1. Wirtschaft - ein Problem für christliche Einrichtungen?
Fast alle Bereiche unserer Gesellschaft sind zur Zeit auf Sparkurs ausgerichtet. Große Unternehmen versuchen ihr Produkte möglichst preisgünstig zu produzieren, meist auf Kosten der Angestellten und des Wirtschaftsstandorts Deutschland. In der Politik wird u.a. im Bereich der Sozialleistungen, z.B. Nullrunde bei den Renten, aber auch bei den öffentlichen Zuschüssen, z.B. zur Jugendarbeit, gespart. Auch christliche Einrichtungen, wie CVJM und Gemeinden sind von der Finanznot betroffen. Hier fallen wichtige öffentliche Zuschüsse weg. Fördervereine, Fundraising und Sponsoring werden in diesem Zusammenhang immer wichtiger. Auch auf diesem Spenden- und Sponsoringmarkt ist ein Konkurrenzkampf ausgebrochen. Wie sollen Einrichtungen, den Umfang und die christliche Qualität ihrer Arbeiten mit sinkenden Einnahmen und steigender Ausgabenbelastung gewährleisten? Vor diesem Problem stehen zahlreiche kleinere CVJM, Gemeinden und andere Einrichtungen, aber auch große überregionale Träger, wie u.a. der CVJM-Gesamtverband. Konsequenz müsste eine strikte
wirtschaftliche Orientierung sein, d.h. beispielsweise Einkauf beim günstigsten Anbieter, Einsparungen im Personalbereich und Fokussierung auf wirtschaftlich besser gestellte Arbeitsbereiche, z.B. auf die in letzter Zeit stärker geförderte Schulsozialarbeit. Christliche Einrichtungen müssen sich dabei die Frage stellen, in welchem Maße diese wirtschaftliche Orientierung christlich-ethisch vertretbar ist. Dazu ein paar Beispiele: Darf eine christliche Einrichtung aus ethischer Sicht Vollzeitstellen streichen und durch geringfügige Beschäftigungsverhältnisse, die in den Lohnkosten und Sozialbeiträgen bedeutend günstiger sind, ersetzen?
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Ist es für solche Einrichtungen ethisch vertretbar ihre missionarischen Angebote zu Gunsten gut bezuschusster Aufgaben, wie z.B. Offene Türen oder Schulsozialarbeit, stark zu reduzieren? Wie steht es mit dem Materialeinkauf bei globalisierten Discountern, die ihre geringen Preise durch Marktverdrängungen und Niedriglöhne erreichen können?
Unter diesen Voraussetzungen stehen auch grundlegende christliche Werte, wie z.B. Ehrlichkeit, in Frage. Die Versuchung, bspw. bei der Abrechnung öffentlicher Zuschüsse sog. „Tricks“ anzuwenden oder notwendige Reparaturen auch durch Schwarzarbeit durchführen zu lassen, ist groß. Vor allem geht es dabei um Nächstenliebe. Viele wirtschaftliche Maßnahmen gehen zu Lasten von Menschen, z.B. Entlassung bei Rationalisierung, und haben konkrete Auswirkungen auf Einzelpersonen oder Gesellschaftsgruppen. Wenn die Verletzung der Nächstenliebe Folge wirtschaftlichen Handelns ist, kann dieses wohl kaum ethisch vertretbar sein.
Diese Hausarbeit will den Versuch einer Verhältnisbestimmung von wirtschaftlichem Handeln und dem christlichen Selbstverständnis mit dem zentralen Wert der Nächstenliebe wagen. Dürfen christliche Einrichtungen sich Elementen der Betriebswirtschaftslehre (BWL) bedienen? Wenn ja, in welchem Umfang und unter welchen Voraussetzungen?
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2. Wirtschaftlichkeit in Bibel und Kirchengeschichte
2.1. Der Mensch als Verwalter Gottes
Die Bibel beschäftigt sich an vielen Stellen mit der Frage, wie der Menschen mit den ihm anvertrauten Ressourcen aller Art umgehen soll. Grundlegend dafür ist das Verständnis des Menschen von dieser Welt und ihren Ressourcen. In Gen 2,15 wird der Mensch als Haushalter bzw. Verwalter eingesetzt. 1 Gott, nicht der Mensch, ist Eigentümer der Welt, gleichwohl der Mensch im Auftrage Gottes über sie herrschen (Gen 1,28) und sie bebauen und bewahren (Gen 2,15) soll. Gott hat die Welt für den Menschen gemacht, aber der Mensch soll die Schöpfung pflegen, damit sich Gott an ihr erfreuen kann und die Schöpfung Gott loben kann (vgl. Ps 8; 104). Alles Nachdenken über dem Umgang mit Ressourcen steht also unter dem Vorzeichen, dass der Mensch nur Verwalter von Gottes Eigentum ist. Dies verdeutlicht die Notwendigkeit des ethisch verantworteten Umgangs mit Fragen der Wirtschaftlichkeit in besonderem Maße. Das „Gleichnis von den anvertrauten Talenten“ (Mt 25,14ff.) zeigt nämlich, dass von Gott eingesetzte Verwalter auch zur Rechenschaft über ihren Umgang mit den zur Verfügung gestellten Ressourcen ablegen müssen. 2 Von Gottes Verwaltern wird hier Verantwortung gefordert. In diesem Gleichnis wird aber auch deutlich, dass die Verwaltung durch den Menschen durchaus die Ressourcenvermehrung als legitimes Ziel oder Ausrichtung haben darf. Die ersten beiden Knechte im Gleichnis haben die anvertrauten Ressourcen durch geschicktes Handeln vermehrt und werden dafür belohnt, während der dritte, der lediglich den „status quo“ gesichert hat, bestraft wird (vgl. Mt 25,30). Welche Methoden zur Ressourcenvermehrung verwandt werden dürfen, wird hier zunächst nicht gesagt.
1 Vgl. S.Fleßa, Geistlich Denken - Rational Handeln, S.17.
2 Vgl. E.Schweizer, Das Evangelium nach Matthäus (NTD), S.307ff.
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Dafür nimmt die Bibel an einigen Stellen Stellung zum Thema Leitungsverantwortung. Das Gleichnis im Mt 25 zeigt, dass Leitungsverantwortung eng verknüpft mit der Frage nach der Verantwortung für Ressourcen ist: „Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen[...]“ (Mt 25,21).
So richtet z.B. der Kolosserbrief seine Worte an diejenigen die Verantwortung über Menschen haben: „Ihr Herren, gewährt euren Sklaven was recht und billig ist, da ihr wisst, dass auch ihr einen Herrn im Himmel habt“ (Kol 4,1). Hier zeigt sich, dass es scheinbar normative Vorraussetzungen für das Verhältnis von (auf das heutige Verständnis übertragen) Arbeitgeber und Arbeitnehmer gibt, und dass es ethisch richtig ist, diese Voraussetzungen einzuhalten. Bezeichnend ist der zweite Teil des Verses. Hier wird das bereits diskutierte Verhältnis von Gott und Mensch deutlich. Der Mensch ist nur Verwalter von Ressourcen (hier die Ressource Arbeitskraft), weil Gott ihn dazu eingesetzt hat. Menschen sind nicht Eigentümer dieser Welt, aber bevollmächtigte und verantwortliche (und genau hier liegt die ethische Betonung) Geschäftsführer. 3 Was wird noch über die Verwalter Gottes ausgesagt?
Im Titusbrief werden die Verwalter Gottes konkret dazu aufgefordert, „nicht eigenmächtig, nicht jähzornig, nicht dem Wein ergeben, nicht ein Schläger“ (Tit 1,7) zu sein und vor allem wichtig für unseren Kontext: keinem „schändlichen Gewinn“ (Tit 1,7) nachzugehen. Gottes Verwalter sollen nicht nach ihren eigenen oder fremden Maßstäben handeln, sondern sind an die Werte gebunden sein, die der Eigentümer vorgibt.
3 Vgl. U.Parzany, Verantwortlich führen, in: J.Knoblauch / H.Marquardt (Hg.), Werte
sind Zukunft, S.30ff.
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1.Kor 4,2 fordert allgemein die Treue der Verwalter (hier: Verwalter des Geheimnis Gottes), auch wieder verbunden mit dem Hinweis auf die Rechenschaft. Wie sich Gott diese Treue vorstellt, zeigt uns die Bibel immer wieder in ihren Geboten und Gesetzen. Diese Gebote und Gesetze haben übergreifenden Charakter für alle
Lebensbereiche. So betont Jesus beispielsweise in der Bergpredigt, die Gültigkeit der Gebote und bezieht diese auf zahlreiche Lebensumstände. 4
Es gibt also keine „Sonderethik“ für Wirtschafter, sondern das Konzept Gottes für ihm wohlgefälliges und gelingendes Leben gilt auch für den Bereich des Verwaltens, eben auch für die Führung christlicherer Einrichtungen. Dieses Konzept bündelt und spitzt Jesus im Doppelgebot der Liebe zu (Mk 12,29-31). Die Gottes- und die Nächstenliebe sind auch und gerade Maßstab wirtschaftlichen Handelns, an denen sich betriebswirtschaftliche Vorgehens- und Handlungsweisen messen lassen müssen.
2.2. Warnung vor dem „Schätzesammeln“
Gleichzeitig macht die Bibel aber auch auf die Gefahren der Ressourcenvermehrung bzw. des „Schätzesammelns“ aufmerksam. In Mt 6,19ff. ruft Jesus dazu auf, eben gerade keine Schätze auf der Welt zu sammeln. Konkret wird die Gefahr von Reichtum und Gewinn aufgezeigt: „Denn wo dein Schatz ist, da wird dein Herz sein“ (Mt 19,21). Luther spitzt dies in seinem Katechismus noch zu. Er schreibt „Worauf du nun, sage ich, dein Herz hängst und verlässt, das ist eigentlich dein Gott“. 5
4 Vgl. E.Lohse, Grundriß der neutestamentlichen Theologie, S.31
5 M.Luther, Der große Katechismus, in: K.Aland: Martin Luther, S. 1727
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Arbeit zitieren:
Florian Karcher, 2006, Betriebswirtschaft und Ethik in Non-Profit-Organisationen, München, GRIN Verlag GmbH
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