nicht nur die Armut, die den Protagonisten des Schelmenromans zu einem Umzug in die Stadt motiviert. In der hier zugrunde liegenden Novelle erfährt der Leser weniger als gewöhnlich4 von der Vergangenheit und Herkunft der Hauptfiguren. Jedoch wird über eine der beiden Titelfiguren, Diego Cortado, gesagt, dass ihm das «beengte Leben auf dem Lande und die lieblose Behandlung, die [seine] Stiefmutter [ihm] angedeihen ließ, […] bald zuwider [waren]»5 [enfadóme la vida estrecha de la aldea y el desamorado trato de mi madrastra6] und er von dem von seinem Vater erlernten Handwerk des Zuschneidens bald zu dem des «Beutelschneiden[s]»7 überging [y de corte de tijera con mi buen ingenio salté á cortar bolsas8].
[...]
1 Noch ein weiterer berühmter spanischer Schriftsteller, Mateo Alemán (1547-1614), verbrachte einige Zeit in demselben Gefängnis, und auch er schrieb einen Schelmenroman, und zwar den ersten nicht anonym veröffentlichten: Guzmán de Alfarache (1599/1604), in dem größtenteils autobiographische Erfahrungen wiedergegeben werden. Siehe hierzu auch das Zitat auf Seite 10 von Ángel Valbuena y Prat bezüglich der Einbindung persönlicher Erfahrungen der beiden Autoren in ihre Texte. Ebenso hat Jean Genet in seinem Schelmenroman Journal du Voleur (1949) eigene Erfahrungen dokumentiert.
2 Vgl. Franzbach, Martin (1991): Cervantes. Stuttgart: Reclam, S. 47.
3 Der literaturwissenschaftliche Terminus des pikaresken/pikarischen bzw. Schelmenromans (spanisch: novela picaresca; englisch: trickster novel) geht auf den 1554 anonym veröffentlichten Roman Lazarillo de Tormes zurück. Auch wenn sich bereits in früheren Texten, wie dem Hermes- Hymnos von Homer oder dem Alten Testament (Buch Judith 8-16) Elemente des Pikaresken entdecken lassen, so lassen sich diese Texte lediglich im Nachhinein und nur unter Vorbehalt dem Korpus der Schelmenliteratur zuordnen.
4 Es sei an dieser Stelle ein weiteres Charakteristikum pikaresker Erzählungen erwähnt. Die ausführliche Schilderung der ersten Lebensjahre der Hauptfigur nimmt in diversen Texten diese Genres einen sehr großen Raum und Stellenwert ein. Sei es im Lazarillo de Tormes, wo der Erzähler an der Stelle seiner Autobiographie einsetzt, an der auch sein Leben selbst einsetzt, oder sei es in Laurence Sternes The Life and Opinions of Tristram Shandy (1759-67), wo der Ich-Erzähler bereits neun Monate vor seiner Geburt anfängt von seinem Leben zu berichten, oder auch in August Kühns Jahrgang 22 (1977), wo die Mutter der Hauptfigur in einem an ihren Sohn gerichteten Monolog über die vorgeburtlichen Umstände berichtet.
5 Cervantes Saavedra, Miguel de (1960): Die Beispielhaften Novellen. Leipzig: Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, S. 182.
6 Cervantes Saavedra, Miguel de (1883): Novelas Ejemplares. Leipzig: F. A. Brockhaus, S. 89.
7 Cervantes, Die Beispielhaften Novellen, S. 182.
8 Cervantes, Novelas Ejemplares, S. 89.
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Alexander Zuckschwerdt, 2006, Rinconete y Cortadillo und andere Schelme der Neuzeit, München, GRIN Verlag GmbH
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