Christian Einsiedel Der Mensch im Spannungsfeld zwischen Technik und Politik S. 1 von 19
Inhalt:
I EINLEITUNG. 2
II EIN NEUER HUMANISMUS 3
1. Über Jaspers „Bedingungen und Möglichkeiten eines neuen Humanismus“ 3
a) Einordnung und Aufbau der Schrift 3
b) Kernthesen zum neuen Humanismus 4
2. Das Spannungsfeld zwischen Technik und Politik. 8
a) Der Mensch und die Technik 9
b) Der Mensch und die Politik 11
c) Technik, Politik und ein neuer Humanismus 13
3. Zur Aktualität Jaspers Analyse. 14
III KRITISCHE WÜRDIGUNG UND AUSBLICK. 18
IV ANHANG. 19
1. Literatur. 19
2. Anmerkungen 19
Christian Einsiedel Der Mensch im Spannungsfeld zwischen Technik und Politik S. 2 von 19
Mit der vorliegenden Arbeit wird versucht, die Bedeutung von Karl Jaspers‘ Vortrag „Über Bedingungen und Möglichkeiten eines neuen Humanismus“ für die heutige Zeit herauszuarbeiten. Dazu werden zunächst die Zeitumstände der Entstehung des Vortrags erläutert. Anschließend werden anhand dreier Leitfragen die Kernthesen des Textes dargestellt. Besonderer Schwerpunkt ist dabei die Betrachtung des von Jaspers‘ gesehenen Spannungsfeldes zwischen Technik und Politik. Darauf aufbauend wird Jaspers‘ Analyse zur heutigen gesellschaftlichen Realität in Bezug gesetzt und auf ihre Aktualität untersucht. Den Schluß der Arbeit bildet schließlich eine kritische Würdigung Jaspers‘ Gedanken zu Technik, Politik und einem neuen Humanismus.
Die Arbeit stützt sich bewußt nicht auf Sekundärliteratur, sondern orientiert sich im darstellenden Teil eng an der Textvorlage. *) Ziel dieses Vorgehens ist es zum einen, auch dem mit dem Vortrag nicht vertrauten Leser den Zugang zu Jaspers‘ Überlegungen und seiner Denkweise zu ermöglichen. Zum anderen soll die Unabhängigkeit von fremder Erkenntnis innerhalb des hier vorgegebenen Rahmens genügend Raum für die Entwicklung eigener Gedanken und Schlußfolgerungen lassen.
*) Die dazu angebrachten zahlreichen Zitate sind aus Gründen der Übersichtlichkeit im Anhang belegt.
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1. Über Jaspers‘ „Bedingungen und Möglichkeiten eines neuen Humanismus“
a) Einordnung und Aufbau der Schrift
„Über Bedingungen und Möglichkeiten eines neuen Humanismus“ ist ein 1949 bei den „Rencontres Internationales“ in Genf gehaltener Vortrag von Karl Jaspers, der für die Druckfassung der 1962 erschienenen Reclam-Ausgabe noch einmal leicht überarbeitet wurde. Er steht dort zwischen Jaspers‘ Baseler Antrittsvorlesung von 1948 mit dem Titel „Philosophie und Wissenschaft“ und einem Vortrag von 1935 über „Das radikal Böse bei Kant“. Der Zusammenhang dieser Abhandlungen erschließt sich nicht unbedingt über die Titel, gleichwohl besteht eine inhaltliche Gemeinsamkeit: Sie verstehen sich als Wegweisung und Verdeutlichung einer Auffassung von Philosophie, in der diese als für jedermann gangbare und angebrachte Hilfe zur Lebensbewältigung begriffen wird. Philosophie wird nicht als „bloße[] Gedanken- und Wissenskonstruktion“ 1 gesehen, sondern als „Aufgabe eines jeden Menschen [...], sofern er in der Wahrheit leben will: dem Grunde seiner Freiheit, die jedes anderen Freiheit in sich schließt und die nur ist, wenn sie tätig bezeugt wird.“ 2 Jaspers hat insbesondere den titelstiftenden Vortrag - mit dem sich die vorliegende Arbeit ausschließlich befaßt - dazu genutzt, die Grundgedanken seines philosophischen Wirkens in kompakter Form zusammenzufassen. 3 Er folgt dabei dem Beispiel Jean Paul Sartres und Martin Heideggers, die zuvor ebenfalls in Abhandlungen über den Humanismus die Grundzüge ihrer Philosophie dargelegt hatten: Sartre verteidigte seinen Existentialismus in seinem 1945 in Paris gehaltenen Vortrag „L’existentialisme est un humanisme“ 4 gegen Angriffe insbesondere von christlicher und marxistischer Seite. Heidegger legte 1946 seine von Sartres Verständnis abweichende Auffassung in seinem Brief „Über den Humanismus“ 5 dar, in dem er für eine Ausrichtung der Existenzphilosophie auf die Frage nach dem Sein argumentiert und sich damit gegen einen anthropologisch zentrierten Existentialismus stellt. Die Gründe für diese auffallend häufige Thematisierung des Humanismus sind sicher in den Zeitumständen ihrer Entstehung zu sehen: Obwohl Jaspers in seinem Vortrag nicht explizit darauf eingeht, ist doch erkennbar, daß sein Denken wesentlich durch die wenige Jahre zurückliegende Erfahrung der Diktatur und des zweiten Weltkrieges geprägt ist. Nicht ohne Einfluß dürften im Entstehungsumfeld der Rede auch die Verabschiedung der UN-Menschen- rechtskonvention und die sich abzeichnende politische Spaltung Europas gewesen sein.
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Ob und wie weit sich Jaspers‘ vor diesem Hintergrund aufgestellte Forderung nach einem neuen Humanismus auf die heutige Zeit übertragen läßt, soll am Ende dieser Arbeit diskutiert werden. Zuvor steht jedoch im folgenden eine komprimierte Wiedergabe seiner Kernthesen sowie eine detaillierte Betrachtung des von ihm als Bedingung menschlicher Existenz thematisierten Spannungsfeldes zwischen Technik und Politik.
b) Kernthesen zum neuen Humanismus
Jaspers gliedert seinen Aufsatz selbst durch drei Fragen: „Was ist der Mensch überhaupt?“ 6 „Unter welchen faktischen Bedingungen steht das Menschsein heute?“ 7 Und schließlich: „Welchen Weg unseres Humanismus halten wir für möglich?“ 8
Die folgende Darstellung der Kernthesen seiner Schrift soll diese Fragen nicht chronologisch abarbeiten. Vielmehr sollen anhand dreier eigener Leitfragen die für die spätere Betrachtung wesentlichen Gedanken herausgearbeitet werden:
1. Was ist der ‘alte’ Humanismus? Worin unterscheidet er sich vom neuen Humanismus? 2. Warum ist ein neuer Humanismus notwendig? Was soll er überwinden? Welche Ziele soll er haben?
3. Wie kann und soll der neue Humanismus umgesetzt werden?
Was ist der ‘alte’ Humanismus? Worin unterscheidet er sich vom neuen Humanismus? Jaspers nennt zwei grundsätzliche Auffassungsmöglichkeiten des ‘alten’ Humanismus: Dieser kann zunächst in geistiger Nachfolge des antiken Humanismus, des ab dem 14. Jahrhundert erneuerten italienischen Humanismus und des deutschen Neuhumanismus der Goethezeit 9 als Bildungsideal gesehen werden. Diese Bezugnahme auf die griechisch-römische Antike sieht Jaspers mit der zweiten Sicht des Humanismus eng verwoben: dem „Willen zum eigentlichen Menschsein“ 10 , der die „Humanität als Anerkennung der Menschenwürde“ 11 zum Maßstab hat und damit eine Idee des Menschen anstelle eines Erziehungsideals ins Zentrum der Betrachtung stellt.
Jaspers‘ Kritik des ‘alten’ Humanismus richtet sich hauptsächlich auf die erste Sichtweise: Die einstige Ausrichtung des humanistischen Bildungsideals auf das Hervorbringen einer edlen, menschenfreundlichen Gesinnung sieht er durch das von Nietzsche thematisierte Abgleiten der klassischen Philologie in „bloße Wissenschaft“ 12 verschoben. Zwar würdigt er die humanistische Überlieferung als Nährboden großer Denker 13 und verteidigt ausdrücklich die Tradition humanistischer Gymnasien. 14 Zugleich kritisiert er jedoch den daraus
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erwachsenen Humanismus als elitär 15 und auf das Wissen von der Antike verengt. 16 Den von einem solchen Humanismus erhobenen Anspruch, „den Menschen allein durch den Geist zu führen“ 17 , sieht er als Irrweg, da dieser Anspruch die existentiellen Bedingungen des Menschseins ignoriert. 18 Die Überhöhung des Geistigen führt zu „bodenlose[m] Literatentum“, 19 zur reinen „Pflege von Vergangenem in einem sowohl irreal wie existenzlos werdenden Dasein“. 20 Dem gegenüber wird der geforderte neue Humanismus als „lebendig“, 21 „nüchtern“ 22 und „nicht mehr abseits“ 23 charakterisiert. Er ist nicht mehr rein auf Vergangenes bezogen, sondern auf die Zukunft und ihre Gestaltung durch gegenwärtiges Handeln ausgerichtet. Jaspers weist nicht explizit darauf hin, daß der ‘alte’ Humanismus die zeitnahen Geschehnisse in Auschwitz oder Hiroshima nicht verhindern konnte. Dennoch wird durch die dargestellte Kritik deutlich, daß er ihn gemessen an der Zielsetzung, den edlen Menschenfreund zu erziehen, für gescheitert hält.
Warum ist ein neuer Humanismus notwendig? Was soll er überwinden? Welche Ziele soll er haben?
Selbst wenn man Jaspers in der Einschätzung folgt, daß der ‘alte’ Humanismus gescheitert ist, bleibt die Frage, warum an seiner Stelle ein neuer Humanismus entstehen soll. Jaspers propagiert ihn als Gegengewicht zu „antihumanistischen Kräfte[n]“ 24 und reinem „Gehorsam gegen den Offenbarungsglauben“. 25 Die Notwendigkeit eines solchen Gegengewichts leitet er aus der „Sorge [...] um den gegenwärtigen Menschen“ 26 her: Er sieht durch zeitgeschichtliche Entwicklungen die Möglichkeit der „Selbstvergessenheit“ 27 einer in „Bodenlosigkeit“ 28 und „Massendasein“ 29 gefangenen Menschheit. Durch die Entfesselung von Macht und Gewalt 30 einerseits und den „Zerfall der geschichtlichen Erinnerung“ 31 andererseits erscheint der Mensch verloren, macht- und ratlos. Diese Tendenzen bedrohen nicht nur die Freiheit des Einzelnen, sondern erstmals in der Geschichte der Menschheit auch ihre Existenz als ganzes. 32
Jaspers fordert den neuen Humanismus als einzig realistischen Weg, mit den skizzierten Problemen umzugehen. Er bestreitet die Möglichkeit, sich ihnen - etwa durch Auswandernzu entziehen. 33 Weiterhin bewertet er den Glauben, durch die Zerstörung des Gegebenen eine Lösung erzwingen und kommendes Heil heraufbeschwören zu können, als „furchtbare Illusion“, 34 die lediglich der Rechtfertigung von Grausamkeiten dient, aber zur Lösung der komplexen Problemen durch das Fehlen eines konstruktiven Elements nichts beiträgt. Schließlich sieht er den alternativen Weg der Offenbarungsreligionen, dem im Chaos versinkenden Menschen zur Stütze eine Glaubensgewißheit vorzugeben, als zum Scheitern
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Christian Einsiedel, 2000, Jaspers neuer Humanismus - Der Mensch im Spannungsfeld zwischen Technik und Politik, München, GRIN Verlag GmbH
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