Inhaltsverzeichnis
E i n l e i t u n g S 1
I) Der Kindsmord im Urfaust 3
II) Analyse der Gretchen- Figur 4
1. Die Vorgeschichte:
Verführte Unschuld oder mitverantwortlich? 4
2. Der Kindsmord
- Entschuldigt oder verurteilt? 10
III) Zusammenfassung 14
Literaturverzeichnis S. 16
2
Einleitung 1
„Meine Mutter, die Hur, die mich umgebracht hat“: Diese eine Liedzeile in der Kerkerszene charakterisiert Gretchen, die weibliche Protagonistin des Urfaust,die doch so häufig als Ebenbild weiblicher Unschuld und Tugend verstanden wird - als Hure und Kindsmörderin.
Die folgende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Figur des Gretchen als Kindsmörderin und geht der Frage nach, inwiefern sie für dieses Verbrechen verurteilt wird. Der untersuchte Gegenstand ist nicht die vollendete Fassung des Faust I, sondern der Urfaust, der dabei (trotz einiger Vergleiche) als eigenständiges Werk aufgefasst wird und nicht als „unvollständiger“ Vorentwurf des Faust I. Für diese Wahl spricht unter anderem, dass im Urfaust - im Gegensatz zum Faust - die Gretchentragödie den proportional größeren Teil des Dramas einnimmt und somit mehr Bedeutung gewinnt. Die Beziehung zwischen Faust und Gretchen steht hier in einem anderen Zusammenhang, denn die Szenen „Hexenküche“ und „Walpurgisnacht“ fehlen: „Diese beiden Szenen ... umklammern ... die ursprüngliche Faust- Gretchenepisode... und setzen diese in einen neuen Bedeutungszusammenhang“ 2 . Die Gretchentragödie hat im Urfaust also eine andere Bedeutung als im Faust I.
Der Arbeit wird zur Beantwortung der oben gestellten Frage eine werkimmanente Interpretation zu Grunde gelegt. Rechtsdiskursive, soziologische, literaturgeschichtliche oder den Autor betreffende Aspekte werden ausgeklammert, Ausgangspunkt ist ausschließlich der Text selber.
Diese Wahl der Fragestellung, des Gegenstandes und der Methode schränken die brauchbare Forschungsliteratur stark ein. Fast alle Untersuchungen der Gretchen-Figur beziehen sich auf Faust I. (Einige davon werden dennoch verwendet, denn trotz der oben zitierten Behauptung von Vitz lassen sich viele Aspekte auch auf die Gretchen-Figur im Urfaust beziehen.) Die Frage nach dem Kindsmord wird zwar häufig flüchtig berührt, aber selten konkret behandelt. Problematisch ist, dass Gretchen in einigen Fällen einseitig betrachtet und überhöht dargestellt
1 Die folgende Einleitung mag für eine Hausarbeit ungewöhnlich lang erscheinen, halte ich aber
aufgrund meiner Themenwahl für nötig.
2 Vitz, Georg: Goethes „Gretchentragödie“: Das Hohelied von der Lüge in der Liebe. In: Diskus-
sion Deutsch. Zeitschrift für Deutschlehrer aller Schulformen in Ausbildung und Praxis 22
(1991) S. 125.
3
wird, in vielen anderen Fällen lediglich als eine notwendige Episode in der Entwicklung Fausts behandelt wird 3 . Letzteres findet sich beispielsweise bei Stuart Atkins 4 : Gretchen sei lediglich „eine symbolische Vertreterin des weiblichen Geschlechts“, ihre Rolle „auf ein absolutes Minimum reduziert“ und die sogenannte Gretchentragödie nur „eine symbolische Episode“. Aus dieser Sicht erscheint eine Untersuchung der Gretchen- Figur nur im Hinblick auf Faust interessant, nicht aber als eigenständige Figur des Dramas. Dennoch halte ich die Frage nach der Gretchen-Figur für gerechtfertigt, zum einen weil sie, wie bereits gesagt, im Urfaust eine andere Bedeutung hat, zum anderen weil in dieser Figur - wie Bernhard Greiner darlegt - die „Begründung des Faust als Tragödie“ liegt 5 . Der Leser empfindet gerade Gretchens Schicksal als das tragische Element des Dramas. Ob dies Goethes Absicht entsprach, kann bei werkimmanenter Interpretation dahingestellt bleiben.
Diese Hausarbeit stellt also Gretchen in den Mittelpunkt und untersucht (quasi umgekehrt) die Figur des Faust nur in Hinsicht auf deren Schicksal. Dabei will ich nicht darauf beharren, dass Gretchen ein vollentwickelter Charakter ist, wohl aber darauf, dass sie mehr als ein „Symbol“ ist. Um mich der Frage nach Schuld und Vergebung bezüglich des Kindsmordes anzunähern, werde ich die Untersuchung der Gretchen- Figur in zwei Teile gliedern: die „Vorgeschichte“ und den Kindsmord selber. Die Verführung und die daraus resultierende uneheliche Schwangerschaft haben Gretchen erst in die Situation gebracht, in der sie ihr Kind tötet, sind also Ursache für den tragischen Verlauf ihres Schicksals. Deshalb ist auch danach zu fragen, ob sie für diese „Ursachen“ selbst verantwortlich ist. Dem wird in einem ersten Teil nachgegangen, bevor im zweiten Teil nach Verurteilung oder Entschuldigung der Tat selbst gefragt wird. Diese beiden Teile werden dann in einem Schlussteil zusammengeführt, um zu einer abgeschlossenen Analyse der Gretchen-Figur als Kindsmörderin zu gelangen.
3 Siehe hierzu Vitz’ Kapitel über die Faust- Rezeption nach 1945: Georg Vitz, a.a.O., S. 123f.
4 Siehe hierzu und zu folgendem: Atkins, Stuart: Neue Überlegungen zu einigen missverstande-
nen Passagen der „Gretchentragödie“ in Goethes Faust. In: Keller, Werner: Aufsätze zu Goethes
„Faust I“. Darmstadt 1974.
5 Greiner, Bernhard: Margarete in Weimar: die Begründung des Faust als Tragödie. In: Euphori-
on. Zeitschrift für Literaturgeschichte 93 (2).
4
I) Der Kindsmord im Urfaust
Die folgende Hausarbeit untersucht die Gretchen-Figur als Mörderin ihres eigenen, unehelich geborenen Kindes. Die Geburt dieses Kindes und der Kindsmord sind im Urfaust aber nicht dargestellt. Nach der Szene im Dom, in der ihre Schwangerschaft deutlich wird (Z.1324-26), taucht Gretchen erst wieder in der Kerkerszene auf: Hier ist das Kind bereits tot, Gretchen steht vor der Hinrichtung als Strafe für den Mord. Geburt des Kindes, der Mord und auch der Prozess und die Verurteilung werden ausgespart. Deshalb soll einleitend kurz anhand einiger Textstellen auf Gretchens Tat zurückgeschlossen werden. Gretchen, inzwischen dem Wahn verfallen, spricht in der Kerkerszene von ihrem Kind, zunächst als wäre es noch lebendig: „Sieh das Kind! Muss ich’s doch tränken. Da hatt ich’s eben! Da! Ich hab’s getränkt!“ (Z. 26/27 S. 59) 6 . Dann behauptet sie: „Sie nahmen mirs und sagen ich hab es umgebracht,...“ (Z. 27/28, S.59), bestreitet also die Tat. Kurz darauf aber bekennt sie sich dazu und nennt sie in einem Atemzug mit dem Mord an der Mutter: „Meine Mutter hab ich umgebracht! Mein Kind hab ich ertränckt. Dein Kind! Heinrich!“ (Z. 60/61, S. 60). Dass sie ein Kind hatte, dessen Vater Faust ist, scheint also sicher, ebenso, dass dieses Kind tot ist. Zunächst bestreitet sie, dass sie selber es getötet hat, dann gibt sie es zu. Trotz ihrer widersprüchlichen Aussagen bezüglich ihrer Schuld scheint ihr Geständnis aus verschiedenen Gründen die glaubwürdigere Aussage zu sein. Gretchen ist in diesem letzten Auftritt verrückt, das steht außer Frage. Aber während sie zu Anfang der Szene diesem Wahn noch völlig verfallen ist, scheint sie zwischendurch verhältnismäßig klar zu sein (Z. 57- 71, S.60). In diesem Moment der Klarheit bekennt sie sich zu ihren Sünden, und akzeptiert deshalb ihren Tod als Sühne. Ein weiterer Beleg dafür, dass Gretchen die Mörderin ihres Kindes ist, ist die Liedzeile: „Meine Mutter, die Hur,/ die mich umgebracht hat“ (Z. 4/5, S. 59). Somit lässt sich also - trotz der Aussparung im Text - davon ausgehen, dass Gretchen die Tat begangen hat.
6 Da im Urfaust keine durchgehende Nummerierung vorliegt, sind die außer der Reihe numme-
rierten Zeilen hier mit zusätzlicher Seitenzahl angegeben. Die Angaben beziehen sich auf folgen-de Ausgabe: Goethe, Johann Wolfgang: Urfaust. Stuttgart 1987 u. ö. (= UB 5273).
5
Arbeit zitieren:
Inga Hüttemann, 2003, Johann Wolfgang v. Goethe: Urfaust - Gretchen als Kindsmörderin. Verurteilung oder Entschuldigung?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Der Kindsmord in der Literatur des 18. Jahrhunderts - Zum realhistoris...
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen
Hausarbeit (Hauptseminar), 31 Seiten
Die Einzelwortgeschichte des Wortes "starren"
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Faust I: Wie sieht Gretchens gesellschaftliches Umfeld aus und inwiewe...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 16 Seiten
Zur Schuldfrage Gretchens in Goethes Faust I
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Der Sprachwandel des Deutschen unter Berücksichtigung der Neuen Medien
Hausarbeit, 16 Seiten
Gesellschaftskritik in Bertolt Brechts Dreigroschenroman
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Der Bruderzwist im Drama des Sturm und Drang - Johann Anton Leisewitz&...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
The role of marriage in Jane Austen's 'Pride and Prejudice'...
Hausarbeit, 15 Seiten
Das Bild der bürgerlichen Frau im 18. Jahrhundert und ihre Darstellung...
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen
Seminararbeit, 18 Seiten
Gilbert Ryle: Der Begriff des Geistes - "knowing how" und &...
Hausarbeit, 20 Seiten
Motive für den Kindsmord in Wagners "Die Kindermörderin"
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 21 Seiten
Kulturfähigkeit vs. Kulturfeindlichkeit? Darstellung und Vergleich der...
Soziologie - Kultur, Technik und Völker
Hausarbeit (Hauptseminar), 34 Seiten
Was macht Talkshows zur Massenkultur und wie wirken sie auf die Gesell...
Hausarbeit (Hauptseminar), 39 Seiten
Antitrust Implications of Technology Consortia
Jura - Zivilrecht / Handelsrecht, Gesellschaftsrecht, Kartellrecht, Wirtschaftsrecht
Masterarbeit, 111 Seiten
Ein Einblick in den Umgang mit der Orthographie in den neuen Medien am...
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Faust als verzweifelter Wissenschaftler
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Unterrichtsentwurf, 39 Seiten
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Zwischenprüfungsarbeit, 28 Seiten
Die Auswirkungen neuster Kommunikationsmittel auf das Schreibverhalten...
Seminararbeit, 25 Seiten
Inga Hüttemann's Text Johann Wolfgang v. Goethe: Urfaust - Gretchen als Kindsmörderin. Verurteilung oder Entschuldigung? ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Inga Hüttemann hat den Text Johann Wolfgang v. Goethe: Urfaust - Gretchen als Kindsmörderin. Verurteilung oder Entschuldigung? veröffentlicht
Inga Hüttemann hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare