I. Einleitung
Das Thema meines Essays ist der Vergleich der Gesellschaftskonzpte von Thomas Hobbes und Henri-Benjamin Constant de Rebecque (im Folgenden Benjamin Constant genannt, wie üblicherweise in der Fachliteratur verwendet) unter dem Aspekt der Freiheit im Bezug auf das Individuum und der Gesellschaft, in der es lebt.
Benjamin Constant (1767 - 1830) gilt als einer der ersten liberalen Denker und war ein vehementer Verfechter der persönlichen Freiheit sowohl in politischen wie wirtschaftlichen und vor allem auch privaten Aspekten.
Thomas Hobbes (1588 - 1679) hingegen stellt in seinem Gesellschaftsvertrag ein Staatsprinzip vor, in dem der Einzelne völlig dem Staat untergeordnete Rechte besitzt und bis auf das Recht der Sicherung des eigenen Überleben jegliche Rechte an den Leviathan, einen fast allmächtigen Herrscher, der zwar durchs Volk gewählt wurde, danach jedoch komplett ungebunden in seinen Entscheidungen ist, abgibt.
Bei beiden Ansätzen ist jedoch ein gemeinsames Ziel erkennbar, nämlich für den Menschen bzw. die Gesellschaft den größtmöglichen Frieden und die größtmögliche Sicherheit zu erreichen. Hobbes versucht dies indem er in seinem Werk „Leviathan” eine Vertragstheorie entwirft, in der die Menschen einen Überlassungsvertrag beschließen, um so dem Kampf aller gegen alle zu entgehen, der nach Hobbes im vorvertraglichen Naturzustand zwangsläufig entsteht, wohingegen Constant auf der Basis seiner Beobachtungen der Gesellschaft seiner Zeit und der Gesellschaft im alten Athen in seiner Rede „Über die Freiheit der Alten im Vergleich zu der der Heutigen“ eher eine vergleichende Analyse der Situation vornimmt und davon ausgehend Ideen zu, seiner Meinung nach, nötigen politischen Reformen entwickelt.
Auf der Basis des "Naturzustandes" bei Thomas Hobbes und den gesellschafts-theoretischen Überlegungen Constants und der Analyse des zugrundeliegenden Menschenbildes, werde ich die Bedeutung der Freiheit des Menschen im gesellschaftlichen Kontext im Folgenden untersuchen.
II. Grundannahmen zum Wesen des Menschen
1. Der Mensch im Naturzustand bei Thomas Hobbes
Hobbes hat, geprägt durch die historischen Bedingungen seiner Zeit und nicht zuletzt unter dem Eindruck der damals schwelenden politischen Unruhen mit drohenden Bürgerkriegen, ein eher pessimistisches Menschenbild. So verfügt der Mensch von Natur aus zwar annähernd über gleiche körperliche und geistige Voraussetzungen, charakterlich zeichnet ihn jedoch Unmoral und
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Egoismus und das Fehlen jeglicher willentlicher sozialer Determinierung menschlichen Handelns aus1. Treffen zwei Menschen aufeinander, die die gleichen Wünsche oder Ziele verfolgen, "werden beide danach trachten, sich den anderen entweder unterwürfig zu machen oder ihn zu töten2". Der Mensch ist für Hobbes also stets auf sich selbst bezogen und zu keinerlei gemeinschaftlicher Überlegung fähig.
Angesichts dieser fast schon animalisch anmutenden Verhaltensweisen sieht Hobbes auch den hauptsächlichen Unterschied zwischen Menschen und Tieren in der Fähigkeit zu Sprechen. "Ohne sie fände unter den Menschen Gemeinwesen, Gesellschaft, Vertrag, Frieden ebensowenig statt wie unter Löwen, Bären und Wölfen.3" Dennoch sieht Hobbes den Menschen dadurch nicht intellektuell besser gestellt als die Tiere, sondern führt an, dass viele Tiere nutzbringende Fähigkeiten schneller erlernen als Menschen es können4.
Weiterhin sieht er im Menschen eine Art mechanisch funktionierenden Automaten, der zwar zur Vernunft fähig ist, diese aber nicht als logisches, objektives Denken nutzt, sondern nur als eine Art taktischer Überlegung zum Erzielen eines Vorteils im Kampf um das eigene Überlegen5. Diese Vernunft ist für Hobbes folglich nichts allgemeingültiges, sondern etwas individuelles, weshalb Streitigkeiten zwischen zwei Parteien auch nicht von ihnen allein gelöst werden können6. Mit dem Selbsterhalt als alleinigen Grundbedürfnis des Menschen sieht Hobbes die Freiheit des Individuums dadurch verwirklicht, dass jeder zur Sicherung der eigenen Existenz jedes ihm zur Verfügung stehende Mittel nutzen und alles was diesem Zweck dienlich erscheint tun kann7. Da alle Menschen jedoch gleich sind und allen das Recht auf Nutzung aller Mittel zur Sicherung ihres Überlebens zusteht8, wird der Selbsterhalt durch diese “Freiheit” nicht erleichtert sondern im Gegenteil schier unmöglich, da der Mensch in seinem Streben nach Selbsterhalt immer auch eine Gefahr für alle anderen Menschen darstellt9.
Ausgehend von einem derartigen Menschenbild sieht Hobbes als unausweichliche Folge die Entstehung eines Krieges “Aller gegen Alle”, sollten die Menschen nicht einen friedlichen Weg
1 siehe Handout Hobbes aus dem Seminar
2 siehe Hobbes, Thomas: Leviathan, S.114
3 siehe Hobbes, Thomas: Leviathan, S.28
4 siehe Hobbes, Thomas: Leviathan, S.26
5 siehe Flieger, Heinz: Die öffentliche Meinung in der Staatsphilosophie von Thomas Hobbes, S.144
6 siehe Hobbes, Thomas: Leviathan, S.40
7 siehe Hobbes, Thomas: Leviathan, S.118
8 siehe Hobbes, Thomas: Leviathan, S.118
9 siehe Hobbes, Thomas: Leviathan, S.114
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einschlagen. Da aber der Selbsterhalt das höchste aller Ziele für einen Menschen ist, und der Mensch zur Erreichung dieses Ziels zu vernünftigen Handlungen fähig ist, müssen folglich Menschen stets die friedliche, vernünftige Lösung bevorzugen. Stabiler Friede ist nach Hobbes demnach nur möglich, wenn die Menschen dauerhaft auf alle ihre Rechte zugunsten eines Dritten verzichten, denn nur so kann dem selbstzerstörerischen Streben Einhalt geboten werden.
2. Benjamin Constants Sicht des Individuums
Will man diesen Naturzustand mit Constants Überlegungen zur Funktion eines Staates vergleichen, müssen zuerst die Anfangsbedingungen festgelegt werden, von denen Constant ausgeht, wobei die damals gerade erst geschehene französische Revolution sicherlich einen wichtigen Einfluss auf sein Menschenbild hatte.
Constant unterscheidet zwischen einem alten und einem neuen Freiheitsbegriff, wobei für ihn die Gesellschaft seiner Zeit nach der neuen Freiheit strebt und die alte Freiheit die der Menschen im antiken Athen meint, erstere soll hier vorrangig behandelt werden, da er sie den Menschen seiner Zeit zuschreibt und sie somit wohl seinen eigenen Ansichten am ehesten entsprechen. Demnach ist für einen modernen Menschen vor allem sein Streben nach persönlicher Freiheit charakteristisch, wobei dieses noch ausgeprägter ist als das Streben nach politischer Teilhabe, weshalb man auch nicht von einem modernen Menschen verlangen könne, die persönliche hinter der politischen Freiheit einzuordnen10. Constant selber sieht hier die Prioritäten allerdings etwas anders, für ihn ist politische Freiheit der Garant für alle anderen Freiheiten, da diese ohne politische Freiheit langfristig immer durch den Staat gefährdet sind11.
Dieses Freiheits- und Unabhängigkeitsstreben kommt laut Constant durch den Handel zustande, da dieser es den Handeltreibenden ermöglicht ihre Bedürfnisse zu befriedigen, ohne dass der Staat sich dabei in ihre Belange einzumischen braucht12. Sollte er es dennoch tun würde dies zu einer Störung der Geschäfte führen und negative Folgen haben, da staatliche Regelungen stets schlechter als private anzusehen sind13.
Nicht nur im wirtschaftlichen Umfeld erkennt Constant das unbedingte Bedürfnis freiheitlichen Handelns, sondern als generelle “Grundlage für das Glück der Gemeinschaft und die Sicherheit der
10 siehe Seminarreader: Benjamin Constant, S.383
11 siehe Campagna, Norbert: Benjamin Constant. Eine Einführung, S.126
12 siehe Seminarreader: Benjamin Constant, S.374
13 siehe Seminarreader: Benjamin Constant, S.374
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Bürger”14. Die Aufgabe einer Regierung ist es nun durch gerechtes Handeln jedem Bürger die Möglichkeit, aber auch die Sicherheit zu gewährleisten, sein persönliches Glück zu finden15. Trotz dieser eher individualistischen Sichtweise des Menschen geht Constant in seinem Weltbild davon aus, dass alles menschliche Streben auf ein klar definiertes Ziel, nämlich das der moralische Vervollkommnung der menschlichen Rasse16 und die Gleichheit der Menschen untereinander, ausgerichtet ist17.
Dieses Ziel wird für Constant durch eine "dem Menschen wohlgesinnten Vorsehung18" bestimmt, eine Macht, die für ihn nicht nur dieses Ziel vorgibt, sondern auch für das Erreichen dieses Ziels sorgen wird19. Das menschliche Handeln kann in diesem Prozess nicht das Ziel ändern, wohl aber dessen Voranschreiten beeinflussen, sowohl positiv, wie auch negativ20.
III. Die Freiheit des Menschen in den Gesellschaftsmodellen von Thomas Hobbes und Benjamin Constant
Auch wenn sowohl bei Constant als auch bei Hobbes das oberste Ziel des Staates die Schaffung von Frieden und die Sicherstellung von Grundbedürfnissen ist, so unterscheiden sie sich doch schnell bei der genaueren Ausführung, wie z.B. in Bezug auf die Meinungsfreiheit. War für Constant Meinungsfreiheit eine der zentralen bürgerlichen Freiheiten und essentiell für das Funktionieren des Staates, so ist sie für Hobbes demgegenüber eher ein Hindernis beim Erreichen einer friedlichen Gemeinschaft und führt vielmehr zurück zum Krieg Aller gegen Alle21, freiheitliches Streben ist also geradezu kontraproduktiv und gefährlich für die positive Ausgestaltung der Gemeinschaft.
Constant begründet seine Ansicht damit, dass eine Einschränkung der Meinungsäußerung einen Staat lähmen würde und sich somit alle wichtigen Teile der Gesellschaft nicht richtig entwickeln
14 siehe Constant, Benjamin: Principes de politique applicables à tout les gouvernements (version de 1806- 1810), S.239-240 zitiert nach: Campagna, Norbert: Benjamin Constant. Eine Einführung, S.111
15 siehe Seminarreader: Benjamin Constant, S.393
16 siehe Campagna, Norbert: Benjamin Constant. Eine Einführung, S.21
17 siehe Campagna, Norbert: Benjamin Constant. Eine Einführung, S.23
18 siehe Campagna, Norbert: Benjamin Constant. Eine Einführung, S.21-22
19 siehe Campagna, Norbert: Benjamin Constant. Eine Einführung, S.21-22
20 siehe Campagna, Norbert: Benjamin Constant. Eine Einführung, S.23
21 siehe Flieger, Heinz: Die öffentliche Meinung in der Staatsphilosophie von Thomas Hobbes, S.61
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könnten, als da wären: Moral, Wissenschaft, Industrie und Kriegskunst22. Diese Lähmung würde jedoch den Staat gegenüber anderen, gesünderen Nachbarstaaten benachteiligen, wodurch er zu einer leichten Beute würde und somit nicht länger existenzfähig wäre.
Hobbes unterstellt hingegen die Menschen rechtlich komplett dem Leviathan. Da jedes Mitglied der Gesellschaft an der Einsetzung des Leviathan beteiligt war, kann der Leviathan folglich auch nur die Meinung aller widerspiegeln, womit niemand eine andere Meinung als der Leviathan haben kann. Nur in den Bereichen, die nicht durch den Leviathan mittels Gesetzen geregelt wurden, herrscht Meinungsfreiheit, da Hobbes es als nicht sinnvoll erachtet, wenn jedes Detail gesetzlich geregelt ist23. Ansonsten aber stellt Hobbes klar, dass jede Meinung nur die des Staates sein kann. "Handlungen haben ihren Grund in Meinungen; folglich müssen diese unter Aufsicht genommen werden, wenn man Friede und Einigkeit in einem Staat erhalten will."24 In diesem Punkt liegt ein weiterer Aspekt in dem sich Constant und Hobbes grundlegend unterscheiden. Wenn Hobbes davon ausgeht, dass sich der Leviathan nicht in seiner Meinung an der Bevölkerung orientieren muss, so ist dies für Constant zwingend erforderlich. Sollte eine Regierung sich nicht anpassen so würde sie durchs Volk gestürzt. Zwar ist Constant der Meinung, dass Reformen prinzipiell friedlich verlaufen sollten, doch räumt er zusätzlich die Möglichkeit ein, ein reformunwilliges System notfalls gewaltsam zu ändern. Um dies zu verhindern, hat sich die Regierung über Meinungsströmungen im Volk zu informieren und sollten die Strukturen nicht mehr mit der Meinung des Volkes übereinstimmen, so muss sich die Regierung dementsprechend ändern. Damit wird das Volk zum kontrollierenden Souverän seiner durch es selbst eingesetzten Regierung. Hobbes sieht in seinem Vertrag etwas derartiges wie Presse nicht vor, da in einem System, indem der Herrscher per Definition nicht irren kann auch keine Informations-freiheit benötigt wird um Transparenz zwischen Staat und Bevölkerung herzustellen, was jedoch einen klaren Gegensatz zu Constants Ideen darstellt. Er ist der Meinung, das die Presse nicht nur das wichtigste Instrument der Bevölkerung ist um Fehlentwicklungen in einem Staat vorzubeugen, sondern die wichtigste Freiheit überhaupt darstellt und alle anderen Freiheiten ohne Pressefreiheit untergehen würden25. Der Presse kommt somit als Hauptaufgabe zu, die individuelle Freiheit zu schützen und den Gemeinsinn zu beleben.26 Nur durch die Presse kann die Bevölkerung schnell von Fehlern im System erfahren und dementsprechend ihre Möglichkeiten der politischen Teilhabe effizient nutzen. Weiterhin sehen
22 siehe Campagna, Norbert: Benjamin Constant. Eine Einführung, S.119-120
23 siehe Hobbes, Thomas: Leviathan, S.190
24 siehe Hobbes, Thomas: Leviathan, S.161
25 siehe Gall, Lothar: Benjamin Constant. Seine politische Ideenwelt und der deutsche Vormärz, S.82
26 siehe Gall, Lothar: Benjamin Constant. Seine politische Ideenwelt und der deutsche Vormärz, S.82
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die Bürger auch nur durch die Presse, welchen Einfluss sie ausüben können, was ein wesentlicher Aspekt ist um das Interesse der Bevölkerung an der Politik aufrecht zu erhalten27. Doch nicht nur die Bürger profitieren von der Meinungsäußerung in der Presse, sondern auch der Staat selbst, da er so schneller von Missständen erfährt und dementsprechend schneller handeln kann, wodurch die Regierung ihre Popularität steigern und eventuelle Unzufriedenheit bekämpfen kann28.
Ein weiteres, wichtiges Element der modernen bürgerlichen Freiheiten ist die Versammlungsfreiheit, welche Hobbes ebenfalls als eher gefährlich sieht. So sind Zusammenkünfte nur erlaubt, wenn sie einen Zweck haben der dem Staat nicht zuwider läuft und in einem Rahmen bleiben, den der Staat ohne weiteres kontrollieren kann. "Wenn z.B. 1000 Menschen der Obrigkeit (...) eine Bittschrift überreichen, so läßt sich ein solcher Auflauf (...) als Aufruhr auslegen (...)."29 Ebenso wie Versammlungen sind Verbindungen wie z.B. Parteien etwas, dass Hobbes im Leviathan als unnötig und somit als gefährlich für die Funktion des Staates empfindet, da sie stets im Verdacht stehen verschwörerisch tätig zu sein30.
Constant sieht das Problem der Parteien, bzw. derjenigen, die ihre politischen Rechte ausüben an ganz anderer Stelle, nämlich in der Frage, ob nicht ein gewisses Maß an Eigentum notwendig ist, um sich effektiv der Politik widmen zu können. Festmachen lässt sich diese Überlegung an fünf Punkten:
Erstens nimmt Constant an, dass nur wer Eigentum besitzt völlig unabhängig sein kann und nach bestem Wissen und Gewissen handelt. Zweitens scheint das Eigentum mit einer gewissen Aufgeklärtheit einher zu gehen, genauso wie drittens mit einem bestimmten Maß an Freizeit. Nur wer genügend Zeit hat um sich den politischen Geschäften zu widmen kann demnach unabhängig Entscheidungen fällen. Viertens und fünftens scheint das Eigentum die Menschen empfänglicher für das Allgemeinwohl zu machen und sie mit Alltagsproblemen vertraut zu machen31. Wer jedoch über kein Eigentum verfügte, sollte allerdings, jedenfalls bis er genügend Eigentum erlangt hat, nicht in den Besitz von politischen Rechten kommen, da derartige Personen in einer Gesellschaft dazu tendieren die Besitzverhältnisse von Grund auf verändern zu wollen32. Um aber dennoch einer möglichst großen Anzahl an Personen den Zugang zu politischen Ämtern zu
27 siehe Campagna, Norbert: Benjamin Constant. Eine Einführung, S.121
28 siehe Campagna, Norbert: Benjamin Constant. Eine Einführung, S.120
29 siehe Hobbes, Thomas: Leviathan, S.210
30 siehe Hobbes, Thomas: Leviathan, S.209
31 siehe Campagna, Norbert: Benjamin Constant. Eine Einführung, S.130-131
32 siehe Campagna, Norbert: Benjamin Constant. Eine Einführung, S.96
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ermöglichen, betont Constant ausdrücklich, dass der Zugang zu Eigentum kein Privileg sein darf, sondern prinzipiell jeden offen stehen muss33.
Wie der Einzelne bei Constant jedoch zu Eigentum kommt ist nicht Aufgabe des Gesetzgebers, sondern hierfür ist jeder selbst verantwortlich.
Das Ideal für Constant stellt dabei das Prinzip des "self-made man" dar, da seiner Weltanschauung nach jeder nur auf sich selbst zählen kann und auch in Zeiten von Not keine Hilfe vom Staat erwarten kann34. Selbst im Falle von Naturkatastrophen sieht Constant ein Eingreifen des Staates als negativ an, da hiermit das Gefühl nur auf sich selber zählen zu können zerstört würde. Einzige Ausnahme dieser Regel stellt der Fall dar, indem ein Anderer einer Person mutwillig Schaden zufügt, etwa wenn ein Handwerker über Nacht bei einem Anderen einbricht und dessen Werkzeug zerstört35. Dies stellt für Constant nicht mehr Folgen der Konkurrenz im Wettbewerb dar, sondern eine Form der Gewalt und muss somit aus dem Markt herausgehalten werden. Das Grundprinzip des Eigentums sieht Constant nicht als eine natürlich gegebene Gesetzmäßigkeit von Gesellschaften an, sondern eher als etwas durch die Gesellschaft geschaffenes. "Das Eigentum ist nicht unabhängig von der Gesellschaft, denn ein gesellschaftlicher Zustand, der allerdings ganz ärmlich sein wird, kann ohne Eigentum vorgestellt werden, wohingegen man sich kein Eigentum ohne gesellschaftlichen Zustand vorstellen kann. Das Eigentum existiert durch die Gesellschaft."36 In diesem Grundverständnis von Eigentum liegen Constant und Hobbes also dicht beieinander, da auch Hobbes Eigentum als etwas künstlich geschaffenes sieht. Für ihn existiert im Naturzustand zwar Besitz, jedoch kein Eigentum, dazu wird Besitz nur durch vom Souverän geschaffene Gesetze37. Was den Schutz des Eigentum angeht, so laufen die Meinungen von Hobbes und Constant allerdings wieder auseinander. Bei Hobbes ist es der Souverän , der über die Verteilung des Eigentums entscheidet und so darf zwar Eigentum angehäuft werden, es kann aber vom Souverän auch wieder genommen werden wie es ihm beliebt38. Constant hingegen, weist immer wieder auf die Notwendigkeit hin Eigentum zu schützen und das Eigentumsrecht der Individuen zu respektieren39, auch wenn er grundsätzlich dem Staat zugesteht in bestimmten Fällen Eigentum zu
33 siehe Campagna, Norbert: Benjamin Constant. Eine Einführung, S.130
34 siehe Campagna, Norbert: Benjamin Constant. Eine Einführung, S.115
35 siehe Campagna, Norbert: Benjamin Constant. Eine Einführung, S.116
36 siehe Constant, Benjamin: Principes de politique applicables à tout les gouvernements (version de 1806- 1810), S.176 zitiert nach: Campagna, Norbert: Benjamin Constant. Eine Einführung, S.93
37 siehe Campagna, Norbert: Benjamin Constant. Eine Einführung, S.93
38 siehe Hobbes, Thomas: Leviathan, S.217
39 siehe Campagna, Norbert: Benjamin Constant. Eine Einführung, S.93
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beschlagnahmen40. Eine Gesellschaft ohne Eigentum führt für Constant zwangsläufig zum Stillstand, sofern es sich nicht um eine Überflussgesellschaft von Philosophen handelt, was er aber sowohl kurz- als auch langfristig als nicht realistisch beurteilt41.
IV. Zusammenfassende Überlegungen
Basierend auf den Ausführungen über den Naturzustand und dem Vergleich der Gesellschaftssysteme möchte ich nun noch einmal zusammenfassend versuchen die Frage zu beantworten, wie Hobbes und Constant die Freiheit des Menschen beurteilen und wie die Gewährung, bzw. Einschränkung von Freiheiten die Stabilität der jeweiligen Staatskonzepte beeinflusst, wobei ich versuchen werde ihre jeweiligen Standpunkte in Bezug zu den Verhältnissen der damaligen Zeit zu betrachten.
Versucht man das Bild, dass Hobbes zeichnet, zusammenzufassen, so ergibt sich, dass alle heute wichtigen Rechte und Freiheiten von ihm als enormes Gefahrenpotential für die Stabilität der Gesellschaft gesehen werden.
Ziel der Gesellschaftstheorie bei Hobbes und Constant ist die positive Entwicklung eines Gesellschaftskonzeptes im letztlichen Interesse der jeweiligen Bürger. Dies kann man als gemeinsames zugrundeliegendes Motiv erkennen. In ihren Grundannahmen entwickeln sie jedoch ein diametral entgegengesetztes Gesellschaftskonzept durch die unterschiedliche Bewertung der Bedeutung des einzelnen Menschen für die gesamte Gesellschaft. "Persönliche Unabhängigkeit ist das vornehmste Bedürfnis der Menschen der Moderne"42 und folglich setzt Constant auch den Schutz dieser Unabhängigkeit als oberstes Ziel des Staates fest. Thomas Hobbes schreibt hingegen: "Bei dieser großen Furcht, welche die Menschen allgemein gegeneinander hegen, können sie sich nicht besser sichern, als dadurch, daß einer dem anderen zuvorkommt oder so lange fortfährt, durch List und Gewalt sich alle zu unterwerfen, als noch andere da sind, vor denen er sich zu fürchten hat."43 Unter derart unsicheren Umständen ist für Hobbes das Grundbedürfnis des Menschen in seinem Drang zu überleben gegeben, weshalb er auch die Gewährleistung von Sicherheit über alles andere stellt.
Beide versuchen also die Probleme ihrer Zeit zu erfassen und Lösungskonzepte aufzuzeigen, die im
40 siehe Campagna, Norbert: Benjamin Constant. Eine Einführung, S.95
41 siehe Campagna, Norbert: Benjamin Constant. Eine Einführung, S.95
42 siehe Seminarreader: Benjamin Constant, S.383
43 siehe Hobbes, Thomas: Leviathan, S.114
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Zusammenhang mit den Problemen ihrer Zeit gesehen werden müssen. Hobbes Gesellschaftsvorstellungen sind stark absolutistisch geprägt und entsprechen dem zu Hobbes Zeiten vorherrschenden Zeitgeist, Constant ist insbesondere auf dem historischen Hintergrund der französischen Revolution und ihrer Freiheitsvorstellungen zu erklären. Die französische Revolution war die Zeit der Überwindung des Absolutismus und verwirklichte ein ganz neues Konzept von Freiheit, nicht nur für eine Gesellschaft im Ganzen, sondern auch für den einzelnen Bürger im individuellen Sinne als Teil der Gesellschaft. Insofern war der Freiheitsgedanke der französischen Revolution eine Abkehr von der Hobbes'schen Gesellschaftstheorie hin zu einer Verwirklichung befreiender Ziele des Einzelnen im Interesse der Gesamtgesellschaft. Beide Vorstellungen sind also ihrer Zeit geschuldet, auf diesem Hintergrund aus jetziger Sicht kritisch zu bewerten und aufgrund unserer heutigen Erfahrungen wiederum neu zu diskutieren, sowohl in ihren „totalitären“ als auch in ihren wirtschaftsliberalen Aspekten einer „self-made man“ Gesellschaft für einen zukünftigen positiven Gesellschaftsentwurf.
VI. Literaturverzeichnis
Campagna, Norbert 2003: Benjamin Constant. Eine Einführung. Berlin: Parerga
Constant, Benjamin 1972: Über die Freiheit der Alten im Vergleich zu der der Heutigen.
Rede vor dem Athénée Royal in Paris. In Benjamin Constant: Werke IV. Berlin: Propyläen Verlag. 365-396.
Flieger, Heinz 1975: Die öffentliche Meinung in der Staatsphilosophie von Thomas Hobbes.
Düsseldorf: Verlag für deutsche Wirtschaftsbiographien
Gall, Lothar 1963: Benjamin Constant. Seine politische Ideenwelt und der deutsche
Vormärz. Wiesbaden: Franz Steiner Verlag
Hobbes, Thomas 1970: Leviathan. Erster und zweiter Teil. Stuttgart: Reclam
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Sebastian Krings, 2005, Vergleich der persönlichen Freiheit in den Gesellschaftskonzepten von Thomas Hobbes und Benjamin Constant, München, GRIN Verlag GmbH
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