Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Begriffsdefinitionen 2
2.1. Reflexionsgeschichte 3
2.2. Reformation 3
2.3. Ideologie 4
3. Die Reformation im Spiegel des späten Wilhelminischen Kaiserreichs 5
3.1. Der erste Weltkrieg 7
4. Die Reformation in der Geschichtsschreibung der Weimarer Republik 9
5. Das „Bild Luthers“ und der Reformation im Nationalsozialismus 13
5.1. Das Verhältnis zwischen der NSDAP und den christlichen Konfessionen in Deutschland 13
5.2. Wissenschaftliche und theologische Sichtweisen auf Luther während des Nationalsozialismus
15
5.3. Religiös fundierter Widerstand 17
6. Schlusswort 19
7. Literatur 22
1
1. Einleitung
Wie wurde ein bestimmter Zeitabschnitt der Historie in einem anderen Zeitraum, der weniger vergangen ist, eingeschätzt? Diese Frage, bezogen auf die kirchliche Reformation im 16. Jahrhundert und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, soll auf differenzierte Art und Weise erläutert werden.
Das zwanzigste Jahrhundert wird als das „Zeitalter der Ideologien“ 1 bezeichnet. Während sich der Imperialismus um die Jahrhundertwende vollends ideologisch ausgebildet hat, kommt es nach der Weimarer Republik in Deutschland zur Nationalsozialistischen Diktatur mit ihrer antisemitischen Rassenideologie. Die aufkommenden Fragen diesbezüglich sind der Grad der Ideologisierung im Reformationsbild, und im speziellen die Änderungen des Lutherbildes, während des Nationalsozialismus.
Als Vorbereitung, beziehungsweise Hinarbeitung sollen die zwei unterschiedlichen vorhergehenden Zeitabschnitte in der deutschen Geschichte gelten. Angefangen vom deutschen Kaiserreich mit dem Eintritt in das imperialistische Wetteifern bis hin zur Weimarer Republik soll herausgearbeitet werden, in wiefern das Reformationsbild mit dem Zentrum der Lutherrezension als Vorlage für die Zeit des „Dritten Reiches“ galt und dort für die eigene staatstragende Ideologie genutzt wurde. Es wird somit versucht auf die differenzierten und stellenweise sehr konträren Meinungen über die Reformation während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem Schwerpunkt der nationalsozialistischen Zeit einzugehen und zu untersuchen, ob es möglich ist, Verknüpfungen zwischen der Reflexion der Reformation und der jeweils aktuellen Staatsideologie zu finden.
Das Thema begründet sich auch aus der Tatsache heraus, dass sich die Verwissenschaftlichung her Historiografie erst in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts herausbildete, wobei die Gesellschaft zeitgleich anfing diesen Prozess zu nutzen und versuchte den wissenschaftlichen Diskurs in eine gewünschte Richtung zu lenken.
2. Begriffsdefinitionen
Zum Verständnis dieser engen geschichtswissenschaftlichen Thematik ist es beginnend wichtig die drei wichtigsten Begriffe Reflexionsgeschichte, Reformation und Ideologie semantisch so genau wie möglich zu umschreiben.
1 Beyme, Klaus von, Politische Theorien im Zeitalter der Ideologien, Wiesbaden 2002, S.6
2
2.1. Reflexionsgeschichte
Reflexionsgeschichte als geschichtswissenschaftlichen Begriff zu definieren, fällt relativ schwer. Das erste Kompositum Reflexion beinhaltet die lateinische Bedeutung „Zurückbeugung“. Im allgemeinsprachlichen Gebrauch bedeutet es „nachdenken, Überlegung, Betrachtung“. Die philosophische Definition wäre die „Zurückwendung des Denkens auf das Gedachte oder das Denken selbst“. 2 Wenn man jedoch den Begriff der Reflexion mit Geschichte verbindet, lässt sich keine endgültige Definition finden. Vielmehr verbindet sich der Begriff meiner Meinung nach mit anderen: Mit der selbstkritischen Historisierung versucht die Geschichtswissenschaft im Namen der Gesellschaft alte Thesen und Ansichten zu überprüfen und im Rahmen zeitgeschichtlicher Problematisierungen zu erneuern. Für die Reflexion der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf ältere Epochen ist weiterhin der Begriff des Paradigmenmodells wichtig, welches von Rüsen wie folgt konkretisiert wurde: Der erste Punkt ist das Interesse oder das Orientierungsbedürfnis der Gegenwart. Der zweite Punkt findet sich in der Idee bzw. der leitenden Gesichtspunkte des Historikers bei der Erschließung der Vergangenheit, gefolgt von den aktuellen Regeln und Stand der empirischen Forschung und den aktuellen Formen der Darstellung. Als 5. Punkt führt er die Funktion des historischen Wissens für die Gesellschaft an. 3
Zusammengefasst kann man so die Definition entwickeln, dass die Geschichte der Reflexion in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von dem Diskurs zwischen der kritischen Historisierung und dem Paradigmenmodell bestimmt wurde.
2.2. Reformation
Um die Sicht auf die Reflexion auf die Reformation in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu verstehen, wäre es von Vorteil, die geschichtliche Epoche der Reformation aus heutiger Sicht zu definieren, um gegebenenfalls eine Vergleichsbasis zu haben.
Der Begriff Reformation leitet sich von der lateinischen Bedeutung für Umgestaltung und Wiederherstellung ab. Es sei der Versuch eine Gemeinschaft durch Besinnung auf ihren Ursprung zu erneuern. Im speziellen wird somit die religiöse Bewegung an der Wende vom Mittelalter zur neueren Zeit eingeleitet, in deren neue kirchlichen Gemeinschaften entstanden, die römischkatholische Kirche ihre Einheit verlor und neue religiöse Haltungen, wie der Protestantismus entstanden sind. Es wird die Verknüpfung zu der Krise des Papsttums im 14. und 15.
2 Brockhaus, F.A., Der Große Brockhaus, Band 9, Wiesbaden 1980, S. 377.
3 Lutz Raphael, Geschichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme, München 2003, S. 13 - 15.
3
Jahrhundert gezogen, zu dem weltlichen Herrschaftsanspruch der Renaissancepäpste, zu dem Gravamen 4 und der Kritik des Humanismus an der Lebensführung des geistlichen Standes. Diese werden heute zwar als Voraussetzungen angesehen, obgleich sie nicht das komplexe Feld der Ursachen abdecken. Begünstigt wurde die Verbreitung der Reformation durch den Buchdruck, welcher exzessiv genutzt wurde, um die Gedanken der Reformatoren zu verbreiten und durch den Konflikt zwischen den, seit dem Hochmittelalter aufstrebenden, Städten und der Kirche, sowie dem erstarkten Selbstbewusstsein der Landesherren.
Folglich war die Reformation ein politisch und religiös bedingter Prozess, welcher wiederum eine Voraussetzung des Kulturwandels in der frühen Neuzeit darstellte. 5
2.3. Ideologie
Der Begriff „Ideologie“ entspringt dem Griechischen und wurde bis ins 19. Jahrhundert in neutraler Bedeutung der Wissenschaft von der Entstehung und Entwicklung
geisteswissenschaftlicher Ideen zugeordnet. In der neueren Zeit definiert sich Ideologie durch das jeweilige System von Antworten zur Grundlage des menschlichen Handelns und Denkens. Eine Ideologie dient bewusst oder unbewusst der Rechtfertigung von Interessen. Somit wird das Wort häufig mit kritischem Akzent als begrenztes und einseitiges, im Gegensatz zur Wahrheit gestelltes, durch einzelne Personen getrübtes Wirklichkeitsbild verwendet. Im abwertenden Sinn 6 versteht man Ideologie als Gedankenkonstrukt, dass aus sich selbst heraus so wenig überzeugend ist, dass es durch Gewalt und Terror gestützt werden muss. 7 Seit Mitte der 60er Jahre entstand mit dem kritischen Rationalismus eine Unterscheidung in zweckrationalen, unmittelbar sachbezogenen und einem ideologischen, auf die Verwirklichung allgemeinpolitischer Theorien zielendes Denken. 8
Eagleton nimmt bei dem Versuch „Ideologie“ als wissenschaftlichen Begriff zu definieren deutlich mehr Schwierigkeiten wahr. Zum einen, so seine Argumentationskette, umfasst „Ideologie“ eine solch große Menge an Bedeutungen, dass einige sich gegenseitig ausschließen. Ein diesbezügliches Beispiel wären die beiden vorhandenen Begriffsbestimmungen: „Jede […] gesellschaftlich motivierte Denkweise“ und „Falsche Vorstellungen, die dazu beitragen, eine
4 Vgl. Brockhaus, F.A., Der Große Brockhaus, Band 4, Wiesbaden 1978, S. 652: Das Wort leitet sich von dem lateinischen Begriff Gravamina ab. Es bezeichnet die Beschwerden der deutschen Nation im 15. und 16. Jahrhundert über den Klerus und die Missstände in der Kirchenverfassung. Diese Beschwerden wurden mehrmals auf kirchlichen Reformkonzilien im Vorfeld der Reformation vorgetragen, allerdings ohne nennenswerte Wirkung.
5 Brockhaus, F.A., Der Große Brockhaus, Band 9, Wiesbaden 1980, S.378.
6 Vgl. Brockhaus, F.A., Der Große Brockhaus, Band 5, Wiesbaden 1978, S.470: Demgegenüber hatte Karl Marx ein positiveres Bild von Ideologie: Es sei das durch die objektive, sozialhistorische, ökonomisch bedingte Klassenlage bestimmte gesellschaftliche Bewusstsein.
7 Vgl. Eagleton ,Terry. Ideologie, Weimar 2000, S. 3: „Es ist Ideologie, was Menschen von Zeit zu Zeit dazu bringt, einander für Götter oder Ungeziefer zu halten.“ Es ist jedoch schwierig zu verstehen, wenn Menschen „im Namen von etwas so offensichtlich Abstraktem wie Ideen“ kämpfen und morden. Ideologien entstehen durch solche Ideen.
8 Brockhaus, F.A., Der Große Brockhaus, Band 5, Wiesbaden 1978, S.470 - 471.
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herrschende politische Macht zu legitimieren“, welche sich gegenseitig ausschließen. Zum anderen birgt die Kombination von weiteren vorhandenen Begriffsbestimmungen interessante kausale Zusammenhänge: Wenn man annimmt, dass sich der Begriff der Ideologie aus der „Illusion und [dem] Verfahren, mit dem gesellschaftlich handelnde Personen sinnvolle Welten erzeugen“, so erfährt die tägliche Sinnkonstruktion eine pessimistische Nuance. Folglich hat unsere tägliche Anstrengung der Gestaltung der Umgebung ein Ziel, welches wir nie erreichen, die Illusion. Ein weiteres Problem ist die unterschiedliche Implizierung einer verzerrten Realitätswahrnehmung. Diesbezüglich divergiert beispielsweise die Bedeutung als „sozial notwendige Illusion“ und „handlungsorientierter Komplex von Überzeugungen“. Dieses Problem verdeutlicht die einzige Möglichkeit, „Ideologie“, wenn auch nicht ausreichend, zu definieren. Nach Eagleton gibt es zwei hauptsächliche Denktraditionen in der Diskussion um eine Ideologiedefinition. Angefangen bei Hegel und Marx bis hin Lukas verläuft die Traditionslinie, welche sich mit der Vorstellung einer „wahren und falschen Erkenntnis, sowie mit einem Konzept von Ideologie als Illusion, Verzerrung und Mystifikation“ beschäftigt. Die oppositionelle Seite hingegen definiert den Begriff nicht durch den Wirklichkeitsgehalt von Vorstellungen sondern durch deren Funktion in der Gesellschaft. 9 Zusammenfassend soll der von Marx und Hegel vertretene Definitionsversuch weiterhin verwendet werden. Es sollte in den zurückliegenden Abschnitt gezeigt werden, dass eine endgültige Begriffsdefinition von Ideologie nicht möglich ist, obwohl eine umgangssprachliche Bestimmung - am Anfang des Abschnittes vorhanden zu sein scheint.
3. Die Reformation im Spiegel des späten Wilhelminischen Kaiserreichs
Das 19. Jahrhundert wird oft als „Epoche der Historisierung“ 10 bezeichnet. Gegen Ende des Jahrhunderts kommt es in der Politik zu einer Reihe von „Krisen, Katastrophen und Innovationen“ 11 , welche eine Rückwirkung auf die Geschichtswissenschaft hat. Die Entwicklung des europäisch-nordamerikanischen Geschichtsbewusstseins und deren höchst differenzierten Verwissenschaftlichung wird zwar nicht aufgehalten, gleichwohl ihre Perspektiven sich mit denen der Krise usw. vermischen und somit die einheitliche Entwicklung unterlaufen. Die zweite gesellschaftliche Komponente, die einer homogenen geschichtswissenschaftlichen Ansicht entgegenläuft ist die Innovation. 12 Für den zu untersuchenden Sachverhalt kommt noch eine spezielle Entwicklung hinzu: Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts versuchten viele Theologen, vor allem Protestanten, die alten dogmatischen Ansichten der Universitätstheologie und
9 Eagleton, Ideologie, S. 4-9.
10 Küttler, Wolfgang (Hrsg.), Geschichtsdiskurs, Frankfurt am Main 1997, S.11.
11 Ebd.
12 Ebd. S.11 - 15.
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Arbeit zitieren:
Matthias Widner, 2006, Die Reflexion der Reformation in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag GmbH
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