Universität Regensburg WS 2003/2004
Institut für Germanistik, ÄDL Proseminar II: Das Nibelungenlied
4. Semester
Das Nibelungenlied: Die Standesproblematik
in der 14. Aventiure
von: Katharina Samaras
Inhaltsverzeichnis
1 Die Senna 3
1.1 Das Mann - Motiv 3
1.2 Brünhild 4
1.3 Krimhild 5
2 Der Streit der Königinnen 6
2.1 Der Streit unter vier Augen (814-830) 6
2.2 Kriemhilds Vorbereitungen für den Kirchgang (831-837) 8
2.3 Der Streit in der Öffentlichkeit (838-850) 8
2.4 Die Einschaltung Gunthers und die formelle Beilegung des Streits (851-862) 10
2.5 Hagens Eingreifen – der Mordplan (863-876) 11
3 Kriemhilds Wandlung 12
4 Zum Abschluss 14
Literaturverzeichnis 15
1 Die Senna
Die 14. Aventiure, auch Senna genannt, stellt einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte um die Nibelungen und Burgunden dar. Wie Werner Hoffmann in seiner Interpretation bemerkt, treffen sich hier alle Handlungslinien des ersten Teils und werden mit den folgenden Geschehnissen verknüpft.1 Somit rückt die 14. Aventiure Vorangegangenes wieder in die Gegenwart und bereitet gleichzeitig die Katastrophe – die Ermordung Siegfrieds und den damit verbundenen Untergang der Nibelungen - vor. Man kann deshalb von dieser Aventiure als Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart sprechen.
Die Frage, aus der Streit zwischen den beiden Königinnen Kriemhild und Brünhild entflammt, dreht sich um die ständische Stellung von Siegfried. Ist Siegfried Gunther ebenbürtig oder ist er sein man, sein Vasall? Diese Frage quält Brünhild schon seit ihrer Hochzeit mit Gunther und ist auch der Grund dafür, dass sie sich ihm in der Hochzeitsnacht verweigert. Um die Ursache für den Streit eingehend zu beleuchten, muss man zunächst die vorhergehenden Aventiuren genauer betrachten.
1.1 Das Mann - Motiv
In der 6. Aventiure brechen Gunther, Siegfried und einige Gefolgsleute nach Isenstein auf, wo die schöne und starke Brünhild wohnt. Gunther möchte Brünhild zur Frau nehmen, doch Siegfried rät ihm von diesem Vorhaben ab, weil Brünhild nur denjenigen heiraten wird, der sie im Kampf besiegen kann. Doch auf die Bitte von Gunther erklärt sich Siegfried bereit, ihm bei seinem Vorhaben zu helfen. Allerdings nur unter der Bedingung, Kriemhild als Lohn für seine Dienste heiraten zu dürfen (388)2. Damit befindet sich Siegfried in einer Art Abhängigkeitsverhältnis: will er sein Ziel – die Hochzeit mit Kriemhild – erreichen, so kann er Gunther seine Bitten nicht abschlagen. Selbst zu einem erniedrigenden Botengang lässt er sich überreden (532). Die Abmachung zwischen den beiden Königen – Siegfried sollte sich als Gunthers man ausgeben – teilt Siegfried auch den übrigen Gefährten mit. Gunther soll als der Starke erscheinen und mit dieser List Brünhild für sich gewinnen. Zu der Frage, ob zwischen Gunther und Siegfried nun ein Dienstverhältnis gemäß dem Vasallitischen Vertrag besteht, äußert sich Wachinger wie folgt: dienen kann
1. einerseits als höfische Aufwartung verstanden werden und somit eine ehrenvolle Unterordnung bedeuten
2. als entehrender Knechtdienst aufgefasst werden
3. allerdings auch die Bedeutung von „einen Gefallen tun“ annehmen. In diesem Fall handelt es sich lediglich um eine Höflichkeitsfloskel und es wird deutlich, dass auch Könige sich gegenseitig dienen können.3
Meines Erachtens handelt es sich im Fall von Siegfried und Gunther um die dritte der genannten Möglichkeiten, denn Siegfried soll für seine Mühe ausreichend belohnt werden. Und man sollte denken, dass Gunther seine Schwester nicht mit einem seiner Vasallen verheiraten würde. Darüber hinaus ist stets deutlich, dass Siegfried um Kriemhild dient. Sein Dienen ist also ein Mittel der Werbung.
1.2 Brünhild
Für Brünhild allerdings macht das Verhältnis zwischen ihrem Freier und Siegfried den Anschein eines Lehensverhältnisses. Vor allem der symbolische Bügeldienst (379) bestärkt sie in ihrer Überzeugung, dass es sich bei Siegfried um einen Lehnsmann Gunthers handelt. Somit ist es verständlich, dass sie sich über die unterlassenen Dienstleistungen von Seiten Siegfrieds wundert (724). Und als sie Gunther vorschlägt, seine Schwester und ihren Mann nach Worms einzuladen, dann ist es nicht wegen der schönen Zeit, die sie mit Kriemhild verbracht hat (729/730) – obwohl das abgesehen von ihrem Verweis auf die Gehorsamspflicht (728) eines ihrer Argumente ist -, sondern sie sieht darin vielmehr eine Möglichkeit, Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. Ein Beweis dafür wären zum Beispiel die Erkundigen die sie über Kriemhild einholt:
Dô sprách ze dem márcgrâven des edelen küniges wîp: „nu sagt mir, kumet uns Kriemhilt? hât noch ir sch(?)ner lîp behalten iht der zühte, der si wol kunde pflegen?“ „si kumt iu sicherlîchen“, sô sprach dô Gêré der degen. (771) In Kriemhilds Aussehen und ihrer höfischen Haltung versucht Brünhild Beweise für Siegfrieds Vasallenstatus zu finden. Hätte Kriemhild sch(?)ne und zuht verloren, so wäre Brünhild in ihrer Meinung bestätigt worden.4
[...]
1 Hofmann, Werner, „Das Nibelungenlied.“. München: Oldenburg. 1974. S.24.
2 Die Strophenzahlen in Klammern beziehen sich auf: „Das Nibelungenlied“. Stuttgart: Reclam. 2002.
3 Wachinger, Burghart, „Studien zum Nibelungenlied: Vorausdeutungen, Aufbau, Motivierung.“ Tübingen: Niemeyer. 1960. S.105-106.
4 Ehrismann, Otfried, „Nibelungenlied. Epoche – Werk – Wirkung.“ München: Beck. 2002. S.92.
Arbeit zitieren:
Katharina Samaras, 2004, Das Nibelungenlied: Die Standesproblematik in der 14. Aventiure, München, GRIN Verlag GmbH
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