Inhaltsverzeichnis
A. Darstellung der Programmatik.
B. Das Absurde als erstes Prinzip
I. Das Absurde und der Selbstmord.
II. Die absurden Mauern - Definition des Absurden durch seine
Urspr ünge
1. Analyse des absurden Gefühls
2. Das Absurde auf der Ebene des Verstandes
3. Begriffliche Definition des Absurden
III. Konsequenzen aus der Erkenntnis des Absurden
1. Haltung des bewussten Menschen
2. Der philosophische Selbstmord
3. Haltung des absurden Menschen zum Selbstmord
C. Ethische Konsequenzen
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A. Darstellung der Programmatik
Anhand dieses kurzen Verses von Pindaros, einem griechischen Dichter des 5.Jh. v. Chr., wird das Ziel, welches Camus in seinem Essay „Mythos des Sisyphos“ verfolgt, schon vorweggenommen. Denn in dem zitierten Vers wird eine Diesseitsorientierung des Menschen gefordert; das Streben des Menschen nach einem metaphysischen Sinn wird verneint und somit der Fokus auf die eigene Existenz und der mit ihr verbundenen Möglichkeiten des Lebens gerichtet. Das hier angedeutete Programm verfolgt Camus in seinem Essay konsequent.
Zunächst stellt er die für ihn dringlichste aller philosophischer Fragen, nämlich die nach dem Sinn des Lebens. Dieser Sinn kann für den modernen Menschen nicht mehr in einer transzendenten Wirklichkeit liegen, denn alle Versuche eine jenseitige Wahrheit zu finden, scheiterten am Unvermögen des Verstandes seine eigenen Grenzen zu sprengen. Somit wird der Welt allerdings zugleich jeder objektiv wahre Wert als moralischem Dogma abgesprochen. Der andauernde Versuch des Menschen klare und deutliche Einsichten über das wahre Wesen der Welt, einem ihr immanten Sinn, zu gewinnen, erzeugt so das Absurde. Die hier angesprochene Mangelsituation in der sich der Mensch befindet, wirft ihn schließlich auf seine eigene Existenz als letzter Instanz der Erkenntnisfähigkeit zurück. Dieser Vorgang setzt die Entwicklung des vollen Bewusstseins als Bewusstsein von sich selbst voraus. Erst durch das Einnehmen dieser Meta-Ebene kann der Mensch neue, sichere Gewissheiten erkennen. Auf diesen im weiteren beschriebenen und im Wesen des Menschen angelegten Prinzipien, versucht Camus schließlich, ein der Hoffnung und jeder Illusion beraubtes handlungstheoretisches System zu errichten, das das menschliche Handeln am Diesseits ausrichtet und so eine neue Form von bewusster Verantwortung als handlungstheoretisches Prinzip setzt.
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B. Das Absurde als erstes Prinzip
I. Das Absurde und der Selbstmord
Die Grundfrage der Philosophie nach Camus ist die Frage, ob es das Leben wert ist gelebt zu werden aufgrund der Tat die die Antwort darauf nach sich zieht 1 . Denn urteilt man, dass es das Leben nicht wert ist, ist der Selbstmord der notwendig nächste Schritt. Ein solches Urteil ginge aus folgender Überlegung hervor: „Es heißt gestehen, dass man mit dem Leben nicht fertig wird oder es nicht versteht“ 2 . Denn „aus freiem Willen sterben setzt voraus, dass man, [...] das Fehlen jedes tiefen Grundes, zu leben, die Sinnlosigkeit dieser täglichen Betriebsamkeit, die Nutzlosigkeit des Leidens [erkannt hat].“ 3
Anhand dieses Zitates wird das Menschenbild Camus´ klar: der Mensch ist ein Mängelwesen mit Bewusstsein. Ihm fehlt von Natur aus die mentale Möglichkeit zur vollen Erkenntnis und trotzdem strebt sein Bewusstsein ständig nach dieser. Der Mensch sucht einen Sinn in der Welt, er sucht ein Ziel, eine Idee, auf das sich seine Handlungen, um gerechtfertigt zu sein, berufen können. Doch gerade dieses Ziel ist es, das im Dunkeln liegt, in einem dem Verstand nicht zugänglichen Raum. So ist der moderne Mensch zum teleologischen Fehlschlag verdammt und sich darüber sogar bewusst. „Eine Welt, die man - selbst mit schlechten Gründen - erklären kann, ist eine vertraute Welt. Aber in einem Universum, das plötzlich der Illusionen und des Lichts beraubt ist, fühlt sich der Mensch fremd.“ 4 . Gerade dieses Fremdheitsgefühl des Menschen, das Gefühl von der Welt getrennt zu sein, in gewissem Sinne nackt der Welt gegenüber zu stehen und sich sowohl über die Bipolarität wie die Unfähigkeit die Kluft zwischen den beiden Polen, dem Ich und der Welt, überschreiten zu können, bewusst zu sein, das ist das absurde Gefühl: „Diese Entzweiung zwischen dem Menschen und seinem Leben, zwischen dem Handelnden und seinem Rahmen, genau das ist das Gefühl der Absurdität“ 5 .
Das absurde Gefühl ist also zunächst durch die Unfähigkeit der Welt, auf unsere Fragen zu antworten, uns ihren Sinn und somit das Ziel unseres Lebens zu vermitteln, bedingt. Allerdings stellt sich die Frage, ob das Fehlen eines offenliegenden Grundes für das Leben, gleichzeitig sein Ende bedeuten muss. Anscheinend nicht, denn sonst hätten all jene Menschen, denen ihr Verstand die Sinnlosigkeit der Welt klar und deutlich aufzeigte, Selbstmord begangen.
1 Vgl. S. 17
2 S. 14
3 Ebd.
4 Ebd.
5 Ebd.
4
Dies erklärt Camus wie folgt: „In der Bindung des Menschen an sein Leben gibt es etwas, das stärker ist als alles Elend der Welt. Das Urteil des Körpers gilt allemal soviel wie das des Geistes, und der Körper scheut die Vernichtung. Wir gewöhnen uns ans Leben, ehe wir uns ans Denken gewöhnen.“ 5 Mit eigenen Worten: der Selbsterhaltungstrieb ist stärker als die Erkenntnisse unseres Geistes; er ist die treibende Feder unserer Existenz. Somit wäre der (Selbsterhaltungs-) Trieb natürlicher und die gemeinsame Basis des Menschen mit der Außenwelt. Erst der Verstand und das Bewusstsein vom eigenen Ich trennen den Menschen von dieser.
Auch wenn der Verstand dem Leben jeden Sinn abspricht, bedeutet dies also nicht notwendig, dass das Leben es nicht wert ist, gelebt zu werden. 6
Doch die Frage nach dem Selbstmord als Konsequenz aus dem Bewusstsein von einer sinnentleerten Welt bleibt weiter offen, denn das Grundproblem, der Wille dieser Tatsache auszuweichen, bleibt auch bei Verneinung der oben gestellten Frage bestehen: das Ausweichen durch Hoffnung:
„Die Hoffnung auf ein anderes Leben, das man sich verdienen muss, oder die Betrügerei jener, die nicht für das Leben-selbst leben, sondern für irgendeine große Idee, die das Leben überschreitet, es sublimiert, ihm einen Sinn gibt und es verrät.“ 7 Damit entstehen neue Fragen, die im weiteren erläutert werden:
„Rührt diese Beleidung der Existenz, diese Verleugnung, in die man sie stürzt, daher, dass sie keinerlei Sinn hat? Verlangt ihre Absurdität, dass man ihr mittels Hoffnung oder durch Selbstmord entflieht - eben dies muss man erhellen, verfolgen und verdeutlichen und dabei alles übrige außer acht lassen.“ 8 Die entscheidende Frage, die in seinem Essays behandelt werden soll, wurde damit gestellt. Sie führt zu einer weiteren: „gibt es eine Logik bis zum Tod?“ 9 Die als absurde Betrachtung benannte Untersuchung dieser Frage, führt den Menschen an seine äußerste Grenze, an der die Existenz durch das Denken sich selbst bestimmt. Alles objektive wird über Bord geworfen; zurück bleibt allein das Ich, das Subjekt wird zum alleinigen Maßstab für die Wahrheit.
Karl Jaspers formuliert dies folgendermaßen: „Diese Begrenzung führt mich zu mir selbst. Ich bin ich selbst da, wo ich mich nicht mehr hinter einen objektiven Standpunkt zurückziehe, den ich lediglich repräsentiere - da, wo weder ich selbst noch die Existenz eines andern mehr Objekt für mich werden kann.“ 10
5 S. 16
6 Vgl. S. 17
7 Ebd.
8 Ebd.
9 S. 18
10 Ebd.
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Arbeit zitieren:
Christian Aichner, 2006, Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos - theoretische Betrachtungen über das Absurde, München, GRIN Verlag GmbH
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