Albert- Ludwigs- Universität Freiburg
Internationale Wirtschaftsbeziehungen nach Cancún
6. Semester, WS 2005/06
Building Blocks or Stumbling Blocks. Bilaterale
Handelsabkommen und ihr Wirken auf eine
multilaterale Freihandelsordnung. Das Beispiel Singapur
von: Benedikt Strunz
Inhalt
Einleitung
1. Theorien des Internationalen Handels
1.1 Die Konventionelle Theorie des Internationalen Handels (das HO- Modell)
1.2 Neuere Ansätze der Theorie des Internationalen Handels
2. Multilateralismus vs. Bilateralismus: Die „Dritte Welle des Regionalismus“
2.1 Bilateral und massenhaft! Merkmale der neuen Freihandelsabkommen
2.2 Mehr als Skaleneffekte!: Gründe für die Proliferation bilateraler PTA´s
3. Bau- oder Stolperstein: Die polit- wissenschaftliche Diskussion um PTA
3.1 Building Blocks! PTA´s als Bausteine des multilateralen Freihandels
3.2 Stumbling Blocks!: PTA´s als Hemmnis für multilateralen Freihandel
4. Baustein oder Stolperstein? Die PTA- Politik Singapurs
4.1 Die PTA- Politik Singapurs
4.2 Die PTA Singapur Japan (JSEPA)
4.3 Building- oder Stumbling- Block: JSEPA und Singapurs PTA- Politik
Fazit
Literaturverzeichnis
Internetquellen
Einleitung
Die mageren Ergebnisse der WTO- Ministerkonferenz in Hongkong (2005) haben es erneut verdeutlicht: Der WTO- Prozess ist ins Stocken geraten und daran wird sich so bald wohl nichts ändern: Zu unüberwindbar scheinen die gegensätzlichen Interessen verschiedenster Akteursgruppen, als dass sich in naher Zukunft rasche Fortschritte auf der multilateralen Handelsagenda erwarten ließen. Die Reaktionen vieler Regierungen auf diese Entwicklung sind geteilt. Während man sich offiziell weiterhin für multilateralen Freihandel engagiert, verhandeln viele Staaten parallel zum WTO- Prozess zunehmend auf bilateraler Ebene. Die Zahl bilateraler Präferenzabkommen hat in der vergangenen Dekade so stark zugenommen, dass in 2005 erstmals mehr als die Hälfte des Internationalen Handels innerhalb der etwa 300 Handelspräferenzabkommen statt fand (Dieter2005:3). Die ökonomischen und politischen Konsequenzen dieser Entwicklung auf eine multilaterale Freihandelsordnung sind nach wie vor stark umstritten. Unter dem Begriff der „Building- Blocks vs. Stumbling- Blocks- Debatte“ kann eine langwierige Diskussion über die Wirkweise bilateraler Präferenzabkommen verfolgt werden, die bislang zu keinem Konsens führte. Während Vertreter der Building- Block- Hypothese den neuen Trend hin zu bilateralem Freihandel als ersten Schritt zu multilateralem Freihandel begrüßen – schließlich könnten sich bilaterale Abkommen sukzessive erweitern – sehen Vertreter der Stumbling- Block- Hypothese in der Zunahme bilateraler Handelverträge eine gefährliche Entwicklung: Bilaterale Handelspräferenzabkommen seien diskriminierend und protektionistisch, führten zu einer Fragementarisierung des Welthandelssystems und untergrüben damit eine multilaterale Freihandelsordnung, argumentieren sie. Die vorliegende Arbeit greift die Diskussion um die Bau- oder Stolperstein- Hypothese auf. Am Beispiel Singapurs – einem der zentralen Akteure in der Proliferation neuer bilateraler Handelsabkommen – wird fallartig geklärt, welche Folgen von bilateralen Handelsabkommen auf eine multilaterale Handelsordnung ausgehen, bzw. künftig zu erwarten sind. Ausgehend von einer Einführung in die aktuelle Entwicklung bilateraler Handelspräferenzabkommen (Kap.2), stellt die Arbeit zunächst die aktuelle Diskussion der Internationalen Politischen Ökonomie um deren politisches und ökonomisches Wirken auf eine multilaterale Freihandelsordnung vor (Kap.3). Im vierten Kapitel werden die so gewonnenen Argumente am Beispiel Singapur überprüft. Als Fallbeispiel dient dabei das ´Handelsabkommen` zwischen Singapur und Japan (Japan Singapore Economic Partnership Agreement: JSEPA). Obwohl für eine genaue empirische Untersuchung bislang die notwendigen Daten fehlen, macht die Arbeit deutlich, dass - trotz anders lautender Rhetorik der Regierung – auch die singapurianische Präferenzpolitik eine multilaterale Freihandelsagenda gefährdet. Zum besseren Verständnis des Themas soll zunächst aber in die Theorie des Internationalen Handels eingeführt werden.
1. Theorien des Internationalen Handel
Die Etablierung einer multilateralen Freihandelsordnung wie sie das General Agreement on Tariffs and Trade (GATT), bzw. seit 1995 die World Trade Organisation (WTO)vorantreibt, gründet auf Annahmen der klassischen Freihandelstheorie, wonach freier Handel zu einer Mehrung nationalen und internationalen Wohlstands führe. Um die Diskussion um eine mögliche Gefährdung einer multilateralen Freihandelsordnung besser nachvollziehen zu können, wird im Folgenden in ein Nachfolgemodell der klassischen Freihandelstheorie, das HO- Modell eingeführt, sowie auf einige Kritik am HO- Modell eingegangen.
1.1 Die Konventionelle Theorie des Internationalen Handels (das HO- Modell)
In ihren Grundannahmen geht die Theorie des Internationalen Handels auf die klassische Freihandelstheorie nach Adam Smith und David Ricardo zurück. In seinem Buch „an inquiry into the nature and causes of the wealth of nations“(1776) argumentierte Smith gegen bis dato vorherrschende, merkantilistische Ansichten, dass Freihandel und nicht Wirtschaftsprotektionismus den nationalen Wohlstand steigere. Freihandel, zunächst verstanden als der Abbau tarifärer Handelshemmnisse, führe zu mehr Konkurrenz, diese wiederum zu einer Spezialisierung in der Produktion. Automatisch würde sich somit jede Volkswirtschaft unter den Bedingungen internationaler Konkurrenz, in Produktion und Export auf solche Produkte konzentrieren, in denen ein Absoluter Kostenvorteil gegeben sei (Arndt1978: 4f). U. a. wären steigender Output (also Wachstum) und sinkende Einkaufspreise, kurz wachsender Wohlstand die ökonomischen Folgen. David Ricardo ergänzte Smith in der Annahme, dass Freihandel dem Protektionismus auch unter der Annahme Komparativer Kostenvorteile überlegen sei (Arndt1978:13f). Denn auch wenn eine Nation in der Produktion aller Güter absolute Kostenvorteile auf sich vereinigen könnte, würde eine Spezialisierung anhand komparativer Kostenvorteile dennoch zu effizienterer Ressourcennutzung beitragen (vgl. Tabelle1 u. 2)1.
Positive Wohlstandseffekte würden sich nicht nur innerhalb eines Staates, sondern national und international ergeben. Obwohl der Staat in diesem Modell als maßgeblicher Akteur der Internationalen Ökonomie begriffen wird, wurde ihm keine weitere handelspolitische Bedeutung beigemessen. Nur im Falle von Marktversagen sollte er in die Wirtschaft eingreifen. Stärker als auf die Steuerungsfähigkeit des Marktes verließen sich Smith und Ricardo auf die Rationalität der Märkte. „Perfect Competition is efficient“ fasst Brander deshalb das Paradigma der klassischen Freihandelstheorie zusammen (Brandner1986:24). Ausgehend von diesen Annahmen entwarfen die beiden schwedischen Ökonomen Heckscher und Ohlin in den 1930´er Jahren die als HO- Modell bekannt gewordene, (Konventionelle) Theorie des Internationalen Handels. Auch Heckscher und Ohlin gingen zunächst von der Annahme aus, dass Internationale Märkte von perfektem Wettbewerb bestimmt seien. Im Gegensatz zu Ricardo bezogen sie sich in der Erklärung Komparativer Kostenvorteile allerdings nicht nur auf die Variable Arbeit, sondern führten in ihr Modell darüber hinaus die Variable Kapital ein (Schirm2004:33). Die optimistische Grundannahme, wonach Freihandel allen Beteiligten nutzen müsse, ließen sie fallen. Durch den Abbau von Handelshemmnissen könne es unter den Besitzern solcher Faktoren, die nicht den komparativen Vorteil in der jeweiligen Ökonomie ausmachten, zu (kurzfristigen) Verlusten kommen (Gilpin 2001:207). Trotz dieser Annahme blieben innenpolitische Konstellationen und Prozesse, wie Kräfteverhältnisse, Machterwerb oder Lobby- Macht als erklärendes Moment Internationaler Handelsmuster und Internationaler Handelspolitik weiterhin ausgeblendet. Der Staat blieb auch im HO- Modell eine „black box“ (Schirm 2004:36). Komparative Kostenvorteile und Internationale Handelsmuster wurden weiterhin durch differierende nationale Faktorenausstattungen erklärt (Yamamoto2003:30). bei Portugal liegt (Tabelle 1), kann eine Spezialisierung nach der Prämisse komparativer Kostenvorteile dennoch Wohlstands- steigernd wirken: Tabelle 2 zeigt, dass sofern sich beide Staaten in Produktion und Export auf solche Waren konzentrieren, in den einen komparativer Kostenvorteil herrscht, effizienter produziert werden kann (360h statt 390h). Die von Smith vorausgesehenen Vorteile des Freihandels gelten demnach auch unter der Annahme komparativer Kostenvorteile.
Abbildung 2: Theorie der komparativen [Abbildung in der Downloaddatei vorhanden]
[...]
1 Die beiden Tabellen verdeutlichen die Theorie des Komparativen Kostenvorteils. Obwohl der Absolute Kostenvorteil (nur bestimmt durch die Variable Arbeit) sowohl in der Produktion von Tuch, als auch von Wein
Arbeit zitieren:
Benedikt Strunz, 2006, Building Blocks or Stumbling Blocks. Bilaterale Handelsabkommen und ihr Wirken auf eine multilaterale Freihandelsordnung. Das Beispiel Singapur. , München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Downs Bürokratietheorie - Eine Zusammenfassung
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hauptseminararbeit, 17 Seiten
Die Golden Shares-Entscheidungen des EuGH und das VW-Gesetz
Jura - Europarecht, Völkerrecht, Internationales Privatrecht
Seminararbeit, 31 Seiten
Der Konstruktivismus in den Internationalen Beziehungen am Beispiel de...
Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union
Seminararbeit, 20 Seiten
Perspektiven von Entwicklungsländern im Welthandel - Die Rolle der WTO
Bachelorarbeit, 58 Seiten
Konstruktivismus als Theorie der Internationalen Beziehungen
Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien
Seminararbeit, 59 Seiten
Wirkungszusammenhänge zwischen absoluter Armut und dem Bevölkerungswac...
Die verschiedenen Dimensionen ...
Politik - Internationale Politik - Thema: Entwicklungspolitik
Studienarbeit, 19 Seiten
Global Governance: Fallbeispiel UNO
Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit
Hauptseminararbeit, 17 Seiten
Entdeckendes Lernen - Entstehung, notwenige Voraussetzungen und Kompet...
Hausarbeit, 23 Seiten
Handeln und Denken ausgewählter Figuren in Clemens Brentanos "Ges...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 15 Seiten
Ausländische Direktinvestitionen multinationaler Unternehmen in Entwic...
Seminararbeit, 21 Seiten
Die Weltkonferenzen der 90er Jahre und Global Governance
Politik - Internationale Politik - Thema: Globalisierung, pol. Ökonomie
Hauptseminararbeit, 16 Seiten
Die Institutionalisierung von Good Governance in der Europäischen Entw...
Politik - Internationale Politik - Thema: Entwicklungspolitik
Hauptseminararbeit, 27 Seiten
Klassische Bildungstheorie und Wolfgang Klafki: Grundzüge eines neuen ...
Hauptseminararbeit, 16 Seiten
USA und Europa im Vergleich: Banken- vs. kapitalmarktdominierte Finanz...
VWL - Fallstudien, Länderstudien
Seminararbeit, 13 Seiten
Benedikt Strunz's Text Building Blocks or Stumbling Blocks. Bilaterale Handelsabkommen und ihr Wirken auf eine multilaterale Freihandelsordnung. Das Beispiel Singapur. ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Benedikt Strunz hat den Text Building Blocks or Stumbling Blocks. Bilaterale Handelsabkommen und ihr Wirken auf eine multilaterale Freihandelsordnung. Das Beispiel Singapur. veröffentlicht
Benedikt Strunz hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare