1 Einleitung
Das Gleichnis vom verlorenen Schaf ist mir zum erstem Mal im Kindergottesdienst begegnet, allerdings kann ich mich nur noch an diese Tatsache erinnern, für Einzelheiten oder für die Erinnerung an die Art und Weise der Erzählung und Verarbeitung des Textes liegt das zu lange zurück. Das nächste Mal, dass mir der Text begegnete, war während meines Konfirmandenunterrichts. Hier erinnere ich mich nur noch daran, dass wir die Geschichte in der Bibel in der Gruppe gelesen haben und sie dann in Einzelarbeit schriftlich nacherzählen mussten. Also, eigentlich kann ich mit dieser Geschichte keine positiven Erinnerungen verbinden, wenngleich mein Konfirmandenunterricht von wenig theologischem Inhalt geprägt war.
In letzter Zeit habe ich mich während meines Konfirmandenpraktikums mit diesem Gleichnis auseinandergesetzt. Ich habe mich bei der Wahl meiner Praktikumsstelle bewusst gegen einen Religionspädagogen entschieden, da ich gehofft habe, dass ich von einer Pastorin noch ein bisschen mehr theologische Einblicke bekomme und somit vielleicht ein bisschen das aufholen kann, was ich während meines eigenen Konfirmandenunterrichts versäumt habe.
Diesem Anspruch wird meine Mentorin gerecht. Durch die intensive Vorbereitung dieses Gleichnisses habe ich noch einmal einen neuen Zugang dazu bekommen. Besonders ist mir ein scheinbarer Widersinn, der meiner Konfirmandengruppe beim ersten oberflächlichen Betrachten des Gleichnisses aufgefallen ist, im Gedächtnis geblieben. Bei ihnen kam die Frage auf, wie es Gottes Wille sein, dass sich der Hirte auf den Weg macht um ein Schaf zu suchen, während er den Rest der Herde allein und unbeaufsichtigt lässt. Die Konfirmanden hatten die Sorge, dass sich womöglich noch weitere Schafe verlaufen oder sogar von wilden Tieren gefressen werden, wenn sie nicht von dem Hirten beschützt und beaufsichtigt werden. Mir wäre diese Idee gar nicht in den Sinn gekommen, da für mich völlig klar war, dass sich der Hirte auf den Weg machen soll um das verlorene Schaf zu suchen. Ich wurde auch bei der Behandlung dieses Gleichnisses nie gefragt, wie ich reagieren würde, auch wurden mir damals keine anderen Handlungsalternativen angeboten, sodass für mich der Ausgang der Geschichte überhaupt nicht fraglich war. Gerade diese Diskussion um das Verhalten des Hirten hat mich so fasziniert, dass ich mich dazu entschlossen habe, meine theologische Hausarbeit zu diesem Gleichnis zu schreiben.
2
2 Die Botschaft des Gleichnisses in seinem historischen Lebenszusammenhang
2.1 Vergleich verschiedener Übersetzungen
Zunächst vergleiche ich die Übersetzung von Martin Luther, die Elberfelder Bibel und die Züricher Übersetzung miteinander.
Alle drei Texte sind sich sehr ähnlich, sie unterscheiden sich nur in wenigen einzelnen Worten.
Meines Empfindens nach ist trotzdem ein Unterschied zwischen den Texten vorhanden. Meines Empfindens nach ist die Züricher Übersetzung am konkretesten, sie ist extremer formuliert als die anderen beiden Übersetzungen. So lautet der Text der Züricher Bibel: „Es nahten ihm aber fortwährend alle Zöllner und Sünder, um ihm zu hören“ 1 . In der Elberfelder Übersetzung heißt es: „ nahten zu ihm alle Zöllner und Sünder“ 2 Bei Luther heißt es: „nahten sich ihm allerlei Zöllner und Sünder“ 3 . Die Züricher Übersetzung beschreibt eine Steigerung im Gegensatz zu den anderen beiden Übersetzungen, der Text klingt so, als wenn hier wesentlich mehr Zöllner und Sünder zusammenkommen, um Jesus zu hören.
Diese präzisere Ausdrucksweise lässt sich auch noch an anderen Stellen des Textes aufzeigen, so heißt es im zweiten Teil des zweiten Verses in der Züricher Bibel: „Dieser nimmt Sünder an und ißt mit ihnen“. Auch Luther hat sich für diese Formulierung entschieden. In der Elberfelder Übersetzung heißt es: „Dieser nimmt Sünder auf und ißt mit ihnen“. Das Annehmen ist eine viel größere aus Ausdrucksstärkere Geste, als nur jemanden aufzunehmen. Im sechsten Vers heißt es in der Züricher und in der Lutherbibel: „wenn er nach Hause kommt, ruft er seine Freunde und seine Nachbarn zusammen“. In der Elberfelder hingegen ruft der Mensch nur „die Nachbarn“ und „die Freunde“ zusammen um sich mit ihnen zu freuen. Die Formulierung seine Freunde und seine Nachbarn zeigt eine viel engere Beziehung zu der Umwelt des Menschen, der sich auf die Suche nach dem verlorenen Schaf macht.
1 Züricher Bibel, Lukas 15,1
2 Elberfelder Bibel, Lukas 15,1
3 Luther Bibel, Lukas 15,1
3
Aufgrund der doch sehr geringfügigen Abweichungen steht fest, dass alle drei Übersetzer die gleiche Quelle für ihre Arbeit verwendet haben. Zu letzt vergleiche ich die drei Übersetzungen mit der aktuellen Übersetzung der Guten Nachricht. Diese ist meist sehr vom Ursprungstext entfernt, deshalb ist ein Vergleich schwieriger.
Es lässt sich vermuten, dass die Übersetzung der guten Nachricht aus einer ähnlichen, wenn nicht sogar aus der gleichen Quelle stammt, wie die Elberfelder, Luther und Züricher Übersetzung. Der Text ist ziemlich ähnlich, nur einige Begriffe wurde ersetzt, so sind aus „Zöllnern“ „Zolleinnehmer“ geworden, aus „Sündern“ wurden „all die anderen die einen schlechten Ruf hatten“, aus „Schriftgelehrten“ wurden „Gesetzeslehrer“ und aus dem „Sünder der Buße“ tut wurde „ein Sünder der ein neues Leben anfängt“.
Des weiteren wurden einige Formulierungen aktualisiert: in den drei älteren Übersetzungen steht: „dieser nimmt Sünder an und ißt mit ihnen“. In der guten Nachricht steht: „Er lässt Gesindel zu sich! Er ißt sogar mit ihnen!“ Diese Formulierung ändert nicht an dem Hergang der Geschichte, es wird nur die Verärgerung der Pharisäer und Gesetzeslehrer fühlbar. Auch wird der gesellschaftliche Stand der Sünder, die als Gesindel bezeichnet werden, veranschaulicht.
Mir eröffnen sich aus der Übersetzung der Guten Nachricht keine neuen Sichtweisen des Gleichnisses. Aus diesem Grund entscheide ich mich dafür mit der Züricher Übersetzung weiterzuarbeiten, da diese Übersetzung meiner Meinung nach die Akzentuierteste Übersetzung ist.
2.2 Klärung uns fremd gewordener Begriffe
Da sich die Gute Nachricht gegen den Begriff „Sünder“ entschieden hat, empfinde ich es wichtig, diesen Begriff ein bisschen genauer zu definieren. Als Sünder wurden die Menschen bezeichnet, die sich durch ihr unehrenhaftes Handwerk nicht nur religiös, sondern auch gesellschaftlich disqualifiziert hatten. Man wurde zum Sünder, wenn man gewisse Normen der jüdischen Volks- und Kulturgemeinschaft durchbrach.
4
Jesus nahm diese Menschen an und ermöglichte ihnen ein neues Verhältnis zu Gott aufzubauen, indem er sie, ohne jegliche Bedingungen und Einschränkungen, in seine Tischgemeinschaft aufnahm. 4
Für Jesus war dieses Handeln selbstverständlich, da es von Gott begründbar war: „Gott selbst freut sich über das Wiederfinden des Verlorenen, der Schöpfer will seine Geschöpfe in seine Gemeinschaft zurückholen.“ 5
Ein weiteres Bild, das Jesus in seinem Gleichnis verwendet, ist das Bild des Schafes oder auch der Schafherde. Für die Menschen zur Lebzeit Jesu war das Schaf wegen der Vielfalt seine Produkte und seiner Anspruchslosigkeit Basis des Wohlstandes, dies galt besonders für die nomadischen und halbnomadischen Kulturen. 6
Die Schriftgelehrten waren jüdische Gesetzeslehrer, die über religionsgesetzliche Fragen entscheiden durften, oder die auch in Strafprozessen als Richter fungierten. 7
Die Gruppe der Schriftgelehrten war mit den Pharisäern bekannt als Gegner von Jesus. Trotzdem gab es auch einzelne Schriftgelehrte, die ein positives Interesse an der Verkündigung Jesu gehabt haben dürften. 8
4 Reclams Bibellexikon Begriff Sünde
5 Luther Bibel, Lukas 15,1-32
6 Reclams Bibellexikon Begriff Schaf
7 Reclams Bibellexikon Begriff Schriftgelehrte
8 Luther Bibel, Markus 12,32
5
3 Was ist ein Gleichnis
Gleichnisse sind in sich abgeschlossene Texte, die in besonders gebildeter Weise argumentativ eingesetzt worden sind. Die Überlieferung der Jesusgeschichten erfolgte zu einem erstaunlich großen Teil aus Gleichnissen. Die ist Indiz dafür, dass es sich bei dieser Textgattung um eine oft gewählte Form der Verkündigung Jesu handeln muss.
Ein Gleichnis beschreibt einen alltäglichen und selbstverständlichen Vorgang und fordert die Zuhörer bzw. den Leser dazu auf, daraus Folgerungen zu ziehen. Obwohl sie meist sehr bekannt sind, so werden bei der Auslegung und Erklärung der Gleichnisse einige Schwierigkeiten deutlich, da sich bei der Interpretation von den inzwischen geläufigen Bildern gelöst werden muss, um die Gänze des Gehaltes des Gleichnisses zu erschließen.
So sind zum Beispiel einige klischeehafte Bildbedeutungen in das Allgemeingut der kirchlichen Sprache übergegangen: „Senfkorn = Wort Gottes, Talent = Begabung, Weinberg des Herrn = Kirche“ 9 oder auch „Schafherde = Gottesvolk“ 10 . Diese bekannten Bilder verführen dazu zu schnell die Botschaft des Gleichnisses zu erschließen.
Hinzu kommt, dass der Argumentationszusammenhang, in dem Jesus ein Gleichnis verwendet hat, oft unbekannt bleibt, ebenso bleibt die Klärung schwierig, wer die ursprünglichen Hörer waren und mit welchen Fragen, Erwartungen und Vorurteilen sie Jesus gegenübergetreten sind.
Im Gleichnis vom verlorenen Schaf sind auf den ersten Blick die Pharisäer und Schriftgelehrten die Zuhörergruppe. Bei genauerer Betrachtung des Textes fällt aber auf, dass sie eigentlich keine Frage an Jesus gestellt haben. Sie sagten nur: „Dieser nimmt Sünder an und ißt mit ihnen.“ 11 Natürlich ist dem Leser die Frage und Provokation der Zuhörer klar. „Warum gibst du dich mit denen ab“ oder so etwas ähnliches lässt sich vermuten, was von den Pharisäern und Schriftgelehrten gefragt wurde. Offen bleibt allerdings, ob sie wirklich diese Frage gestellt haben, oder ob Jesus von sich aus das Gleichnis erzählt hat, was dem Gehalt der Geschichte natürlich eine ganz andere Bedeutung zukommen lässt.
9 Aus: Neues Testament von Jürgen Roloff Seite 126
10 vgl. Reclams Bibellexikon Begriff Schaf
11 Züricher Bibel, Lukas 15,2
6
Arbeit zitieren:
Arne Marquardt, 2001, Das Gleichnis vom verlorenen Schaf, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Das Gleichnis 'Vom verlorenen Schaf', Lukas 15, 1-7
Theologie - Biblische Theologie
Seminararbeit, 21 Seiten
Das verlorene Schaf Lk 15,3-7: Eine Analyse
Theologie - Biblische Theologie
Hauptseminararbeit, 25 Seiten
Exegese zu Matthäus 22, 1-14: Das königliche Gastmahl
Theologie - Biblische Theologie
Quellenexegese, 25 Seiten
Kommunikation in einer Talkshow - am Fallbeispiel der Sendung: "S...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit, 21 Seiten
Tod und Auferstehung in der Sicht christlicher Dogmatik
Theologie - Systematische Theologie
Seminararbeit, 13 Seiten
Exegese zum Matthäus-Evangelium Kapitel 18, 10-14
Theologie - Biblische Theologie
Hausarbeit, 33 Seiten
Verhaltenstherapeutische Ansätze bei hyperaktiven Kinder: Gemeinschaft...
Psychologie - Lernpsychologie, Intelligenzforschung
Seminararbeit, 19 Seiten
Exegese mt 13, 44-46 - Das Gleichnis vom Schatz im Acker und der Perle
Theologie - Biblische Theologie
Hausarbeit, 26 Seiten
Unterrichtseinheit: Praktikumsbeleg SP2 & SP3 - Evangelische Relig...
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Unterrichtsentwurf, 9 Seiten
Methodische Zugänge zum Philosophieren mit Kindern in der Grundschule
Seminararbeit, 15 Seiten
Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg
Hausarbeit, 20 Seiten
Gleichaltrige Kinder und ihre sozialen Beziehungen
Psychologie - Entwicklungspsychologie
Hausarbeit, 14 Seiten
Zauberdreiecke mit den Zahlen von 1 bis 10
Schriftlicher Unterrichtsentwu...
Mathematik - Mathematik als Schulfach
Unterrichtsentwurf, 13 Seiten
Arne Marquardt hat den Text Das Gleichnis vom verlorenen Schaf veröffentlicht
Arne Marquardt hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare