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1. Einleitung 4
2. Die Hauptkomponenten des strukturellen Realismus von Kenneth N. Waltz. 6
2.1 Wissenschaftstheoretische Grundannahmen 6
2.2 Struktureller Dreisatz von Waltz: "ordering principle", "qualities",
"capabilities" 7
2.3 Positionale "Sicherheit" als Motivationsfaktor und die Rolle des
Machtgleichgewichts. 9
2.4 Ergänzungen nach dem Ende des Kalten Kriegs 10
3. Interne Kritik und andere neorealistische Theorien. 11
3.1 Von strukturalistischen zu dynamischen Analysekonzepten 11
3.2 Ökonomischer Realismus (Robert L. Gilpin) 12
3.3 Neorealistische Kooperationstheorie (Joseph M. Grieco) 14
3.4 Konfiguratorischer Realismus (Werner Link) 15
3.5 Synoptischer Realismus und Konstellationsanalyse. 16
4. Der Neorealismus in der Debatte: Rezeption und externe Kritik. 18
4.1 Die Neorealismus-Globalismus-Debatte. 18
4.2 Die Neorealismus-Neoliberalismus-Debatte. 19
4.3 Die Rationalismus-Reflektivismus-Debatte 21
4.4 Die Relevanz von Neorealismus. 22
5. Literaturverzeichnis 23
5.1 Verwendete Literatur. 23
5.2 Zur Vertiefung besonders empfohlene Literatur 26
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Neorealismus ist keine spezifische Theorie, sondern ein facettenreiches Paradigma: 1 Im Rahmen einer gemeinsamen Weltsicht und Auffassung über den Gegenstandsbereich des Faches Internationale Politik haben sich unterschiedliche neorealistische Theorien entwickelt, die unterschiedliche Analysebegriffe und -methoden verwenden. Oft wird Neorealismus sofort mit dem Ansatz von Waltz gleichgesetzt, was aber völlig falsch ist; denn weder der Theorie noch der Methode nach entspricht dieser unserem heutigen Wissensstand. Seinen theoretischen und methodologischen Fortschritt verdankt der Neorealismus heute anderen Beiträgen. 2 Allerdings ist der Waltz'sche Neorealismus eine wichtige Reibungsfläche, auf die sowohl die anderen neorealistischen Theorien als auch Ansätze aus ganz anderen Paradigmen Bezug nehmen, um ihre Positionen abzustecken und zu verdeutlichen. Deshalb ist seine Kenntnis auch heute noch unverzichtbar.
Der Neorealismus von Waltz 3 - oft bezeichnet als VWUXNWXUHOOHU 5HDOLVPXV, weil er
direkt von der Struktur des internationalen Systems auf das Verhalten der Staaten schließt - ist zum guten Teil aus der kritischen Auseinandersetzung mit dem klassischen Realismus von Hans J. Morgenthau hervorgegangen. Diese Auseinandersetzung fand in erster Linie auf einer wissenschaftstheoretischen Ebene statt (weiterführend: Waltz 1975, 1990). Der damals innovative Ansatz von Waltz, der in den 1970er-Jahren entstanden ist, lag in dem Versuch, eine in ihrer Einfachheit und Kompaktheit radikale Theorie der internationalen Politik zu entfalten, die mit einem Minimum an Variablen auskommt. Der absolut bestimmende Faktor für die Erklärung internationaler Politik -und internationale Politik bedeutet für Waltz die relative "Position" von Staaten zueinander und die Wahrung dieser Position - ist die Struktur des internationalen Systems. Diese Struktur definiert sich durch das "Ordnungsprinzip" Anarchie (dem Fehlen einer internationalen Instanz, die verbindlich Recht setzen und durchsetzen kann) und durch die Verteilung von Machtressourcen auf die Staaten. Waltz geht davon
1 Empfehlenswert zur vertiefenden Lektüre sind: Brown/Lynn-Jones/Miller (1995); Donnelly (2000);
Frankel (1995), (1996); Griffiths (1992); Keohane (1986); Siedschlag (1997).
2 Sie sind im dritten Abschnitt dieses Aufsatzes angeführt.
3 Meist wird nur Waltz (1979) zitiert. Die theoretischen und methodologischen Grundlagen sind aber in
dem fast unbekannten Beitrag von Waltz (1975) ausführlicher entwickelt und erläutert. Für die
allerersten Vorüberlegungen zum strukturellen Realismus siehe Waltz (1954). Die Quintessenz des
Ansatzes - natürlicherweise ohne die nach dem Endes des Kalten Kriegs erfolgten Ergänzungen - ist
in Waltz (1990) dargestellt. Zu diesen siehe Waltz (2000).
5
aus, dass die Struktur des internationalen Systems unmittelbar die immer wiederkehrenden Grundmuster und Folgen des Verhaltens der Staaten untereinander erklärt.
Die Entwicklung des strukturellen Realismus ist außerdem im wissenschaftlichen Kontext der Kontroverse zwischen den "Traditionalisten" und den "Szientisten" zu sehen, die bereits in den 1960er-Jahren ihren Höhepunkt hatte. Die Traditionalisten wollten internationale Politik in der Art von Diplomatie und Universalgeschichte analysieren, die Szientisten hielten dies für unwissenschaftlich und orientierten sich an quantitativen Modellen oder - woran Waltz dann anknüpfte - an ökonomischer Modell-Logik: Internationale Politik als Marktplatz und gewinnorientierter Austauschprozess. Darüber hinaus war der weltpolitische Hintergrund der 1970-er Jahre ein maßgeblicher Entstehungsfaktor des strukturellen Realismus. Einerseits wurde die Weltpolitik damals absolut von den Großmächten bestimmt, andererseits geriet deren globale Steuerungsfähigkeit in anderen Bereichen, vor allem in der Weltwirtschaft, deutlich an ihre Grenzen. Deshalb hatte die Interdependenz- und Transnationalismus-Debatte hier ihren ersten Höhepunkt (z.B. Keohane/Nye 1977). Dem Staat als Akteur wurde - ähnlich wie heute von vielen Anhängern des "Konstruktivismus" oder der Weltinnenpolitik- (Global Governance) Schule - jegliche Relevanz für die internationalen Beziehungen polemisch und pauschal aberkannt. Überhaupt drohte internationale Politik damals, zudem unter dem realpolitisch drängenden Einfluss der ersten Ölkrise, ganz zu Wirtschaftspolitik umdefiniert zu werden - auch in der Theoriebildung. Der ebenso überzeichnende Gegenangriff von Waltz ist nur vor diesem historischen Hintergrund angemessen zu verstehen. Es ging ihm vor allem um drei Dinge:
- die Rechtfertigung der Analyse internationaler Politik eben als internationale Politik und nicht als Außenwirtschaftspolitik oder Ähnliches;
- die Relativierung der überzogenen Hoffnungen auf eine Linderung der Bipolarisierung (des Kalten Kriegs) durch ökonomische Interdependenz: Weltpolitik wird nach wie vor von Staaten gemacht, für die in erster Linie militärische Sicherheit politisch entscheidend ist (und nicht das Außenhandelsvolumen);
- die Betonung unabänderlichen Grundgegebenheiten internationaler Politik - vor allem Anarchie, Selbsthilfeprinzip und nationales Sicherheitsstreben im Sinn von
6
Positionswahrung -, die als gegeben anzuerkennen sind. Diese Grundgegebenheiten lassen sich Waltz zufolge durch weltpolitische Interdependenz nicht beseitigen, sondern höchstens verschärfen, insofern die neue Interdependenz nämlich die eingespielten Machtbalancierungs-Mechanismen zwischen den Staaten unterläuft.
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Das Grundanliegen jeder Theorie muss es nach Meinung von Waltz sein, Gesetze (empirisch gut bestätigte Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge) zu finden und zu erklären, auf deren Grundlage wiederum Wirklichkeit erklärt werden kann. Waltz vertritt also eine empirisch-analytische Grundposition, die allerdings ziemlich rigide ist: Wissenschaft ist Erklären, und sie ist nur Erklären. Die Prognose oder die wissenschaftliche begründete Politikempfehlung zählt für den strukturellen Realismus nicht zum Aufgabenbereich des Faches Internationale Politik. Beim Erklären geht Waltz
ausschließlich GHGXNWLY vor, gemäß dem deduktiv-nomologischen Schema (auch
bezeichnet als D-N-Schema oder Hempel-Oppenheim-Schema): Aus einem allgemeinen Gesetz (Explanans, d.h. unabhängige Variable) wird mit Hilfe einer situationsspezifischen Randbedingung (intervenierende Variable) ein bestimmter Sachverhalt (Explanandum, d.h. abhängige Variable) hergeleitet. Induktive, erfahrungsorientierte Begriffs- und Theoriebildung lehnt Waltz (1975: 6-10) strikt als unwissenschaftlich ab. Dass sein Erklärungsmodell nur funktionieren kann, wenn rigorose Reduktion von Komplexität vorgenommen wird, räumt Waltz ausdrücklich ein. Energisch wendet er sich in diesem Zusammenhang gegen das Theorieverständnis des klassischen Realismus, wonach Theorie die "ewigen Kräfte" und die Wesenswahrheit des untersuchten Gegenstandsbereichs zu entbergen habe. Theorie sei aber gar nicht in der Lage, ein wahrhaftiges Abbild der Wirklichkeit zu liefern, sie habe analytischen, nicht realen Charakter (Waltz 1975: 8).
Theorie kann für Waltz immer nur systemische Theorie sein, d.h. mit dem Erklären beim übergeordneten Ganzen (dem internationalen System) beginnen und nicht bei den Systemeinheiten (den einzelnen Staaten). Das grundlegende Erkenntnisinteresse des
strukturellen Realismus ist daher die Identifizierung und Erklärung V\VWHPLVFKHU(IIHNWH.
Effekte sind systemisch, wenn sie sich aus der Struktur des internationalen Systems
7
ergeben, die Systemeinheiten ("units" = Staaten) in bestimmte Beziehungen zueinander setzen und sie in bestimmte Verhaltensrichtungen drängen (Waltz 1979: 73-78). Dadurch, dass die Systemstruktur bestimmte Verhaltensweisen der Systemeinheiten hervorruft, können die Systemeinheiten jedoch prinzipiell auch wieder die Systemstruktur beeinflussen und verändern, sodass systemische Effekte im strukturellen Neorealismus zwar die typischen, aber nicht die einzigen Effekte sind. Hier wird besonders deutlich, dass sich Waltz auf mikroökonomische Modell-Logik stützt:
"Der Markt entsteht aus den Aktivitäten getrennter Einheiten (units) heraus [...], deren
Ziele und Bemühungen nicht darauf gerichtet sind, eine Ordnung zu schaffen, sondern
eher darauf, ihre eigenen intern definierten Interessen zu verwirklichen [...]. Die
einzelne Einheit handelt für sich selbst. Aus der Koaktion einzelner Einheiten taucht
eine Struktur auf, die allen von ihnen Beschränkungen auferlegt. Einmal geschaffen,
wird ein Markt zu einer eigenständigen Kraft und zu einer Kraft, die die konstitutiven
Einheiten [...] nicht kontrollieren können. Stattdessen werden die Gründer mehr oder
weniger [...] zu den Geschöpfen des Markts [...]. [...] International-politische Systeme
werden, wie ökonomische Märkte, durch die Koaktion eigennütziger Einheiten gebildet.
[...] International-politische Systeme sind, wie ökonomische Märkte, individualistischen
Ursprungs, spontan errichtet und unintendiert." (Waltz 1979: 90f.)
Als logische Folge seiner wissenschaftstheoretischen und modell-logischen Ausgangspunkte lehnt Waltz die anthropologischen Prämissen des klassischen Realismus strikt ab und ist überhaupt der Auffassung, dass sich auf anthropologischen Prämissen keine Theorie der internationalen Politik gründen lässt (1979: 29f.). Vor allem kritisiert er den fehlenden empirischen Nachweis für die Unterstellung der universellen Möglichkeit des Bösen in der Natur des Menschen. Anthropologische Annahmen führen seiner Meinung nach dazu, eine Vielzahl höchst unterschiedlicher sozialer Ereignisse mit immer demselben Gesetz zu erklären wollen. Der klassische Realismus könne daher nicht erklären, warum dieselben Menschen in denselben Staaten einmal Kriege miteinander führten, ein anderes Mal sich jedoch als besonders friedliebend erwiesen.
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Da er die anthropologischen Prämissen des klassischen Realismus ablehnt, steht Waltz auch dem realistischen Fundamentalbegriff "Macht" skeptisch gegenüber. Macht als Grundbegriff wird deshalb durch den Begriff "Struktur" abgelöst (Waltz 1979: 79- 101). Einerseits dient der Strukturbegriff zur analytischen Erfassung der Systemebene
Arbeit zitieren:
Alexander Siedschlag, 2002, Neorealismus in der Theorie internationaler Politik, München, GRIN Verlag GmbH
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