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Inhaltsverzeichnis
1. Von der Individualethik zur Ordnungsethik 1
1.1 Warum muss Individualethik scheitern? 1
1.2 Die Entwicklung hin zur Ordnungsethik 2
1.3 Rechfertigung der Ordnungsethik 3
2. Ordnungsethik als Wirtschaftsethik: Das Wettbewerbsprinzip,
ein Vergleich mit dem Sport 5
2.1 Die Funktionsbedingungen in Analogie zum Sport 6
2.2 Das Gefangenendilemma 7
3. Homann´s Grundlegende These 8
3.1 Erläuterungen zur Grundlegenden These 9
4. Moralische Qualität von Marktwirtschaft 12
5. Allgemeine Handlungsempfehlungen nach Homann/Blome-Drees 13
6. Homann´s Ansatz in der Kritik 15
6.1 Kritik an der Kritik 15
7 Z u s a m m e n f a s s u n g 1 6
L i t e r a t u r v e r z e i c h n i s 1 7
- 1 - Wirtschaftsethikals Ordnungsethik: Das klassische Konzept von
Individualethik ist definiert als ein Komplex von Regeln und Normen, die das Handeln von Individuen vorgeben sollen und die verantwortlich sind für das Gewissen und die Missachtung, wenn gegen diese vorgegebenen Normen verstoßen wurde.
Die Individualethik basiert auf der Grundlage des Moralprinzips, von dem aus beurteilt wird, inwiefern eine individuell zurechenbare Handlung gut oder schlecht ist. Auf den Menschen bezogen bedeutet das, dass es „alle Menschen als Menschen zu behandeln 1 “ gilt. Nach Kant geht es um die Unverfügbarkeit der menschlichen Person, die als Selbstzweck anzuerkennen der „Kategorische Imperativ“ gebietet.
Individualethik ist die ethische Reflexion auf Handlungen, Haltungen und Einstellungen individueller Personen in diversen Praxisfeldern. Individualethik ist das Resultat zahlreicher Interaktionen, bei dem sich bestimmte Regeln in kleineren Gruppen in einem Entwicklungsprozess etablieren. Die Einhaltung dieser universellen Normen wie z.B. „Nicht lügen!“, „Nicht stehlen!“, „Nicht morden!“, „Nicht ehebrechen!“ haben sich im Entwicklungsprozess bewährt und verschaffen jedem Individuum einen persönlichen Vorteil 2 . Eine Ethik, die nicht auf externen Vorgaben basiert, hat den Vorteil, dass sie ein Zusammenleben von Menschen verschiedenster Herkunft und Wertorientierung in Frieden, Solidarität und Würde zusammenleben lässt. Demnach sind Individualethik und Eigeninteresse keine Gegensätze, denn sie basieren auf Vorteilserwartungen und -erfahrungen 3 .
I.1 Warum muss Individualethik scheitern?
Der Argumentation Karl Homanns folgend muss diese Art der Ethik in einer modernen Welt jedoch scheitern. Er macht darauf aufmerksam, dass Individualethik eine Ethik für Kleingruppengesellschaften, z.B. Dorfgemeinschaften, sei. In diesen Gruppen halten sich Individuen nicht rein aus moralischen Gründen, sondern wegen der dort anzutreffenden problemlosen, sozialen Kontrolle an die vorgegebenen Normen. Es gibt kein Privatleben, so dass jeder jeden überwachen kann und eine gegenseitige informelle Sanktionierung zum Kontrollsystem wird. Durch die
1 Schramm aus Aufderheide
2 Vgl. Anzenbacher (1993).
3 Vgl. Homann aus von Pierer
- 2 - wirtschaftlicheund gesellschaftliche Evolution und die Verschmelzung vieler verschiedener Kleingruppen entwickelt sich langsam ein System, in dem diese Art der Kontrolle nicht mehr effektiv ist. Nur noch in Gruppen mit einer überschaubaren Anzahl Angehöriger, die auch in unserer heutigen Zeit noch existieren, wie z.B. Familie, Wohn- oder Arbeitsgruppen, Sportmannschaften etc., ist die Feststellung und Sanktionierung unsolidarischen Verhaltens im Alltag immer noch möglich 4 .
I.2 Die Entwicklung hin zur Ordnungsethik
Wichtig für die Wandlung der Ethik hin zur Ökonomik war, dass im 17. und 18. Jahrhundert kleine, isolierte Wirtschaftseinheiten zu einer großen Volkswirtschaft zusammenwuchsen. Als Folgen daraus ergaben sich die Weiterentwicklung der Arbeitsteilung, die damit verbundene, steigende Spezialisierung und die daraus entstehenden Produktivitätsvorteile. Aus diesem Grund beginnt A. Smith sein „Wealth of Nations“ mit der Analyse der Arbeitsteilung am berühmten Beispiel der Produktion einer Stecknadel. Die Größe des Marktes bestimmt die Tiefe der Arbeitsteilung und die damit verbundenen Spezialisierungsvorteile. Als Voraussetzung dazu dient ein leistungsfähiger Koordinationsmechanismus, den Smith in Markt und Wettbewerb findet. Smith hatte 1759 die Ethik auf das Gefühl der Sympathie gegründet, womit die Koordination der Teilleistungen in einer Volkswirtschaft erfolgte. Dies übernimmt heute eine immer weiter voranschreitende Institutionalisierung.
Um konstante Annahmen für das Verhalten von Individuen aufstellen zu können, bestand die von A. Smith propagierte Lösung darin, allgemeine Regeln einzuführen, an die sich alle Teilnehmer zu halten haben.
Als Moralphilosophen ging es A. Smith seinerzeit um die Besserstellung der Armen bzw. der Arbeiter. Für ihn gab es zwei Wege, diesen zu helfen, Caritas oder Wachstum. Smith zog dem Weg der Caritas, die einzeln zurechenbare Hilfe für Individuen leistet, den Weg des Wachstums vor. Hier steht die Hilfe für die unidentifizierbare Allgemeinheit durch einen Prozess des gesamtwirtschaftlichen Wachstums, das durch Markt und Wettbewerb hervorgebracht wird, im Vorder-grund. Smith hat also 1776 aus moralphilosophischen und ethischen Gründen eine Entscheidung getroffen, die bis heute Bestand hat 5 .
In der Ethik der Philosophie und der Theologie wird vom Einzelnen verlangt, seine Interessen in relevanten Zusammenhängen den Interessen anderer unterzuordnen. Die Ökonomik hingegen zeigt auf, dass dieses Verhalten in dem von ihr präferierten Wettbewerb zu einem Ausschluss aus dem Markt führt. Smith liefert uns
4 Vgl. Homann (2003).
5 Vgl. Homann (1990) S. 41 f.
- 3 - mitseinen berühmten Sätzen aus „Wealth of Nations“ dafür die wissenschaftlich fundierte Erklärung 6 : „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Bauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil. 7 “
I.3 Rechtfertigung der Ordnungsethik
Die zwei für ein modernes Verständnis von Individualethik fundamentalen Probleme ergeben sich daraus, dass durch die gestiegene Komplexität einer modernen Wirtschaft das Ergebnis des Handelns von Individuen nicht mehr von dem alleinigen Handeln abhängt, sondern auch davon, was andere Individuen tun. Zum ersten: es bringt kein Unternehmen ein Gesamtergebnis hervor. Dieses Gesamtergebnis, als ein unplanbares Resultat aus unzähligen Handlungen vieler verschiedener Akteure, ist für die Wohlstandsposition vieler Menschen bedeutsam. Hieraus stellt sich die Frage, wovon das Gesamtergebnis bestimmt wird. Erst durch eine Antwort auf diese Frage gewinnt man Ansatzpunkte, im Sinne moralischer Intentionen auf den Prozess einzuwirken.
Zum zweiten: Aufgrund der Komplexität des Arbeitsprozesses kann ein Leistungsbeitrag keinem Unternehmen einzeln von einer übergeordneten Instanz zu-geordnet bzw. kontrolliert werden. Eine Steuerung aus „ethischen Gefühlen, wie Tradition, Sympathie oder Gerechtigkeitssinn 8 “ heraus ist unmöglich, denn dazu müsste erst eine Freundschaft der Partner entstehen. Sollte man eine anonyme Gesellschaft über Motive steuern, wären die Kosten sowohl für eine Ausgrenzung derer, die schlechte Leistungen für gute verkaufen, als auch die der Bestrafung zu hoch 9 .
Unerwünschte oder unmoralische Zustände dürfen also unter heutigen Bedingungen nicht auf böse, egoistische Ziele zurückgeführt werden. „Damit sind die verbreiteten Ursachenzuschreibungen und Schuldzuweisungen wie z.B. „Profitgier“, „Egoismus“ und „Materialismus“ durchweg auf eine vormoderne Gesellschafts-theorie zurückzuführen, die die von A. Smith vor nunmehr 200 Jahren eingeleitete paradigmatische Wende noch nicht vollzogen hat. 10 “
„Motiv“ und „sozialer Sinn“ fallen also im Wettbewerb auseinander 11 . Das Ergebnis hängt von den Regeln ab, die Handlungen einengen. Es muss unterschie-
6 Homann (1990) S. 35.
7 Smith (1776/1978) S. 17.
8 Homann (2003).
9 Vgl. Homann (1990) S. 48 f.
10 Homann/Blome-Drees (1992) S. 23.
11 Schumpeter (1942/1972) S. 448.
- 4 - denwerden in Rahmenordnung und Handlungen innerhalb der Rahmenordnung, oder wie im Sport in Spielregeln und Spielzüge 12 . Damit nicht „der Ehrliche immer der Dumme ist“, was in Verbindung mit dem Gefangenendilemma, auf das ich später noch eingehen möchte, ein weiteres Argument Homann´s für das Scheitern der Individualethik darstellt, beinhaltet die Rahmenordnung allgemeine, konstante Regeln für das Handeln von Individuen. Diese müssen eingehalten und die Missachtung sanktioniert werden. Für die heutige Wirtschaft sind dies alle relevanten Gesetzesbücher sowie alle moralischen und kulturellen Verhaltenstandards. Eine „Verlässlichkeit der wechselseitigen Verhaltenserwartungen“ und „kostengünstige Verhaltensabstimmungen“ 13 werden durch diese Rahmenordnung sichergestellt und langfristige Planungen ermöglicht. Durch diese Rahmenordnung können alle Beteiligten ihre unterschiedlichen Ziele verfolgen.
Der Vorteil dieser individuellen Zielverfolgung liegt darin, dass eine solche Wirt-schaftsordnung zum Wohl der Allgemeinheit mehr Wissen zu verarbeiten und zu nutzen vermag als eine Ordnung, die über gemeinsame Ziele steuert 14 . Im Gegensatz zum zentralen Wissen, bei zentraler Zielorientierung, kann das dezentral verstreute und individuelle Wissen über Markt und Wettbewerb diffundiert und somit dem Wohl der Allgemeinheit zugeführt werden. Auch Hegel sieht den Vorteil dieses Systems gerade darin, dass das Allgemeinwohl durch Freilassung eigennütziger Antriebe befördert wird 15 .
Deswegen kommt es am Markt zu einem Wettbewerb des Wissens. Es entsteht ein Druck auf Individuen oder Unternehmen, sich fehlendes Wissen anzueignen und im Rahmen der Regeln zu nutzen oder vom Markt zu verschwinden. Private Gewinne, „funktional betrachtet nicht für Caritas oder für die Erfüllung anderer moralischer Forderungen“ 16 bestimmt, stellen Anreize für Innovationen dar. Gewinne und Wettbewerb dienen so der Steuerung der Wirtschaft, nicht der Gerechtigkeit 17 . Diese funktionalen Zusammenhänge dürfen von der ethischen Beurteilung des Marktes und Wettbewerbs nicht ignoriert werden. Nach Schumpeter besteht der soziale Sinn von Markt im Gemeinwohl, wohingegen das Motiv zum Handeln das Eigeninteresse ist 18 .
12 Vgl. Homann/Blome-Drees (1992) S. 23.
13 Homann/Blome-Drees (1992) S. 23.
14 Dazu grundlegend das Gesamtwerk von F. A. von Hayek, insbesondere (1952/1976); (1960/1971); (1969); (1973-1979/1980-1981)). Neuerdings dazu Pies (1991), zitiert nach: Homann/Blome-Drees (1992).
15 Vgl. Homann (2003).
16 Homann/Blome-Drees (1992) S. 24.
17 Ähnlich Heuß (1987), zitiert nach: Homann/Blome-Drees (1992).
18 Homann (1990) S. 39.
Arbeit zitieren:
Peer Naubert, 2004, Wirtschaftsethik als Ordnungsethik: Das klassische Konzept von Spielregeln und Spielzügen, München, GRIN Verlag GmbH
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