ES GEHT UM LEBEN UND TOD ODER SOGAR NOCH UM MEHR
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ZUM VAMPIRISMUS IN TEXTEN VON BRAM STOKER ANNE RICE UND ELFRIEDE JELINEK
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Zur Genese des Vampirglaubens 6
3. Die Geschichte der Vampire in der Literatur des 19 Jahrhunderts 12
4. Bram Stoker - Dracula 17
4.1 Bram Stoker - Der Vater Draculas 18
4.2 Dracula im literaturhistorischen Kontext 19
4.3 Der Roman Dracula 21
4.3.1 Die Darstellung der Vampirfiguren 23
4.3.1.1 Vlad Tepes der historische Dracula 28
4.3.2 Die Vernichtung Draculas eine Sache der modernen Wissenschaft 31
4.3.2.1 Van Helsing Draculas Gegenspieler 35
4.3.3 Christliche Symbolik in Dracula und die Bedeutung des Blutes 37
4.3.4 Verdrängte Sexualität und die Stellung der Frau 43
4.3.5 Resümee zu Dracula 52
5. Vom Buch zum Film - Der Vampir erobert die Leinwand 53
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ES GEHT UM LEBEN UND TOD ODER SOGAR NOCH UM MEHR
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ZUM VAMPIRISMUS IN TEXTEN VON BRAM STOKER ANNE RICE UND ELFRIEDE JELINEK
6. Anne Rice Interview with the Vampire 56
6.1 Anne Rice und die Chronik der Vampire 56
6.2 Der Roman Interview with the Vampire 58
6.2.1 Anne Rices Vampire im 20 Jahrhundert 62
6.2.2 Die Darstellung der Menschen im Roman 71
6.2.3 Vampire und Gott in Interview with the Vampire 73
6.2.4 Glorifizierung des Westens 76
6.2.5 Resümee zu Interview with the Vampire 79
7. Elfriede Jelinek Krankheit oder Moderne Frauen 80
7.1 Die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek 81
7.2 Das Theaterstück Krankheit oder Moderne Frauen 83
7.2.1 Der Vampirismus in Krankheit oder Moderne Frauen 85
7.2.2 Resümee zu Krankheit oder Moderne Frauen 89
8. Schlussbemerkung 89
9. Literaturverzeichnis 93
9.1 Primärliteratur 93
9.2 Sekundärliteratur 93
9.2.1 Nachschlagewerke 95
9.2.2 Internet 96
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1. Einleitung
Sie sind alt wie die Welt, diese Geschichten von Vampiren,
die sich auf einen legen und einem das Blut aussaugen! Man glaubt natürlich nicht mehr daran. Ich auch nicht.
Trotzdem werde ich von nun an sorgfältig die Fenster und Türen verschließen und Papier auf die Scheiben kleben...
1 Michel de Ghelderode
Seit wann genau der Mythos von den Vampiren existiert, kann heute nicht mehr genau festgestellt werden. So soll man sich schon in China um 600 v. Chr. Geschichten von Vampiren erzählt haben, und auch aus Indien sind Erzählungen überliefert, die von Aben- teuern König Vikrams mit einem Vampir berichten. 2 Susanne Pütz weist darauf hin, dass die Gestalt des Wiedergängers bereits immer wieder in der antiken Dichtung aufgetaucht ist. Sowohl im Gilgamesch-Epos (18. Jh. v. Chr.), in Homers Odyssee (18. Jh. v. Chr.), in den Metamorphosen von Apuleius (wohl nach 175 n. Chr.) als auch in den Fasti des Ovid (ca. 8 n. Chr.) finden sich Vampirsymboliken wieder. 3 Auch wenn die Literatur im 18. Jahrhundert die Figur des Revenants erst zögerlich aufge- nommen hat, so begegnet uns heute das Wesen des Vampirs überall, egal ob in der Litera- tur oder im Film. Der Vampir ist allgegenwärtig, und doch hat jeder unterschiedliche, spe- zifische Merkmale und Eigenarten im Kopf, wenn er an die Figur des Wiedergängers denkt. Das liegt vor allem daran, dass der Revenant im Laufe der Geschichte immer wieder mit den verschiedensten Erkennungszeichen belegt worden ist und es eine allgemeine Be- schreibung nicht gibt.
Die Gesellschaft nimmt den Urglauben des Wiedergängers als selbstverständlich hin ohne nachzufragen: Was sind Vampire und wo kommen sie her? Warum nehmen sie einen so großen Platz in der weltweiten Literatur oder im Medium Film ein? Ich werde versuchen, diese Fragen in der folgenden Arbeit aufzudecken und dem Mythos Vampir einen Ursprung zu geben. Dabei werde ich zuerst auf die Grundlagen des Vampir- glaubens eingehen und später seinen Einzug in die Literatur aufzeigen. Im weiteren Ver- lauf dieser Arbeit werde ich des weiteren einen kurzen Überblick über die Anfänge des Vampirfilms geben. Leider wird es jedoch nicht möglich sein, auch nur annähernd alle 1 Dieter Sturm u. Klaus Völker (Hg.): Von denen Vampiren oder Menschensaugern. Dichtungen und Doku- mente. o. O.: Suhrkamp 1994 (= Phantastische Bibliothek 306), S. 5.
2 Vgl. Norbert Borrmann: Vampirismus oder die Sehnsucht nach Unsterblichkeit. 5. Auflage. Kreuzlin- gen/München: Hugendubel 1998, S. 60.
3 Vgl. Susanne Pütz: Vampire und ihre Opfer. Der Blutsauger als literarische Figur. Bielefeld: Aisthesis Ver- lag 1992, S. 23.
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literarischen Publikationen sowie Filmproduktionen zu nennen, da dies den Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde. Vielmehr möchte ich mich auf die wichtigsten Veröffentli- chungen beschränken, die dazu beigetragen haben, dem Vampir diesen präsenten Status zu ermöglichen.
Herausstellen möchte ich in dieser Arbeit vor allem zwei Autoren, die mit ihren Werken sehr dazu beigetragen haben, den Revenant nachhaltig ins Bewusstsein der Menschen zu heben: Dabei handelt es sich zum einen um Bram Stoker, der mit Dracula ohne Zweifel den berühmtesten Vampirroman geschrieben hat. Der Roman von Stoker ist 1897 zum ersten Mal veröffentlicht worden. Seitdem hat sich die Figur des blutsaugenden Grafen, des „Fürst[en] der Vampire“ 4 , in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Dazu beigetragen haben vor allem zwei Medien: das Buch und später auch der Film. In der Literatur ist eine Vielzahl an wissenschaftliche Studien erschienen sowie verschiedene Dokumentationen, Parodien und Erzählungen. Auch das neuere Medium Film hat sich des untoten Blutsau- gers angenommen und den Roman mehrere hundert Male verfilmt. 5 Daher schließe ich mich Rainer Köppl an, wenn er sagt: „Heute [...] ist Dracula untot wie eh und je: erfolg- reich im Kino, im Fernsehen, auf der Bühne und als Forschungsobjekt.“ 6 In dieser Arbeit möchte ich versuchen aufzuzeigen, wie Stoker in seinem Roman Dracula den Mythos um den Vampirismus verarbeitet und welche neuen Elemente der irische Au- tor eingebracht hat. Hierbei wird vor allem zu beachten sein, inwieweit sich die damaligen gesellschaftlichen und religiösen Einflüsse niedergeschlagen haben.
Die zweite Autorin, die ich in dieser Arbeit herausstellen möchte, ist die amerikani- sche Schriftstellerin Anne Rice mit ihrem ersten vampirischen Roman Interview with the Vampire. 7 Dieser ist 1976 erschienen und gehört mit Stokers Dracula zu den bedeutensten Romanen der Vampirliteratur. Dies liegt vor allem an zwei Begebenheiten: Zum einen lässt Rice ihre Vampire in einem völlig neuen Licht erscheinen, so dass die Revenants nur wenig mit dem Urvampir Dracula gemeinsam haben. Der zweite Grund ist, dass die Auto- rin ihren Vampiren eine eigene Welt gegeben hat. So ist Interview with the Vampire nur der erste Roman einer Vampirchronik, die mittlerweile zehn Bände umfasst. 4 Rainer M. Köppl: Mit besten Empfehlungen. In: Maske und Kothurn. Internationale Beiträge zur Theater- wissenschaft 41 (1998) H. 1-2. S, 9.
5 Vgl. Karsten Prüßmann: Die Dracula-Filme. Von Wilhelm Murnau bis Francis Ford Coppola. Hg. v. Bern- hard Matt. München: Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG 1993, S. 7.
6 Köppl: Mit besten Empfehlungen, S. 11.
7 Interview with the Vampire ist in Deutschland unter den Titeln Schule der Vampire; Gespräch mit dem Vampir; Interview mit einem Vampir erschienen.
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Ich möchte bei der Analyse des Romans vor allem die neuen Kennzeichen der modernen amerikanischen Vampire aufzeigen und untersuchen inwieweit diese dazu beigetragen ha- ben, den Vampir omnipräsent werden zu lassen.
Als drittes Beispiel für den Umgang mit Vampirismus in der Literatur soll Elfriede Jelineks Schauspiel Krankheit oder Moderne Frauen von 1987 kurz Erwähnung finden. Sie steht stellvertretend für die deutschsprachige Vampirliteratur, die im Vergleich zu den englischsprachigen Erzeugnissen quantitativ nur wenig zu dem Thema zu bieten hat. Da es sich bei diesem Stück aber nicht um eine Vampirgeschichte im eigentlichen Sinn handelt, sondern vielmehr der Aspekt der Emanzipationsbemühungen im Vordergrund steht, soll das Drama der Nobelpreisträgerin nur kurz besprochen werden. Hierbei werde ich versu- chen darzulegen, inwieweit Jelinek den Vampirismus als Metapher für die Unterdrückung der Frau benutzt.
Ziel der Arbeit ist es zu zeigen, dass die Figur des Vampirs, der seinen ursprünglichen Platz in der menschlichen Phantasie hatte, durch die literarische Bearbeitung auch in der heutigen Zeit nicht an Interesse verloren hat.
2. Zur Genese des Vampirglaubens
Der Begriff ‚Vampir’ ist den Menschen heutzutage allseits bekannt. Sie verstehen darunter Wesen von Verstorbenen, die in der Nacht ihre Gräber verlassen, um sich vom Blut der Lebenden zu ernähren. Tagsüber schlafen sie in ihren Gräbern und können des weiteren in verschiedenen Formen in Erscheinung treten. 8 Diese heutigen Vorstellungen von einem Vampir beruhen vor allem auf den fiktiven Darstellungsformen der Wiedergänger in Lite- ratur und im Film. Doch der Ursprung des Vampirglaubens ist nicht in der Literatur zu finden, sondern vielmehr in Mythen und Sagen. Die Literaten haben das Thema erst später aufgegriffen und für ihre Gruselerzählungen verwendet.
Der Glauben an blutsaugende Wiedergänger stammt ursprünglich aus Südosteuropa, wo die Toten nicht verbrannt, sondern in der Regel begraben worden sind. Solange der Leich- nam unversehrt im Grab liegt, so der Mythos, kann die Seele jederzeit in ihn zurückkehren. Ist jemand dem Toten vor seinem Ableben etwas schuldig geblieben, so sagte man, dass 8 Vgl. Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 14.
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der Tote diesem Menschen in der Nacht auflauert und Krankheit und Tod mit sich bringt. 9 Dieser Umstand verbreitet solange bei den Menschen Furcht vor Wiedergängern, bis der tote Körper im normalen Verwesungsprozess zerfallen ist. Sollte jedoch der Umstand ein- treten, dass der Leichnam nicht verwest, so bleibt der Tote für ewig ein Gespenst. 10 Ferner entwickelt sich die Sage dahin, dass der Wiedergänger dem Menschen unmerklich das Blut aussaugt, während sein Opfer langsam stirbt. Diese Überlegung beruht vor allem darauf, dass die Menschen der kannibalischen Urzeit warmes Menschenblut getrunken haben, um die eigene Lebenskraft zu verlängern. 11 Die Wiedergänger in den Sagen sollen es ihnen dem Glauben nach gleichtun, um sich so vom Lebenssaft und gleichzeitig auch an der Le- benszeit der Menschen zu ernähren.
Aufgrund von regionalen, aber auch weltweiten Überlieferungen hat der Vampir in der Geschichte viele Namen. Allein in Griechenland hat er eine Vielzahl von Bezeichnun- gen. Dort nennt man ihn unter anderem vrykolakes, barabralakos oder bourdoulakos. 12 Im Russischen heißt er upiry, im Polnischen upiroy, in China wird er als giang shi bezeichnet und im Deutschen ist er unter den Namen Blutsauger oder Untoter bekannt. 13 Eine eindeutige etymologische Herkunft sowie genaue Bedeutung des slawischen Wortes „Vampir“ gibt es jedoch nicht. 14 So wird angenommen, dass der Begriff einen makedoni- schen Ursprung hat und nicht, wie bisher vermutet, aus dem Serbischen stammt. 15 Dem- nach, erklärt Borrmann, „wäre [er] aus dem Wort opyr – »fliegendes Wesen« – hervorge- gangen. Dieser opyr ist dann in die slawischen Sprachen als vampir, vapir oder upiry ein- gewandert.“ 16 Dennoch gibt es keine einheitliche Meinung über die Etymologie des Wortes ‚Vampir’. So weist Völker in seinem historischen Bericht von 1968 darauf hin, dass es auch einen türkischen, aber auch einen polnischen Ursprung haben könnte. 17 Genau klären lässt sich die Herkunft des Begriffs ‚Vampir’ demnach wohl nie.
9 Vgl. Stefan Hock: Die Vampyrsagen und ihre Verwendung in der deutschen Literatur. In: Forschung zur neueren Literaturgeschichte. Hg. v. Franz Muncker. Hildesheim: Gerstenberg Verlag 1977 (= Band XVII), S. 2.
Stefan Hocks Dissertation lieferte 1900 der Literatur einen ersten Überblick über die Entsehung des Vam- pirmotivs in den Sagen und Mythen bis hinein in die deutsche und internationale Literatur. Bis heute wird in der Forschungsliteratur aus Hocks Werk zitiert und soll daher auch in dieser Arbeit verwendet werden. 10 Vgl. Hock: Die Vampyrsagen, S. 2.
11 Vgl. Hock: Die Vampyrsagen, S. 2.
12 Vgl. Borrmann: Vampirismus oder die Sehnsucht nach Unsterblichkeit, S. 13.
13 Vgl. Borrmann: Vampirismus, S. 13.
14 Vgl. Sturm u. Völker: Von denen Vampiren, S. 506.
15 Vgl. Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 14.
16 Borrmann: Vampirismus, S. 13.
17 Völker erklärt, dass das nordtürkische Wort uber dem Serbischen vampir entspricht. Da die Endsilbe pir (per) fliegen heißt, wäre der Vampir somit ein Nichtflieger. Doch auch aus dem Polnischen lässt sich der
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In Deutschland setzt sich in den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts schließlich „das Wort Vampir durch und gelangt von dort aus in die übrigen germanischen bzw. romani- schen Sprachen“. 18 Laut Lexikon ist der Vampir ein aus dem südslawischen, rumänischen und griechischen stammender Volksglaube, nach dem „Verstorbene, die nachts aus ihren Grab entsteigen, um Lebenden Blut auszusaugen. Dieser Vorstellung liegt der Glaube an den lebenden Leichnam zugrunde, der in Menschen- oder Tiergestalt wiederkehrt, um Schäden, Seuchen und Tod zu verursachen“. 19 Auch wenn die Ursprünge des Vampirglaubens in den südöstlichen Ländern Euro- pas anzusiedeln sind, so lassen sich doch ganz ähnliche Vorstellungen in fast allen Kultur- kreisen der Welt wiederfinden. Sowohl in Asien als auch in Afrika und Südamerika gibt es Sagen über blutsaugende Wesen. So ernährt sich zum Beispiel der afrikanische Asanbosam durch Blut, das er aus dem Daumen schlafender Menschen saugt 20 , während der in Arme- nien anzusiedelnde Berggeist Daschnavar Wanderern das Blut aus den Fußsohlen zieht, bis das Opfer tot ist. 21 Weiter berichtet Hock von indischen Frauen, die in der Nacht auf Dä- chern sitzen und „mittels eines hinabgelassenen Garns das Blut der Schläfer“ 22 trinken. Die Lamien, die nachts Kindern das Blut aussaugen und teilweise sogar die Herzen verzehren sollen, werden oft als griechische Variante des Vampirs angesehen. 23 Zu der Gruppe der bluttrinkenden sowie fleischfressenden Geschöpfe gehören außerdem noch die Werwölfe und Striges. 24 Im Unterschied zu den späteren Blutsaugern aus den Balkanländern fehlt diesen Wesen jedoch das entscheidende Kriterium des Wiedergänger: Sie saugen zwar das Blut der Menschen, um sich von diesem zu ernähren, doch sind sie keine Erscheinungen bestimmter Verstorbener, die zwischen Leben und Tod umherwandeln. Daher sind sie oft- mals nur abstrakte Spuk- und Fabelwesen ohne eine konkrete Identität. 25 Begriff ableiten, so bedeutet upior hier geflügeltes Gespenst. Vgl. Sturm u. Völker: Von denen Vampiren, S. 506 f.
18 Borrmann: Vampirismus, S. 13.
19 Brockhaus - Die Enzyklopädie. In 24 Bänden. Hg. v. Wissenschaftlichen Rat der Dudenredaktion. 20. Auflage. Leipzig; Mannheim: Brockhaus 1999 (= Bd. 23), S. 11.
20 Vgl. Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 14.
21 Vgl. Hock: Die Vampyrsagen, S. 3.
22 Hock: Die Vampyrsagen, S. 6 f.
23 Zeus verliebte sich in Lamia, die Tochter von Belos und Libye, und verlieh ihr die Gabe der Verwandlung. Sie gebar ihm mehrere Kinder, die sie allerdings, nachdem sie von der eifersüchtigen Hera in den Wahnsinn getrieben worden war, allesamt verschlang. Der Sage nach wurde Lamias Gesicht zu einer Grauenerregenden Maske, und so soll sie umhergegangen sein und andere Kinder geraubt haben, um ihnen das Blut auszusau- gen. (Vgl. Herder Lexikon. Griechische und römische Mythologie. Hg. v. Verlag Herder. Freiburg: Herder Verlag 1981, S. 127.) 24 Vgl. Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 15.
25 Vgl. Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 15.
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Während in England bereits Ende des 12. Jahrhunderts einige Erzählungen von Wiedergängern zu finden sind, kann man Vergleichbares in Deutschland erst um 1337 nachweisen. 26 So gibt es zahlreiche Berichte dieser Zeit, in denen Verstorbene umherge- wandelt und die Menschen in Angst versetzt haben sollen. Ein Fall von angeblich lebenden Toten lässt sich 1357 in Böhmen finden: Hock berichtet von einem verstorbenen Hirten, der nachts umhergewandelt sei und Bewohner des Dorfes mit Namen gerufen habe. Jeder genannte Bewohner sei innerhalb von acht Tagen gestorben. Doch selbst nachdem dem toten Hirten ein Pflock ins Herz gestoßen worden sei, wandelte dieser immer noch umher. Erst als die Leiche verbrannt worden sei, habe das vampirische Treiben schließlich aufge- hört. 27 Solche Vampirgeschichten lassen sich in fast allen Teilen Europas finden. So liefern nicht nur England und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation Sagen über Wiedergänger, sondern auch Frankreich, Italien, Spanien, Ungarn, Polen und Russland. 28 Hat, wie zuvor beschrieben, in den asiatischen Mythen den Blutsaugern das entscheidende Motiv des Wiedergängers gefehlt, so ist es hier umgekehrt: In den westlichen Geschichten über Wiedergänger haben diese zwar große Ähnlichkeit mit der Vampirfigur, da sie den Menschen jedoch nicht das Blut aussaugen und ihnen somit eine wichtige vampirische Eigenschaft fehlt, können auch sie nur als Vorläufer des typischen südosteuropäischen Vampirs gelten.
Die Balkanländer, Grenzgebiet zwischen Europa und Asien, sind jahrhundertelang Schnittpunkt von beiden kulturellen Einflüssen gewesen, und so ist langsam der europäi- sche Wiedergänger mit dem asiatischen Blutsauger zu der heute bekannten Figur des Vampirs verschmolzen. Von dort hat sich schließlich der Mythos des blutsaugenden Reve- nants in ganz Ost- und Westeuropa verbreitet. 29 Eine große Rolle bei der Verbreitung des Vampirglaubens soll die römisch-katholische Kirche gespielt haben. 30 Diese ist zur Zeit der Türkenkriege zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert sehr bemüht gewesen, ihre Position bei der vorwiegend griechisch-orthodoxen sowie islamischen Bevölkerung in Südosteuropa zu festigen und zu erweitern. Daher hat sie sich um 1600 die in den Balkanländern herrschende Angst vor den Wiedergängern zu- 26 Vgl. Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 15.
27 Vgl. Hock: Die Vampyrsagen, S. 31.
28 Vgl. Borrmann: Vampirismus, S. 51.
29 Vgl. Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 16.
30 Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 16.
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nutze gemacht und diese „zu das Seelenheil bedrohenden Verbündeten des Teufels“ 31 er- nannt. Demzufolge hat die Kirche den Vampir mit Satan auf eine Stufe und gleichzeitig in einen christlichen Kontext gehoben. Auf diese Weise schlich sich schließlich auch eine sukzessive Veränderung des Volksglaubens ein, die soweit ging, dass die Menschen dach- ten, dass auch diejenigen Toten als Vampir zurückkehren würden, die nicht die religiösen Gesetze befolgt oder sogar gegen diese verstoßen hatten. 32 Pütz führt auf, dass „neben Verbrechern, Exkommunizierten und Toten ohne Sterbesakramente auch Personen [dazu gehörten], die sich dem Studium der schwarzen Magie und okkulten Wissenschaften ver- schrieben hatten“. 33 Aufgrund des modifizierten Aberglaubens waren die Menschen nun überzeugt, dass der sicherste Weg, sich vor einem Wiedergänger zu schützen, das Befolgen der christlichen Grundsätze sei, und auch die Vernichtungsmöglichkeiten haben eine christliche Bedeutung bekommen. So ist von der Kirche suggeriert worden, dass vor allem Weihwasser und Kreuze die besten Mittel seien, das Grab eines möglichen Vampirs zu versiegeln. Um ei- nen Wiedergänger endgültig zu vernichten, sei aber die Hilfe eines Priesters unerlässlich, der den Körper des verdächtigten Untoten mit einem Holzpflock durchpfählt. Dabei sollten Pfähle verwendet werden, die aus der gleichen Holzart bestehen wie das Kreuz, an dem Jesus gestorben ist. 34 Nur in äußerst seltenen Fällen ist ein besagter Wiedergänger ver- brannt worden, um ihn zu vernichten, da es sich hierbei zum einen um einen heidnischen Brauch handelte, und weil es zum anderen der religiösen Auffassung von einer Auferste- hung des Leibes widersprach. 35 Diese neue Vorstellung von Wiedergängern, die tief mit den christlichen Grundsätzen ver- bunden gewesen ist, setzt sich schließlich in den Ländern des Balkan durch, obwohl sich Papst Benedikt XIV. in den 50er Jahren des 18. Jahrhunderts in einem Brief an einen sei- ner Erzbischöfe für die Bekämpfung des Vampirglaubens ausgesprochen hat. 36 Im 18. Jahrhundert gelangt durch den Passarowitzer Frieden (1718) 37 der Vampirglaube allmählich auch nach Westeuropa, wo die Flut an Vampirgeschichten immer mehr die öf- fentliche Meinung beschäftigt und sich in medizinischen, philosophischen und religiösen 31 Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 16.
32 Vgl. Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 17.
33 Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 17.
34 Vgl. Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 17.
35 Vgl. Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 17.
36 Vgl. Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 18.
37 Österreich und die Südslawen sind daraufhin in nähere Verbindung getreten und es wurden erste wirt- schaftliche sowie kulturelle Beziehungen möglich. Vgl. dazu auch Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 18; Hock: Die Vampyrsagen, S. 35.
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Publikationen niederschlägt. 38 Zu den Autoren zählt auch der Diakon Michael Ranft, der sich stets bemüht, eine natürliche Erklärung für das vampirische Treiben zu finden. Ranfts Werk Über das Kauen und Schmatzen der Todten in Gräbern von 1728, das vier Jahre später als erweiterte Neuauflage erscheint, umfasst ausführliche historische Berichte über Wiedergänger und war zu der Zeit das einzige Werk seiner Art, so dass es nicht verwun- derlich ist, dass es oftmals plagiiert worden ist. 39 Ferner dürfte Ranfts Traktat aufgrund seines Umfangs laut Völker „noch heute zu den Standardwerken über Vampirismus zäh- len“. 40 Ranft sieht in den Berichten von Wiedergängern nicht nur ein Werk des Teufels, sondern betrachtet die vampirischen Erscheinungen vielmehr als ein Phänomen der Na- tur. 41 Der Diakon erkennt eine Beziehung zwischen Vampirismus und lebhaften „Alp- Vorstellungen“ 42 , und so soll es sich laut Ranft nicht um vampirisches Treiben, sondern vornehmlich um Sinnestäuschungen gehandelt haben.
In seinem Werk beschäftigt sich Ranft unter anderen auch mit einen Fall in Medwegia (Serbien), der 1731/1732 größtes Aufsehen erregt hat und über den zahlreiche, zum Teil auch amtlich bestätigte Dokumente vorhanden sind. Trotz verschiedener Schutzvorkehrun- gen sei der Serbe Arnout Paole 43 Opfer eines Vampirs geworden und nach seinem ‚Tod’ wiedergekehrt, um die Bewohner seines Dorfs heimzusuchen, wobei vier Menschen star- ben. Etwa 40 Tage nach Paoles Beerdigung habe man sein Grab sowie das seiner Opfer geöffnet und die unverwesten Leichen zerstört. Da Paole aber auch das Vieh angegriffen habe, habe sich die Seuche über die Haustiere weiter verbreitet. Erst nachdem die Tiere ebenfalls vernichtet worden seien, sei die vermeintliche Vampirepidemie beendet gewe- sen. 44 Wie Michael Ranft bereits festgestellt hat, ist die Figur des Vampirs aus den lebhaf- ten Albträumen der Menschen heraus entstanden und aufgrund von Sinnestäuschungen sowie merkwürdigen Begebenheiten schließlich für real gehalten worden. Verbreitet die Figur des Vampirs zwar außerordentlichen Schrecken unter der damaligen Bevölkerung, spiegeln sich in dem Wiedergänger aber auch bestimmte Wünsche der Menschen wider. 38 Vgl. Hock: Die Vampyrsagen, S. 35.
39 Vgl. Sturm u. Völker: Von denen Vampiren, S. 519.
40 Sturm u. Völker: Von denen Vampiren, S. 519.
41 Vgl. Sturm u. Völker: Von denen Vampiren, S. 520.
42 Sturm u. Völker: Von denen Vampiren, S. 520.
43 Bei der Namensschreibweise weichen die Quellen voneinander ab: So heißt der angeblich vampirische Wiedergänger bei Hock und Pütz Arnout Paole, während Copper den Namen Arnont Paule und Völker Ar- nod Paole schreibt. Vgl. dazu auch Hock: Die Vampyrsagen, S. 39; Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 18; Basil Copper: Der Vampir in Legende, Kunst und Wirklichkeit. Leipzig: Festa Verlag 2005, S. 519. 44 Vgl. Hock: Die Vampyrsagen, S. 38 f.
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Den Grund für dieses Phänomen beschreibt Susanne Pütz in ihrer Arbeit besonders zutref- fend:
J e n e m ist es vergönnt, ohne moralische Skrupel auf Kosten anderer sein Leben zu verlängern; auf s e i n Betreiben hin vollzieht sich die Wiedervereinigung des noch le- benden Geliebten mit dem Verstorbenen, und e r ist es auch, der sexuelle Triebe un- terschiedlicher Natur offen auslebt. 45
So haben die Menschen aus ethischen Gründen die Figur des Wiedergängers zwar verab- scheut, doch zugleich sind sie auch von ihr fasziniert gewesen. Dieses Phänomen schlägt sich schließlich auch in der Literatur nieder, so dass viele Schriftsteller die blutrünstigen Revenants zum Thema ihrer Gruselgeschichten gemacht haben.
3. Die Geschichte der Vampire in der Literatur des 19. Jahrhunderts
Die Vampirliteratur wird im Allgemeinen gerne der fantastischen Literatur zugeordnet, dennoch liegen ihre Wurzeln, wie beschrieben, in Sagen und Mythen. Obwohl dadurch ein scheinbares Interesse an blutrünstigen Geschichten über untote Wesen durchaus existiert zu haben scheint, tritt der abendländische Vampir in der literarischen Form erst spät auf, auch wenn er aufgrund mündlicher Überlieferungen immer präsent gewesen ist. Einzig in Form wissenschaftlicher Texte, die versucht haben eine vermeintliche Vampirepidemie 1732 zu erklären, findet der Vampir seinen Platz in den Büchern. Eine Ausnahme bildet das Gedicht Der Vampyr des deutschen Lyrikers Heinrich August Ossenfelder aus dem Jahr 1748: Dieses gilt als das erste, aber auch für lange Zeit einzige Werk in Europa, das sich mit den Vampirberichten befasst. 46 Als Grund für die damalige Gleichgültigkeit der Literaten an dem Vampirthema sieht Susanne Pütz den „’ungünstige[n]’ Moment, in dem der Vampir in das Bewusstsein der westeuropäischen Bevölkerung gedrungen ist“. 47 Eine rationale Geisteshaltung prägt das Schrifttum in der erste Hälfte des 18. Jahrhunderts in Westeuropa, so dass vor allem auf pädagogische sowie intellektuelle Fortbildung Wert gelegt worden ist. Daher ist es nicht verwunderlich, dass übernatürliche Phänomene wie Vampire oder beispielsweise Okkultismus nicht zum Bestandteil der Literatur gehören sollen. Dies hat sich schließlich auch in den Lehrgedichten der Zeit niedergeschlagen, als 45 Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 22.
46 Vgl. Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 23.
47 Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 24.
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deren Vertreter unter anderen Alexander Pope, James Thompson und Ewald von Kleist zu nennen wären. 48 Erst zum Ende des 18. Jahrhunderts werden Künstler und Dichter auf das Vampirthema aufmerksam und zollen ihm in ihren Werken Beachtung. Dieser Umschwung lässt sich vor allem mit dem Aufkommen der Romantik und dem damit verstärkt verbundenen Interesse an Märchen, Volksliedern und Sagen erklären.
Die kunsthistorische und literarische Epoche der Romantik ist zwischen 1790 und 1850 anzusiedeln. Sie kann als Weiterführung der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang gesehen werden. In der Romantik haben sich die Künstler von den antiken und klassischen Vorbildern abgewendet und entwerfen ihre Themen nun vielmehr aus der eigenen Kultur und Geschichte. Diese Hinwendung zur eigenen Kultur bedeutet gleichzeitig auch eine stärkere Einbeziehung der Sagen und Mythen des Mittelalters. Neben dem Bewusstsein und der Reflexion hält man jetzt auch die Abgründe des Seelischen, Träume, Geheimnis- volles, Dämonisches für wesentlich, was sich vor allem in der Schwarzen Romantik 49 wi- derspigelt, zu der auch die Vampirliteratur jener Zeit gehört. So verschwimmen die Gren- zen zwischen Fantasie und Wirklichkeit, indem die Autoren versuchen die Welt zu roman- tisieren.
Wichtige Motive der Romantik sind das Wander- und Reisemotiv, Nacht, Fernweh, das Spiegelmotiv, Kritik an der Spießbürgerlichkeit und die Verherrlichung des Mittelalters. Ferner tauchen in der romantischen Literatur als Schauplätze immer wieder Friedhöfe, alte Schlösser und Ruinen sowie dunkle Wälder auf.
Als wichtige deutsche literarische Vertreter dieser Epoche sind vor allem Novalis (Fried- rich von Hardenberg), Wilhelm Heinrich Wackenroder, Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Ludwig Tieck, Friedrich Hölderlin, E. T. A. Hoffmann, Joseph Freiherr von Ei- chendorff, Heinrich Heine, Jakob und Wilhelm Grimm sowie Clemens Brentano zu nen- nen. 50 Von diesen Schriftstellern haben unter anderen Novalis mit Hinüber wall ich (aus: Hymnen an die Nacht), E. T. A. Hoffmann mit Cyprians Erzählung (aus: Die Serapi- onsbrüder) und Heinrich Heine mit Helena sowie Die Beschwörung vampirische Elemente in ihren Werken der Schwarzen Romantik verwendet. 51 In den angelsächsischen Ländern heißen die Vertreter des qualitativ hochwertigen Vampirgenres William Blake, Edgar Al- 48 Vgl. Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 24.
49 Vgl. Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. Hg. v. Günther und Irmgard Schweikle. 2. Auflage. Stuttgart: Metzler 1990, S. 420.
50 Vgl. Metzler: Metzler-Literatur-Lexikon, S. 398-400.
51 Vgl. Sturm u. Völker: Von denen Vampiren.
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len Poe, Percy Shelley, Samuel T. Coleridge, George Byron und William Polidori. 52 In Frankreich sind es Charles Nodier, Prosper Mérimée, Théophile Gautier und Charles Bau- delaire. 53 Wie groß das Interesse am Vampirthema in der Romantik gewesen ist, beweisen nicht nur die Schauerromane zum Thema, sondern auch die Vampiranspielungen in einem Brief von Clemens Brentano an Karoline von Günderode:
Öffne alle Adern deines weißen Leibes, daß das heiße, schäumende Blut aus tausend wonnigen Springbrunnen spritze, so will ich dich sehen und trinken aus den tausend Quellen, trinken, bis ich berauscht bin und deinen Tod mit jauchzender Raserei be- weinen kann... Drum beiß ich mir die Adern auf und will dir es geben, aber du hättest es tun sollen und saugen müssen. Öffne deine Adern nicht, Günderödchen, ich will sie dir aufbeißen. 54
Unterstützung hat die Schwarze Romantik im gotischen Roman 55 (Gothic Novel) gefun- den, der sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bewusst von den klassizistischen Literaturströmungen abgehoben hat und in der die Figur des Wiedergängers immer wieder auftaucht. Ruinen, Klöster, Gewölbe, unerklärliche Verbrechen, Begegnungen mit überna- türlichen Gestalten, Verfolgungsszenen sowie Visionen und Träume sind für den gotischen Roman charakteristisch. Das Genre hat vor allem The Castle of Oranto, a Gothic Tale von Horace Walpole (1764) geprägt, der als der erste gotische Roman bezeichnet wird. 56 Wei- tere bekannte Werke dieser Gattung, die bis ins 20. Jahrhundert hinein reicht, sind The Monk von Matthew Gregory Lewis (1795), Frankenstein or the modern Prometheus (1818) von Mary Shelley sowie Melmoth, the Wanderer von Charles Robert Maturin (1820) 57 , in dem auch zum ersten Mal vampirische Elemente auftauchen. Neben dem Aufkommen der Romantik und der Gothic Novel dürfte aber auch die damit verbundene Faszination am psychologischen Motiv verantwortlich für den Beginn der Vampirliteratur gewesen sein. 58 Das Jahr 1797 ist für das Vampirgenre von großer Bedeutung, denn durch zahlreiche Ver- öffentlichungen erhält das Thema des Blutsaugers seinen Platz zunächst in der deutschen 52 Vgl. Borrmann: Vampirismus, S. 63.
53 Vgl. Borrmann: Vampirismus, S. 63.
54 Sturm u. Völker: Von denen Vampiren, S. 561 f.
55 Im Metzler Literaturlexikon ist aufgeführt, dass die Bezeichnung gotischer Roman auch als Synonym für den englischen Schauerroman dient. (Vgl. Metzler: Metzler-Literatur-Lexikon, S. 183.) 56 Vgl. u. a. Erwin Jänsch: Das Vampir-Lexikon. Die Autoren des Schreckens und ihre blutsaugerischen Kreaturen. München: Droemersche Verlagsanstalt 2000, S. 290; Claude Lecouteux: Die Geschichte der Vampire. Metamorphose eines Mythos. Düsseldorf; Zürich: Artemis & Winkler Verlag 2001, S. 18. 57 Vgl. Borrmann: Vampirismus, S. 64.
58 Vgl. Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 24.
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wie auch englischen Literatur. In England wenden sich in diesem Jahr Robert Southey mit seiner Verserzählung Thalaba the Destroyer und Samuel T. Coleridge mit seiner unvollen- deten Ballade Christabel dem Vampirthema zu. Aber auch in Deutschland nimmt man sich im Jahr 1797 der Figur des Blutsaugers in der Lyrik an, wie Novalis mit seinen Hymnen an die Nacht, „in welchen er den Tod gleich einer vampirhaft verschlingenden Umarmung herbeisehnt“. 59 Außerdem wird Goethes vampirisches Gedicht Die Braut von Korinth ver- öffentlicht, das innerhalb der zeitgenössischen Leserschaft auf Ablehnung stößt 60 , was nicht nur an dem vampirischen Thema liegt, sondern vielmehr an der Darstellung der nekrophilen Liebesszene zwischen der toten Braut und ihrem lebenden Bräutigam.
Liebe schließet fester sie zusammen,
Tränen mischen sich in ihre Lust;
Gierig saugt sie seines Mundes Flammen, Eins ist nur im andern sich bewusst.
Seine Liebeswut Wärmt ihr starres Blut;
Doch es schlägt kein Herz in ihrer Brust. 61
Obwohl durchaus umstritten, hat Goethe mit diesem Werk nicht nur den Weg der Literatur in die neue Welt der Romantik gewiesen, sondern auch die erotische Seite der Vampirsa- gen aufgezeigt, die später immer wieder von der romantischen Literatur aufgegriffen wor- den ist und so „Liebe und Tod in eine wollüstige Verbindung“ 62 gebracht hat. Auch George Byron bedient 1813 das Vampirthema in seinem Epos The Giaour, a Fragment of a Turkish Tale. Drei Jahre später hilft Byron selbst unbeabsichtigt dem Vam- pir zu seinem literarischen Durchbruch in ganz Europa: Während eines gemeinsamen Auf- enthalts von George Byron, Percey Shelly und dessen zukünftiger Frau Mary Godwin, ih- rer Halbschwester Jane Clairemont sowie Byrons Leibarzt William Polidori in der Schweiz im Juni 1816 wird das Vorlesen von unheimlichen Geschichten und Balladen zu einem allabendlichen Zeitvertreib. Mary Shelleys Berichten zufolge ist die Idee an einem verreg- neten Abend entstanden. Jeder der Anwesenden sollte demnach eine eigene Gespensterge- schichte verfassen und später vortragen. Von den geschriebenen Texten wird nur ein Kon- zept zum Erfolg und zwar der heute weltbekannte Roman von Mary Shelley: Frankenstein or the modern Prometheus (1818).
59 Borrmann: Vampirismus, S. 62.
60 Borrmann: Vampirismus, S. 62 f.
61 Sturm u. Völker: Von denen Vampiren, S. 18.
62 Hock: Die Vampyrsagen, S. 66.
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Gleichzeitig ist dies die Geburtsstunde der Vampirliteratur in Europa. Zurück in England schreibt William Polidori, der mittlerweile Gefallen an der Dichterei gefunden hat, seine eigene Fassung von der erzählten Geschichte Byrons. Seine Novelle um den blutrünstigen Wiedergänger Lord Ruthven veröffentlicht er im Frühjahr 1819 anonym in der Zeitschrift New Monthly Magazine unter dem Titel The Vampyre, jedoch mit einem Vorwort verse- hen, dass diese Erzählung auf eine Skizze von George Byron zurückgeht. 63 So ist es nicht verwunderlich, dass zunächst George Byron als Urheber des Textes gilt, dieser sich aber schließlich davon distanziert hat. Die verwirrende Autorenzuordnung ist wohl einer der Gründe für die rasche Verbreitung des Textes und somit auch des Vampirmotivs gewe- sen. 64 Die Figur des blutsaugenden Wiedergängers bewirkt vor allem in Frankreich, aber auch in Deutschland und England einen regelrechten Vampirboom, und so ist es nicht verwunder- lich, dass Polidoris Novelle in viele Sprachen übersetzt wird. Ferner haben sich verschie- dene Schriftsteller an Fortsetzungen der Novelle versucht, darunter auch der französische Frühromantiker Charles Nodier. Es sind reißerische Adaptionen geschrieben oder der Text Polidoris ist als Vorlage für Melodramen und Opernlibretti benutzt worden. Die prominen- teste Rezeption der Erzählung ist wohl die Oper Der Vampyr von August Heinrich Maschners, die 1828 in Leipzig uraufgeführt wird. 65 Da aber alle Werke und nicht zuletzt das Original von William Polidori nur eine sehr ge- ringe literarische Qualität besitzen, ist es nicht verwunderlich, dass das genutzte Schauer- element fast vollständig in die anspruchslose Unterhaltungsliteratur abgerutscht ist. Zwi- schen den Jahren 1830 und 1870 bemächtigen sich „nicht nur das Vaudeville und der Volkszirkus, sondern auch zahlreiche ‚roman-feuilletons’ beziehungsweise ‚penny- dreadfuls’ in England des blutrünstigen Geschöpfs“. 66 Als das wohl erfolgreichste Werk dieser Trivialliteratur ist James Malcom Rymers 67 Varney the Vampire or, the feast of blood zu nennen, ein Fortsetzungsroman, der zwei Jahre lang wöchentlich erscheint. Natürlich befassen sich auch renommierte Künstler mit dem Stoff des Wiedergängers, doch sind diese literarischen Werke der breiten Leserschaft verborgen geblieben. Hier ist 63 Vgl. Copper: Der Vampir, S. 74 f.
64 Vgl. Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 26 f.
65 Vgl. Wolfgang Lottes: Dracula & Co. Der Vampir in der englischen Literatur. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 135 (1983). S. 285-299, S. 290.
66 Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 28.
67 Die Autorenschaft von Varney ist in der Forschung nicht eindeutig belegt. Montague Summers schreibt sie Thomas Preskett Prest zu, jedoch wurden 1963 Beweise in James Malcom Rymers Notizbüchern gefunden, die darauf hindeuten, dass Rymers zumindest den größten Teil des Romans verfasst hat. Des weiteren hat Bleiler in einem ausführlichen Stilvergleich 1972 das gleiche Ergebnis untermauert.
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vor allem J. Sheridan Le Fanus Erzählung Carmilla um einen weiblichen Vampir anzufüh- ren, die 1872 erscheint und heute zu den bekanntesten Werken des Vampirgenres gehört. Aber auch verschiedene französische und russische Künstler nehmen sich der Figur des blutsaugenden Revenants an, darunter Prosper Mérimée, Théophile Gautier, Charles Bau- delaire, Guy de Maupassant, Ivan Turgenjews sowie Alexej K. Tolstoi, der in seinem Werk La Famille du Vourdalak von 1847 die Verwandlung einer ganzen Familie in Wiedergän- ger schildert. 68 Claude Lecouteux macht in seiner Ausführung zu dem Thema deutlich, dass das moderne Vampirgenre vor allem drei Schriftstellern zu verdanken ist. 69 Da sind zum einen William Polidori und J. Sheridan Le Fanu, die durch ihre vampirischen Erzählungen erst das Inte- resse an dem Thema in der Literatur erweckt haben. Der Dritte im Bunde ist Bram Stoker, der mit seinem Roman Dracula das literarische Bild der Wiedergänger entscheidend prägt. Denn auch wenn sich bis dahin viele namhafte Schriftsteller des Motivs angenommen ha- ben, so gehört die Figur des Revenants immer noch der Populärliteratur an. Erst mit Bram Stokers Dracula (1897) ändert sich das Ansehen der Vampirliteratur erneut.
4. Bram Stoker - Dracula
Der irische Autor Bram Stoker hat mit der Figur seines Blutsaugers Dracula eine der be- rühmtesten Horror-Kreaturen der Fantastik geschaffen 70 , die „unter den zahllosen namhaf- ten und oftmals auch namenlosen vampirischen Unholden [...] als der unumstrittene Herr und Meister aller untoten Blutsauger [gilt]“. 71 Bram Stoker selbst hat, soweit bekannt, keine nennenswerten Äußerungen zu seinem er- folgreichsten Werk, wie zum Beispiel Interpretationsansätze oder verwendete Quellen, hinterlassen. 72 Überliefert ist aber, dass der Ire sich bereits vor seiner Arbeit am Dracula für übernatürliche Dinge interessiert hat. Er ist Mitglied in der okkulten Loge ‚Golden Dawn in the Outer’ gewesen, der unter anderen Joris Karl Huysmans, William Butler Yeats, Arthur Machen, Algernon Blackwood, Aleister Crowley sowie später auch Monta- gue Summers angehört haben. 73 68 Vgl. Lecouteux: Die Geschichte der Vampire, S. 28 f.
69 Vgl. Lecouteux: Die Geschichte der Vampire, S. 18.
70 Vgl. Jänsch: Das Vampir-Lexikon, S. 280.
71 Jänsch: Das Vampir-Lexikon, S. 280.
72 Vgl. Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 31.
73 Vgl. Sturm u. Völker: Von denen Vampiren, S. 576; Vgl. Jänsch: Das Vampir-Lexikon, S. 282.
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4.1 Bram Stoker – Der Vater Draculas Bram Stoker wird 1847 als drittes von sieben Kindern in Dublin unter dem Namen Abra- ham Stoker geboren. Stoker ist ein kränkliches Kind gewesen und hat bis zu seinem achten Lebensjahr das Bett hüten müssen, so dass er daher nicht in der Lage gewesen ist, alleine zu stehen oder zu gehen. Seine Ärzte zweifelten mehrfach, ob er überhaupt das Erwachse- nenalter erreichen würde. 74 Borrmann vermutet und verweist gleichzeitig auf Stokers Bio- grafen, dass diese Erfahrung sich auch in seinem Roman Dracula widerspiegelt, da „der ewige Schlaf und die Auferstehung aus dem Grabe – ein zentrales Thema in seinem »Dra- cula« – für einen an das Bett gefesselten Menschen nicht ohne Bedeutung“ 75 gewesen sein mag. Seine Krankheit, die nie genau erfasst worden ist, birgt ein ebenso großes Geheimnis wie seine plötzliche Genesung. Schließlich ist er zu einem kräftigen, breitschultrigen Mann herangewachsen, der während seiner Studienzeit am Trinity College in Dublin sogar Leis- tungssport getrieben hat. Stoker, der neben den Fächern Geschichte und Literatur auch Mathematik und Philosophie studiert hat, macht seinen Abschluss am College letztlich in Mathematik und tritt anschließend, seinem Vater folgend, in den öffentlichen Dienst ein. Da seine Liebe aber immer dem Theater gegolten hat, quittiert er kurze Zeit später sein Amt und versucht sich fortan als Journalist und Theaterkritiker, bis zu dem Zeitpunkt an dem er Henry Irving, den „berühmtesten Shakespeare-Darsteller der damaligen Zeit“ 76 , trifft. Durch diese Zusammenkunft ändert sich Stokers Leben erneut, denn er wird Irvings Manager, und das für nicht weniger als 27 Jahre. 77 Durch Irving erhält Stoker Einlass in die begehrte Londoner Highsociety und verkehrt bald mit renommierten literarischen Grö- ßen wie Oscar Wilde. 78 Da liegt es nahe, dass dieser schriftstellerische Einfluss ihn letzt- lich dazu veranlasst hat, sich selbst als Schriftsteller zu versuchen. Bis dahin hat er bereits ein nicht-literarisches Werk 79 , einen Roman 80 sowie verschiedene Erzählungen veröffent- licht, bis ihm 1897 mit Dracula der große Durchbruch als Autor gelingt. 81 Gleichzeitig liefert er auch eine Bühnenversion des Romans mit, diese wird noch im gleichen Jahr für 74 Vgl. Copper: Der Vampir, S. 96.
75 Borrmann: Vampirismus, S. 70.
76 Borrmann: Vampirismus, S. 71.
77 Vgl. Copper: Der Vampir, S. 96.
78 Vgl. Pütz: Vampire und ihre Opfer, S. 31.
79 Bei The Duties of Clerks of Petty Sessions in Ireland von 1878 handelt es sich um einen Leitfaden für Be- amte. Vgl. Jänsch: Das Vampir-Lexikon, S. 281.
80 The Snkae’s Pass von 1890 über einen Engländer, der im Westen Irlands nach einem vergrabenen Schatz sucht. Vgl. Frayling: Alpträume. Die Ursprünge des Horrors, S. 68 f.
81 Vgl. Copper: Der Vampir, S. 97.
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das Theater adaptiert, so dass er die Theaterurheberrechte dafür erhält. 82 Stokers Verleger erklären 1940, lange nach dem Tod des Schriftstellers, dass sich Dracula über eine Million Mal verkauft hat, was zu der Zeit einer unglaublichen Verbreitung entspricht. 83 Nach der Veröffentlichung von Dracula folgen weitere fantastische Romane 84 , darunter The Jewel of the Seven Stars (1903), The Lady of the Shroud (1909) und The Lair of the White Worm (1911), mit denen Stoker aber nicht an seinen großen Erfolg anknüpfen kann. Außerdem hat er einige Erzählungen geschrieben, die alle zu der Sammlung unheimlichen Kurzgeschichten Dracula’s Guest gehören und im Jahr 1914 erst nach Stokers Tod von seiner Frau veröffentlicht werden. Bei der in der Sammlung gleichnamigen Kurzgeschichte Dracula’s Guest 85 handelt es sich um ein Fragment aus dem Roman Dracula, das Stoker zuvor aus dem Manuskript entfernt hat, das jedoch als eine vollwertige Erzählung angese- hen werden kann. 86 Stoker stirbt am 20. April 1912 in London an Syphilis.
4.2 Dracula im literaturhistorischen Kontext
Stokers Roman ist deutlich dem Genre der Gothic Novel zuzuordnen, und manch ein Kriti- ker billigt ihm zu, „der letzte gotische Roman“ 87 zu sein. Brittnacher sieht dafür einen gu- ten Grund,
denn noch einmal wird das Klischee der sentimentalen Romanze, die Versuchung und Verführung bürgerlicher Unschuld durch einen aristokratischen Sittenverderber, mit den Elementen gotischen Schreckens angereichert. 88
Die Zugehörigkeit zur Gattung drückt sich damit zum einen durch die Thematik, zum an- deren aber auch durch die auftauchenden mittelalterlichen Schauplätze wie alte Schlösser, Kapellen und Friedhöfe aus. An diese Orte zieht sich im gotischen Roman der dunkle Bö- sewicht, in diesem Fall Dracula, zurück. Dass dieser mit Mina Harker eine unschuldige, aber auch kluge junge Frau verfolgt, ist ein weiteres Kennzeichen dieses Genres. Dazu gehören auch das Auftauchen von Wölfen, Ratten und Fledermäusen. 82 Vgl. Jänsch: Das Vampir-Lexikon, S. 290.
83 Vgl. Copper: Der Vampir, S. 97 f.
84 Vgl. Jänsch: Das Vampir-Lexikon, S. 283.
85 Vgl. Bram Stoker: Dracula’s Guest. Dingle: Brandon 1990.
86 Vgl. Copper: Der Vampir, S. 120.
87 Sturm u. Völker: Von denen Vampiren, S. 580 f.
88 Hans Richard Brittnacher: Ästhetik des Horrors. Gespenster, Vampire, Monster, Teufel und künstliche Menschen in der phantastischen Literatur. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1994, S. 120.
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Arbeit zitieren:
M.A. Sabine Lüke, 2006, 'Es geht um Leben und Tod oder sogar noch um mehr' - Zum Vampirismus in Texten von Bram Stoker, Anne Rice und Elfriede Jelinek, München, GRIN Verlag GmbH
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