Kulturkonzepte und Globalisierung
Eine Weltordnung in Form einer globalen Kultur
Roland Robertsons global field
1.Einleitung S 02
1.1 Einführung S 02
1.2 Struktur der Hausarbeit S 03
1.3 Globale Kultur und Definition S 03
2. Talcott Parsons strukturfunktionale Systemtheorie S 05
2.1 Soziales Handeln Systembildung und soziales
Gleichgewicht S 05
2.2 Pattern Variables S 06
2.3 Das Handlungssystem und seine Subsysteme S 07
2.4 Der Strukturwandel und das AGIL-Schema S 08
2.5 Fazits zu Theorie Parsons S 09
3. Roland Robertsons Globalization S 10
3.1 Die 5 zeitlich-historischen Phasen der Globalisierung S 10
3.2 Global field Global-human condition S 12
3.3 Relativismus S 13
3.4 Universalismus und Partikularismus S 14
3.5 Das scheinbar isolierte Japan S 15
3.6 Robertsons Konklusion S 16
4. Reflektion S 18
4.1 Die Weltordnung S 18
4.2 Multiethnizität und Polyethnizität S 18
4.3 Universalism-Partikularism Issue und die Indigeni
sierung S 19
4.4 Homogenisierung S 21
5. Fazit der Hausarbeit S 22
6. Quellen S 30
6.1 Literatur S 30
6.2 Internet S 30
1
1. Einleitung
1.1 Einführung
Davon auszugehen, dass eine Distribution von Medien und materiellen Gütern ausreiche, um Nationen oder Gesellschaften mitsamt ihren einzelnen Individuen zu einem Mitglied einer homogen-globalen Kultur, gar eine Westlich-zivilisatorische, zu sozialisieren, klingt selbst wissenschaftlichempirisch utopisch. Um beim Thema der Sozialisation zu bleiben: Adam Smith hält eine vereinte Menschheit für unrealisierbar, da diese keine Identität, geprägt durch historisch gemeinsamen Erinnerungen, besitzt. 1 Diesbezüglich kann gesagt werden, dass Supranationen mit deren Mitgliedsnationen (wie beispielsweise die EU) zuvor keine „gemeinsamen“ Identitäten besaßen und dennoch existieren. Es ist eine Frage der Sozialisation des Bewusstseins. Bei einer Nationenbildung ist das Nationalbewusstsein nicht gleich existent, sondern wächst erst mit der Existenz der Nation selbst, die wiederum dieses Bewusstsein induziert. Die Supranationen (wie die EU) müssen den Mitgliedern ebenfalls erst über den Weg der Sozialisation ein Supranationenbewusstsein induzieren und internalisieren. Wenn ein Bewusstsein für eine Nation oder eine Supranation induziert werden kann, so wäre dies, zumindest rein theoretisch, auch für eine globale Kultur möglich. Die Internalisierung eines Bewusstseins benötigt jedoch immer Zeit und geschieht nicht innerhalb eines kurzen Zeitraums. Die Annahme, dass die vereinte Menschheit, alle Nationen und jedes einzelne Individuum zu einer gemeinsamen, homogen-universalen Mimesis 2 gelangen, wie Latouche es im Zusammenhang mit der Verwestlichung prognostiziert, schließe Ich von vornherein aus. 3 Die hohe und zunehmend komplexer werdende Vielfalt an Sozialisationsprozessen (individuell, regional, national, kontinental und global), die wiederum zu einer Pluralisierung von Lebensformen und Lebensstilen führt, schließt die Möglichkeit einer gemeinsamen Mimesis aus.
Das gleiche gilt für das Entstehen eines globalen Bewusstseins, welches immer als relativ zu betrachten ist. Denn obwohl das globale Bewusstsein wächst, verlieren das nationale, das regionale und das individuelle Bewusstsein nicht an Bedeutung.
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Eine globale Kultur ist nur normativ zu realisieren (zumindest zu Anfang, mit dem damit obligatorisch verbundenen Wachstum des Bewusstseins für diese Institution) und ersetzt nicht die kontinentalen, nationalen, regionalen und individuellen Bewusstseins der einzelnen Individuen und Nationen. Sie wird vielmehr mit diesen konkurrieren und konterkarieren. Roland Robertsons „global field“ soll auf diese Annahme hin überprüft werden. 4
1.2 Struktur der Hausarbeit
Zunächst wird auf Parsons Theorie des Sozialsystems eingegangen. Die Aktoren 5 , Partizipanten am Sozialsystem Parsons, streben danach, ihre sozialisierten und internalisierten Werte und Normen in Form von Handlungen umzusetzen und somit zur Aufrechterhaltung der Ordnung und Stabilität des Systems beitragen (Kapitel 2).
Schwerpunkt der Arbeit ist Roland Robertsons „global field“, welches Parsons Systemtheorie zur Untersuchung der Globalisierung aufgreift und modifiziert. Gegenüber dem System von Parsons ist das System von Robertson nicht national eingeschränkt, sondern stellt den Globus mit all den Individuen und Nationen(-bündnissen) dar (Kapitel 3).
1.3 Globale Kultur und Definition
Zum Schluss der Einführung noch eine wichtige Anmerkung: Definitionen und Semantiken von Begriffen werden hier nicht ganz zu klären sein. Ein Grund dafür sind die verschiedenen Autoren, die in dieser Arbeit erwähnt und integriert sind. Jeder dieser Autoren besitzt eine eigene Interpretation der jeweiligen Begriffe, die jedoch in den Arbeiten nicht immer definiert, sondern lediglich genannt werden. Von Autoren erkennbare Definitionen und Semantiken werden in dieser Arbeit - wenn nötig - erwähnt. Der Begriff der globalen Kultur (global culture) stellt ebenfalls ein Definitionsproblem dar. Huntington sieht hier das Problem der Reservierung des Zivilisations- und des Kulturbegriffs.
Zivilisation im Singular beinhaltet all das, was die gesamte Menschheit gemeinsam hat. 6 Braudel sieht in der Zivilisation im Singular ebenfalls das,
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was die Menschheit miteinander teilt: die Alphabetisierung, das Feuer, die Mathematik, den Ackerbau und die Zucht von Tieren. 7 Nach Huntington steht die Kultur unter der Zivilisation und umfasst die un-terzivilisatorischen Gruppen (Stämme, Nationen oder Zivilisationen (Plural, im Sinne eines Kulturkreises)). 8 Wenn die globale Kultur nun die oberste Platzierung der Zivilisation im Singular ablöst und somit für das steht, was die gesamte Menschheit miteinander teilt, müsste Ersatz für die Begriffe Kultur und Kulturkreise gefunden werden, da Stämme, Nationen oder zivi-lisatorische Einheiten keine Zuordnungsbegriffe mehr besäßen. Es könnte nicht mehr zwischen Kulturkreisen, Nationen und Stämmen unterschieden, sondern nur noch von der Menschheit gesprochen werden. 9 Mit anderen Worten: Rein theoretisch, wenn man es bei dem Begriff der globalen Kultur beließe und auch keinen Ersatzbegriff für Kultur schaffe, wäre die einzige Lösung zu diesem Zuordnungsproblem nur die der Einordnung aller Menschen zur globalen Kultur. Bisherige, kulturelle Identifizierungen und Merkmale werden aufgegeben und durch die der globalen Kultur ersetzt. Diese „Lösung“ wäre nur literarisch möglich und in der Praxis nicht realisierbar. Es müsste also nach einer wissenschaftlichen Alternative für den Begriff „globale Kultur“ gefunden werden.
Trotz dieser Problematik soll der Begriff der globalen Kultur in dieser Hausarbeit weiterhin angewendet werden.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Roland Robertson definiert den Begriff der Gesellschaft nicht (society), auch wenn der Term der nationalen Gesellschaft ein Bestandteil seines „global field“ (national-society; Robertson (2000), Figure 1, S. 27) darstellt. Es besteht die Gefahr, dass Gesellschaft mit Nation gleichgesetzt wird. Wie Sydney W. Mintz eine klare Trennung zwischen Kultur und Gesellschaft vornimmt und einer Gesellschaft nicht nur eine Kultur, sondern mehrere Kulturen zuschreibt (vgl. Mintz 1982, S. 505), muss auch eine Trennung zwischen Gesellschaft und Nation erfolgen. Eine Gesellschaft ist nicht national eingeschränkt (wie z.B. jüdische Diaspora in New York und Brüssel).
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2. Talcott Parsons strukturfunktionale Systemtheorie
Talcott Parsons entwickelte eine Theorie, welche eine Anwendung auf jedes System, zu jeder Zeit, an jedem Ort ermöglicht: die strukturfunktionale Systemtheorie. 10 Die Systemtheorie ist zugleich auch eine Hand-lungstheorie. 11 Durch das soziale Handeln der einzelnen Aktoren werden die Systemstrukturen gebildet. 12 Das Sozialsystem ist somit zum einen als Gesamtheit (das System als Ganzes: Gesellschaft, Kultur, Gruppe, Institution,...), zum anderen als eines von vier Subsystemen des Handlungssystems zu betrachten. 13
2.1 Soziales Handeln, Systembildung und soziales Gleichgewicht Eine Folge von Handlungen fasst Parsons als „sozialen Handeln“ zusammen. Einzelne Handlungen stellen wiederum einzelne Interaktionen dar, die nicht zufällig, sondern systembedingt entstehen. 14 Das gilt auch für die Orientierungen der Handlungen. Das Sozialsystem ist das Konstrukt und Produkt seines sozialen Handelns im System selbst, als auch mit anderen Systemen der Außenwelt.
Die handelnden bzw. interagierenden Aktoren tragen zur Systembildung bei. 15 Interaktionen finden in Form von Rollen statt. Die Rollen geben den Interaktionen Orientierung und eine Struktur:
„Sozialsysteme bestehen aus interagierenden Rollen innerhalb von Kollektiven deren
spezifische Interaktion durch Normen geordnet wird, die in Werten begründet und an
Werten orientiert sind. Die Struktur des Sozialsystems besteht aus dem Gefüge symboli-
scher Beziehungen zwischen diesen vier Kategorien von Elementen.“ 16 Oberziel des Sozialsystems ist die Einbehaltung des „sozialen Gleichgewichts“ 17 , welches nur durch eine Ordnung in Form von kollektiven Normen (die für das System funktional sein müssen (Parsons 1976, S. 183)) realsiert werden kann. Normen stellen wiederum institutionalisierte kollektive Werte 18 zur Regulierung des Sozialsystems dar. 19 Was zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts beiträgt ist funktional, was das Gegenteil bewirkt ist dysfunktional.
Innerhalb des Sozialsystems agierende Aktoren versuchen ihre Interessen zu realisieren, die sich mit denen der Gesellschaft decken oder abweichen können. Mit anderen Worten: Obwohl das Ziel der Sozialisation ein moti-
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vational-orientiertes, soziales Handeln ist, welches die Aktoren internalisieren 20 , um zur Stabilität des sozialen Gleichgewichts des Systems beizutragen 21 , ist stets ein Konfliktpotential beinhaltet. 22 Ein Verhalten, dass von einem Aktor als funktional angesehen wird, kann das System als dysfunktional und abweichend verurteilen. Dieses Phänomen ist nicht auszuschließen, wie es im folgenden die Pattern Variables verdeutlichen.
2.2 Pattern Variables
Zur Analyse von Interaktionen entwickelte Parsons fünf Orientierungspaare des individuellen Handelns: die Pattern Variables 23 .
• Affektivität – Affektivneutralität ((nicht-) emotionales Handeln zwischen Aktoren) 24
• Selbstorientierung – Kollektivorientierung (Eigeninteresse - Unterordnung eigener Interessen) 25
• Universalismus – Partikularismus (Orientierung an allgem. Standards – spezielle Orientierung) 26
• Zuweisung – Leistungsorientierung (Befolgung einer Anweisung – Reflektion und Eigeninitiative) 27
• diffuses Verhalten – spezifisches Verhalten (Nachbarn, Freundschaft usw. – Patient & Arzt) 28
Es wird nicht auf alle fünf Begriffspaare eingegangen, sondern lediglich die Paarvorstellung Universalismus vs. Partikularismus hervorgehoben, die auch Robertson (siehe weiter unten) in seinem „global field“ integriert. Aktoren orientieren sich bei ihren Interaktionen entweder an den allgemeinen, normierten Standards des Systems oder an ihren eigenen speziell-individuellen Standards. Ein Beispiel: Wenn eine Gesellschaft den respektvollen Umgang des Sohnes gegenüber dem eigenen Vater zur Norm hat, handelt es sich in diesem Fall um eine universale Norm. Respektiert der Sohn seinen eigenen Vater von sich aus, ist diese Norm partikular, da der Sohn sich selbst diese Norm auferlegt hat. In diesem Beispiel decken sich das Universale und das Partikulare miteinander. 29 Ein anderes Beispiel: Eine Lehrerin hat die Aufgabe alle Schüler auf die gleiche Art zu behandeln und deren Leistungen objektiv zu bewerten. Dies wäre zumindest ein universales Verhalten und vom System als funktional gewertet. Partikular ist hingegen ihre Bevorzugung eines bestimmten
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Schülers bzw. einer Schülerin und die dementsprechend subjektive Benotung der Schulleistung dieser bevorzugten Person. 30 Um das soziale Gleichgewicht zu erhalten, obliegt es dem Sozialsystem die in den Handlungen produzierten Abweichungen von Werten und Normen, die vom System als universal angesehen werden, zu kontrollieren und gegebenenfalls zu sanktionieren. 31
2.3 Das Handlungssystem und seine Subsysteme
Das Sozialsystem ist, wie oben bereits angesprochen, sowohl das „Produkt“ aller Handlungen (Gesellschaft, Kultur, Gruppe, Institution, etc.), als auch eines von vier Subsystemen des Handlungssystems. 32 Das erste Subsystem, das Sozialsystem selbst, besteht aus Interaktionsprozessen und steuert das Handlungssystem.
Das Zweite, das kulturelle System, stellt den Interaktionen Symboliken zur Verfügung, um Sinneszusammenhänge zu ermöglichen und so die Stabilität des Sozialsystems zu formen und zu stärken. 33 Es ist als Steuerungssystem des Sozialsystems zu verstehen.
Das personale System ist der Aktor, welcher mit seinen Bedürfnisdispositionen und „von dem kulturellen und sozialen Inhalt der erlernten Muster seines Verhaltensystems her begriffen werden muss“ 34 .
Das organische System wird als Entität 35 bezeichnet. Gemeint sind hier, die (biologische) 36 Konditionierung und Determinierung eines jeden einzelnen Aktors (Wahrnehmung, physische und psychische Kondition, etc.), die wiederum die Interaktionsprozesse beeinflussen. 37 All diese vier Subsysteme gehen in die Handlungen ein, wobei das Sozialsystem der „Kern menschlicher Handlungssysteme“ 38 ist. 39 Talcott Parsons sagt aus, dass bei dem organischen und dem kulturellen Subsystem, sowohl im Englischen als auch im Deutschen, der Begriff des Systems fortgelassen und statt dessen von Organismus und von Kultur gesprochen werden kann. 40 Kultur kann also auch als Handlungssystem definiert werden. 41
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Arbeit zitieren:
Jan Trouw, 2005, Kulturkonzepte und Globalisierung - Eine Weltordnung in Form einer globalen Kultur? Roland Robertsons 'global field', München, GRIN Verlag GmbH
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