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Krise und Chance - Herleitung eines neuen Tragikbegriffs

Seminararbeit, 2006, 23 Seiten
Autor: Adrian Breul
Fach: Theaterwissenschaft

Details

Veranstaltung: Proseminar: Spielart goes P.O.P.
Institution/Hochschule: Ludwig-Maximilians-Universität München (Institut für Theaterwissenschaft)
Tags: Krise, Chance, Herleitung, Tragikbegriffs, Proseminar, Spielart
Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2006
Seiten: 23
Note: 1+
Literaturverzeichnis: ~ 32  Einträge
Sprache: Deutsch

Archivnummer: V58075
ISBN (E-Book): 978-3-638-52365-3
ISBN (Buch): 978-3-638-66571-1
Dateigröße: 226 KB
Anmerkungen :
Diese Arbeit versucht anhand der Auseinandersetzung mit verschiedenen Theorien zur Tragik und zum Erhabenen einen neuen Tragikbegriff zu entwickeln. Dieser soll zur Auseinandersetzung mit postdramatischem Theater nutzbar gemacht werden.


Zusammenfassung / Abstract

Der Terminus Tragik wird häufig ohne exakte Definition im wissenschaftlichen Diskurs verwendet. So nimmt es nicht wunder, dass sich in der Geschichte diverse Definitionen dieses Begriffes finden. Diese Arbeit stellt sich die Aufgabe verschiedene Begriffsdefinitionen darzustellen und auf deren Basis einen neuen Tragikbegriff zu erarbeiten, nämlich einen, der sich auf aktuelles Theater und Performance - in dem die Kategorie der Handlung defekt ist - bezieht.


Textauszug (computergeneriert)

Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Theaterwissenschaft
Proseminar II: Spielart goes P.O.P
Wintersemester 2005/2006, 3. Semester

Krise und Chance – Herleitung eines neuen Tragikbegriffs

von: Adrian Breul

 


Inhalt

1. Über die Notwendigkeit von Tragik – Einführung 3

2.1.1. Tragik als Paradigma ästhetischer Theorien 5
2.1.2. Aristoteles: Die Antike 5
2.1.3. Tragik in Klassik und Aufklärung 7
2.1.4. Tragik in Hegels Dialektik 8
2.1.5. Entweder – Oder: Kierkegaard zu Tragik 9
2.1.6. Das apollinische und das dionysische Prinzip: Nietzsche 11
2.1.7. Moderne und Postmoderne 12

2.2.1 Das Erhabene als tragischer Wirkungsmechanismus 14
2.2.2. Klassische Ästhetik des deutschen Idealismus 14
2.2.3. Paradigmenwechsel in Moderne und Postmoderne 15

2.3.1. Subjekttheorien und Tragik 17
2.3.2. Der Körper und das Subjekt 18

2.4. Gibt es Tragik im Ereignis? – Versuch der Herleitung eines neuen Tragikbegriffes 19

3. Tragische Wendungen. Schluss und Ausblick 21

Literatur 23

 


 


Und in denselbigen Tagen werden die Menschen den Tod suchen
und nicht finden; werden begehren zu sterben,
und der Tod wird von ihnen fliehen.
– Offenbarung des Johannes, 9.6

1. Über die Notwendigkeit von Tragik – Einführung

Das vorgestellte Zitat aus der Offenbarung charakterisiert die umfassende Wirkung der tragischen Katastrophe, sie lässt ein Subjekt völlig in Jammer und Schauder gefangen und gewährt keine Hilfe beim Aufstehen, bis denn eine Katharsis einsetzt. In der Theater- und Literaturwissenschaft stößt man immer wieder auf die Tragödie, ihr kann man sich nicht entziehen, sie ist Paradigma für das Drama. Allerhand Begriffe und Theorien sind an die Gattung Tragödie und den Terminus Tragik gebunden, diese sollen Gegenstand der vorliegenden Untersuchung sein. Um aktuelle Inszenierungen – die in ihrer Wirkung häufig der antiken Tragödie ähneln – zu lesen, erscheint es lohnend zu schauen, ob und wie ein Tragikbegriff noch heute eine Daseinsberechtigung hat. Demnach kann ich keine historiographische Analyse einzelner Tragödien leisten, wie sie für eine Darstellung der Entwicklung von Tragik in der Literatur notwendig wäre, nein. Mein Ziel ist ein anderes, vielleicht gewagteres. Ich werde anhand der Auseinandersetzung mit diversen ästhetischen Theorien einen neuen Tragikbegriff herleiten. Aktuelles (postdramatisches) Theater beruht häufig weniger auf kausallogischer Handlung, sondern vielmehr auf Ereignissen: statt Figuren, Motiven und Identifikation werden Intensitäten oder Körperlichkeit zu Paradigmen von Theater, diese Entwicklung zeigt sich besonders im Bereich der Performance-Art und des Performance-Theaters. Das Münchener Theaterfestival Spielart hat sich den neuen Theaterformen verschrieben, doch gerade im Jahr 2005 lautete das Motto P.O.P.: Pathos, Obsession, Passion – Begriffe, die man auch mit der klassischen Tragödie assoziiert. Eine Inszenierung – Tragedia Endogonidia von Rene Castellucci – schreibt sich gar die Wiederentdeckung der Tragödie auf die Fahnen.

Was läge also näher als zu untersuchen, inwiefern Tragik in neuen Theaterformen überhaupt noch möglich ist. Ich stelle hier die These auf, dass es für eine tragische Wirkung keiner nachvollziehbaren Handlung bedarf, sondern Tragik im Ereignis ist möglich. Somit definiere ich Tragik als ein plötzliches Phänomen, das zwischen Publikum und Bühne sich abspielt und auf den Zuschauer zielt. Hier komme ich bereits mit der von Gernot Böhme vorgelegten Theorie zur Atmosphäre in Berührung, nach der die Atmosphäre zwar räumlich ausgedehnt, aber nicht ortsgebunden ist1. So möchte ich auch die durch solche Ereignisse entstehende tragische Atmosphäre nicht als nur im Theaterraum angelegt verstehen, sondern als eine Sphäre diskursiver Interaktion zwischen Subjekten und Objekten.

Um diesen Tragikbegriff herzuleiten werde ich exemplarische Theorien zum Begriff der Tragik heranziehen und sie auf ihre Tauglichkeit für das (post)moderne Theater untersuchen, anschließend werde ich das im Tragischen gegeben Verhältnis zwischen Körper und Subjekt ansprechen, um über darüber die Auswirkung dezidierter Körperlichkeit auf das Subjekt des partizipierenden Rezipienten2 darzustellen. Denn gerade hier zeigt sich im postdramatischen Theater Tragik. Eine entscheidende Rolle spielt auch der Begriff des Erhabenen, der eng mit dem des Tragischen verflochten ist. Ich versuche hier also die tragischen Aspekte des Erhabenen aufzugreifen und als integrale Elemente meiner Theorie zu verwenden. Statt von einem neuen Tragikbegriff könnte ich auch von einem neuen Erhabenheitsbegriff sprechen, doch ich möchte maus zwei gründen den Begriff Tragik verwenden: Zum einen geht es um das Gefühl einer Krise oder Katastrophe im Theater – dies ist wohl mit dem Terminus Tragik, wegen seiner Affinität zum Theater, am besten ausgedrückt. Zum anderen ist dem Erhabenen die Gefahr eines Bezugs zu einer metaphysischen Ordnung – sprich: unkritisch-religiöser Ideologie – immanent und dies möchte ich vermeiden.

Was ich ebenfalls hier nicht leisten kann ist eine detaillierte Inszenierungsanalyse, sondern ich werde in einigen seltenen Fällen Beispiele für meine Theorie vorstellen, die praktische Anwendung im Feld der theaterwissenschaftlichen Aufführungsanalyse steht jedoch noch aus, anbieten würden sich hier auch die angesprochenen Spielart oder vergleichbare Inszenierungen. Was bedauerlicherweise auch noch aussteht (allerdings in Arbeit ist) ist eine analoge Theorie zur Komik bzw. der Komödie, in der ich nachzuweisen gedenke, dass Komik primär als erfolgreiches Scheitern zustande kommt, denn ist das Scheitern einer Handlung auf einer Meta-Ebene intendiert, so wirkt dies in der emotionslosen Position3 des Betrachters komisch. Da Komik bekanntlich ohnenhin meist als Unterbrechung von Handlung fungiert – also plötzlich, ereignishaft – wäre eine Verbindung der Theorien zu Tragik im Ereignis und Komik interessant.4

Somit bleibt diese Arbeit ein Anfang auf dem langen Weg, tradierte Begriffe zu entgrenzen, um so neue Phänomene zu erfassen. Dies sollte Aufgabe moderner ästhetischer Theorien sein, denn Begriffe wie Tragik bieten in ihrer Komplexität ein ungeheures Potential, das angewandt werden will. Sicher besteht die Gefahr einer Aufweichung der Begriffe, die jedoch bereits jetzt vorhanden ist und der man nur durch stetige (Neu-)Definition entkommen kann. Doch dieser Weg ist ein steiniger mit allerlei Irrungen und so sollen Aristoteles, Hegel, Nietzsche und andere den Ariadnefaden bilden, mit dem ich das tragische Labyrinth zu durchschreiten gedenke. Damit in medias res.

2.1.1. Tragik als Paradigma ästhetischer Theorien

[...]


1 Gernot Böhme (1995): Atmosphäre. Essays zur neuen Ästhetik. Frankfurt am Main

2 Dies ist kein Widerspruch in sich, da der Zuschauer im Theater niemals nur passiv, sondern immer aktiv ist, wie gerade in aktuellen Inszenierungen auch präsentiert wird. Zur Verdeutlichung der Relation zwischen Zuschauerraum und Bühne spricht etwa Erika Fischer-Lichte von der feedback-Schleife, die eine Aufführung konstituiert. Vgl. hierzu: Erika Fischer-Lichte (2004): Ästhetik des Performativen. Frankfurt am Main

3 Nach Bergson richtet das Lachen sich an den Intellekt und schaltet Emotionen möglichst aus, Vgl. hierzu: Henri Bergson (1988): Das Lachen. Ein Essay über die Bedeutung des Komischen. Darmstadt

4 Als Beispiel sei das durchaus komische musikalische Theater Christoph Marthalers genannt, in dessen Chorpartien Erika Fischer-Lichter einen Ausblick auf eine utopische Gemeinschaft zu erkennen glaubt (vgl. Fischer-Lichte (2004)), doch das Gegenteil ist der Fall: Der Chorgesang bei Marthaler ist zutiefst dystopisch, indem er reine Typen zwanghaft aber grundlos zu einer Gemeinschaft formiert wird der Gemeinschaft Publikum – bestehend aus einzelnen Individuen des Zuschauer – der Spiegel vorgehalten, so negiert das Theater das autonome Subjekt und stößt es in einen undurchschaubaren Diskurs sozialer Mächte hinein, der eine tragische, krisenhafte Wirkung hat, die allein durch die Lächerlichkeit der Marthaler’schen Figuren zu einer komischen Lösung im Lachen kommt. Als Figuren müssen im Sinne des Aufbaus von Tragik scheitern, aber gerade das ist ihr Erfolg.


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