Einleitung
Der bilinguale Unterricht ist in der heutigen Zeit so populär wie noch nie. Immer mehr Schulen nutzen diesen „Bildungszweig“, um sich zu profilieren und sich von anderen Schulen abzugrenzen. Besonders die Fächer Erdkunde, Geschichte und Politik sind die „Vorreiter“ auf diesem Gebiet, jedoch gibt es mittlerweile immer mehr naturwissenschaftliche Sachfächer, die auf die Möglichkeit das Wissen in einer Fremdsprache zu vermitteln zurückgreifen. Allerdings existierten noch keine Richtlinien bzw. noch kein eindeutiges curriculares Konzept für diese Unterrichtsform. Die Empfehlungen der Bundesländer in dieser Thematik unterscheiden sich gravierend.
Die Arbeit widmet sich dem bilingualen Geschichtsunterricht. Hierbei wird besonders auf die Literatur von Manfred Wildhage „Praxis des bilingualen Unterrichts“ eingegangen. Zudem wird eine Studie der Bremer Universität zur allgemeinen Akzeptanz des bilingualen Unterrichts dargelegt. Auch wird auf didaktische Probleme, sowie kritische Punkte eingegangen.
1
„Geschichtsbewusstsein entwickelt sich aus der Pluralität
1. Rahmenbedingungen
Seit der Unterzeichnung des Kooperationsvertrages 1963 gehört das Fach Geschichte zu den „Leitfächern“ der bilingualen Sachfachunterrichte. Mit der Verbreitung deutsch-englischer Schulzweige hat sich dieser Status sogar verbessert. Das Fach Geschichte hat bundesweit einen Gesamtanteil von über 30% der bilingualen Sachfächer. Das ist vor allem auf drei wesentliche Faktoren zurückzuführen. So haben einige Bundesländer „curriculare Handreichungen“ (Wildhage, 77) herausgegeben, die entweder als Empfehlungen in den Rahmenrichtlinien oder als eigenständige Lehrpläne vorliegen. Zudem etablieren sich Verlagszweige bzw. Institutionen, die sich auf die Publikation von Unterrichtsmaterialien für den bilingualen Sachfachunterricht spezialisiert haben. Als drittes ist noch Zuwendung der geschichtlichen Fachdidaktik zu nennen. Die Fachdiskussion wurde jahrelang fast ausschließlich von
Fremdsprachendidaktikern geführt, doch das Interesse und die Akzeptanz unter den Historikern für diese Thematik wachsen und bilden somit einen Ansatzpunkt für die Erarbeitung eines autonomen curricularen Profils 1 .
Dennoch variieren die Umsetzungen dieses Unterrichts innerhalb Deutschlands stark. Es gibt nur zwei unwiderrufliche
Übereinstimmungen bei sämtlichen bilingualen Unterrichtsformen: zum einen die Verwendung einer Fremdsprache als Medium des Lernen und zum anderen die Hervorhebung des interkulturellen Lernens.
1 Auf diese drei Faktoren wird im Folgenden noch näher eingegangen.
2
Um die Bandbreite der diversen Ansätze zum bilingualen Geschichtsunterricht zu erfassen, werden im Folgenden einige Beispiele angeführt:
• Das Fach Geschichte wird in einigen Bundesländern erst ab Klasse 9, in anderen ab Klasse 7 unterrichtet.
• Das Bundesland Bremen hat eigens für den bilingualen Unterricht ein Fach für die Sekundarstufe I konzipiert, European Studies. Bei diesem sind geschichtliche Themen ein wesentlicher Bestandteil.
• In Niedersachsen können 2 alle Geschichtsthemen auch fremdsprachig unterrichtet werden.
• Bayern geht von einer Symbiose des mutter- und fremdsprachigen Unterrichts für das Sachfach Geschichte aus.
• Rheinland-Pfalz wiederum hat curriculare Vorgaben für den bilingualen Unterricht. Zwei Stunden des
Geschichtsunterrichts werden in der Fremdsprache und eine Stunde in der Muttersprache abgehalten; allerdings ist thematische Differenzierung für die beiden Unterrichtsformen vorgeschrieben. (Wildhage, 78)
2. Übergeordnete Zielsetzungen
Das Fach Geschichte hat den Anspruch das Geschichtsbewusstsein zu schärfen und die Identitätsbildung zu unterstützen. Das historische Lernen ist somit als ein kontinuierlicher Prozess anzusehen, der weit über das reine Faktenwissen hinausgeht. Der bilinguale Unterricht bietet hierbei, durch die Verwendung von authentischen und fremdsprachigen Materialien, diverse
Perspektiven, um reflektierte Einblicke in historische Ereignisse durch die Lernenden zu fördern. Das bedeutet, dass erst die eigene, deutsche Perspektive verstanden werden muss und sich
2 In Abhängigkeit des Organisationsmodells der Schule.
3
anschließend der englischen zu zuwenden. Dieser Vorgang, bei dem „ der ergänzende Blick von außen dabei helfen kann, die eigene Perspektive zu schärfen [und] die Eigenart des eigenen Kulturkreises deutlicher hervortreten zu lassen“, wird von Albert Otto als „komparatistisches Prinzip“ bezeichnet. (Wildhage, 80) Dies möchte ich an einer persönlichen Erfahrung verdeutlichen: Während meines Auslandsaufenthaltes in Port Elizabeth, Südafrika, belegte ich ein Seminar über den Kalten Krieg. Die Seminarsprache war Englisch. Nicht nur die Sprachreflexion, auf die im Folgenden noch näher eingegangen wird, nützte mir, um die Thematik tief greifender zu analysieren. Sondern vor allem die Tatsache, dass ich die geschichtliche Periode aus südafrikanischer Sicht bzw. aus Sichtweise des afrikanischen Kontinents lernte und es mir somit möglich war, eine multiperspektivische Sicht der Thematik 3 zu erhalten.
2.1 Sprachreflexion
Im bilingualen Geschichtsunterricht dient die (Fremd-)Sprache als zentrales „Erkenntnis- und Vermittlungsmedium“ (Wildhage, 80) und besonders die kulturspezifische Konnotation spielt eine gravierende Rolle. Durch die Auseinandersetzung mit historischen
Begrifflichkeiten in der Mutter- und Fremdsprache wird den SchülerInnen ein kritischer Zugang zu einer Thematik ermöglicht.
Um dies zu verdeutlichen, werden im Folgenden einige Beispiele genannt:
• Christliches Abendland Western Civilization Die deutsche Terminologie dieses Begriffes bezieht sich konkret auf die soziokulturellen bzw. spirituell-kulturellen Wurzeln, wobei der Gegensatz zu dem Morgenland (Orient) durch den Begriff Abendland (Okzident) noch betont wird. Die englische Terminologie wiederum bezieht sich nicht nur auf die konkrete Geographie, „Western“,
3 Vor allem, da ich diese Thematik während eines Auslandsaufenthaltes in den USA auch aus amerikanischer Sichtweise kennen lernen durfte
4
sondern betont durch den Begriff „Civilization“ eine gewisse Dominanz bzw. Überlegenheit.
• Völkerwanderung Barbarian Invasion Bei der englischen Terminologie „schwingt“ eine negative Konnotation mit, denn sowohl „Barbarian“ als auch „Invasion“ besitzen eine negative Nebenbedeutung.
• Mauer Wall
Gerade als Deutsche/r hat man mit dem Begriff „Mauer“ eine spezifische Assoziation der Mauer, die Deutschland trennte bzw. die Mauer, die am
9. November 1989 fiel. Übersetzt man den Terminus einfach ins Englische, gibt es viele Möglichkeiten, worauf dieser Begriff anspielen kann. Während meiner Hospitierung in einem bilingualen Geschichtsunterricht, stellte die Lehrerin folgende Frage: „What kind of walls do you know?“ Die SchülerInnen nannten „Berlin Wall, Wailing Wall, Irish Wall, Great Wall, usw.“ Dies verdeutlicht, dass dieser simple Begriff je nach nationalen und kulturellen Hintergrund eine individuelle Bedeutung hat.
Es geht also nicht um die bloße Übersetzung der Wörter, sondern um die kulturspezifische Begrifflichkeit, d.h. um den Kontext eines Begriffes. Diese Fähigkeit ist elementar für das
Geschichtsverständnis. Auch ist die Übersetzung von der deutschen in die englische Sprache förderlich für das geschichtliche Verständnis; es verlangt allerdings eine eingehende
Auseinandersetzung mit dem Kontext. Die Auseinandersetzung mit einem Begriff, und somit mit dem Kontext, ermöglicht den Lernenden die Funktion, Wirkung und Manipulationsfähigkeit von Sprache zu verstehen (z.B. Kristallnacht / Reichspogromnacht Night of (the) Broken Glass, Völkerwanderung Barbarian Invasion).
5
Arbeit zitieren:
Claudia Oldiges, 2005, Bilingualer Geschichtsunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Bilingualer Unterricht in Deutschland
Englisch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hauptseminararbeit, 14 Seiten
Bilingualer Sachfachunterricht als Inhalts- und Sprachlernen
Englisch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit, 16 Seiten
Seele und Psyche: Erstspracherwerb - Zweitspracherwerb
Hauptseminararbeit, 20 Seiten
Objektive Hermeneutik mit besonderer Beachtung der Sequenzanalyse
Soziologie - Methodologie und Methoden
Hauptseminararbeit, 24 Seiten
Umwelterziehung in der Grundschule
Sachunterricht, Heimatkunde (Grundschulpädagogik)
Seminararbeit, 25 Seiten
Mit Task-based Language Learning (TBL) zu mehr Mündlichkeit im Fremdsp...
Romanistik - Französisch - Didaktik
Hauptseminararbeit, 26 Seiten
Prinzipien, Theorien, Formen und Wirkungen Kooperativen Lernens
Psychologie - Lernpsychologie, Intelligenzforschung
Seminararbeit, 13 Seiten
Bilingualer Unterricht - Konzept und Einschätzungen der Konzeptumsetzu...
Praktikumsbericht / -arbeit, 67 Seiten
Die Bedeutung der stereotypisierenden Indianerdarstellung und deren Mo...
Magisterarbeit, 150 Seiten
Das Böse in Mary Shelleys Roman "Frankenstein" oder der Glau...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hauptseminararbeit, 29 Seiten
Johann Wolfgang Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ im Unterricht ...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Unterrichtsentwurf, 18 Seiten
Gewalt an Schulen und mögliche Präventionen
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Hauptseminararbeit, 16 Seiten
Claudia Oldiges's Text Bilingualer Geschichtsunterricht ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Claudia Oldiges hat den Text Bilingualer Geschichtsunterricht veröffentlicht
Claudia Oldiges hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare