Otto-Friedrich-Universität Bamberg
HS: Religion und Gesellschaft
Studiengang: Diplom-Soziologie
Fachsemester: 5
29.04.2005
Zivilreligion und Nationalismus –
eine komparative Analyse der USA und Israel
von
Carlo Cerbone
Gliederung:
1. Fragestellung der Arbeit ... S.03
2. Das Konzept der Zivilreligion ... S.04
2.1. Ursprung und Definition ... S.04
2.2. Die Funktion der Zivilreligion ... S.05
3. Religion und Nationalismus ... S.07
3.1. Gemeinsamkeiten von Religion und Nationalismus ... S.07
3.2. Unterschiede zwischen Religion und Nationalismus ...
4. Zivilreligion und Nationalismus in der USA ... S.09
4.1 Die Existenz einer Zivilreligion in der USA ... S.09
4.2 Besonderheiten der amerikanischen Zivilreligion ... S.12
4.2.1 Trennung von Kirche und Staat und Religionsfreiheit ... S.12
4.2.2 Symbolik und Beispiele ... S.13
4.3. Funktionen der Zivilreligion in den USA ... S.15
4.4. Nationalismus in den USA ... S.16
4.5. Die Religion der Nation ... S.17
5. Zivilreligion und Nationalismus in Israel ... S.19
5.1. Das Grundproblem der kollektiven Identität ... S.20
5.2. Die Zivilreligionen in Israel ... S.21
5.2.1. Strategien der Zivilreligionen ... S.21
5.2.2. Zionistischer Sozialismus ... S.22
5.2.3. Der revisionistische Zionismus ... S.24
5.2.4. Der Statismus ... S.25
5.2.5. Die neue Zivilreligion ... S.27
5.3. Die Nation der Religion ... S.29
6. Zusammenfassung und Standpunkt ... S.31
1. Fragestellung der Arbeit
Schon soziologische Klassiker, wie Emile Durkheim oder Max Weber haben sich in ihren bahnbrechenden Werken "Die elementaren Formen des religiösen Lebens" (vgl. Durkheim 1994) beziehungsweise "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" (vgl. Weber 1988) mit dem Thema Religion und Gesellschaft beschäftigt. Seitdem gibt es in der soziologischen Literatur unzählige Beiträge und Werke, die dieses Thema aus unterschiedlichster Perspektive und in unterschiedlichsten Zusammenhängen aufgreifen. Auch ich möchte mich in dieser Arbeit diesem Themenkomplex zuwenden. Da dieser aber unendlich ausdehnbar ist und alle möglichen Aspekte, die mit Religion und Gesellschaft zu tun haben, aufgenommen werden können, werde ich mich hier speziell auf das Verhältnis von Politik und Religion in den beiden Ländern USA und Israel konzentrieren. Genauer gesagt, soll dabei der Frage nachgegangen werden, ob die Religion oder die Religionen einen Einfluss auf die Politik der beiden Länder hat beziehungsweise haben und wie dieser Einfluss ausgeprägt ist. Dabei verwende ich zum einen das Konzept der Zivilreligion, das von Bellah in die soziologische Literatur eingeführt wurde, und zum anderen das Konzept des Nationalismus. Konkret werde ich mit Hilfe der beiden Konzepte untersuchen, wie das Verhältnis von Nation und Religion in den beiden Nationalstaaten ausgeprägt ist. Einige Aussagen, die des öfteren zu hören sind, lassen vermuten, dass die beiden Länder gewisse Ähnlichkeiten im Verhältnis von Nation und Religion aufweisen. Oft fallen Äußerungen, wie das "amerikanische Israel", "USA - das neue Israel Gottes" auf, die zum Beispiel auch Bellah in seinem ersten Artikel über die Zivilreligion in den USA erwähnt (vgl. Bellah 1986, S. 32f) oder der Begriff des "neuen Zion", welcher bei Wehler erscheint (vgl. Wehler 2001, S. 21).
Ich dagegen versuche anhand der folgenden Untersuchungen zu zeigen, dass eine grundlegende Unterscheidung bezüglich der beiden Länder, die dieses Verhältnis beschreibt zu treffen ist. Die Differenz kann man in den folgenden zwei Thesen zusammenfassen: ‚In den USA gibt es eine Religion der Nation.′ und ‚Israel ist eine Nation der Religion.′
Um diese Unterscheidung herauszuarbeiten, werde ich zuerst die beiden Konzepte der Zivilreligion und des Nationalismus theoretisch vorstellen, indem ich sie beschreibe, deren Funktion bestimme und sie in der Soziologie verorte. Anschließend sollen diese beiden Konzepte auf die beiden Länder jeweils getrennt angewandt werden. Bei beiden Ländern werde ich damit beginnen die Existenz einer Zivilreligion nachzuweisen, um dann die jeweiligen Besonderheiten herauszuarbeiten. Im Falle der USA werde ich mich dabei vor allem auf Bellah und seinen Ausführungen zur Zivilreligion, im Fall Israels auf das Werk "Civil Religion in Israel" von Liebmann und Don-Yehiya beziehen. Das Verhältnis von Nation und Religion versuche ich dann mit Durkheims Religionssoziologie in Verbindungen bringen und untersuchen inwieweit diese auf das jeweilige Verhältnis anzuwenden ist. Zum Schluss gilt es die gewonnenen Ergebnisse zusammenzufassen, eine Stellungnahme abzugeben und zu kontrollieren, ob die oben genannte Vermutung bezüglich der Differenz beider Länder zutreffend ist.
2. Das Konzept der Zivilreligion
In der Einleitung habe ich erwähnt, dass ich den Unterschied im Verhältnis von Religion und Politik mit Hilfe des Konzepts der Zivilreligion herausarbeiten will. Bevor dies erfolgen kann, muss aber zuerst deutlich gemacht werden, was unter Zivilreligion zu verstehen ist und warum dies ein geeignetes Konzept ist. Im folgenden Kapitel werde ich darstellen woher der Begriff Zivilreligion kommt, also wer ihn geprägt hat, was er inhaltlich bedeutet und welche Funktion er hat.
2.1. Ursprung und Definition
Die erste Frage, die sich hier aufdrängt ist die Frage nach der Definition von Zivilreligion. Um diese zu beantworten, werde ich kurz den geschichtlichen Werdegang des Begriffes aufzeigen.
Laut Dubiel war zwar Jean Jacques Rousseau der erste, der den Begriff der Zivilreligion "religion civile" in die politische Ideengeschichte eingebracht hat, die Problematik aber, die er mit sich brachte, wurde zuerst von Machiavelli aufgenommen (vgl. Dubiel 1990, S. 126f). Dieser beschäftigte sich, so meint Dubiel, in seinem Werk "Discoursi" (vgl. Machiavelli 1977) mit den "... Bedingungen der Möglichkeit der ‚Erzeugung′ der moralischen Gestaltungsgrundlagen politischer Legitimität." (Dubiel 1990, S. 126) und hatte dabei das Konzept der Zivilreligion im Auge.
Rousseau dagegen ging davon aus, dass die Prinzipien der Zivilreligion unabhängig von deren Funktion für die politische Gemeinschaft wahr und gegeben sind. Die Grundsätze der Zivilreligion sind nach Bellah in Rousseaus Gesellschaftsvertrag (vgl. Rousseau 1919) folgende: die Existenz Gottes, das Leben nach dem Tod, die Belohnung der Tugend und die Bestrafung des schlechten Lebenswandels (vgl. Bellah 1986, S. 23f). Der Staat sollte laut Rousseau kein Gottesstaat sein, sondern aus den Vertragsbeziehungen seiner Bürger entstehen. Deshalb soll er sich zwar, gemäß dem Verbot der religiösen Intoleranz, auf Toleranz verpflichten, aber intolerant ".. gegenüber allen kulturellen Praktiken, welche die Grundlagen der bürgerlichen Pflichten und des Sozialvertrags unterminieren." (Dubiel 1990, S. 128) sein.
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Arbeit zitieren:
Carlo Cerbone, 2005, Zivilreligion und Nationalismus - eine komparative Analyse der USA und Israel, München, GRIN Verlag GmbH
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