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Inhaltsverzeichnis:
1 Einführung - Goethes Flucht aus Karlsbad 3
2 Zur Genese und Genealogie des Werks 4
2.1 Die „Italienische Reise“ und das Reisetagbuch im Vergleich 6
3 Goethes Reiseerlebnisse 7
4 Ein Programm der Klassik - Selbststilisierung Goethes 11
5 Literaturverzeichnis 13
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1 Einführung - Goethes Flucht aus Karlsbad
Goethe hält am 11. September 1786, als er in einer Kutsche von Bozen aus auf Trient zufährt, folgendes in seinem Reisetagebuch für Frau von Stein fest:
„Es ist mir als wenn ich hier geboren und erzogen wäre und nun von einer Grönlandsfahrt Von einem
Wallfischfang zurückkäme.“ 1
Etwa eine Woche zuvor, also am 3. September um 3 Uhr früh türmt Goethe aus Karlsbad, wo er als Tarnung mit dem Herzog und Vertrauten Carl August einen Badeaufenthalt absolviert. Wie schon 1772 in Wetzlar und 1775 in Frankfurt gleicht seine Abreise einer Flucht 2 , neben seinem Diener Philipp Seidel ist nur der Herzog informiert, den er schriftlich um unbefristeten Urlaub bittet. Spärlich „mit einem Mantelsack und Dachsranzen“ ausgerüstet und „soviel Bücher[n] und Papiere[n]“ 3 , darunter auch den Reiseführer Volkmann, denkt Goethe zuerst nur an einen 8 Monate dauernden Aufenthalt in Italien. Mit seinen eigenen Ersparnissen, einem Zuschuss des Herzogs, dem Honorar für die bei Göschen erscheinenden Werke und seinem weiterbezahlten Beamtengehalt erhält Goethe die nötige finanzielle Grundlage für eine standesgemäße Reise nach Italien. 4 Markus Kreuzwieser stellt „Goethes Verstrickung in eine tiefe, seine gesamte Existenz erschütternde Krise am Ende des ersten Weimarer Dezenniums“ 5 als Ursache für dessen Reise nach Italien dar. Die innerliche Krise verstärkt sich aus seiner Sicht dabei in drei Bereichen:
Auf politischer Ebene muss Goethe „die wesentlichen Ansprüche seiner Reformvorhaben als gescheitert“ 6 anerkennen. Neben einer beruflichen Resignation zeigt sich eine künstlerische Krise. Bei Überarbeitung der ersten Gesamtausgabe bei Göschen stellt Goethe fest, „wie viel er während seiner zehn Jahre in Weimar begonnen, wie wenig er fertiggestellt hatte, wie viel noch in unveröffentlichter Form liegengeblieben war [...]“ 7 . Der dritte innere Konflikt entsteht
1 Johann Wolfgang von Goethe: Tagebuch der Italienischen Reise 1786. Notizen und Briefe aus Italien. Mit
Skizzen und Zeichnungen des Autors. hrsg. u. erl. v. Christoph Michael. Leipzig, Frankfurt a.M.: Insel 1976
(insel taschenbuch 176). S.40.
2 Vgl.: Nicolas Boyle: Goethe. Der Dichter in seiner Zeit. 1749-1790. Bd 1. München: C.H. Beck 1999. S. 452f.
Vgl. weiters: Peter Boerner: Johannes Wolfgang von Goethe. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch
1999 (rowohlt monographien). S.63.
3 Johann Wolfgang von Goethe: Tagebuch der Italienischen Reise 1786. a.a.O. S.16.
4 Gunther Grimm u.a.: „Ein Gefühl von freien Leben“. Deutsche Dichter in Italien. Stuttgart: Metzler 1990. S.
57-93. Hier: S.69.
5 Markus Kreuzwieser: Goethes Wiedergeburt in Italien. „Ein weißer Glanz ruht über Land und Meer Und
duftend schwebt der Äther ohne Wolken“. ide-Themenheft. 1/1999 S. 95-112. Hier: S. 100.
6 Ebenda.
7 Dieter Borchmeyer: Weimarer Klassik. Portrait einer Epoche. Weinheim: Beltz/Athenäum 1994
(Studienbücher Literaturwissenschaft). S.142. Vgl. dazu: Markus Kreuzwieser: Goethes Wiedergeburt in Italien.
a.a.O. Hier: S. 100.
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in Goethes Verbindung zu Frau von Stein. Ihre platonische, entsexualisierte Beziehung, die „Trennung von sinnlichen und geistigen Eros“ empfindet Goethe „auf die Dauer als eine Vergewaltigung seiner Natur“ 8 .
Die bereits ausgeführten drei Problembereiche können zusätzlich durch zwei unbewusste Motivationen ergänzt werden: So stellt die Reise nach Italien für Goethe sicherlich auch die Möglichkeit dar durch die „Anschauung von Großem, Bedeutendem“ 9 seine Identität neu zu definieren. Das andere Motiv hat Kurt R. Eissler in seiner psychoanalytischen Studie 10 zu Goethe entwickelt. In Italien befreit sich der Dichter von der Übermacht des Vaters, er übertrumpft ihn sogar, als er über Neapel hinaus eine Reise nach Sizilien unternimmt. Erst durch bewusstes Akzeptieren seiner latenten Vateridentifikation kann Goethe während des Zweiten Römischen Aufenthalts sexuelle Erfüllung erreichen. Inkognito, unter den Decknamen Johann Philipp Möller eilt Goethe von innerer Unruhe bedrängt nach Rom, wo er endlich Frieden findet:
„Ja ich bin endlich in dieser Hauptstadt der Welt angelangt! [...] Über das Tyroler Gebirg bin ich
gleichsam weggeflogen. Verona, Vicenz, Padua, Venedig habe ich gut, Ferrara, Cento, Bologno flüchtig
und Florenz kaum gesehen. Die Begierde nach Rom zu kommen war so groß, wuchs so sehr mit jedem
Augenblicke, dass kein Bleibens mehr war, und ich mich nur drei Stunden in Florenz aufhielt. Nun bin ich
hier und ruhig und wie es scheint auf mein ganzes Leben beruhigt.“ 11
Goethe durchlebt während seiner Italienreise tiefgreifende Veränderungen und gewinnt neue Einsichten, die sich wie folgt darstellen: 12 Die für sein politisches Amt entscheidende Interessen wie politische und soziale treten zurück, die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften wie Geologie, Botanik und Mineralologie gewinnt an Bedeutung und gleichzeitig treten ästhetische Fragestellungen in den Mittelpunkt, welche Goethe durch eine selektive Betrachtung der Natur und Kunst zu ergründen versucht. Im folgenden Kapitel möchte ich auf die Genese und Genealogie der „Italienischen Reise“ eingehen.
8 Borchmeyer: Weimarer Klassik. a.a.O. S.105. Vgl. dazu: Markus Kreuzwieser: Goethes Wiedergeburt in
Italien. a.a.O. Hier: S. 101.
9 Gunther Grimm u.a.: „Ein Gefühl von freien Leben“. a.a.O. Hier: S.70.
10 Vgl.: Eissler, K.R.: Goethe. Eine psychoanalytische Studie 1775-1786 in 2 Teilen. Bd 2. Basel, Frankfurt a.
M.: Stroemfeld/Roter Stern 1985. S.1121-1224.
11 Johann Wolfgang von Goethe: Italienischen Reise. hrsg. v. Andreas Beyer u. Norbert Miller. München, Wien:
Carl Hanser 1992 (Sonderausg. v. Bd 15 d. Münchner Ausg. sämtlicher Werke). S.146f.
12 Im folgenden Absatz beziehe ich mich auf: Markus Kreuzwieser: Goethes Wiedergeburt in Italien. a.a.O. Hier:
S. 101.
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2 Zur Genese und Genealogie des Werks
Dass Goethes Werk „Die Italienische Reise“ zu einer Neubegründung des Italienmythos führt, hängt sicherlich mit den Umständen der Publikation zusammen. 13 Alle literarischen Arbeiten, welche das Italienthema explizit in den Mittelpunkt stellen, entstanden erst Jahre oder Jahrzehnte nach der eigentlichen Reise. Eine wissenschaftliche Auswertung von Goethes Erfahrungen erfolgt bereits ab Juni 1788 fortlaufend in kunsttheoretischen und kulturgeschichtlichen Einzelveröffentlichungen unter dem gemeinsamen Titel „Auszüge aus einem Reise-Journal“ in Wielands Zeitschrift „Teutscher Merkur“. Eine höchst interessante wissenschaftlich-philosophische Arbeit legt Goethe 1790 mit seinen Ausführungen zur Urpflanze und zur Pflanzenmetamorphose vor. In größeren Abstand zur Italienreise erschienen „Venezianischen Epigramme“, die „Erotica Romana (Römischen Elegien)“, die Monographien über Phillipp Hackert und Winkelmann und Begleittexte zu Tischbeins „Idyllen“. Der älteste Teil der später publizierten „Italienischen Reise“ ist die bereits 1789 erschiene Studie „Der Römische Carneval“, welche aufgrund der großen Nachfrage im „Journal des Luxus und der Moden“ wiederaufgelegt wird. In der Ausgabe letzter Hand von 1829 erscheint „Der Römische Carneval“ nicht mehr als Einzelschrift, sondern als Teil des Zweiten Römischen Aufenthalts in der „Italienischen Reise“.
Die „Italienische Reise“erscheint erst ab 1816 in zwei Bänden unter dem Titel „Aus meinem Leben. Zweiter Abteilung Erster und Zweiter Teil“ 14 , welcher den Text als eindeutig autobiographisch ausweist.
Erst in der Ausgabe letzter Hand von 1829 erscheint der Text erstmals komplett. Goethe fügte als dritten Teil den „Zweiten Römischen Aufenthalt“ hinzu, eine aus Briefen, Berichten, Kommentaren, Studien und Tagebuchnotizen zusammengestellte Textmontage. 15 Schließt der Text auch chronologisch genau an die „Italienische Reise“ an und beginnt mit der Ankunft in Rom nach dem Neapelaufenthalt und der Sizilienreise, handelt es sich doch nicht um eine einfache Fortsetzung des früheren Werks. Goethe schreibt beim Verlassen Neapels:
„Gern will ich gestehen, meine Abreise von Neapel machte mir einige Pein; nicht sowohl die herrliche
Gegend als eine gewaltige Lava hinter mir lassend, [...] die ich wohl hätte in der Nähe betrachten, deren
Art und Weise [...] ich in meine Erfahrungen hätte mit aufnehmen sollen.“ 16
13 Linda Maria Pütter: Reisen durchs Museum. Bildungserlebnisse deutscher Schriftsteller in Italien (1770-1830)
(Germanistische Texte und Studien 60) Hildesheim-Zürich-New York 1998. S. 149-195. Hier: S.153.
14 Als erste Abteilung sind die drei ersten von später vier Teilen des Werks „Dichtung und Wahrheit“ zu
verstehen.
15 Stefan Oswald: Italienbilder. Beiträge zur Wandlung der deutschen Italienauffassung 1770-1840. Heidelberg:
Carl Winter 1985. S. 88-106. Hier: S.99.
16 Johann Wolfgang von Goethe: Italienischen Reise. a.a.O. S.425.
Arbeit zitieren:
Johannes Mattes, 2003, Goethes Italienische Reise, München, GRIN Verlag GmbH
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