Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 1
1 Einleitung 2
2 Hauptteil 4
2.1 Pierre Bourdieu: „Die feinen Unterschiede“ 4
2.1.1 Werdegang 4
2.1.2 methodische Vorgehensweise 4
2.1.3 theoretischer Hintergrund 5
2.1.4 Die Lebensstile 9
2.1.4.1 Der „Sinn für Distinktion“ 9
2.1.4.2 „Bildungsbeflissenheit“ 11
2.1.4.3 Der „Geschmack des Notwendigen“ 12
2.2 Gerhard Schulze: „Die Erlebnisgesellschaft“ 13
2.2.2 Werdegang 13
2.2.2 methodische Vorgehensweise 14
2.2.3 theoretischer Hintergrund 14
2.2.4 Der Lebensstilansatz 15
2.2.4.1 alltagsästhetische Schemata 15
2.2.4.2 Milieus 16
2.3 Vergleich der Ansätze 21
2.3.1 Vergleich der theoretischen Gerüste 21
2.3.2 Vergleich der Lebensstile 22
2.3.3 Vergleich der Erhebungsfelder 23
3 Resümee 25
Anhang 27
A. Literaturverzeichnis 27
B. Tabellen 28
B 1 tabellarische Übersicht der Klassen nach P. Bourdieu 28
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1 Einleitung
Die Lebensstilforschung 1 scheint in letzter Zeit zu einer der bekanntesten und rege diskutiertesten Forschungsrichtungen der Soziologie geworden zu sein. Neben der Marktforschung, welche die Lebensweise der Einzelnen relativ genau erforscht um ihre Produkte „an den Mann“ zu bringen, gibt es seit den 1980er Jahren eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien, die sich im Rahmen von Lebensstilanalysen mit dem sozialen und kulturellen Wandel der Gesellschaft beschäftigen. Dabei fallen die Diagnosen und Beschreibungen der Gesellschaft im Lauf der Zeit höchst unterschiedlich aus: Bis in die 1970er Jahre wurden die Lebensstile fast ausschließlich in einem Zusammenhang von sozioökonomischen Lagebedingungen und subjektiven Lebensweisen betrachtet. Seit den 1980er Jahren änderte sich dies: „Zur Bestimmung der sozialen Differenzierungen wurden nun vermehrt soziokulturelle Bedingungen in Betracht gezogen.“ (Risel: 5) Es wird argumentiert, dass aufgrund von veränderten Lebensbedingungen die individuellen Lebensweisen von sozioökonomischen Lagebedingungen entkoppelt worden sind. Zwei Schlagwörter, die dabei immer wieder Verwendung finden heißen „Individualisierung“ und „Entstrukturierung“. Damit soll, wie der Name es schon sagt, etwas zugespitzt formuliert, der angebliche Wandel der heutigen Gesellschaft hin zu einem Mix aus jeweils individuellen, voneinander unabhängigen Personen beschrieben werden, in der jeder „sein eigenes Süppchen kocht“. Manche Autoren zeichnen ein Bild der Gesellschaft, in der, so scheint es, sich gemeinsame Lebensstile sich völlig aufgelöst haben, das also ganz im Gegensatz zu den früheren Werken steht. (Risel 2005: 5-23, Wahl 1997: 15-31)
Doch trifft dies alles zu? Um dies zu untersuchen möchte ich eine aktuellere Studie, in diesem Fall Gerhard Schulzes „Erlebnisgesellschaft“, mit einem etwas älteren Werk, einem „fast schon“ Klassiker der Lebensstilanalyse, nämlich Pierre Bourdieu’s „feine Unterschieden“, vergleichen. Dabei stellt sich die Frage, wie die Beschreibungen der Lebensstile differieren, ob sich die Lebensweise überhaupt geändert hat, inwieweit Unterschiede festzustellen sind, welche Gemeinsamkeiten es gibt.
1 Zunächst soll in diesem Kontext eine kurze Definition des Begriffs Lebensstil vorangestellt werden. Schäfers definiert Lebensstil zunächst als den „Gesamtzusammenhang des Verhaltens, das ein einzelner regelmäßig praktiziert.“ (Schäfers: 181) Die Lebensstiltheorien suchen also nach gemeinsamen, gruppenspezifischen Merkmalen in der Lebensweise der Individuen.
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Um diese Fragen beantworten zu können erscheint es sinnvoll zuerst die beiden Autoren vorstellen und zum besseren Verständnis ihre den Studien zugrunde liegenden Theorien kurz anzureißen. Damit sind die Grundlagen für eine anschließende Betrachtung der Lebensstilanalysen gegeben. Nach dieser Betrachtung sollen die Studien miteinander verglichen werden, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet werden, um die eigentlichen Forschungsfragen, wie sie bereits aufgezeigt wurden, zu beantworten. Diesem Teil soll sich noch ein abschließendes Resümee anschließen um die Arbeit abzurunden
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2 Hauptteil
2.1 Pierre Bourdieu: „Die feinen Unterschiede“
2.1.1 Werdegang
Pierre Bourdieu erblickte am 1. August 1930 im kleinen französischen Ort Denguin (Department Pyrénées-Atlantique) das Licht der Welt. Aus einfachen Verhältnissen stammend (Vater Landwirt bzw. später Postangestellter, Mutter Hausfrau) absolvierte er dennoch das Studium in Paris, dass er mit der Agrégation 1954 abschloss. Mit Studien zu der sich wandelnden Gesellschaft Algeriens trat er erstmals in den späten fünfziger Jahren wissenschaftlich in Erscheinung. In den Sechzigerjahren widmete er sich wieder Frankreich zu und untersucht die Rolle des französischen Bildungssystem bei der Reproduktion gesellschaftlicher Verhältnisse (bspw. „Homo academicus“). Nicht ohne Erwähnung bleiben sollen auch seine Studien zur Kunst und Kunstrezeption. Seit den 70ern stehen „kultursoziologische und klas-sentheoretische Fragestellungen“ (Schwingel 2000: 13), im Mittelpunkt seiner Untersuchungen (bspw. „Die Illusion der Chancengleichheit“, „Die Intellektuellen und die Macht“, „Die verborgenen Mechanismen der Macht“, „Das Elend der Welt“) . 1979 erscheint sein bekanntes Werk „La distinction. Critique sociale du judgement“ (dt.: „Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft“), welches dieser Arbeit mit als Grundlage dienen soll. Vor allem sein sozialpolitisches Engagement, zu dem er sich in der Rolle des Intellektuellen verpflichtet sah, machte ihn über die Grenzen der wissenschaftlichen Kreise hinaus bekannt; man denke nur an die Solidarisierung mit streikenden Bahnarbeitern 1995. Bourdieu verstarb im Januar 2002 in Paris. (Schwingel 2000: 12-21,
http://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Bourdieu)
2.1.2 methodische Vorgehensweise
Obwohl Bourdieus Monographie im Jahre 1979 erstmals veröffentlicht wurde fanden die Erhebungen bereits in den Jahren 1963 bzw. eine Nacherhebung 1967/68 statt. Insgesamt 1217 Personen aus Paris, Lille und einer französischen Kleinstadt wurden befragt, über die Hälfte davon allein aus Paris. Zur Auswertung der Daten wurden Klassen bzw. Klassenfraktionen gebildet. Die Fragebögen wurden durch einen Beobachtungsplan ergänzt, auch Beobachtungen und Befragungen im Feld wie auch Sekundärstatistiken flossen in die Studie mit
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ein. Die meisten Daten wurden mit Hilfe des Verfahrens der Korrespondenzanalyse ausgewertet. (Bourdieu 1987: 784 ff.)
2.1.3 theoretischer Hintergrund
In seinem Werk „Die feinen Unterschiede“ setzt sich Bourdieu mit den in „Abhängigkeit von sozioökonomischen Lagebedingungen strukturierten soziokulturellen Verhältnissen aus-einander“ (Wahl 1997: 37). Es soll also veranschaulicht werden, wie aus klassenspezifischen Unterschieden differenzierte Lebensstile hervorgehen, wie sich strukturelle Unterschiede in die Praxis übertragen. Um diese Vorgänge besser verstehen zu können erscheint es sinnvoll die wichtigsten Teile der Theorie Bourdieus, insbesondere seine Kapital- und Klassentheorie sowie die Funktion des „Habitus“ in gebotener Kürze näher zu erläutern.
Ziel der Bourdieuschen Theorie ist es zunächst, die „Konstitution und Reproduktion sozialen Lebens“ (Müller: 163) zu verstehen. Dabei geht er grundlegend von der Formel Struktur-Habitus-Praxis aus. Eine Struktur (eine Klasse) prägt, vereinfacht gesagt, bei den Individuen bestimmte Dispositionen, bestimmte Sichtweisen auf die Dinge der Welt, aus, die zu bestimmten „praktischen Handlungen und einer strategischen Praxis“ (Müller: 163), einer bestimmten Lebensweise, führen. (Müller: 163 ff.)
Die Gesellschaft strukturiert sich für Bourdieu im wesentlichem nach Art und Umfang des Kapitalbesitzes. Unter Kapital versteht er, ähnlich wie Marx, akkumulierte Arbeit (Bourdieu
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1987: 183). Doch Bourdieu geht von einem erweiterten Kapitalbegriff aus. Neben dem bekannten Begriff des ökonomischen Kapitals 2 wird dieser im wesentlichem um das soziale 3 und kulturelle 4 Kapital ergänzt. Entsprechend dem ökonomischen Kapital stellen auch die anderen Kapitalarten gesellschaftliche Ressourcen dar, die es erlauben, begehrte Güter und Symboliken anzueignen. Dies geschieht im Rahmen des Tausches. Den institutionellen Rahmen dieser Tauschbeziehungen bilden die sozialen Felder. „Auf diesen sozialen Feldern, die Bereiche des sozialen Lebens wie zum Beispiel Bildung, Wissenschaft, Sport, Kunst, Nahrungsmittelkonsum abgrenzen, ringen die Individuen als Konkurrenten unter Einsatz der für dieses Feld relevanten Kapitalsorte um die Aneignung begehrter Ressourcen und Güter.“ (Wahl 1997: 38) Die Individuen treten auf einer Vielzahl verschiedenster, nebeneinander existierender Felder als Akteure auf. In diesen Feldern kämpfen die Akteure, unter Einhaltung bestimmter Regeln, um knappe, begehrte Ressourcen. Das jeweilige Kapital dient dabei als Einsatz. (Bourdieu 1987: 355 ff.) Dazu kurz ein Beispiel: Greifen wir kurz das Feld des Nahrungsmittelkonsums auf: Unter Einsatz von, in diesem Fall ökonomischen Kapital in Form von Geld, kann der Akteur ein bestimmtes Gut, sagen wir 1 kg Äpfel, erwerben. Dabei steht er in Konkurrenz zu anderen Akteuren, die ebenfalls Äpfel kaufen wollen. Denn die Anzahl der Äpfel ist begrenzt und somit bestimmt sich der Kapitaleinsatz danach. Mit dem anschließenden Verzehr der Äpfel hat er für sich eine „Gewinn“ erreicht, in diesem Fall die Befriedigung des lebensnotwendigen Bedürfnisses nach Ernährung oder den geschmacklichen Genuss. Nur wenn der Händler dagegen sein soziales Kapital, sein Ansehen erhöhen möchte verschenkt er vielleicht diesen Apfel. Gerade das letztgenannte Beispiel soll zeigen das es neben materiellen Gewinn auch um symbolischen Gewinn gehen kann, doch sind alle Handlungen auf die Maximierung eines Gewinns ausgerichtet.
2 Unter ökonomischen Kapital versteht Bourdieu Formen materiellen Rechtums wie Besitz, Einkommen oder Vermögen. Es ist in eigentumsrechten instutionalisiert. Es ist leicht in Geld konvertierbar und nur von einem geringen Schwundrisiko (z. B. Inflation, Krieg)bedroht. Es ist somit die grundlegendste Kapitalsorte, es bietet die Basis für den Zugang zur den anderen Kapitalarten (Bourdieu 1983: 185, Wahl 1997: 38)
3 Unter sozialem Kapital werden zwischenmenschliche Beziehungen verstanden. Um irgendwann eine Gegenleistung erwarten zu können müsse diese in langwieriger Arbeit ständig gepflegt werden. Selbst dann ist es relativ unsicher, ob eine Gegenleistung erwartet werden kann. (Bourdieu 1983: 190 ff.)
4 Das kulturelle Kapital tritt in mehreren Formen auf. Es kann zunächst inkorporiert und damit verinnerlicht sein. Dieses inkorporierte Kulturkapital wird im Prozess der Sozialisation erworben und wird zu einem festen Bestandteil der Persönlichkeit. Es drückt sich beispielsweise in dem Geschmack aus. In objektivierter Form ist es in Gütern wie Gemälden, Musik oder Büchern enthalten. In institutionalisierter Form ist es in Bildung inbegriffen. Gerade die letzte Form unterliegt dabei starken Verfallserscheinungen. Durch die Bildungsexpansion sind die Bildungsabschlüsse im allgemeinen „weniger Wert“, da sie mehrere Personen haben und damit ihre Exklusivität verfällt. (Bourdieu 1983: 185ff.)
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Ein weiterer Schritt wird mit dem Modell des sozialen Raumes und der sozialen Klassen vollzogen. Dies kann man als Versuch werten, „die Pluralität der relativ autonomen Felder in ein analytisch umfassenderes Modell zu integrieren.“ (Schwingel 2000: 101) Das Modell „bietet einen umfassenden Blick auf die soziale Welt einer modernen Klassengesellschaft, gleichsam eine Zusammenschau der mit der Feldtheorie analysierten verschieden Felder“ (Schwingel 2000: 101). Auch hier sind die oben erwähnten Kapitalsorten grundlegend, entscheidet doch das Volumen und die Zusammensetzung der Kapitalarten sowie die Laufbahn über die Lage und Stellung 5 im sozialen Raum. Anhand der drei genannten Merkmale bestimmt sich die Position der einzelnen Individuen im sozialen Raum. Um dies empirisch fassbar zu machen kann man sich eine Graphik vorstellen. (Schwingel 2000: 106 f.) In einem Diagramm kann der soziale Raum, leider unter Verlust der dritten Dimension, veranschaulicht werden, auf der y-Achse ist das Kapitalvolumen abgebildet, auf der x-Achse die Kapitalsorte. (vgl. Bourdieu 1987: 212) Anhand der jeweiligen Ausprägungen bestimmt sich die jeweilige, individuelle Position. Aufgrund ähnlicher Positionen mehrerer Individuen können Gruppen und letztlich Klassen herausgebildet werden. Bourdieu teilt die Gesellschaft dabei in insgesamt drei Klassen, eine Ober-, Mittel- und Unterklasse auf. Diese Klassen werden, mit Ausnahme der unteren Klasse, weiter in Untergruppierungen abgestuft. Allen Klassen ist ein bestimmter Lebensstil gemeinsam. So befinden sich im Diagramm beispielsweise oben links die Hochschullehrer, welche typischerweise über viel kulturelles Kapital verfügen, in der Praxis beispielsweise gerne klassische Musik hören oder oft Theaterstücke besuchen, oben rechts dagegen das Besitzbürgertum, das reichlich ökonomisches Kapital besitzt und dies in der Praxis auch zur Schau stelle. Beide Gruppen gehören zur herrschenden Klasse, die sich durch den „Sinn für Distinktion“, die Abgrenzung zu anderen Klassen, auszeichnet. Für die Klasse des Kleinbürgertums dagegen ist das Streben nach Bildungsbeflissenheit typisch ist und die untere Klasse wird durch den „Geschmack des Notwendigen“, durch den Mangel, bestimmt. (Bourdieu 1987: 405 ff.)
Die Vermittlungsfunktion zwischen den gegebenen sozialen Strukturen und der Praxis übernimmt der Habitus. Unter Habitus versteht Bourdieu ein „System von Dispositionen, die als Denk-, Wahrnehmungs- und Beurteilungsschemata im Alltagsleben fungieren und deren
5 Unter dem Lageaspekt wird die Stellung auf dem Güter- und Arbeitsmarkt wiedergegeben. Der Stellungsaspekt dagegen „ist sozialer natur und nimmt Bezug aus ‚inkorporierte Möglichkeitsräume’, durch die die Stellung in der sozialen Hierarchie von Ehre und Prestige bestimmt wird.“ (Risel 2005: 30) Somit wird die sozioökonomische und die soziokulturelle Position berücksichtigt.
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Arbeit zitieren:
Markus Häberle, 2006, Lebensstilanalysen im Vergleich: Bourdieus feine Unterschiede und Schulzes Erlebnisgesellschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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