gehören beispielsweise auch Film und Funk. Sie markieren den Anfang der modernen Massenkommunikation und Massenkultur. Gerade das Kino inspiriert die Expressionisten zu zahlreichen Gedichten.
Diesem rasanten Wandel im sozialen, kulturellen und wirtschaftlich-technischen Bereich steht ein erstarrtes politisches System gegenüber. Das Wilhelminische Kaiserreich ist ein „merkwürdig anachronistisch wirkendes Obrigkeitssystem, dessen nationalistische Ideologie von Schule, Universität und den christlichen Kirchen unterstützt und verbreitet wurde“. Der Expressionismus als Jugendbewegung erkennt die Abhängigkeit „von einer erstarrten Gemeinschaftsordnung“ und „bourgeoisen und konventionellen Bräuchen“ und diese „Erkenntnis bedeutete zugleich den Beginn des Kampfes gegen die Zeit und ihre Realität“. Das Lebensgefühl der Expressionisten ist insgesamt ein negatives. Es herrscht ein starkes Dekadenz- und Verfallsbewusstsein. Denn das deutsche Kaiserreich und die Donaumonarchie befinden sich offensichtlich im Niedergang und der erste Weltkrieg wird bereits vor Kriegsanfang vorausgeahnt.
Auch die geistesgeschichtlichen Rahmenbedingungen der Zeit tragen zu dem negativen Lebensgefühl der Expressionisten bei. Der Expressionismus ist stärker als jede andere Dichterepoche von dem Philosophen Friedrich Nietzsche geprägt. Die „im Begriff des Nihilismus festgehaltene radikale Verunsicherung traditioneller Denkformen und
Wertsysteme“ spiegelt sich in einer „tiefgreifenden Strukturkrise des Ich“ wieder. Das bedeutet, dass auch die Religion keine Sinnstiftung mehr bieten kann. „Zwischen Transzendenzverlust und der Konstruktion neuer metaphysischer Perspektiven irrend (...) artikulieren die Expressionisten das Krisengefühl ihrer Epoche“. Das Welt- und Menschenbild der Expressionisten ist daher äußerst pessimistisch. Die Welt wird als disparat, chaotisch und undurchschaubar, wenn nicht sogar als aggressiv und bedrohlich, empfunden. Es gibt in ihr keine Sinnzusammenhänge. Dieser Welt ist das Ich ausgesetzt. Es ist nicht mehr das handelnde und selbstbestimmende Subjekt, als das es in früheren Epochen erschien, sondern das ausgelieferte Objekt. Diese Entwicklung bedeutet das Ende der autonomen Persönlichkeit, Zerfall und Entfremdung des Ich. „Zerfall des Ich, das meint (...) die Dissoziation des Wahrnehmungssubjekts angesichts einer im modernen Lebensraum ihm begegnenden, nicht mehr integrierbaren Wahrnehmungsfülle“. Dies führt zu Orientierungsverlust und Fremdbestimmung bis hin zur völligen Ich-Zerstörung. Ausgehend von diesem Hintergrund finden sich im Expressionismus bestimmte Themen- und Motivbereiche. Typisch ist beispielsweise eine negative, übersteigerte Ästhetik des Hässlichen. Oft wird auch die neuartige Erfahrung der modernen Großstädte verarbeitet. 2 expressionistisches Drama
Dabei zeigen die Expressionisten eine ambivalente Haltung zwischen F aszination und Abscheu. Insgesamt werden die Großstädte aber überwiegend negativ dargestellt. Häufig werden dämonisierende Grundmetaphern verwendet, durch die die Objektwelt der Stadt dämonisch belebt wird. Ein weiterer Themenbereich der expressionistischen Literatur sind Technik und Arbeitswelt. Hier überwiegen zivilisationskritische Tendenzen. „Die Kritik bezieht sich (...) nicht in erster Linie auf die soziale Ordnung, sondern auf das im modernen Produktionsprozess gegebene Entfremdungsverhältnis des Menschen zur Natur und zu sich selbst“. Die Literatur des Expressionismus beschäftigt sich auch mit apokalyptischen Themen wie Verfall, Tod, Verwesung und Zerstörung.
Gegenüber diesen durchweg negativen Themenbereichen kontrastiert der des >>neuen Menschen<<. Literatur, die dieses Motiv verfolgt, repräsentiert messianische Erneuerungs-und Aufbruchsversuche. Sie drückt die Hoffnung auf eine Erneuerung des Menschen durch Verbrüderung aus:
„...nicht das Trennende, sondern das Einende, nicht die Wirklichkeit, sondern der Geist, nicht der Kampf aller gegen alle, sondern die Brüderlichkeit wurden gepriesen. Die neue Gemeinschaft wurde gefordert. Und so gemeinsam und wild aus diesen Dichtern Klage, Verzweiflung, Aufruhr aufgedonnert war, so einig und eindringlich posaunten sie in ihren Gesängen Menschlichkeit, Güte, Gerechtigkeit, Kameradschaft, Menschenliebe aller zu allen.“
Der Expressionismus lässt sich also über bestimmte typische Themen und Motive und, damit zusammenhängend, bestimmten Intentionen definieren. Dabei lassen sich zwei Richtungen feststellen:
• Die kultur- und zivilisationskritische Tendenz des Expressionismus begreift sich als „Diagnose (...), indem sie möglichst viele (negative) Erscheinungsformen moderner Zivilisation in ihren Auswirkungen auf das Subjekt reflektiert“. • Dagegen setzt die vom messianischen Verkündungspathos getragene Richtung auf den neuen Menschen und eine allumfassende Verbrüderung.
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DAS EXPRESSIONISTISCHE PROGRAMM
Komplexes Programm des Expressionismus in seiner Blütezeit zwischen 1915 und 1919; Bedeutung des Programms ist exemplarisch abzulesen an einer Äußerung Carl Sternheims aus dem Jahre 1914: Sternheim sieht sich zu dem programmatischen Bekenntnis genötigt, der Dramatiker habe als „Arzt am Leibe seiner Zeit“ alle „Eigenschaften des idealen Menschen blank und strahlend zu erhalten“, obgleich er zugegebenermaßen zunächst nur für das Theater schreibt und in später erscheinenden Aufsätzen die außer-ästhetische Mission des Kunstwerks strikt ablehnt.
• Während Carl STERNHEIM vom Idealbild des Menschen ausgeht, • entwerfen Walter HASENCLEVER und Georg KAISER in Programm und Kunstwerk den
idealen neuen Menschen. Dieser Intention entsprechend bestimmt HASENCLEVER 1916 den Ort des Dramas „Der Sohn“: „Dieses Stück...ist die Darstellung des Kampfes durch die Geburt des Lebens, der Aufruhr des Geistes gegen die Wirklichkeit...Dieses Drama ist die Menschwerdung.“,
indes KAISER 1918 ebenso folgerichtig den Dichter als Hülse der ihn einzig erfüllenden Vision „von der Erneuerung des Menschen“ deutet und 1922 das Ziel des Programms im allgemeinen wie des Dramas im besonderen im „gekonnte(n) Menschen“ umschreibt. Den Autoren ist folgendes wichtig: à „Wiedergeburt des Menschen“ bzw. seine Erneuerung
à Vorliebe für das Drama als Gattung, in der der Mensch als Unmensch wie als idealer Mensch Mitte ist, um auf der Bühne zum Leben erweckt und existierend, handelnd vorgeführt zu werden.
à Modifiziert wird diese Konzeption von jenen Autoren, die im Gegensatz zu STERNHEIM oder KAISER dem dezidierten Programm verpflichtet sind und nun Ort und Funktion des Menschen auf eigene Weise bestimmen à Ernst TOLLER (1919): will das Lebendige durchdringen und mit Liebe umpflügen, er ist jedoch auch um des Geistes Willen bereit, das Erstarrte umzustürzen à Revolutionierung des Menschen zum Mitmenschen à Änderung der Welt zur Gemeinschaftswelt à Vertrauen auf die Tat.
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Unterschiedliche Strömungen des Expressionismus: Aktivismus (z.B. Toller), Vitalismus (z.B. Unruh) und dann gibt es noch die Anhänger der irrationalistisch oder spiritualistisch ausgerichteten Gruppe ekstatischer Mystiker (z.B. Kornfeld) Gemeinsamkeit: alle Autoren sehen im MENSCHEN das Thema und Ziel ihrer propagandistischen, programmatischen und künstlerischen Bemühungen. Ort und Funktion des expressionistischen Programms ergeben sich aus dem gesellschaftlichen Umbruch zu Beginn des 20. Jahrhunderts und seiner Konkretisierung in Krieg, Revolution und Nachkrieg sowie den Konsequenzen (Fluchtreaktionen, Ausbruchsversuche, Rebellionen, Heilungs- und Welterneuerungsanstrengungen), die der aufgerührte Künstler daraus zieht und das Kunstwerk exponiert. Darin will der Künstler mit ästhetischen Mitteln den als Menschheitskrise gesichteten Gesellschaftszerfall registrieren und analysieren. à Expressionisten versuchen den Ort des Menschen in dieser Welt zu erschließen und erkennen, dass der Mensch in der mechanisierten Dingwelt der zivilisatorischen Gesellschaft vom Subjekt zum Objekt der Gesellschaft wurde à Der zum Unmensch gewordene Mensch trägt somit die Verantwortung für die Weltkrise, weil er selbst für Mensch, Welt und All verantwortlich ist. Daher wenden sie sich gegen die Seelenlosigkeit des Daseins, die Welt der Väter, die verlogene Moral des Bürgertums, seine geistige Tätigkeit und Selbstzufriedenheit, die eine freie Entfaltung der Persönlichkeit hemmt. à Welterneuerungsversuche des Expressionismus lehnen den gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustand und das naturwissenschaftlich-positivistische Weltbild, die empirische Psychologie, die empirischen Naturwissenschaften und die fortschreitende Industrialisierung und Technisierung Westeuropas ab à nur subjektiv zu überwinden, indem das Ich aus den gesellschaftlichen Bindungen heraustritt und sich als Subjekt seiner selbst begreift. à Die entstehende Vereinzelung und damit die Einsamkeit wird überwunden, durch die Gemeinschaft aller Mensch gewordenen Menschen.
Wandlung = Rückführung des verdorbenen und zur Marionette der Gesellschaft entwürdigten Zivilisationsmenschen auf das Menschliche in ihm, das er als Subjekt bewähren soll, bzw. die Läuterung des Menschen zum Menschen, der im Menschlichen seine Mitte findet.
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Arbeit zitieren:
Florian Schaffelhofer, 2002, Expressionistisches Drama, München, GRIN Verlag GmbH
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